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Ein Ziel der Forschung am Potsdamer Platz war es, die Praktiken des
Vermittelns und Repräsentierens zu identifizieren oder anders gesagt,
etwas über die soziale Ordnung des Bauprozesses zu lernen. Eine Liste von
Praktiken und ein Modell der im Verlauf des Aushandlungsprozesses komplexer werdenden
Repräsentationen (Primärdokumente, Sekundärdokumente und Zahlen) sind
Ergebnisse dieser Untersuchung. [20]
Auf die unterschiedlichen Formen der Repräsenationen und Praktiken möchte
ich allerdings im Rahmen dieses Aufsatzes nicht näher eingehen. Statt
dessen sollen zwei zentrale Handlungsmuster erwähnt werden, die in der
Untersuchung herausgearbeitet werden konnten. Sie dienten der Klärung
grundsätzlicher Streitpunkte zwischen den Investoren also der Überwindung
von Übersetzungsbarrieren: Das erste Muster läßt sich als ein
zyklischer Prozeß von Dekonstruktion und Schließung erarbeiteter
Repräsentationen beschreiben. Neben dem Prozeß der Schließung , also
der Staffelung verschiedener Repräsentationen5),
wurde ein gegenläufiger Prozeß augenfällig. Die vom Vertragspartner
entworfenen Darstellungen wurden jeweils detailliert überprüft und auf mögliche
Fehldeutungen abgeklopft. Erst nach einer solchen Dekonstruktion konnte
eine Aushandlung einer gemeinsamen Repräsentation stattfinden. [21]
Als zweiter Prozeß wurde eine Erweiterung des
komplexen Vermittlernetzwerkes durch die Mobilisierung weiterer
Wissensressourcen wichtig. Hierbei führte die Frage der abschließenden
Kostenvereinbarung dazu, daß bei beiden Investorengesellschaften
spezielle Expertengruppen mit den Kostennachträgen betraut wurden. Die
Arbeit an den sog. Nachträgen erforderte neben einer guten
Projektkenntnis auch ingenieurtechnische, juristische,
betriebswirtschaftliche und methodische Qualifikationen. Jede wird durch
mindestens einen ausgewiesenen Experten vertreten. Darüber hinaus werden
bei Spezialaufgaben Vertragspartner wie die Bauüberwachung oder beratende
Ingenieure hinzugezogen. Diese Zusammensetzung stellt sicher, daß
verschiedene Kompetenzen in die Vereinbarung einfließen: Juristen,
Ingenieure, Projektsteuerer und Kaufleute achten auf die Kompatibilität
zu translokalen Formaten. Die Projektexperten, die das Projekt durch die
Ausführung hindurch betreut haben, sind Garanten dafür, daß das Repräsentierte
auch mit den lokalen Vorgängen übereinstimmt.6)
Auf diese Weise entstehen kollektive Repräsentationen aus der Perspektive
der jeweiligen Firma, die dann in weiteren Dekonstruktion/Schließungs-Schritten
mit dem Vertragspartner verhandelt werden können. In den
Vermittlernetzwerken spielt eine solche Kombination unterschiedlicher
Wissensformen eine zentrale Rolle. Die Schriftlichkeit der Dokumente und
deren Deutung durch die jeweiligen Experten stehen dabei für eine
wichtige Ressource für das Repräsentieren. Darüber hinaus gewährleisten
die Nachtragsgruppenexperten durch ihre Mitarbeit gewährleisten, daß
bisher nicht verschriftlichtes Wissen im Formalisierungsprozeß nach
Bedarf einfließen kann.7) [22]
Im Fall der Baugrube Potsdamer Platz scheinen die
Verhandlungen allerdings zu keinem Ende zu kommen. Wie läßt sich das
Versagen der Projektformalisierung und der nachträgliche Mehraufwand erklären,
wenn wir es doch, wie die Beteiligten sagen, mit der
"Bundesliga" des Baugewerbes zu tun hatten? Die unzureichenden
Formalisierungsarbeiten während der Projektausführung sind aus meiner
Perspektive nicht etwa, wie es im Feld häufiger zu hören ist, auf Unvermögen
der lokalen Akteure rückführbar. Auch möchte ich mich nicht der Rede
der Nachtragsverantwortlichen vom " aufkommenden Egoismus"
anschließen. Vielmehr meine ich, daß mit der hier vorgelegten
Untersuchung das Problem als eine defizitäre Institutionalisierung
beschrieben werden kann. [23]
Die Studie zeigt, daß es gute Gründe für ein unverbundenes
Nebeneinander von bestehenden Vereinbarungen und lokalen Praktiken in
manchen Projektphasen gibt. Um das konkrete Projektvorhaben (den
Bahnhofsbau) umzusetzen, bedarf es keiner kontinuierlichen Arbeit an
Formalisierungen. Im Gegenteil wäre dies vermutlich mit zusätzlichem
Zeitaufwand verbunden. Über mündliche Absprachen, kurzfristige Zwischenlösungen
und in der gegenseitigen Unterstellung einer gemeinsamen
Interpretationsfolie konnte die Zusammenarbeit in der Bauausführung
gelingen. Für die Kostenvereinbarung zum Abschluß des Projektes wäre
hingegen die stete Kopplung von Praktiken und Repräsentationen hilfreich
gewesen. Diese Zielkonflikte der verschiedenen Projektphasen konnte nur in
wenigen Fällen mit geschickten Institutionalisierungen umgangen werden.8) [24]
Es ist eine Stärke des Begriffspaares Repräsentationen und Praktiken,
auf die sich wandelnden Kopplungsnotwendigkeiten im Projektverlauf
aufmerksam zu machen. In diesem Punkt lassen sich Unterschiede zu den
Konzepten der Grenzobjekte von STAR und GRIESEMER (1989) sowie 'Plans
and situated action' von SUCHMAN (1987) zeigen. Die Vorteilhaftigkeit
einer gewissen Abstraktheit in der Definition der gemeinsamen
Vereinbarungen kann zwar auch wie in den genannten Studien für bestimmte
Handlungssituationen im Projekt der Gemeinsamen Baugrube angenommen
werden. Jedoch wird für den Abschluß des Projektes am Potsdamer Platz
ein sehr enges Kopplungsverhältnis der gemeinsamen Repräsentationen
relevant. Unter diesen Umständen wird "Vertrauen" zu einer
wichtigen Vokabel. Zu einem Zeitpunkt, da sich mit den Vertragsdokumenten
allein ein gemeinsames Fortkommen nicht herstellen läßt, wird an den
"Geist der Verträge" und den "Willen der Parteien zum
Zeitpunkt des Vertragsschlusses" appelliert. Da die Routineverfahren
in der Handlungsvermittlung versagt haben, müssen andere "Praktiken
des Formalisierens" die Projektarbeit einem gemeinsamen Ende zuführen.
[25]
Zusammenfassend läßt sich sagen, eine stabile Zusammenarbeit der
beiden Investoren, einem mit öffentlichen Mitteln haushaltenden und einem
privatwirtschaftlich agierenden, ist im Rahmen einer vertragsbasierten
Projektorganisation prekär. Es gibt keine hierarchische Spitze, die wie
bei einer Zusammenarbeit zweier öffentlicher Organisationen regelnd
eingreifen würde etwa in Gestalt einer übergeordneten Behörde. Und
im Gegensatz zur Interaktion im Rahmen einer von beiden Seiten
unterhaltenen GmbH, eine Form die sich bei der Organisation der
Baulogistik im Feld bewährt hat, ist das gemeinsame Interesse auch nicht
in ein wirtschaftliches Interesse übersetzt worden. Letzteres würde
bedeuten, daß allein aus dem Interesse am wirtschaftlichen Überleben der
gemeinsamen Firma heraus, beide Investoren sich regelmäßig über die
gemeinsame Sache verständigen müssen. [26]
Um eine vertragliche Kooperation wie im Fall der 'Gemeinsamen
Baugrube Potsdamer Platz' auf eine stabilere Basis zu stellen, bedarf es
einer steten Pflege des gemeinsamen Repräsentationenbestands (Verträge,
Termin- und Kostenpläne, Forderungskataloge). Dieses Bemühen um
Formalisierungen entlang der gewöhnlichen Routinen konnten allerdings während der Durchführungsphasen nicht in ausreichendem Maße implementiert werden, da das Einhalten der Zeitpläne eher auf ein Krisenmanagement zurückzuführen ist, das von auf Grund von pragmatischen Zwischenlösungen und mündlichen Absprachen erfolgreich war. Trotz der entgegenlaufenden Eigenlogiken der Projektphasen ließen sich in der vorgelegten Analyse einige wenige Beispiele einer gelungener Integration der verschiedenen Managementansprüche finden. Insgesamt wurde für dieses Beispiel einer Projektorganisation deutlich, daß Transparenz und Stabilität nicht unbedingt handlungsleitende Kriterien sind. Sie sind sogar für das "Zusammen-Weiterkommen" nicht unbedingt förderlich. Jenseits eines (noch ausstehenden) erfolgreichen Abschlusses der Zusammenarbeit im konkreten Beispiel, bleibt für die weitere Untersuchung von Kooperationszusammenhängen und Projektorganisationen, die nicht oder nur teilweise über die Prinzipien Hierarchie und Markt geregelt sind, die Frage, wie eine längerfristige Stabilisierung gemeinsamer Vorhaben gelingen kann. [27]
1) Der Begriff 'translokal' soll andeuten, daß
an kontextgebundene Gültigkeiten von Vereinbarungen gedacht ist. Eine
Allgemeingültigkeit jenseits aller lokalen Aneignung wird somit verneint.
Ein Wandern der verhandelten Dokumente vom Entstehungszusammenhang in
andere Geltungskontexte erfordert jeweils eine erneute Einbettung zu den
dort geltenden Bedingungen. <zurück>
2) Im Internet ist der schnelle Wandel und die
Bebauung des Stadtraums archiviert. Seit 1994 wurde jeden Tag ein
Panoramabild der Baustelle [URL: http://www.cityscope.de/cityscope_de/kameras/potsdamerplatz/paktuell.html]
der virtuellen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. <zurück>
3) Der englische Terminus 'Going concern' soll
wegen seiner alltagssprachlichen Konnotationen beibehalten werden. Als
Bedeutungsannäherungen schlägt STRÜBING (1997, S.369) "gemeinsames
Vorhaben" vor und stellt die implizite Bedeutung von einem "prozeßhafte[n]
Zueinander-in-Bezug-Setzen von Akteuren über ein solches Vorhaben"
heraus. <zurück>
4) Entsprechend ist mein Begriff von Übersetzern
hier weitergefaßt als beispielsweise der von BROWN und DUGUID (1999,
S.85), die ihn den externen Fachberatern vorbehalten. In meiner Verwendung
werden auch die firmeninternen Wissensmakler, wie die Projektexperten bei
BROWN und DUGUID heißen, eingeschlossen sowie 'nicht-menschliche'
Akteure wie Dokumente und Verfahren, also 'Grenzobjekte' in der
Sprache von STAR und GRIESEMER (1989). <zurück>
5) Vgl. hier die ähnlichen Konzepte der 'Layered
representation' (STAR 1995, S.94) und der 'Cascades of representations'
(LATOUR 1986, S.17f.). Bei beiden AutorInnen wird allerdings der Aspekt
der Schließung bzw. der Immunisierung gegen eine erneute Dekonstruktion
betont. Ein solches Stadium haben die Repräsentationen in der Zeit meiner
Forschung allerdings nicht erreicht. Die Dekonstruktion und die
prinzipielle Klärung einzelner Grundsatzfragen stellte einen
Hauptbestandteil der Arbeit in den Nachtragsgruppen dar. <zurück>
6) Dieser Prozeß läßt sich sehr schön anhand von
Schriftwechseln nachvollziehen. In den Nachtragsgruppen werden Schreiben
gemeinsam verfaßt, die offiziell vom Geschäftführer der einen Firma an
den Geschäftsführer der anderen Firma gerichtet sind. Der erste Entwurf
in einigen Beispielen der Knoten-Nachtragsgruppe wird vom
ingenieurtechnischen Experten per Fax an die anderen Gruppenmitglieder
versandt. Der Rechtsanwalt macht handschriftlich einige Korrekturen und ergänzende
Bemerkungen. Der Projektleiter schreibt schließlich die Endfassung und
legt sie seinem Chef zur Unterschrift vor. <zurück>
7) Vgl. KNORR CETINA (1988), die den Aspekt der Körperlichkeit
impliziten Wissens am Beispiel naturwissenschaftlicher Forschungsarbeit
sehr gut veranschaulicht. <zurück>
8) Das Beispiel des Bautagebuchvordrucks stellt so
einen gelungenen Fall dar: Die Bauüberwachung hat die Formatvorgaben des
Bauherrn Bahn als Teil ihrer Dokumentationsroutine übernommen. Auf diese
Weise konnten teilweise Praktiken der Formalisierung im Bauverlauf
stabilisiert werden. Vgl. dazu LAWs Konzept von "Long-distance
control" (1986) sowie STAR und GRIESEMERs vierten Typus von
Grenzobjekten (1989). <zurück>
9) Ausführlich zur Methode siehe SPRADLEY (1980). <zurück>
10) Damit ist eine Form von Leitfadeninterviews
gemeint, in der neben der thematische Fokussierung die Fragen offen
gehalten sind, um "den Befragten sehr weitgehende
Artikulationschancen einzuräumen und sie zu freien Erzählungen
anzuregen." (HOPF 1995, S.178) <zurück>
11) Vgl. FLICK (1995, S.432f.) für die Beschreibung
verschiedener Triangulationsformen in der qualitativen Datenanalyse. <zurück>
12) Siehe zum Kodieren, dem Bilden von Kategorien
und 'Theoretical sampling' des von GLASER und STRAUSS (1967)
entwickelten Verfahrens zur datengenerierten Theoriebildung STRAUSS und
CORBIN (1990, S.57ff.) sowie STRAUSS (1994, S.90ff.). <zurück>
13) Die Orte der einwöchigen Beobachtungsphasen
waren die Arbeitsplätze der Mitarbeiter der baulog, der
Gesamtprojektsteuerung, der Bauüberwachung und des sogenannten Überwachungszentrums
beim Knoten. <zurück>
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Gesine BÄR ist Diplomsoziologin und arbeitet derzeit in der
Forschungsgruppe 'Public Health' am Wissenschaftszentrum Berlin. Ihre
Interessenschwerpunkte liegen in den Bereichen Wissens- und
Organisationssoziologie. Als Projekttutorin am Nordeuropa-Institut der
Humboldt Universität Berlin beschäftigt sie sich außerdem mit dem Thema
"Die Konstruktion von Stadt: Stockholm und Berlin im Vergleich"
[URL: http://www2.rz.hu-berlin.de/inside/skan/index.html].
Kontakt:
Gesine Bär
Wissenschaftszentrum Berlin
Arbeitsgruppe Public Health
Reichpietschufer 50
D 10785 Berlin
E-Mail: gbaerlin@zedat.fu-berlin.de
Gegenstand der Forschung sind die Formen der Zusammenarbeit eines
komplexen Organisationsnetzwerkes. Ich möchte kurz ausführen, wie
forschungspraktisch mit dem Problem umgegangen wurde, nicht überall sein
zu können und doch eine ausreichende "Materialdichte" für eine
detaillierte Analyse zu erhalten.
Vier kurze Organisationsethnographien wurden von
unterschiedlichen Orten in der Arena der Gemeinsamen Baugrube angefertigt.
Die Feldnotizen und Beobachtungsprotokolle stellen daher eine Form der
hier verwendeten Daten dar.9)
Zur Auswahl eines relevanten Falls und zur Rekonstruktion seiner
Geschichte wurden problemzentrierte Interviews10)
im Zusammenhang mit der Erhebung und Ausarbeitung des ethnographischen
Materials wie auch umfassende Dokumentenanalysen genutzt.
Mit Hilfe einer Datentriangulation wurden die Materialien der
teilnehmenden Beobachtungen, sowie problemzentrierte Interviews und
Dokumente aufeinander bezogen.11)
Das Material konnte so zu einer Fallgeschichte verdichtet werden. Mit dem
Kodierverfahren der Grounded Theory12)
wurden erste strukturierende Analyseschritte unternommen. Diese Arbeit hat
das auf qualitative Datensätze ausgerichteten Computerprogramm
Atlas.ti [http://www.atlasti.de/]
sehr erleichtert. Hier konnten ausgewählte
Felddokumente, Interview- und Feldprotokolle in einer
"hermeneutischen Einheit" zusammengefaßt und gemeinsam kodiert
werden. Diese analysierende Verschlagwortung war eine wichtige Grundlage für
die fallbezogene Konzeptualisierung des Begriffspaares Repräsentationen/Praktiken.
Bei dem von mir gewählten Forschungsansatz ist das Ziel der
Kombination unterschiedlicher Datentypen, den im Feld vorhandenen
Perspektiven und Repräsentationsebenen in der Untersuchung Rechnung
tragen zu können. Ein einheitliches oder gar "objektives" Bild
wird und soll daraus nicht entstehen. CZARNIAWSKA (1998, S.30) führt eine
Möglichkeit am Beispiel von Interviews und teilnehmender Beobachtung aus,
wie die Differenzen in den unterschiedlichen Materialien produktiv genutzt
werden können. Interviews ermöglichen es beispielsweise, etwas über die
Selbstrepräsentation der beforschten Organisationen zu erfahren. Eine
teilnehmende Beobachtung hingegen versetzt die Forscherin in die Lage,
eigene Repräsentationen der betreffenden Organisation zu erarbeiten. Die
Differenzen, die sich aus der Gegenüberstellung beider Darstellungen
ergeben, generieren neue Fragen und Hypothesen über die Formen des
Organisierens vor Ort. Die Ergebnisse der Forscherin dienen somit als
Kontrastfolie für die Repräsentationen des Feldes. Dieses Verfahren läßt
sich auch auf Vergleiche der "geschichteten" Repräsentationen
des Feldes übertragen, d. h. in diesem Zusammenhang auf Repräsentationen,
die an unterschiedliche Adressanten gerichtet sind, wie z.B. Öffentlichkeit
und Presse, Interview-, VertragspartnerInnen oder MitarbeiterInnen.
Dabei gilt prinzipiell, alle Arten von Repräsentationen und Praktiken
innerhalb der Organisationen am Potsdamer Platz ernstzunehmen. Eine
Darstellung der Praktiken in der Infobox oder gegenüber der Presse ist
nicht weniger "echt" als die in einem Gespräch zweier
Nachtragsgruppenmitglieder. Auch die wissenschaftliche Perspektive kann
nicht gegen eine andere als die "richtigere" ausgespielt werden.
Durch ein solches Vorgehen läßt sich ein Bild zusammensetzen, das
detaillierter Auskunft über die Praktiken des Organisierens geben kann.
Welche Methoden welche Art von Informationen liefern würden, stand
anfangs nicht fest. Es stellte eine wichtige Felderfahrung dar zu lernen,
was beispielsweise von einem Interview zu erwarten war. Manche Gesprächsverläufen
ich enttäuschten, da die Antworten zeigten, daß es nicht gelungen war,
die Differenzen der Deutungsfolien der soziologischen Perspektive und der
bauwirtschaftlichen oder juristischen zu überbrücken. Wartezeiten in
einem mit den Arbeitsmaterialien einer Nachtragsgruppe dekorierten
Besprechungszimmer oder die bloße Anwesenheit im Büro meines Gesprächpartners
waren in diesen Situationen oft instruktiver als das Interview selbst. Im
folgenden soll kurz auf die einzelnen Datenquellen vorgestellt werden.
Dokumente
Eine Einsichtnahme in soziale Verhandlungsprozesse war im Vergleich zu
Interviews und insbesondere zur teilnehmenden Beobachtung über den Weg
der Aktenanalyse am unproblematischsten. Als nützliche Dokumente erwiesen
sich vor allem Schriftwechsel zwischen den Vertragsparteien sowie zwischen
den Mitarbeitern und Beratern innerhalb einer Organisation, weiterhin
Sitzungsprotokolle, die Dokumentation des Bauprozesses, interne
Positionspapiere, Pläne, Datentabellen und Übersichten über Prozeßabläufe.
Interviews
Bei dieser Erhebungsmethode wurde es für mich besonders deutlich, daß
der erste Erkenntnisschritt beim Arbeiten in einem ethnographischen Feld
der ist, eine gemeinsame kommunikative Ebene zu finden. Erst wenn das
gelingt, können die Forschungsdokumentationen zu analysierbaren
"Daten" werden.
Techniksoziologische Studien, wie die zur "Visual culture of
engineers" von HENDERSON (1995), sensibilisieren für dieses Problem
der im Vergleich zu den Sozialwissenschaften anderen Kommunikationsformen
von Ingenieuren. Skizzen, Pläne, Grafiken etc. werden in den
Arbeitsfeldern von Ingenieuren zu Mitteln der Verständigung. Die
Lernerfahrung für mich bestand darin, mich auf diese feldspezifischen
narrativen Formate einzulassen, anstatt allein mit meinen Fragen Erzählungen
generieren zu wollen. Eine Grafik vorzulegen oder einen Gedanken anhand
einer Skizze auszuführen, wurde zu einer nützlichen Verständigungsform.
Meine Gesprächspartner benutzten häufig meine graphischen Andeutungen,
um ihre Sicht der Dinge in derselben Zeichnung einzutragen.
Die Interviews habe ich im Zeitraum zwischen 1996 und 1999 meistens vor
der Teilnehmenden Beobachtung in einer Organisation geführt sowie
verschiedene `Feedback-Gespräche´ einige Wochen nach dem Feldaufenthalt.
Bei letzteren habe ich jeweils einen Bericht von etwa 15-30 Seiten an die
an der Forschung beteiligten Akteure zurückgegeben. Die Feedbackgespräche
haben verschiedene Funktionen erfüllt. Erstens konnte ich prüfen, ob die
geschilderten Fallbeispiele sachlich richtig dargestellt waren. Zweitens
haben diejenigen, die mir einen Einblick in ihr Arbeiten ermöglicht
hatten, sich ein Bild von der soziologischen Verarbeitung dieser Eindrücke
machen können. Drittens war dies eine Form, die Fragestellung und Thesen
in der Diskussion zu präzisieren sowie weitere Informationen und möglicherweise
einen erneuten Feldzugang zu erhalten.
Die Feedbackgespräche haben mir außerdem Erkenntnisse darüber
vermitteltet, welche Anpassungsleistungen im Feld vollzogen wurden, um
sich der soziologischen Perspektive auf ihr Tätigkeitsfeld anzunähern.
Die Rückmeldungen waren sehr verschieden. Aus den gesammelten Reaktionen
der Mitarbeiter habe ich eine kleine Typologie zusammengestellt, in die
die sozialwissenschaftliche Forschung eingebettet wurde:
1) Schadensbegrenzung: Die Texte werden nicht daraufhin
gelesen, "ob dies alles stimmt, was Sie hier schreiben". Es
wird kurz auf das Bild der Organisation hin überprüft, das dort
gezeichnet wird. Ziel ist es abzuschätzen, ob das Firmenimage durch
die Analyse Schaden nehmen könnte.
2) Nachwuchsförderung: Als jemand mit langer
Berufserfahrung sei man verpflichtet, die jungen Leuten in ihrem
Fortkommen zu unterstützen. Schließlich sei man früher selbst auf
die Unterstützung älterer Kollegen angewiesen gewesen.
3) Reflexivitätsangebot: Die soziologischen
Betrachtungsweisen böten die Möglichkeit, mal die eigene Arbeit mit
anderen Augen zu sehen, denn eigentlich müßte man mal ein paar
Wochen aussteigen, um dann mit neuer Übersicht im Projekt
weiterarbeiten zu können.
4) Übersetzungshilfe: Der Text sei sehr hilfreich gewesen,
denn man habe endlich einmal seiner Familie gegenüber darstellen können,
"was man da den ganzen Tag so macht."
5) Wissensvermittlung: Die Forschung müsse unbedingt zu Ende
geführt werden, wenn die Nachtragsvereinbarung zustande gekommen sei.
Dann könne man daraus eine "Pflichtbettlektüre" für alle
zukünftigen Projektleiter und Ingenieure machen, damit ähnliche
Schwierigkeiten vermieden werden könnten.
Teilnehmende Beobachtung
Die Grundproblematik einer Teilnehmenden Beobachtung im Kontext eines
saumlosen Organisationsfeldes ist, daß die Forscherin auf das Hier und
Jetzt ihrer räumlichen Anwesenheit an nur einem Ort angewiesen ist. Damit
steht sie hinter der Mobilität und Vielörtlichkeit zurück, in denen
sich zu verhandelnde Sachverhalte zwischen den Organisationen und ihren
Untereinheiten hin und her bewegen. Es wäre vermessen, als einzelne
Forscherin die gesamten Organisationsprozesse eines Bauprojektes einfangen
zu wollen. Aber auch generell kann es in einer ethnographischen Forschung
nicht um die vollständige Erfassung aller sozialen Prozesse des Feldes
gehen. Vielmehr zielt das Erkenntnisinteresse auf ein Identifizieren von für
das Feld spezifischen Grundmustern (AMANN & KNORR CETINA 1995, S.423).
CZARNIAWSKA schlägt zur Lösung des Problems der Ortsgebundenheit einer
Ethnographie eine teilnehmende Beobachtung qua "Shadowing", dem
Wandern durch das Feld an der Seite eines Managers, vor (CZARNIAWSKA 1998,
S.28) Dieser Weg konnte im Projekt jedoch nicht gegangen werden, da die
fraglichen Personen sich auf die Angebote einer sozialwissenschaftlichen
Begleitung nicht einließen. Statt einer Begleitung der Feldakteure auf
der Geschäftsführungsebene wurden Aufenthalte in einzelnen Projekten und
Abteilungen möglich. Mit vier kurzen Aufenthalten13)
wurde die Beobachtung an verschiedenen Orten des Organisationsnetzes
angesiedelt. Damit konnten ein paar Mosaiksteine wichtiger Knotenpunkte
des Projektzusammenhangs gesammelt werden.
"Das 'Zusammen-Weiterkommen', das stand ja am Anfang immer
im Vordergrund. Es wurden also Lippenbekenntnisse abgelegt:
'Zusammen!'. Im einzelnen sah das aber nicht so aus. Sondern da
kam das egoistische Denken auf: Erst ich und dann der Rest. Jetzt geht
es natürlich darum, dieses oder die Auswirkungen aus einem solchen
Denken möglichst gering zu halten. Und das ist das
Hauptproblem." (Int. 27.8.97: 10)
"Das heißt, Verträge, die wir schließen, werden wir
einhalten, auch wenn vielleicht im Vertrag Lücken da wären oder
Schwachstellen, die man anders interpretieren könnte. Selbst wenn sie
zu unseren Gunsten wären, würden wir trotzdem diese Verträge so
behandeln, wie es der Geist damals verlangt hat. Und da stehen wir
manchmal etwas einsam, und andere sehen das dann doch vielleicht ganz
anders." (Int. 5.11.97: 27) <zurück>
Aktor-Network-Theory (ANT)
Die ANT ist in den 1980er Jahren in Paris von einigen Technik- und
Wissenschaftssoziologen entwickelt worden. Bruno LATOUR, Michel CALLON und
John LAW haben sich in ihren Forschungen für die Produktion von
"objektiven Fakten" in naturwissenschaftlichen Forschungslaboren
sowie für die technischen Artefakte der Ingenieure interessiert. Das Ziel
dieser Forschungen war es, Fakten und Artefakte als wichtige Teilnehmer
eines Handlungsnetzwerkes in der Konstruktion der Wirklichkeit zu berücksichtigen.
Mit der symmetrischen Behandlung von Menschen und Dingen präsentiert die
ANT einen sehr weit gefaßten Handlungsbegriff. Dort wird entsprechend der
semiotischen Definition alles und alle zum "Aktant", also zum
Handelnden, was als Subjekt eines Satzes stehen kann. Ein Akteursnetzwerk
setzt sich somit aus menschlichen und nicht-menschlichen Aktanten
zusammen. Die Untersuchung der Verbindungen zwischen diesem ausgeweiteten
Kreis der Handelnden wird nun zum eigentlich interessanten soziologischen
Forschungsgegenstand: "The sociologist studies all associations, but
in particular the transformation of weak into strong ones and vice versa."
(CALLON & LATOUR 1981, S.300).
Bedeutsam ist daran, daß die ANT damit auch neutral gegenüber
Metaerklärungen oder Hintergrundordnungen ist. Im Netzwerk gibt es kein
Außen. Alles, was bedeutsam wird, ist Teil des Netzwerkes. Diese
Zusammenhänge in ihrer Heterogenität nachzuzeichnen und zu analysieren
ist daher die Aufgabe. LATOUR bezeichnet deshalb die ANT auch als eine
"Networktracing activity" (LATOUR 1996, S.378). Das Ziel
einer Forschung unter diesen Prämissen ist es, mehr über die jeweiligen
Übersetzungen, über die Vermittler und über die Faktenstabilisation zu
erfahren.
Komplexe Organisationsfelder
Dieser Terminus bezeichnet als analytisches Hilfsmittel den für die
Untersuchung relevanten Ausschnitt aus dem Organisationsgefüge. Das
Organisationsfeld ist beispielsweise bei DiMAGGIO (1983, S.148) definiert
als: "sets of organizations that together accomplish some task in
which a researcher is interested." Der Begriff "Feld" geht
dabei in einer doppelten Konnotation von gemeinsamer Zielsetzung
einerseits und Interessenkonflikten andererseits auf BOURDIEUs "Champ"
zurück.
Negotiated Order Approach
1978 hat Anselm STRAUSS in seinem Buch "Negotiations" eine
systematische Beschäftigung mit Aushandlungsprozessen sozialer Ordnung
vorgeschlagen. Eine der prägnantesten Beschreibung dessen, was demzufolge
als "Negotiated Order Approach" eine breite Rezeption erfahren
hat, geben MAINES und CHARLETON (1985, S.271f.): "It [the 'negotiated
order perspective'] stresses the point of view that one of the principal
ways that things get accomplished in organizations is through people
negotiating with one another, and it takes the theoretical position that
both individual action and organizational constraint can be comprehended
by understanding the nature and contexts of those negotiations."
In Erweiterung dieses Fokus' auf Aushandlungen schlägt STRAUSS später
(1993, S.254ff.) vor, anstelle von "Negotiated order" von "Processual
ordering" zu sprechen. Auf diese Weise soll eine Überbetonung
der Aushandlungsaspekte bei der Konstruktion sozialer Ordnung vermieden
werden. Als alternative Koordinationsmodi wurden bereits im Buch über
Aushandlungen "persuading, eduction, maipulating, appealing to the
rules or to authority, and coercion" (STRAUSS 1978, S.x) genannt.
Praktiken
Wenn jede Repräsentation einer Übersetzung in konkrete
Handlungssituationen bedarf, rücken wie im Fall der Baugrube
Potsdamer Platz die Praktiken des Übersetzens in den Blickpunkt. Der
Praktikenbegriff liegt damit nah an dem, was bei STRAUSS mit der
Bezeichnung "Articulation process" gemeint ist: "'Articulation
process' refers to the overall organizational process that brings
together as many as possible of the interlocking and sequential elements
of total work, at every level of organization and keeps the flow of
work going." (STRAUSS 1988, S.164) In diesem Zusammenhang ist die
Teilnehmende Beobachtung ein wertvolles Instrument, um auch die eher
impliziten Formen dieses Prozesses zu erfassen.
Zu den wichtigen Praktiken im hier vorgestellten Fall gehören: der
Aufbau kompetenter Bearbeitungsgremien auf beiden Seiten und die
Abstimmung der Arbeitsweisen zwischen den Gremien, das Standardisieren von
Abläufen und eine explizite parteiliche Positionierung, die
Identifikation und die hierarchische Delegation von Problemen sowie das
Bilden strategischer Allianzen mit externen Experten.
Repräsentationen
Verträge, Pläne, Tabellen, Listen und sonstige Dokumente stellen in
den Verhandlungen der Baugrube Repräsentationen dar. Sie sind Versuche,
das, was war/ist/sein soll, schriftlich oder bildlich zu fixieren. Repräsentationen
sind die Produkte von Übersetzungsprozessen. In der Analyse der
Nachtragsverhandlungen konnten drei wichtige Typen von einander
unterschieden werden: Primärdokumente, Sekundärdokumente und Zahlen
als Repräsentationen dritten Grades.
Die Typen unterscheiden sich anhand ihres unterschiedlichen Grades an
Faktenaggregation und ihres zeitlichen Bezuges. Während ein Primärdokument
meist ein Ereignis wie eine Sitzung oder die Bauleistungen eines Tages
zusammenfaßt, werden in einem Sekundärdokument Verläufe eines längeren
Zeitraumes abgebildet. Sekundärdokumente entstehen daher in der Regel als
Zusammenfassung einer Vielzahl von Primärdokumenten. Zahlen schließlich
werden aus dem Abgleich von verschiedenen Prozeßabbildungen generiert und
sollen als Grundlage einer Monetarisierung dienen. Die Übersetzungsarbeiten,
die auf dem Weg zu einer Kostenvereinbarung geleistet werden müssen, führen
also zu einer Staffelung der unterschiedlichen Repräsentationen, einer
Verdichtung der Vorgänge auf wenige Ziffern und Linien in schriftlichen
und visuellen Formaten.
Obwohl sie mit dem Geltungsanspruch "so ist es gewesen" bzw.
"so soll es sein", vorgebracht werden, bleiben sie im hier
vorgestellten Beispiel meist nicht unwidersprochen. So entstehen entweder
zeitgleich oder in der Reaktion auf vorgelegte Darstellungen,
konkurrierende Repräsentationen desselben Phänomens. Inhalt und Geltung
der jeweiligen Version sind entsprechend umstritten.
Übersetzungen
Mit diesem Konzept ist nicht an die Übertragung von Bedeutungen von
einer Sprache in eine andere gedacht. Vielmehr schließe ich hier an die
Definitionen an, die im Rückgriff auf Michel SERRES in den wissenschaft-
und techniksoziologischen Arbeiten von CALLON, LAW und LATOUR geprägt
worden sind. Übersetzen heißt, eine neue und zugänglichere Form für
viele bisher noch unverbundene Objekte zu finden (CALLON & LAW 1989,
S.64). Bei LATOUR (1998, S.34) lautet die Definition kurz gefaßt:
"Wie Michel Serres verstehe ich unter Übersetzung eine Verschiebung
oder Versetzung, eine Abweichung, Erfindung und Vermittlung, die Schöpfung
einer Verbindung, die in dieser Form vorher nicht da war und in einem
bestimmten Maße zwei Elemente oder Agenten modifiziert."
Der Übersetzungsprozeß führt zusammen, was vorher verschieden war,
er verändert und vereinfacht. Dabei verweist die neue Form trotzdem noch
auf ihre unterschiedlichen Vorgängerelemente, sie repräsentiert sie. Der
Übersetzer hat sich zum Sprecher dieser Repräsentation gemacht (CALLON
1986, S.223). Im Begriff der Übersetzung ist also immer eine Balance
zwischen Bedeutungsveränderung und -stabilität impliziert. Die Autorität
eines Sprechers, der Definitionsmacht bei der Repräsentation hat,
impliziert neben der Bedeutungsdimension auch noch eine Machtdimension:
"To speak for others is to first silence those in whose name we speak."
(CALLON 1986, S.216)
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und Absatznummern, wenn notwendig):
Bär, Gesine (2000, Januar). Mit Andern eine Grube graben. Projektorganisation
und Fakten-Schaffen auf der Großbaustelle 'Regionalbahnhof Potsdamer
Platz' [27 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum:
Qualitative Social Research [On-line Journal], 1(1), Art. 23.
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-00/1-00baer-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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