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Die oben beschriebenen Regeln qualitativer heuristischer Forschung sind u.a. an Untersuchungen zur Methode der Introspektion erprobt worden. Wir hatten die Frage, ob durch methodische Veränderungen oder Variationen die vormals klassische, dann aber diffamierte Methode der Introspektion aus ihrer Verbannung erlöst werden kann. Kriterien für den Erfolg dieses Vorgehens waren die Reichhaltigkeit der Ergebnisse und die intersubjektive Validität ("Objektivität"). [14]
Eine Reihe qualitativer Experimente wurde ausgeführt: zwei über einen plötzlichen Alarm, zwei über Fernseh-Kommunikation, zwei über Akzeptanz von künstlerischen Filmen, mehrere über verschiedene Emotionen, augenblicklich erlebte und retrospektiv erinnerte, ein Problem-Lösungs-Experiment, mehrere über freie Assoziationen, insgesamt 14 Experimente. Alle hatten gleiches Design: eine bestimme Situation oder ein bestimmtes Ereignis wurde individuell introspektiv betrachtet, die Beobachtungen wurden individuell schriftlich protokolliert, danach gemeinsam in einer Gruppe (Hamburger Werkstatt Introspektion mit jeweils 5-8 Personen) vorgetragen. Die Introspektionen der anderen TeilnehmerInnen dienten zur Ergänzung, Kontrastierung und Differenzierung der eigenen Erfahrung. Sie wurden abschließend von einem oder mehreren ForscherInnen individuell analysiert. [15]
Systematisch variiert wurden in diesen Experimenten eine Reihe von Faktoren, die im Sinne der Regel 3 die strukturelle Variation der Perspektiven zum Ziel hatten. Die Bandbreite der Variationen kann hier nur durch Nennungen und Zuordnung zu verschiedenen Phasen der Introspektionsexperimente angedeutet werden. Das Introspektionsereignis (Phase 1) variierte z.B. in der Art des Gegenstandes, der Dauer des Ereignisses, dem Vorsatz zur Introspektion, der Bedeutsamkeit des Ereignisses für die einzelnen Teilnehmer und dem sozialen Setting. Die Dokumentation der Introspektion (Phase 2) variierte in dem zeitlichen Abstand zwischen Ereignis und Protokoll, dem Fokus der Betrachtung und dem sozialen Setting. In einer dritten Phase kam eine Besonderheit dieser Untersuchungen zum Tragen, nämlich die Verwendung Gruppe als Forschungsinstrument. Durch die Gruppe wird der individuumbezogene Datengewinn unterstützt und die Qualität der Daten (Genauigkeit, Umfang, Tiefe und Differenzierung) verbessert. Dies wird ermöglicht durch einen Resonanzeffekt, der den Gruppenmitgliedern ein Nacherleben des berichteten Introspektionserlebens ermöglicht und sie befähigt, es in Beziehung zu ihrem eigenen Introspektionserleben zu setzen. Durch die Gruppenbeteiligung konnten die individuellen Protokolle ergänzt, präzisiert und korrigiert werden. In einer vierten Phase wurden die erweiterten Protokolle bzw. die aufgezeichneten Interaktionen in der Gruppe von einzelnen ForscherInnen analysiert, indem die Texte auf Gemeinsamkeiten untersucht und ein Dialog mit den Texten geführt wurde. [16]
Die Ergebnisse bestätigten zum Teil die Alltagserfahrungen, zum Teil führten sie zu überraschenden neue Einsichten und waren insgesamt ein klares Plädoyer für die Wiederherstellung der Methode der Introspektion. Z.B. wurden verschiedene Rezeptionsstile bei der Betrachtung von Kurzfilmen, verschiedene Formen des individuellen Umgangs mit Störungen und vielfältige Interdependenzen von Handlungssequenzen mit Gefühlszuständen gefunden. Vor allem fanden wir einen Weg, den "Erlebnisraum" direkter zu beobachten, als dies bei anderer Vorgehensweise möglich erschien und eine vielversprechende Methode, seine Struktur und innere Dynamik zu untersuchen. [17]
Es zeigte sich auch, dass verschiedene traditionelle Untersuchungsverfahren vielfache introspektive Komponenten enthalten, die jedoch überhaupt nicht als introspektive Phänomene debattiert werden. Auf der anderen Seite gibt es eine ganze Reihe von qualitativen Verfahren, die weitgehend auf introspektives Vorgehen bauen, dieses Vorgehen auch thematisieren und diskutieren, es allerdings ebenfalls nicht unter dem Namen Introspektion behandeln. [18]
Die Anwendung der heuristischen Vorgehensweise bei der Verwendung der Methode der Introspektion führte zu reichhaltigen, differenzierten und verlässlichen Ergebnissen, die eine explizite Reaktivierung oder Revitalisierung der Introspektion als Forschungsmethode nahe legen und ermutigen, die vorhandenen Vorbehalte gegen die Introspektion neu zu überdenken und wenigstens teilweise zu überwinden. [19]
Dammann, Rüdiger (1991). Die dialogische Praxis der Feldforschung. Der ethnographische Blick als Paradigma der Erkenntnisgewinnung. Frankfurt/M., New York: Campus.
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Gerhard KLEINING, Prof., Dr.
phil., Professor am Institut für Soziologie der Universität Hamburg. Arbeitsschwerpunkte: Sozialstruktur, Lebenswelten, Vorstellungsbilder, Vorurteile, quantitative und qualitative Methoden, heuristische Sozialforschung,
Introspektion.
Anschrift: Elbchaussee 159, D 22605 Hamburg
Tel. und Fax: +49 / 40 / 8801977
E-Mail: kleining@sozwi.sozialwiss.uni-hamburg.de
Harald WITT, Prof. Dr. phil., Dipl.-Psych., Professor für Psychologie am Fachbereich Psychologie der Universität Hamburg, Psychologisches Institut I, Arbeitsbereich Arbeits-, Betriebs- und Umweltpsychologie. Arbeitsschwerpunkte: Arbeit und Technik, qualitative Forschungsmethoden, Introspektion
Anschrift: Universität Hamburg, FB 16, Von-Melle-Park 11, D 20146 Hamburg
Tel.: +49 / 40 / 42838 3611, Fax: +49 / 40 / 42838 2650
E-Mail: HWitt@rrz.uni-hamburg.de
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und Absatznummern, wenn notwendig):
Kleining, Gerhard & Witt, Harald (2000, Januar). Qualitativ-heuristische Forschung als Entdeckungsmethodologie für Psychologie und Sozialwissenschaften: Die Wiederentdeckung der Methode der Introspektion als Beispiel [19 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 1(1).
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-00/1-00kleiningwitt-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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