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Volume 3, No. 1 Januar 2002
Konzeptionelle Überlegungen und eine empirische Strategie zur Erforschung von Individualisierungsprozessen
Jens Zinn
Zusammenfassung: Mit BECKs (1986) These eines neuen Individualisierungsschubs wurde seit den 80er Jahren eine Diskussion über soziale Wandlungsprozesse im Nachkriegsdeutschland entfacht. Die zuweilen unscharfe und uneinheitlich verwendete Begrifflichkeit führte im Individualisierungsdiskurs immer wieder zu Missverständnissen. Dabei liegt eine zentrale Schwierigkeit in den explizit oder implizit mitgeführten Vorannahmen: etwa über das Verhältnis von Handlungsresultaten und dem ihnen zugeschriebenen Sinn sowie der Sozialstruktur zu Institutionen und Akteuren. Da diese Unterstellungen den Kern der Individualisierungsthese betreffen, müssen sie selbst der empirischen Analyse unterzogen werden, statt unhinterfragt vorausgesetzt zu werden. Diese Schwäche steht im Zusammenhang mit etablierten Forschungstraditionen im Nachkriegsdeutschland (etwa Sozialstrukturanalyse, Biografieforschung, Diskursanalyse), denn die unterschiedlichen Forschungsparadigmen erlauben jeweils für sich genommen nur sehr begrenzte Aussagen über Individualisierungsprozesse.
Im vorliegenden Beitrag soll am Beispiel der Individualisierungsthese gezeigt werden, wie soziale Wandlungsprozesse angemessen untersucht werden können: Ausgehend von der Unterscheidung zwischen institutioneller und personaler Individualisierung wird eine empirische Strategie zur Untersuchung personaler Individualisierungsprozesse vorgestellt. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Kombination qualitativer und quantitativer Daten und Methoden. Anhand eines Beispiels aus der Lebenslaufforschung wird gezeigt, wie bei der Stichprobenziehung, der Typenbildung und der standardisierten Erhebung und clusteranalytischen Reproduktion der Typologie qualitative und quantitative Forschungsstrategien kombiniert und füreinander fruchtbar gemacht werden können.
Keywords: Methodenkombination, Sozialer Wandel, Individualisierung, Typenbildung, Stichprobenziehung, Clusteranalyse, Lebenslaufforschung, Biografieforschung
1. |
Einleitung |
2. |
Konzeptionelle Überlegungen zur Individualisierungsthese |
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2.1 |
Der makrosoziologische Ausgangspunkt des Individualisierungsdiskurses |
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2.2 |
Die Entkopplung von Subjekt und Struktur? "Plurale Individualisierung" und "semantische Individualisierung" |
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2.2.1 |
Plurale Individualisierung |
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2.2.2 |
Semantische Individualisierung |
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2.3 |
Die Analyse sozialstrukturellen Wandels auf der Meso- und Mikro-Ebene: institutionelle und personale Individualisierung |
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2.3.1 |
Institutionelle Individualisierung |
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2.3.2 |
Personale Individualisierung |
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2.4 |
Zum Verhältnis von Institutionen und Akteuren |
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2.5 |
Zum Verhältnis von "objektiven" Ereignissen und "subjektiven" Deutungen |
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2.6 |
Handeln und situationsübergreifende Handlungslogiken |
3. |
Empirische Forschungsstrategien |
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3.1.1 |
Ein Beispiel aus der beruflichen Sozialisationsforschung |
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3.1.2 |
Stichprobendesign zur Untersuchung der Individualisierungsthese |
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3.2 |
Die Typisierung biografischer Handlungslogiken |
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3.2.1 |
Berufsbiografische Handlungslogiken junger Fachkräfte |
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3.2.2 |
Die Stabilisierung biografischer Handlungslogiken |
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3.2.3 |
Die Bindung biografischer Akteure an ihre Handlungskontexte |
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3.2.4 |
Konstanz und Wandel der Handlungslogiken |
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3.3 |
Individualisierte Modi der Biografiegestaltung |
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3.4 |
Quantifizierung von typisierten Handlungslogiken |
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3.4.1 |
Zur Integration von Handlungen und Deutungen zu Handlungslogiken |
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3.4.2 |
Zur forschungspraktischen Unterscheidung zwischen situationsspezifischen und übersituativen Handlungslogiken |
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3.4.3 |
Die Analyse sozialen Wandels anhand übersituativer Handlungslogiken |
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Unter Individualisierung wird in der Regel ein Prozess verstanden, der mit dem grundlegenden gesellschaftlichen Wandel beim Übergang von einer ständischen zu einer modernen Gesellschaft einhergeht und anhaltende Modernisierungsprozesse bis heute begleitet. Bisher wurden verschiedene Individualisierungsschübe ausgemacht (JUNGE 1996).1) Der letzte wird in der seit den 80er Jahren geführten Debatte (BECK 1994, S.48) im Nachkriegsdeutschland der 60er (und folgenden Jahre) verortet. Ausgangspunkt war eine Mischung verschiedener sozialstruktureller Entwicklungen: Ein anhaltender ökonomischer Aufschwung hatte in den 50er und 60er Jahren zum Anstieg des Durchschnittseinkommens geführt (BECK 1986: "Fahrstuhleffekt"), der allgemeine Ausbau des Wohlfahrtsstaates umfasste immer mehr zuvor ausgegrenzte Gruppen (LEISERING 1997, S.157) und immer größere Anteile der Bevölkerung hielten sich immer länger im Bildungssystem auf (Stichwort: Bildungsexpansion).2) Schließlich etablierte sich eine Individualisierungssemantik mit Begriffen wie Selbstverwirklichung, Selbstkontrolle, Selbstverantwortung und Selbststeuerung. [1]
Charakteristisch für die deutsche Debatte ist die "Logik einer Freisetzung von Individualität auf der Grundlage erfolgreicher Institutionalisierung" (WOHLRAB-SAHR 1997, S.25, KOHLI 1985). Individualisierung wird eher als Steigerungsverhältnis zwischen Institutionenabhängigkeit und Gestaltungsspielräumen gesehen. Besonders der Ausbau des Sozialstaats wird in diesem Sinne mit Individualisierungsprozessen in Verbindung gebracht (LEISERING 1997, WOHLRAB-SAHR 1997). Insgesamt überwiegt im öffentlichen Diskurs eine positive Perspektive die Ermöglichung von Handlungsspielräumen durch neue institutionelle Arrangements, obgleich die Negativvariante (Armutszyklus und Scheitern der Individualisierung auf der Akteursebene) häufig als Möglichkeit mitbedacht wurde (etwa BECK 1986, S.143ff.). [2]
Dagegen ist der Diskurs in den USA überwiegend negativ konnotiert. Im Kontext vergleichsweise geringer institutioneller Sicherungsinstanzen und einer traditionell starken Betonung individueller Eigenleistung werden unter dem Etikett des Individualismus überwiegend gemeinwohlschädigende, solidaritätsfeindliche und egoistische Verhaltensweisen diskutiert (vgl. für einen kursorischen Überblick: WOHLRAB-SAHR 1997). Insbesondere die Kommunitarismusdebatte um neue bzw. die Rückkehr zu alten Vergemeinschaftungsformen steht für die negative Konnotation eines voranschreitenden Individualismus in der US-amerikanischen Debatte. [3]
Im Unterschied zu den USA stehen in der deutschen Debatte weniger Fragestellungen nach Vergemeinschaftung und sozialer Bindemittel im Vordergrund. Vielmehr geht es um die Reproduktion sozialer Ungleichheit auf der einen und der Vervielfältigung und Destandardisierung von Verlaufsmustern (vor allem der Erwerbsarbeit und der Partnerschaft) auf der anderen Seite. In diesem Zusammenhang wird der Frage nachgegangen, inwieweit es sich beim Individualisierungsschub im Nachkriegsdeutschland um einen sozialstrukturellen oder einen rein kulturellen Wandel handelt, d.h. um Veränderungen die allein auf der Deutungsebene zu verorten sind, aber gerade nicht zur Auflösung von traditionellen sozialen Ungleichheitsstrukturen führen. [4]
Traditionelle makrosoziologische Forschung (etwa Sozialstrukturanalyse, Ungleichheitsforschung, Berufsforschung) ging lange Zeit davon aus, dass mit spezifischen Strukturindikatoren wie der Höhe des Bildungsabschlusses, des Erwerbsstatus usw. auch die Lebensstile und Einstellungsmuster adäquat erfasst wären, da eine weitgehende Entsprechung zwischen sozialer Position und Orientierungsmustern bestehen würde (ESSER 2000, S.139). Genau dieser Zusammenhang wird von der Individualisierungsthese in Zweifel gezogen, weswegen neue Forschungsanstrengungen jenseits traditioneller Sozialstrukturanalyse notwendig werden. Denn wenn entscheidbar bleiben soll, inwieweit sozialstruktureller Wandel in Zusammenhang steht mit veränderten sinnhaften Handlungsweisen der Gesellschaftsmitglieder, veränderten formalen und institutionellen Handlungskontexten oder etwa einem wirtschaftlichen Aufschwung, muss die in der Diskussion häufig dominierende institutionelle und sozialstrukturelle Perspektive um die Mikroperspektive handelnder Akteure erweitert werden. Nur dann werden differenzierte Analysen von Individualisierungsprozessen möglich: Dies betrifft beispielsweise die Frage, inwieweit sich Individualisierungsprozesse in verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen (z.B. Wirtschaft, Familie, Freizeit) unterschiedlich durchsetzen, ob sich Individualisierung gerade in neuen Verstrickungsverhältnissen zwischen den verschiedenen Teilbereichen ausdrückt oder inwieweit unterschiedliche regionale, klassen-, schicht-, milieu-, geschlechts- und berufsspezifische sowie sonstige Effekte zu beobachten sind. [5]
Entsprechend ist die zentrale empirisch-konzeptionelle Frage des vorliegenden Beitrags: Wie können Individualisierungsprozesse auf der Akteursebene empirisch erfasst bzw. untersucht werden? [6]
Die Ergänzung der theoretischen Perspektive um eine eigenständige Mikro-Ebene der Individualisierung verlangt nach einer Umstellung der empirischen Forschungsstrategien. Anhand eines Beispiels aus der Lebenslaufforschung soll gezeigt werden, wie der Zusammenhang zwischen institutionellen Vorgaben, Handlungsresultaten und -sinn mit Hilfe einer Typologie von Handlungs- und Strukturierungslogiken3) untersucht werden kann, die sowohl auf (der Auswertung von) qualitativen als auch quantitativen Daten beruht. Darüber hinaus erweist sich die Kombination qualitativer und quantitativer Forschungsstrategien als nützlich, um die inhaltliche Repräsentativität der Typologie zu optimieren. Wenn schließlich mit der Individualisierungsthese in Zusammenhang stehende Fragestellungen untersucht werden sollen etwa inwieweit biografische Handlungsweisen und traditionelle Sozialstrukturindikatoren zusammenhängen, individuelle Handlungsweisen durch sozialstrukturellen und institutionellen Wandel beeinflusst sind oder wenn Handlungsmuster intergenerationell verglichen werden sollen , ist eine Übertragung der qualitativ gewonnenen Typologie in ein standardisiertes Instrument hilfreich. [7]
Mit einigen begrifflichen Klärungen soll im ersten Abschnitt des Beitrags zunächst Ordnung in die vielfältige Verwendung des Individualisierungsbegriffs gebracht werden. Zentrale Schwierigkeiten, die sich durch bestimmte Auffassungen und Bearbeitungsstrategien der Individualisierungsthese ergeben, beziehen sich auf das Verhältnis von objektiven Ereignissen zu subjektiven Deutungen einerseits und von Sozialstruktur/Kultur zu Institutionen und Akteuren andererseits. Die Verwendung empirisch unüberprüfter Annahmen über das Verhältnis objektiver Ereignisse zu subjektiven Deutungen und die Zusammenhänge zwischen sozialstrukturellen Veränderungen, Institutionen und individuellen Handlungsweisen im bisherigen Individualisierungsdiskurs wird kritisiert, und es wird eine ergänzende akteurstheoretische Forschungsperspektive gefordert, mit der die Individualisierungsthese in der Handlungspraxis der Gesellschaftsmitglieder verankert werden kann. [8]
An die konzeptionellen Vorüberlegungen schließt sich im zweiten Abschnitt der empirische Teil mit einem Beispiel aus der Lebenslaufforschung an. Es wird gezeigt, wie unter Rückgriff auf qualitative und quantitative Daten die These eines neuen "Vergesellschaftungsmodus" auf der Akteursebene untersucht werden kann: Bereits bei der Ziehung der qualitativen Stichprobe für diese Untersuchung kann durch den Rückgriff auf quantitative/standardisierte Daten kontrolliert werden, inwieweit bestimmte theoretisch relevant erscheinende (Struktur-) Merkmale und subjektive Deutungsmuster zusammenhängen. Damit kann die inhaltliche Repräsentativität einer qualitativen Stichprobe im Hinblick auf ausgewählte Merkmale optimiert werden (Abschnitt 3.1). Darüber hinaus können qualitative und quantitative Daten systematisch aufeinander bezogen werden, um Logiken der Biografiegestaltung junger Erwachsener zu typisieren (Abschnitt 3.2). Mit der Typisierung von Handlungslogiken (d.h. einer verbindenden Analyse von Deutungsmustern und Handlungsresultaten) können spezifische Eigenschaften der Individualisierungsthese erfasst werden (Abschnitt 3.3) bspw. Uneindeutigkeiten bezüglich der Handlungsresultate (von Individualisierung kann nicht auf bestimmte Handlungsresultate geschlossen werden) oder des Einflusses von Handlungskontexten. Schließlich ist es auch bei der Standardisierung der qualitativ gewonnenen Typologie von Vorteil, wenn auf qualitative und quantitative Daten zurückgegriffen werden kann (Abschnitt 3.4). Der Beitrag endet schließlich mit einem resümierenden Ausblick. [9]
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Konzeptionelle Überlegungen zur Individualisierungsthese
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Viele Schwierigkeiten im Rahmen des Individualisierungsdiskurses können auf Unterschiede bei der Konzeptionalisierung zentraler soziologischer Problemstellungen zurückgeführt werden. Das betrifft zum einen die Frage nach dem Verhältnis von Akteur und Struktur oder genauer: von Individuen, Institutionen und Sozialstruktur. Zum anderen gilt es für die Frage nach dem Zusammenhang von Sozialstruktur und Semantik oder auf der Ebene von Individuen: von Handlungsresultaten und subjektiven Deutungen. [10]
Als Heuristik für die diversen Verstrickungsverhältnisse zwischen unterschiedlichen Daten und Erkenntnisebenen soll die folgende Unterscheidung zwischen drei analytischen Ebenen (Makro-, Meso- und Mikro-Ebene) sowie die Unterscheidung zwischen objektiven und subjektiven Daten bzw. Erkenntnisgegenstand dienen (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Heuristik zur Analyse von sozialen Wandlungsprozessen4) [11]
Auf der Makro-Ebene kann unterschieden werden zwischen einer "objektiven" Sozialstruktur und allgemeingültigen Deutungsmustern bzw. sozialen Semantiken. In diesem Sinne wird die Sozialstruktur in kumulierten Handlungsresultaten sichtbar, wie sie etwa in Scheidungs-, Arbeitslosen- oder Fertilitätsraten zum Ausdruck kommen. Dagegen drückt sich die subjektive Seite in normativen Leitbildern, Normalitätsvorstellungen oder gängigen Deutungsmustern bezüglich des Erwerbslebens, Familie, Partnerschaft oder Geschlechtsrollen aus. Auf der Meso-Ebene sind verschiedene Aspekte zu berücksichtigen: Formale Institutionen werden auf der objektiven Seite als Gesetze oder gesatzte Regeln gefasst, auf der subjektiven Seite als spezifische institutionelle oder organisationsspezifische Bedeutungsgehalte. Schließlich sind auf der Mikro-Ebene einerseits die objektiven Handlungsresultate und auf der subjektiven Seite Deutungen, Orientierungen und Sinnzuschreibungen verortet. [12]
Je nachdem auf welcher Ebene Individualisierung verortet wird, welche Wechselwirkungen, Zusammenhänge oder Vermischungen zwischen den Ebenen implizit angenommen oder explizit untersucht werden, resultieren unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie die Individualisierungsthese auszubuchstabieren sei (etwa im Sinne einer Pluralisierung, Vereinzelung, Subjektivierung, Ideologie, Optionssteigerung). Da die Vorannahmen häufig nicht selbst zum Thema gemacht werden, scheinen die Argumente im Diskurs zuweilen aneinander vorbeizulaufen.5) [13]
Die begrifflichen und konzeptionellen Differenzen sind jedoch kein Zufall. Sie gehen vielmehr auf bestimmte soziologische Forschungstraditionen im Nachkriegsdeutschland zurück, die sich vor allem in einem unterschiedlichen empirischen Zugang zur Fragestellung ausdrücken: etwa in der grundlegenden Differenz zwischen quantitativ orientierter Sozialstrukturanalyse (vgl. MAYER 1989) und auf vergleichsweise wenige Fälle bezogene Biografieforschung (etwa: FISCHER-ROSENTHAL & ALHEIT 1995, DIEZINGER 1991). [14]
Nach einem Rückgriff auf BECKs Individualisierungsthese (1986) beschränken sich die folgenden Ausführungen auf ausgewählte zentrale Problemstellungen, die im Individualisierungsdiskurs kontinuierlich mitgeführt werden und maßgeblich für teilweise wenig fruchtbare Auseinandersetzungen verantwortlich sind. Darüber hinaus soll deutlich gemacht werden, auf welche Gegenstandsebene sich die Individualisierungsthese nach Meinung des Autors bezieht, nämlich auf einen veränderten sozialen Reproduktionsmodus oder in BECKs Worten: auf einen neuen "Modus der Vergesellschaftung" (BECK 1986, S.205). Was darunter verstanden werden kann, soll in einem ersten Schritt, und wie ein empirischer Zugang über die Mikro-Ebene individueller Akteure versucht werden kann, in einem zweiten Schritt erläutert werden. [15]
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Der makrosoziologische Ausgangspunkt des Individualisierungsdiskurses
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Einige Probleme im Individualisierungsdiskurs rühren von der Formulierung der Individualisierungsthese und der Strategie ihrer empirischen Untermauerung her. Vorerst sei jedoch an BECKs Definition eines "ahistorischen Modells der Individualisierung" (1986, S.206f.) erinnert, mit dem er einen "neuen Modus der Vergesellschaftung" spezifizieren möchte (BECK 1986, S.205). Er geht davon aus, dass drei zentrale Momente der Individualisierung unterschieden werden müssen: Herauslösung (bzw. Freisetzung), Stabilitätsverlust und Wiedereinbindung:
"Herauslösung" bezeichnet das Phänomen der Freisetzung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und -bindungen im Sinne traditioneller Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge ("Freisetzungsdimension"). Hier wäre bspw. an die Kleinfamilie und an soziale Klassenstrukturen zu denken.
"Stabilitätsverlust" zielt auf den mit der Herauslösung einhergehenden Verlust traditioneller Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen ("Entzauberungsdimension"). Solche Sicherheiten gehen etwa mit der Erosion von Normalitätsvorstellungen bezüglich des Lebenslaufs, der Familie, des Erwerbsleben oder geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung verloren.
Mit der dritten Dimension ("Kontroll-" bzw. "Reintegrationsdimension") werden neue Formen sozialer Integration in den Blick genommen. Damit wird auf Zwänge des Arbeitsmarktes und der Konsumexistenz abgezielt, auf die Zunahme der Abhängigkeiten von sekundären Institutionen (etwa: Arbeitsmarkt, Sozialstaat) sowie auf institutionelle Eingriffe und Festlegungen (bspw. staatliche Regelungen zu Bildungszeiten und -wegen, zu Kinderbetreuungseinrichtungen oder zu partnerschaftlicher Absicherung). [16]
Zusätzlich unterscheidet BECK auf der jeweiligen Dimension zwischen objektiver Lebenslage und subjektivem Bewusstsein bzw. Identität. Diese zusätzliche Differenzierung hat auch Folgen für seine Argumentation. In der "Risikogesellschaft" (1986) will er sich ausschließlich der objektiven Seite widmen, während Fragen nach Bewusstsein und Identität weitgehend ausgeklammert bleiben6). [17]
Dabei ergibt sich die Schwierigkeit, dass von objektiven Lebenslagen (institutionellen Regelungen, Sozialstruktur, normative Vorgaben) nicht umstandslos auf individuelle Deutungsmuster geschlossen werden kann. Zumindest müsste der Nachweis eines entsprechenden Zusammenhangs empirisch erbracht werden. Dagegen verbindet BECK, entsprechend seiner Trennungslogik zwischen objektiver und subjektiver Seite der Individualisierung, das Verhältnis von Makro- und Mikro-Ebene mit einer unidirektionalen Erklärungsstrategie. Ausgehend von gesellschaftlichen Strukturveränderungen (bspw. steigenden Scheidungsraten, verlängerten Berufseinmündungsphasen) und allgemein verfügbaren Semantiken mit Allgemeingültigkeitsanspruch (bspw. Deutungsmuster der Selbstkontrolle, Selbstverantwortung oder Selbststeuerung) werden spezifische Anforderungsstrukturen an das Subjekt abgeleitet:
"In der individualisierten Gesellschaft muss der einzelne entsprechend bei Strafe seiner permanenten Benachteiligung lernen, sich selbst als Handlungszentrum, als Planungsbüro in bezug auf seinen eigenen Lebenslauf, seine Fähigkeiten, Orientierungen, Partnerschaften usw. zu begreifen. ... Gefordert ist ein aktives Handlungsmodell des Alltags, das das Ich zum Zentrum hat, ihm Handlungschancen zuweist und eröffnet und es auf diese Weise erlaubt, die aufbrechenden Gestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten in bezug auf den eigenen Lebenslauf sinnvoll kleinzuarbeiten. Dies bedeutet, daß hier ... für die Zwecke des eigenen Überlebens ein ichzentriertes Weltbild entwickelt werden muß, das das Verhältnis von Ich und Gesellschaft sozusagen auf den Kopf stellt und für die Zwecke der individuellen Lebenslaufgestaltung handhabbar denkt und macht. ... Für den einzelnen sind die ihn determinierenden institutionellen Lagen nicht mehr nur Ereignisse und Verhältnisse, die über ihn hereinbrechen, sondern mindestens auch Konsequenzen der von ihm selbst getroffenen Entscheidungen, die er als solche sehen und verarbeiten muß." (BECK 1986, S.217f.) [18]
Da Individualisierung als struktureller Veränderungsprozess konzeptionalisiert wird, dem letztlich kein Gesellschaftsmitglied entrinnen kann7), erscheint der Nachweis und die Spezifizierung des postulierten Zusammenhangs zwischen Strukturwandel und individuellem Wandel vorerst verzichtbar8). Abweichungen von angenommenen Normalitätsmustern oder durchschnittlichen Verhaltensweisen, die für einzelne Spezialgruppen oder Pioniere festgestellt werden, können so als Indikatoren für den postulierten sozialen Wandel dienen. [19]
Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus der Strategie, die Individualisierungsthese anhand von Sozialstrukturdaten zu unterstützen (vgl. BECK 1986). Denn dabei müssen unüberprüfte Annahmen über das Verhältnis von institutionellen und individuellen Veränderungen, insbesondere über veränderte individuelle Sinnzuschreibungen und institutionelle Bedeutungszuweisungen, zugrunde gelegt werden. Wie sich das Verhältnis zwischen Meso- und Mikro-Ebene darstellt, ist jedoch ebenso ein empirisch zu ermittelnder Sachverhalt wie der Einfluss der unterschiedlichen Ebenen auf die Makro-Ebene allgemeingesellschaftlichen Wandels (bei allen Schwierigkeiten, die solche allgemeinen Entwicklungsaussagen mit sich bringen). [20]
Mit der Beschränkung auf die Makro- und Meso-Ebene sowie auf die objektive Seite der Individualisierung bleiben die Mikro-Ebene und die subjektive Seite theoretisch-konzeptionell unterbelichtet und bieten Ansatzpunkte für Kritik. [21]
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Die Entkopplung von Subjekt und Struktur? "Plurale Individualisierung" und "semantische Individualisierung"
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Die Kritik an der These eines erneuten Individualisierungsschubs im Nachkriegsdeutschland überwindet häufig nicht die konzeptionellen Leerstellen der Hypothese. Wenn auf der gleichen empirischen Ebene versucht wird, die Individualisierungsthese zu widerlegen, auf der es bereits unmöglich war, sie zu bestätigen, droht der Erkenntnisfortschritt zu blockieren. Die dafür typischen Problemkonstellationen werden im Folgenden mit den Begriffen plurale Individualisierung und semantische Individualisierung bezeichnet: [22]
2.2.1 Plurale Individualisierung
Vor allem im Rahmen einer verlaufsorientierten Sozialstrukturanalyse (bzw. der quantitativen Lebensverlaufs-, Familien- oder Berufsforschung) wird die Beobachtung von Pluralisierung oder Diversifizierung von Lebensläufen (bzw. Partnerschafts- oder Erwerbsverläufen) zur Plausibilisierung von Individualisierungsprozessen herangezogen und ihr Fehlen als Hinweis zu ihrer Widerlegung angesehen (etwa MAYER & BLOSSFELD 1990, S.313). Mit Pluralisierung wird dabei in der Regel nichts anderes bezeichnet, als eine Vervielfältigung beobachtbarer Merkmalskombinationen oder Verlaufsmuster (vgl. die Definition von HUININK & WAGNER 1998, S.88). Wenn in diesem Sinne Pluralisierung die Richtigkeit der Individualisierungsthese belegen soll, muss ihr genauer die These zugrunde gelegt werden, dass Pluralisierung in einem direkten Zusammenhang mit Individualisierungsprozessen steht (plurale Individualisierung). Nur dann kann von beobachteter Pluralisierung direkt auf Individualisierungsprozesse geschlossen werden. [23]
Wenn Individualisierung sich jedoch nicht nur durch Handlungsresultate, sondern durch einen spezifischen Zurechnungsmodus (z.B. WOHLRAB-SAHR 1997)9) auszeichnet, versagt diese Form der Operationalisierung, da die zweite wesentliche Komponente die Deutungsebene fehlt, um Pluralisierung als Individualisierung zu qualifizieren. Die gleichen Daten können mit unterschiedlichen Deutungen verbunden werden, ohne dass entscheidbar wäre, welche Deutung nun plausibler ist. Damit die Frage beantwortbar wird, inwieweit diskontinuierliche Erwerbsverläufe auf individuelle Entscheidungen oder etwa allgemeine Globalisierungsprozesse zugerechnet werden müssen, die über die einzelnen Arbeitnehmer hereinbrechen, sind Handlungsresultate und Sinnzuschreibungen in ihrem Konstitutionszusammenhang zu analysieren. [24]
2.2.2 Semantische Individualisierung
Bleiben rasante Veränderungen auf der Ebene beobachtbarer Handlungsresultate aus, wird dies als Gegenevidenz zur Individualisierungsthese angesehen. Dann wird kritisiert, dass es sich bei der These um eine Individualisierungsideologie handele, da sich an Handlungspraxen und sozialen Ungleichheitsverhältnissen nichts Wesentliches verändern würde (bspw. KOPPETSCH & MAIER 1998). Andere Autoren sprechen von "Wunschdenken" oder einer sich wandelnden Selbstbeschreibung einer bestimmten sozialen Schicht (in diesem Sinne argumentieren etwa FRIEDRICHS 1998, S.7, MAYER 1991, S.683). Individualisierung kann dementsprechend nur als semantische Individualisierung interpretiert werden. [25]
Eine solche Trennung zwischen Handlungsresultaten und Handlungssinn übersieht, dass Handlungen erst durch ihren Sinn konstituiert werden. Verändert sich der Sinn, sind auch die Handlungen nicht mehr die gleichen10). Denn Handlungen besitzen keine eindeutige objektive Identität, sondern erhalten sie erst durch Zuschreibung eines Akteurs oder Beobachters (bereits DILTHEY 1959, S.51). Sozialer Wandel drückt sich jedoch nicht allein durch beobachtbare objektive Handlungsresultate oder neue Deutungsmuster aus, sondern auch durch veränderte Handlungslogiken, d.h. durch die Art und Weise, mit der Handlungen generiert werden. [26]
Wenn bspw. in der Partnerschaft trotz gewandelter Deutungsmuster eine unveränderte Arbeitsteilung realisiert wird, kann sie heute immer weniger mit traditionellen Geschlechterrollen begründet werden. Dadurch werden neue Aushandlungsprozesse (jenseits traditioneller Setzungen) notwendig, die auf neue Begründungsweisen (bspw. institutionelle Rahmenbedingungen, Einkommensdifferenzen, persönliche Vorlieben) zurückgreifen müssen. Damit werden wiederum alternative Arbeitsteilungsmuster denkbar, die zuvor durch Normalitätsannahmen bezüglich partnerschaftlicher Arbeitsteilung und der Natur von Männern und Frauen ausgeschlossen waren.11) [27]
Im Fall pluraler Individualisierung werden beobachtete Pluralisierung, Diversifizierung und nicht mehr auf formale Strukturindikatoren zurückführbare Lebensläufe als ein Ausdruck des Rückgangs struktureller Einflussfaktoren zugunsten autonomer individueller Entscheidungen aufgefasst. Sie würden sich quasi jenseits sozialer Strukturvorgaben konstituieren, denn das traditionelle Entsprechungsverhältnis zwischen Sinndeutungen und Strukturvorgaben wäre aufgebrochen (z.B. ESSER 2000, S.139). Ebenso erscheint im Fall semantischer Individualisierung kein Zusammenhang zwischen einem individuellen biografischen Sinnzusammenhang und strukturellen Einflüssen zu bestehen. Strukturelle Ungleichheiten reproduzierten sich "hinter dem Rücken" der Akteure unbemerkt und ohne durch deren Sinnzuschreibungen beeinflusst zu werden (vgl. WOHLRAB-SAHR 1992). [28]
Damit gehen beide Konzepte jedoch an der Individualisierungsthese soweit sie von BECK als Steigerungszusammenhang wachsender Institutionenabhängigkeit und Gestaltungsnotwendigkeit oder als "widersprüchliches Doppelgesicht institutionenabhängiger Individuallagen" (BECK 1986, S.210) formuliert wurde vorbei:12) [29]
Denn einerseits werden Gesellschaftsmitglieder abhängiger von den Leistungen und Zertifikaten etwa des Bildungssystems, den Verteilungsmechanismen des Arbeitsmarktes und den Leistungen des Sozialstaates. Andererseits erzeugen diese Institutionen jedoch auch neue Entscheidungszwänge und -möglichkeiten, in denen Handeln oder Unterlassen dem einzelnen zugerechnet werden. [30]
Dies kann etwa die Entscheidung für eine bestimmte Schulform sein, die Entscheidung nach der Mittleren Reife doch noch die allgemeine Hochschulreife zu erwerben, eine Familie zu gründen, sich scheiden zu lassen oder trotz der anstehenden Hochschulreform auf eine Wissenschaftskarriere zu setzen oder all dies nicht zu tun. Gleichzeitig können Strukturvorgaben neu kombiniert oder ausgestaltet, bisher Getrenntes kann vermischt oder neu bewertet, Ungewöhnliches mit Normalem verbunden werden. Es handelt sich dabei jedoch keineswegs um Beliebigkeit oder die Auflösung normativer Vorgaben, die das Individuum im strukturlosen Raum zurücklassen (vgl. etwa BURKART 1997, S.271). Vielmehr so die Individualisierungsthese im hier verstandenen Sinne hat sich der institutionelle Zugriff auf die Gesellschaftsmitglieder und damit auch die individuelle Herstellungslogik von Handlungen gewandelt. Welche Zusammenhänge mit Ressourcenverteilungen, alten oder neuen Ungleichheitsindikatoren und Handlungsweisen von Akteuren bestehen, ist dann die spannende, empirisch zu beantwortende Frage. [31]
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Die Analyse sozialstrukturellen Wandels auf der Meso- und Mikro-Ebene: institutionelle und personale Individualisierung
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Um sozialstrukturelle Veränderungen auf der Makro-Ebene im Sinne allgemeiner gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse deuten zu können, müssen die zugrundeliegenden Prozesse näher untersucht werden. Da nicht vorausgesetzt werden kann, dass institutionelle Veränderungen und individuelle Handlungsstrategien in einem eindeutigen Verhältnis stehen, muss deutlich unterschieden werden zwischen institutioneller und personaler Individualisierung. [32]
2.3.1 Institutionelle Individualisierung
Die bekannte Argumentationsfigur der Individualisierungsthese geht von einer institutionellen Perspektive aus. Durch Freisetzung und Entzauberung sind die Individuen zur Individualisierung gezwungen (bspw. BECK & BECK-GERNSHEIM 1994, S.14f.). Als Folge sozialer Wandlungsprozesse gehen Basissicherheiten verloren und muss sich jeder einzelne nach neuen Formen gesellschaftlicher Integration umschauen. Individualisierung könnte dann, ähnlich wie bei SCHIMANK (1985), der von veränderten Gesellschaftsformen auf neue Identitätstypen schließt, als eine Art institutioneller Determinismus oder als eine institutionelle Individualisierung aufgefasst werden. Die Institutionen setzen die Rahmenbedingungen, auf die alle Gesellschaftsmitglieder nur mit individualisierten Zurechnungsmodi antworten können. [33]
Wenn Individualisierung als gesamtgesellschaftlicher Wandlungsprozess verstanden werden soll, muss die Argumentation jedoch über die Ebene objektiver institutioneller Veränderungen hinausgehen etwa im Sinne einer stärker am Individuum ansetzenden Gesetzgebungspraxis. Entsprechend dem Diktum der Dualität von Struktur (GIDDENS 1988, S.77f.) müsste dann der Wandel von Handlungs- oder Strukturierungslogiken angeben können, mit denen Gesellschaftsmitglieder soziale Institutionen handlungspraktisch reproduzieren und modifizieren. Dem liegt ein dynamischer handlungspraktischer Institutionenbegriff zugrunde, der Institutionen nicht auf die Perspektive formaler Handlungsregulierung durch Gesetzgebung und Ausführungspraxis reduziert. Stattdessen werden sie auf die Handlungsweisen der Individuen zurückgeführt (GIDDENS 1984, S.25; 1988, S.69, S.77). [34]
2.3.2 Personale Individualisierung
Mit dem Bezug auf die Handlungspraxis der Gesellschaftsmitglieder ergibt sich jedoch eine weitere wichtige Unterscheidung für die Analyse gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse. Da ohne eine empirische Überprüfung nicht vorbehaltlos davon ausgegangen werden kann, dass institutionelle Individualisierung nur zu einer bestimmten Variante von individuellen Gestaltungsweisen führt, muss auch auf der Mikro-Ebene untersucht werden, inwieweit personale Individualisierungsprozesse beobachtbar sind. Entsprechend müsste der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich Individuen als "Planungsbüro in bezug auf [ihren] eigenen Lebenslauf .... [begreifen oder ein] aktives Handlungsmodell des Alltags [entwickeln], das das Ich zum Zentrum hat, ihm Handlungschancen zuweist und eröffnet und es auf diese Weise erlaubt, die aufbrechenden Gestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten in bezug auf den eigenen Lebenslauf sinnvoll kleinzuarbeiten"? (BECK 1986, S.217f.) Schließlich wäre ein Weg zu finden, wie ein entsprechendes Verhalten bzw. dessen Veränderung im Kohortenvergleich überprüft werden könnte. [35]
Zuvor sollen die angesprochenen Problembereiche das Verhältnis von Institutionen, Akteuren und Sozialstruktur sowie von objektiven Ereignissen zu subjektiven Deutungen näher erläutert werden. Auf dieser Grundlage wird das Konzept übersituativer Handlungslogiken vorgestellt, dass den folgenden empirischen Analysen und konzeptionellen Überlegungen zugrunde liegt. [36]
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Zum Verhältnis von Institutionen13) und Akteuren
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Gesellschaftliche Individualisierungsprozesse drücken sich in einem Steigerungsverhältnis von wachsender Institutionenabhängigkeit und damit einhergehender Gestaltungsnotwendigkeit aus. In diesem Zusammenhang wird häufig auf die zunehmende Bedeutung "sekundärer Institutionen" wie Arbeitsmarkt oder Sozialstaat (BECK 1986, S.211ff.) verwiesen, die individualisiertes Handeln ermöglichen und erzwingen würden. Beispielsweise hätte die Expansion des Sozialstaats nach dem zweiten Weltkrieg dazu geführt, dass auch vom Prozess der Individualisierung bisher ausgeschlossene Gruppen erfasst wurden: alte Menschen infolge des Ausbaus der Renten- und Krankenversicherung, Frauen vor allem infolge der Bildungsexpansion und die Gruppe der Armen infolge moderner Sozialhilfe (LEISERING 1997, S.157). Inwieweit jedoch der Wandel formaler Vorgaben wie der Sozialgesetzgebung zu gesellschaftlichen Individualisierungsprozessen führt, kann, der hier vertretenen Argumentation nach, nicht allein auf der Grundlage institutionellen Wandels (hier vor allem im Sinne einer sich ausbreitenden Sozialgesetzgebung) entschieden werden, sondern muss um die Praxis individueller Akteure ergänzt werden.14) Denn institutioneller Wandel kann einerseits Ausdruck einer veränderten individuellen Praxis sein, die beispielsweise in einem entsprechenden Gesetz Anerkennung und Regulierung erfährt. Andererseits kann eine Gesetzgebung jedoch auch einer neuen gesellschaftlichen Praxis vorangehen, beispielsweise, wenn aus rechtsdogmatischen oder politischen Gründen neue gesetzliche Regelungen eingeführt werden, die erst in die alltägliche Gestaltungspraxis und Biografie der Gesellschaftsmitglieder eingefügt werden müssen. In der Regel ist es jedoch beides: Pioniere oder Vorreiter forcieren die Einführung oder Veränderung von formalen Regelungen, die dann, wenn sie gelten, den Ausgangspunkt bilden können für neue Praktiken. Welche neuen Praktiken sich aus solchen formalen Veränderungen ergeben, bleibt jedoch eine offene, empirisch zu beantwortende Frage. Das Gleiche gilt, wenn die Veränderung oder Pluralisierung gesellschaftlicher Leitbilder (bspw. in öffentlichen Diskursen) als Indikator für voranschreitende Individualisierungsprozesse herangezogen wird. Ohne eine Verbindung zwischen den leitbildhaften Idealisierungen und der Handlungspraxis der Gesellschaftsmitglieder bleibt unklar, inwieweit Leitbilder zur Strukturierung individueller Handlungspraxis beitragen. [37]
Forschungspraktisch bedeutet dies, dass es für die Analyse allgemeingesellschaftlicher Individualisierungsprozesse nicht ausreicht, sozialstrukturelle und formal-institutionelle Handlungsbedingungen und -resultate zu untersuchen. Die Analyse solcher institutionellen Individualisierungsprozesse muss mit der Analyse individueller Handlungslogiken (die aus Handlungs- und Deutungsmustern abzuleiten wären) ergänzt werden, um personale Individualisierungsprozesse spezifizieren zu können. Denn sozialstrukturelle Veränderungen auf der Makro-Ebene (etwa steigende Scheidungsraten oder die Zunahme diskontinuierlicher Erwerbsverlaufsmuster) konstituieren sich aus den Aktivitäten von Gesellschaftsmitgliedern (Mikro-Ebene) in Auseinandersetzung mit ihren sozialen Handlungskontexten (Meso-Ebene). Dabei sind zusätzlich auch sozialstrukturelle Rückkopplungseffekte von der Makro- auf die Mikro-Ebene zu berücksichtigen, etwa im Sinne von Knappheitserfahrungen auf dem Arbeitsmarkt. Inwieweit Veränderungen auf der Makro-Ebene auf personale oder institutionelle Individualisierungsprozesse zurückgeführt werden können, ist dann eine empirische Frage. [38]
Um einen veränderten Reproduktionsmodus sozialer Strukturen empirisch aufzeigen zu können, ist entsprechend die Art und Weise zu untersuchen, mit der Handelnde soziale Strukturen in Auseinandersetzung mit Strukturvorgaben reproduzieren und verändern (bspw. doing gender, doing family, doing social structure). Da es nicht darum gehen kann, an die Stelle eines strukturellen Determinismus nun einen individuellen Voluntarismus zu setzen, muss gezeigt werden, inwieweit eine Reproduktions- oder Handlungslogik im Sinne der "Dualität von Struktur" (GIDDENS 1984, S.25ff.; 1988, S.77ff.) als Medium und als Ergebnis von Handlungen dargestellt werden kann und inwieweit sie in Zusammenhang mit spezifischen Handlungsbedingungen und -kontexten steht. [39]
Doch was ist unter Reproduktions- oder Handlungslogiken auf der Mikro-Ebene zu verstehen? Dazu ist vorerst das Verhältnis von objektiven Ereignissen zu subjektiven Deutungen, aus denen diese abgeleitet werden können, zu klären. [40]
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Zum Verhältnis von "objektiven" Ereignissen und "subjektiven" Deutungen
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Es wurde argumentiert, dass Versuche, die Individualisierungsthese mit Daten zu unterstützen oder zu widerlegen, die entweder allein auf der Ebene objektiver Ereignisse und Eigenschaften15) oder auf der Ebene individueller Handlungsorientierungen und Deutungsmuster16) zu verorten sind, scheitern müssen, da sich die Individualisierungsthese auf die Verknüpfung beider Seiten bezieht. Die Versuche, dies trotzdem zu tun, gehen mit impliziten Zusammenhangshypothesen einher (etwa zwischen bestimmten Verlaufs- und Deutungsmustern, Ereignissen und ihrer individuellen Zurechnung oder zwischen gesellschaftlichen Semantiken und individuellen Deutungsmustern), die erst überprüft werden müssen, um die Gültigkeit der Individualisierungsthese bestätigen oder widerlegen zu können. [41]
Diese Trennungslogik zwischen objektiv und subjektiv bzw. Makro- und Mikro-Ebene ist nicht zufällig, denn der Diskurs folgt damit der traditionellen Arbeitsteilung in der deutschen Sozialforschung. Auf der einen Seite steht eine an formalen Indikatoren (z.B. Geschlecht, Schulabschluss, Berufsstatus) orientierte Sozialstrukturanalyse, die von Verteilungen auf die ihnen zugrunde liegenden sinnhaften Handlungen schließt, statt die Bedeutungen der Handlungen aus der Perspektive der Handelnden selbst zum Gegenstand der Forschung zu machen. Das heißt auf der Grundlage großer Datensätze werden mit Strukturindikatoren wie Berufsstatus, Einkommen, Geschlecht, Alter usw. statistische Zusammenhänge zwischen Variablen oder Verlaufsmustern untersucht. Unter Rückgriff auf allgemeine Annahmen über die Handlungsrationalität von Akteuren, wie sie der Wissenschaftlerin oder dem Wissenschaftler durch eigene Erfahrungen oder Forschungsliteratur zur Verfügung stehen, werden dann die quantitativen Ergebnisse plausibilisiert. Dieses Verfahren ist insoweit erfolgreich, wie die Stabilitätsannahme der Handlungsrationalität nicht durch sozialen Wandel gefährdet erscheint oder die Handlungsrationalität einer spezifischen Subkultur nicht unbekannt ist (KELLE & LÜDEMANN 1995, zur "Gewohnheitsheuristik des Alltagswissens"). Immer dann, wenn diese Annahmen nicht zutreffen, versagt das Verfahren und es werden zusätzliche Forschungsanstrengungen erforderlich, in denen der Zusammenhang zwischen Deutungsmustern und Merkmalskombinationen bzw. Handlungspraktiken zum Gegenstand gemacht wird. [42]
Auf der anderen Seite steht eine an Deutungsmustern orientierte Einstellungs-, Identitäts- oder Biografieforschung. Sie ist sicher besser dazu geeignet, die Innenperspektive der Akteure, ihr Verständnis sozialer Wirklichkeit und Zusammenhänge mit sozialstrukturellen Bedingungskonstellationen zu untersuchen. Umgekehrt gerät in diesem Paradigma zuweilen die Handlungsrelevanz der ermittelten Sinnstrukturen aus dem Blick. Etwa wenn in der Biografieforschung ausschließlich auf Erzählungen rekurriert, aber nicht mehr auf weiteres objektives Material Bezug genommen wird, um biographische Verläufe zu rekonstruieren. Bei verschiedenen Versuchen, diese Trennungslogik zu überwinden, indem Einstellungsmuster mit Mustern soziodemografischer Merkmale korreliert werden (bspw. VESTER 1997), zeigt sich, dass Identitäten oder Deutungsmuster, wie sie in biografischen Interviews oder mit standardisierten Instrumenten erhoben werden, häufig nicht in einem eindeutigen Zusammenhang zu biografischen Handlungsweisen stehen (etwa BAETHGE, HANTSCHE, PELULL & VOSKAMP 1988, S.190ff., S.247). Denn die Logik, in der Subjekte Kontexterfahrungen17) ins Verhältnis zu eigenen Wünschen setzen und schließlich auf die Handlungsebene herunterbrechen, bleibt ausgeblendet. [43]
Wie kommt man jedoch von Handlungsresultaten und Deutungsmustern zu allgemeinen Handlungs- und Strukturierungslogiken des Lebenslaufs? Wie kann ein "neuer Modus der Vergesellschaftung" (BECK 1986, S.205) auf der individuellen Ebene analysiert werden? [44]
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Handeln und situationsübergreifende Handlungslogiken
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Was ist nun unter situationsübergreifenden Handlungslogiken zu verstehen? Es sind die Logiken, die Handlungsregelmäßigkeiten, -mustern oder -routinen zugrunde liegen.18) Auf Handlungslogiken können Handlungsresultate (auch im Sinne von Unterlassungen) und ihre Deutungen in verschiedenen Kontexten und unter unterschiedlichen Bedingungen zurückgeführt werden. Dabei reicht eine spezifizierte Handlungslogik jedoch nie aus, um bestimmte Handlungen vorherzusagen. Je nach Handlungskontext oder situationsspezifischen Bedingungen variieren die Folgen. [45]
Mit dem analytischen Rückgriff auf Handlungen (und nicht nur auf Identitäten, Wünsche, Orientierungsmuster oder Lebensentwürfe) und damit auf beobachtbare Resultate soll der Anschluss an Strukturphänomene auf der Makro-Ebene gewährleistet werden. Mit dem simultanen Bezug auf den Handlungssinn soll gleichzeitig die Unauflöslichkeit der Verbindung von Handlung und Handlungssinn gesichert werden. Dementsprechend sind nicht nur Handlungsresultate, sondern auch Handlungslogiken nur unter Bezug auf den individuell zugeschriebenen Sinn verstehbar bzw. ableitbar. Denn die gleichen Handlungsresultate können auf ganz unterschiedliche Weise zu Stande kommen und ihnen können ganz unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben werden. Umgekehrt können unterschiedliche Handlungsresultate auf die gleiche Logik zurückgeführt werden. Im Sinne einer doppelten Hermeneutik (z.B. GIDDENS 1988, S.338) handelt es sich bei übersituativen Handlungslogiken also um Konstrukte zweiter Ordnung (SCHÜTZ 1960). Sie sind entsprechend beobachterabhängige Konstruktionen, denen eine Mehrzahl unterschiedlicher Handlungen in verschiedenen Situationen zugeordnet werden können. [46]
Übersituative Handlungslogiken können nur durch den Vergleich von Handlungsweisen zu unterschiedlichen Zeitpunkten abgeleitet werden. Denn dann offenbaren sich die Verstrickungsverhältnisse zwischen sich wandelnden Deutungsmustern bzw. biografischen Erzählungen und Lebensverläufen (insbesondere Erwerbs- und Partnerschaftskarrieren). Es wird deutlich, wie neue Ereignisse nicht nur die Gegenwart und Zukunft verändern, sondern auch die Vergangenheitsdeutungen (z.B. bei der Berufswahl, HEINZ, KRÜGER, RETTKE, WACHTVEITL & WITZEL 1987, S.185). [47]
Dabei gilt es, auf der einen Seite die Handlungskontexte oder noch allgemeiner formuliert: die formalen Handlungsbedingungen zu untersuchen und auf der anderen die individuellen Deutungen der Handlungsbedingungen. Wie wird mit ihnen umgegangen? Welche Schlussfolgerungen werden gezogen? Wie werden sie ins Verhältnis gesetzt zu den eigenen Vorstellungen? Inwieweit sind die individuellen Vorstellungen durch die Handlungsbedingungen beeinflusst? Die Rückkopplung der biografischen Handlungen an die Handlungskontexte hilft zu entscheiden, inwieweit einzelne, möglicherweise von einer allgemeinen Handlungslogik abweichende Handlungen eine allgemeine Handlungslogik außer Kraft setzen oder allein situationsspezifisch zu interpretieren sind. So muss beispielsweise geklärt werden, ob eine Entscheidung für einen Betriebswechsel durch offensichtliche Unterbezahlung zustande kommt, also als situative Reaktion zu interpretieren ist, oder ob das Einkommen bei allen biografischen Entscheidungen als zentrales Kriterium dient und sich somit eine allgemeine übersituative Handlungslogik ausdrückt. [48]
Die Forschungsfrage lautet: Inwieweit lassen sich ähnliche Umgangsweisen mit Kontexterfahrungen zu übersituativen Logiken gruppieren, denen ganze Bündel von kontextspezifischen Handlungsmustern verschiedener Personen zugeordnet werden können? (vgl. Tabelle 2)

Tabelle 2: Beispiel für ein Verhältnis von übersituativen Handlungslogiken zu biographischen Einzelentscheidungen [49]
Im Rahmen des Individualisierungsdiskurses bestehen nicht nur die bereits erläuterten Gefahren des Fehlschlusses von institutioneller auf personale Individualisierung und von bestimmten Handlungsresultaten auf ihren Handlungssinn, sondern es besteht auch die Gefahr, von einem veränderten Vergesellschaftungsmodus oder einer individuellen Handlungslogik auf bestimmte Handlungsresultate zu schließen. Wenn die Individualisierungsthese richtig ist, und damit die These eines sich grundlegend wandelnden Vergesellschaftungsmodus, dann stellt sich die Frage, wie sich diese Veränderungen in den Handlungslogiken der Akteure zeigen. Ist es nur eine Frage der Selbst- oder Fremdzurechnung von Handlungen? Liegt der Kern in einem "aktiven Handlungsmodell des Alltags" und einem "ich-zentrierten Weltbild" (BECK 1986, S.217)? Sind ganz neue Umgangsweisen mit Strukturerfahrungen zu beobachten, die sich von allem bisher Dagewesenen unterscheiden? Oder handelt es sich eher um eine Modifikation von Bekanntem, während sich an der Handlungslogik nichts Grundlegendes ändert? Also verschreibt man sich beispielsweise nicht mehr der christlichen Kirche, sondern entscheidet sich für einen Glauben, der den persönlichen Vorstellungen entspricht und bleibt dann dabei.19) [50]
Im vorangegangenen Abschnitt wurde bereits herausgestellt, dass eine neue, individualisierte Handlungslogik nur durch eine gleichzeitige Analyse von Handlungsresultat und Handlungssinn identifiziert werden kann. Dabei ist diese Möglichkeit, eine spezifische individualisierte Handlungspraxis zu identifizieren, Voraussetzung dafür, Strukturphänomene auf der gesellschaftlichen Makro-Ebene eher auf personale oder institutionelle Individualisierung bzw. bestimmte Verstrickungsverhältnisse beider Ebenen oder auf ganz andere soziale Veränderungen zurückzuführen (etwa Kollektivierungsprozesse, vorübergehende Moden oder einen wirtschaftlichen Wachstumsschub). Damit stellt sich die Frage nach den konkreten empirischen Forschungsstrategien. Wie kann einerseits eine Handlungs- oder Strukturierungslogik aus der Akteursperspektive identifiziert werden und andererseits ihre Verallgemeinerbarkeit zur Überprüfung der Individualisierungsthese als einem allgemeinen gesellschaftlichen Wandlungsprozess sichergestellt werden?

Tabelle 3: Qualitative und quantitative Daten und ihre Verbindung auf drei Analyseebenen [51]
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Empirische Forschungsstrategien
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Im vorangegangenen Abschnitt wurde argumentiert, dass auf der Datenebene eine Integration von Handlungsresultaten und Handlungssinn essentiell für die Untersuchung von Individualisierungsprozessen sei. Erst mit dem Rückgriff auf individuelle Handlungslogiken könne unterschieden werden, inwieweit sozialstrukturelle Veränderungen (etwa zunehmende Scheidungsraten oder destandardisierte Erwerbsverläufe) auf institutionelle oder personale Individualisierungsprozesse zurückgeführt werden können oder anderen gesellschaftlichen Veränderungen zugerechnet werden müssen. Dazu erscheint es notwendig, in verschiedenen Forschungsphasen qualitative und quantitative Forschungsstrategien zu kombinieren. Denn die auf der Analyse formaler Strukturindikatoren (bspw. MAYER 1991, MAYER & BLOSSFELD 1990) beruhenden quantitativen Studien, mit denen Pluralisierungs- oder Destandardisierungsprozesse spezifiziert werden, sagen für sich genommen nichts über die zugrunde liegenden Deutungsmuster der Akteure aus. Diese können heute jedoch nicht mehr unüberprüft aus einem bisher geteilten gesellschaftlichen Wissenskorpus entnommen werden, da die Individualisierungsthese, mit der These eines neuen Vergesellschaftungsmodus, gerade auf den Wandel und die strukturelle Änderung dieses gemeinsamen Wissens zielt. Deswegen erscheint es notwendig, bisher unhinterfragte Selbstverständlichkeiten bezüglich des Zusammenhangs von Handlungs- und Deutungsmustern mit in den Blick zu nehmen.20) [52]
Dieses Problem kann nicht einfach mit einer quantitativen Strategie gelöst werden, bei der formale Verlaufsmuster mit Einstellungsfragen korreliert werden. Denn die statistische Korrelation sagt nur wenig über die individuelle Handlungslogik aus, die von Akteuren aus der Auseinandersetzung mit biografischen Kontexten generiert wird. Diese Logik, die sich weder allein aus individuellen Handlungs- noch aus individuellen Einstellungsmustern, sondern nur aus deren Verbindung im Zeitverlauf ableiten lässt, müsste unter den heutigen Bedingungen vermeintlich gewandelter Verhältnisse erst in einer qualitativen Studie spezifiziert werden, bevor versucht werden kann, sie in ein valides standardisiertes Messinstrument zu transformieren, um sie auch in ihrer quantitativen Bedeutsamkeit überprüfen zu können (siehe hierzu auch Abschnitt 2.4).21) [53]
Qualitative Fallstudien eröffnen soweit sie sich auf Lebensläufe und deren biografische Beschreibungen beziehen und nicht nur auf die Rekonstruktion von Einstellungsmustern, Werthaltungen oder Lebensentwürfen die Möglichkeit, die Verbindung zwischen Deutungsmustern und Handlungsresultaten im Lebenslauf zu rekonstruieren. Die Verallgemeinerbarkeit solcher Studien wird jedoch fragwürdig, wenn sie sich auf Einzelfälle, Spezialgruppen (bspw. Pioniere, Eliten, aus gesellschaftlichen Teilbereichen exkludierte Personen) und aus der Theorie oder dem Alltagswissen von Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftlern abgeleitete Normalitätsunterstellungen stützen statt auf die systematische Kontrastierung von besonderen mit normalen Gruppen.22) Um die Wahrscheinlichkeit möglichst zu maximieren, dass die im Vergleich zu quantitativen Studien aus relativ wenigen Fällen23) abgeleiteten Aussagen (Konstrukte oder Typologien) verallgemeinerbar sind, und um die Gefahr unbeobachteter Heterogenität gering zu halten, bedarf es einer systematischen Auswahl der qualitativen Stichprobe. Deswegen empfiehlt sich auch bei der Ziehung der qualitativen Stichprobe (Merkmale: inhaltliche Repräsentativität, gezielte Fallauswahl, Einzelfallanalyse) die Kombination mit einer quantitativen Auswahllogik (Merkmale: statistische Repräsentativität, Zufallsauswahl bzw. Vollerhebung). Werden beispielsweise in einer standardisierten (statistisch) repräsentativen oder geschichteten Vorstudie für bedeutsam erachtete Merkmale wie formale Strukturindikatoren (bspw. Geschlecht, soziale Herkunft, Schulabschluss) oder bestimmte Lebenserfahrungen (bspw. Scheidung, Erwerbslosigkeit, Drogenkonsum, Abtreibung) erhoben, können diese Informationen für die Ziehung der qualitativen Stichprobe genutzt werden. Durch die optimale Platzierung der Fälle und gezielte Fallkontrastierungen bezüglich der für die Forschungsfragestellung als bedeutsam erachteten Merkmale kann die Wahrscheinlichkeit systematischer Verzerrungen wenn auch nicht gänzlich beseitigt so doch deutlich verringert werden (vgl. KLUGE 2001). [54]
Des weiteren können standardisierte und qualitative Erhebungsverfahren kombiniert werden, wenn wie in der Lebenslauf- oder Biografieforschung üblich Erwerbs-, Partnerschafts- oder ganze Lebensläufe rekonstruiert werden sollen. Wird einer Erhebungswelle qualitativer Interviews eine standardisierte Untersuchung vorangestellt, bei der bereits Lebenslaufdaten erhoben wurden, können diese Daten nicht nur für die Fallauswahl, sondern auch für gezielte Nachfragen im Gespräch genutzt werden. Umgekehrt können qualitative Interviews dazu dienen, formale Verläufe zu überprüfen und zu korrigieren. Damit kann die Qualität der standardisiert erhobenen Daten besser eingeschätzt werden (vgl. KLUGE 2001). [55]
Im Folgenden soll an einem Beispiel aus der Lebenslaufforschung gezeigt werden, wie die Kombination qualitativer und quantitativer Daten und Methoden genutzt werden kann, um Individualisierungsprozesse fundierter als bisher zu untersuchen. [56]
In einer Studie über Statuspassagen in die Erwerbstätigkeit (vgl. HEINZ, BOGUN, HELLING, MÖNNICH & WITZEL 1991, HEINZ, WITZEL, KELLE, MIERENDORFF & ZINN 1996; KÜHN & ZINN 1998; MÖNNICH & WITZEL 1994) wurden systematisch quantitative und qualitative Forschungsstrategien aufeinander bezogen, um die subjektiven Orientierungen und typischen Formen des individuellen Umgangs mit Erwerbserfahrungen in den ersten Berufsjahren vor dem Hintergrund sozialstruktureller Kontextbedingungen zu untersuchen. Dazu wurden junge Fachkräfte in zwei Arbeitsmarktregionen mit unterschiedlichen Chancenstrukturen (Bremen und München) ausgewählt, die ihre Berufsausbildung in einem von sechs unter den zehn am stärksten besetzten Ausbildungsberufen (Bankkauffrau/mann, Bürokauffrau/mann, Maschinenschlosser/in, Kfz-Mechaniker/in, Einzelhandelskaufmann/frau, Friseur/in) 1989/90 erfolgreich abschlossen. Im Makro-Panel wurden dieselben jungen Fachkräfte viermal mittels standardisierter Fragebögen befragt, zum Abschluss der Lehre (1989, n = 2230) sowie zwei, fünf und acht Jahre (1997, n = 989) danach. Parallel zu den ersten drei Erhebungswellen des Makro-Panels wurden die jungen Erwachsenen in einem Mikro-Panel mittels qualitativer leitfadengestützter Interviews befragt. Dabei wurde die Stichprobe der ersten Welle (n = 194) in der zweiten Welle systematisch reduziert (n = 113). In der dritten Welle konnten noch 91 Personen interviewt werden, für die somit Interviewmaterial über alle drei Wellen vorlag. [57]
Bei der Erhebung und Auswertung des Mikro- und Makro-Panels erwies sich die Kombination qualitativer und quantitativer Daten und Strategien insbesondere auf drei Ebenen als nützlich, die auch für die Bearbeitung der Individualisierungsthese relevant erscheinen:
Bei der Ziehung der qualitativen Stichprobe, die als Grundlage für verallgemeinerbare Forschungsergebnisse dienen sollte (HEINZ et al. 1991, S.19ff.),
bei der Entwicklung einer Typologie subjektiver Orientierungen und erwerbsbiografischer Handlungsweisen in den ersten Erwerbsjahren der Typologie "berufsbiografischer Gestaltungsmodi" (BGM) bei der systematisch Handlungsresultate und Deutungsmuster aufeinander bezogen wurden (vgl. WITZEL & KÜHN 1999, 2000) und
bei der Quantifizierung der qualitativ entwickelten Typologie erwerbsbiografischer Handlungsweisen, wobei statistische Korrelationen und qualitativ gewonnene Typen zur wechselseitigen Überprüfung und Einschätzung der Ergebnisse herangezogen wurden, die Aussagen zur quantitativen Verteilung der Typen im Makro-Panel erlaubten (vergleiche auch SCHAEPER & WITZEL 2001). [58]
Im Folgenden wird gezeigt, inwieweit diese Strategien der Verknüpfung qualitativer und quantitativer Daten und Methoden, auch für die Untersuchung der Individualisierungsthese genutzt werden können: [59]
Zuerst wird im Abschnitt 3.1. der Frage nachgegangen, was bei der Ziehung einer Stichprobe zu beachten ist, wenn aus den Ergebnissen möglichst allgemeine Aussagen über gesamtgesellschaftliche Entwicklungsprozesse abgeleitet werden sollen. Im Anschluss daran wird in Abschnitt 3.2 diskutiert, inwieweit die in dieser Studie im Kontext der Lebenslaufforschung entwickelte Längsschnitt-Typologie von Handlungs- und Strukturierungslogiken, die Typologie berufsbiografischer Gestaltungsmodi (BGM), als eine Strategie aufgefasst werden kann, personale Individualisierungsprozesse empirisch zugänglich zu machen, und im Abschnitt 3.3 wird erörtert, welche Aussagen sich aus den BGM bezüglich gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse ableiten lassen. Schließlich wird im Abschnitt 3.4. erläutert, welche Vorteile die Kombination qualitativer und quantitativer Daten bei der Übersetzung einer qualitativ gewonnenen Typologie in ein standardisiertes Erhebungsverfahren mit sich bringt und welche Perspektiven eine solche standardisierte Typologie für die Untersuchung gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse insbesondere das Verhältnis von institutioneller zu personaler Individualisierung eröffnet. [60]
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Sampling-Strategien in der qualitativen Forschung gehorchen einer anderen Logik als in der quantitativen Forschung, bei der die Zufallsauswahl als beste Lösung angesehen wird (z.B. SCHNELL, HILL & ESSER 1999), um von der Stichprobe auf eine angebbare Grundgesamtheit zu schließen (statistische Repräsentativität). Vielmehr geht es in der qualitativen Forschung eher um die Frage der Generalisierbarkeit24) der Ergebnisse, im Sinne einer inhaltlichen Repräsentation einer Problemkonstellation (MERKENS 1997, S.100) oder theoriegeleiteten Repräsentativität (PREIN, KLUGE & KELLE 1994, S.6). Hierbei repräsentiert die qualitative Stichprobe nicht die quantitative Verteilung von Merkmalen, sondern eine spezifische Problemkonstellation25), damit die Ergebnisse auf ähnliche Problemstellungen anderer Gruppen oder Bereiche übertragen werden können. Deshalb wird mit der Stichprobenziehung versucht, mit Merkmalen, die als relevant erachtet werden, einen großen Variantenreichtum möglicher Problemkonstellationen zu gewährleisten (vgl. etwa PATTON 1990, S.172; KÜCHLER 1983, S.26), um die Typik von Wirkungszusammenhängen hinreichend zu erfassen (vgl. KELLE & KLUGE 1999, S.46ff.). Dieser Logik folgt auch das in der qualitativen Forschung verbreitete Theoretical Sampling (GLASER & STRAUSS 1970): Hiermit wird nicht von einem im Vorhinein festgelegten Stichprobenplan ausgegangen, sondern die theoriegeleitete Erweiterung der Stichprobe im Forschungsverlauf ist explizit vorgesehen. Mit der Hinzunahme von kontrastierenden Fällen wird der Anwendungsbereich der Theorie spezifiziert und abgesichert bzw. der rekursive Ausbau der Theorie bis zur theoretischen Sättigung vorangetrieben (GLASER & STRAUSS 1967; STRAUSS & CORBIN 1990).26) [61]
3.1.1 Ein Beispiel aus der beruflichen Sozialisationsforschung
Thema des bereits dargestellten Forschungsprojekts Statuspassagen in die Erwerbstätigkeit waren die subjektiven Orientierungen und typischen Umgangsweisen junger Fachkräfte in den ersten Berufsjahren vor dem Hintergrund sozialstruktureller Rahmenbedingungen. Das Design des Projekts beinhaltete von vornherein einen quantitativen und einen qualitativen Forschungsstrang (HEINZ et al. 1996), die in allen Forschungsphasen füreinander nutzbar gemacht werden konnten (siehe Paragraph 57). Bei der qualitativen Stichprobenziehung konnte auf die standardisierte Erhebung zurückgegriffen werden, um ein zweistufiges Stichprobenverfahren zu realisieren. [62]
Grundlegend für das Forschungsdesign des Projekts (vgl. HEINZ et al. 1991, S.15ff.) waren die theoretischen Annahmen, dass sich regional-, berufs- und geschlechtsspezifische Strukturen auf die Berufseinmündungsprozesse von Jugendlichen niederschlagen und die erfolgreiche Bewältigung der ersten Schwelle dem Übergang von der Schule in die Berufsausbildung bereits eine entscheidende Bedingung für die Chancenrealisierung der zweiten Schwelle dem Übergang von der Ausbildung in den Beruf darstellt. Um unterschiedliche regionale Arbeitsmarktbedingungen systematisch in den Blick nehmen zu können, wurden auf der Grundlage einer regional vergleichenden Strukturanalyse der Ausbildungs- und Arbeitsmarktsituation (vgl. BAUMEISTER & BOGUN 1991) zwei städtische Arbeitsmärkte, einmal mit guter (München) und einmal ungünstiger Ausbildungs- und Arbeitsmarktsituation (Bremen) ausgewählt. Eine weitere wichtige Vorannahme bestand in der Berufsspezifik der Arbeitsmarktsituation. Aus diesem Grund wurde die Stichprobe nach Ausbildungsberufen mit hohen (Kraftfahrzeugmechaniker/in, Friseur/in, Einzelhandelskaufmann/frau) und mit niedrigen Beschäftigungsrisiken (Bankkaufmann/frau, Bürokaufmann/frau, Maschinenschlosser/in) differenziert, wobei gleichzeitig die Geschlechtsspezifik Beachtung fand. Sowohl typische Frauenberufe (Friseur/in, Bürokauffrau/mann), typische Männerberufe (Maschinenschlosser/in, Kraftfahrzeugmechaniker/in) wie auch typische Mischberufe (Bankkaufmann/frau, Einzelhandelskaufmann/frau) wurden berücksichtigt. [63]
Auf der Grundlage dieser theoriegeleiteten Vorüberlegungen wurden mittels einer standardisierten Befragung die Bildungs- und Beschäftigungsverläufe sowie weitere formale Merkmale wie Schulabschluss, Geschlecht, Geburtsjahr, die Teilnahme an berufsvorbereitenden Maßnahmen, Übernahmeangebot des Ausbildungsbetriebs etc. erhoben. Um möglichst umfassende Daten zu erhalten, die die ganze Spannbreite der Erfahrungskonstellationen Bremer Auszubildender in den sechs ausgewählten Berufen dieses Jahrgangs erfassen, wurde in Bremen eine Vollerhebung aller Auszubildenden durchgeführt, die zu einem bestimmten Stichtag die Berufsschule besuchten; in München wurde eine vergleichbare Stichprobe gezogen (vgl. HELLING & MÖNNICH 1991; HEINZ et al. 1991). [64]
Die standardisierte Fragebogenerhebung kann als erste Stufe der qualitativen Stichprobenziehung aufgefasst werden, denn die standardisierte Erhebung, bei der gleichzeitig die Bereitschaft für die Durchführung qualitativer Interviews eingeholt wurde, stellte die Ausgangspopulation für die folgende Auswahl der qualitativen Interviewpartner/innen dar. Auf der Grundlage der erhobenen Merkmale und Verläufe wurde in der zweiten Stufe der qualitativen Stichprobenziehung eine optimale Platzierung der Fälle entlang der als theoretisch relevant eingeschätzten Merkmale und individueller Verlaufsmuster gewährleistet. Aus jeder Berufsgruppe wurden für die erste Interviewwelle je 30 Personen kriteriengeleitet ausgewählt, die sich gleichermaßen auf die beiden Regionen mit guten und eher ungünstigen Arbeitsmarktaussichten verteilten. Weitere Indikatoren, nach denen die Fallauswahl variiert wurde, waren: Geschlecht, die Übergangsform in die Lehre (direkt/nicht-direkt), Schulabschluss (Abitur, Mittlere Reife usw.) und Übernahmeerklärung des Ausbildungsbetriebs (ja, nein, Bedingung). Schließlich wurden zusätzlich Fälle mit besonders auffallenden Übergangsformen oder ungewöhnlichen Merkmalskombinationen ausgewählt, um die Reichweite der angestrebten qualitativen Typologie durch die Konfrontation mit möglichen Ausreißern optimieren zu können (vgl. ZINN 2001a; MÖNNICH & WITZEL 1994, S.266; HEINZ et al. 1991, S.20ff.). [65]
Durch die quantitative (Vor-) Untersuchung konnte die qualitative Stichprobe bezogen auf die ausgewählten Merkmale (Geschlecht, Schulabschluss, Region, Beruf, Übergangsform an der ersten Schwelle usw.) systematisch variiert werden. Inwieweit die Bedingungen der beiden Arbeitsmarktregionen und der ausgewählten Berufe auf andere Arbeitsmärkte bzw. Berufe übertragbar sind oder im weiteren Untersuchungsverlauf noch gelten, müssen weitere Untersuchungen zeigen27). Das Stichprobendesign gewährleistete jedoch, dass die Wahrscheinlichkeit von systematischen Verzerrungen bezogen auf die erhobenen Strukturindikatoren gering gehalten werden konnte. [66]
Wie sieht nun ein adäquates Stichprobendesign zur Untersuchung von Individualisierungsprozessen aus? [67]
3.1.2 Stichprobendesign zur Untersuchung der Individualisierungsthese
Für die systematische Untersuchung der Individualisierungsthese ist es bspw. notwendig, sich von der ausschließlichen Untersuchung spezifischer Sondergruppen wie sogenannte Pioniere oder Vorreiter zu verabschieden (bspw. BONSS & KESSELRING 1998), wenn die gesellschaftliche Reichweite von Individualisierungsprozessen untersucht werden soll. Vielmehr müssen solche Sondergruppen in einem vergleichend angelegten Sample integriert werden. Nur dann kann entschieden werden, inwieweit es sich bei möglichen Individualisierungsprozessen um bereichsspezifische Prozesse handelt, die sich in unterschiedlicher Weise auf das Beschäftigungssystem, die Gestaltung der Partnerschaft oder die Freizeitgestaltung beziehen, um gruppenspezifische Entwicklungen, die bestimmte Berufe, Altersgruppen oder soziale Schichten betreffen oder allgemeingesellschaftliche Entwicklungsprozesse, die sich auf allen Ebenen in vergleichbarer Weise bemerkbar machen. Damit soll nicht für "allumfassende Studien" plädiert werden, vielmehr geht es darum, je nach Themenfeld hinreichende Kontrast- oder Kontrollgruppen mit zu berücksichtigen, um besondere Entwicklungen von allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen unterscheiden und im Hinblick auf die jeweiligen sich wandelnden Handlungsbedingungen in einem Bereich oder für eine Gruppe (institutionelle Individualisierung) kontextualisieren zu können. [68]
Auch bei der Untersuchung der Individualisierungsthese sind vor der Sampleziehung Überlegungen anzustellen, welcher Phänomenbereich im Hinblick auf Individualisierungsprozesse untersucht werden soll. Zur Frage nach einer sich ausbreitenden Arbeitsmarktindividualisierung wäre zuerst die Frage nach theoretisch relevanten und entsprechend zu variierenden Merkmalen zu beantworten. Beispielsweise könnte der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Zunahme des Anteils befristeter Tätigkeitsverhältnisse in Zusammenhang mit personalen Individualisierungsprozessen steht. Die Stichprobe wäre dann zunächst nach dem Merkmal Erwerbsstatus zu schichten (beispielsweise mit den Merkmalsausprägungen Normalarbeitsverhältnis, befristete Tätigkeit und Erwerbslosigkeit). Wird die These der Umdefinition von Arbeit untersucht, könnte zusätzlich nach ehrenamtlicher Arbeit oder Hausarbeit gefragt werden. [69]
Zielt eine Untersuchung dagegen auf Individualisierungsprozesse im Bereich der Partnerschaft man denke beispielsweise an die Scheidungsraten, die sowohl als Bedeutungsverlust wie -zuwachs der Institution Familie interpretiert werden können (vgl. FURSTENBERG 1987) und entsprechend mit Prozessen der Freisetzung und Entzauberung in Verbindung gebracht werden , wäre eine entsprechende Stichprobe nach den relevant erscheinenden Beziehungsformen zu schichten, etwa mit den Merkmalsausprägungen feste Partnerschaft bzw. Ehe und Single, die kombiniert werden können mit der Frage, ob Kinder betreut werden oder nicht. Weitere Merkmale, für die vermutet wird, dass sie in Zusammenhang mit Einstellungen und Handlungsweisen stehen, wie Scheidungserfahrungen oder verschiedene Partnerschaftsformen, können als zusätzliche Kriterien mittels eines standardisierten Fragebogens erhoben werden, um später für die gezielte Auswahl der Fälle zur Verfügung zu stehen. [70]
Wird vermutet, dass es sich bei Arbeitsmarktindividualisierung oder Veränderungen im Bereich der Partnerschaft um schicht- oder milieuspezifische Phänomene handelt (bspw. FRIEDRICHS 1998, S.7; TREIBEL 1996, S.431), kann bei der Stichprobenziehung zusätzlich anhand eines Indikators sozialer Schichtzugehörigkeit variiert werden (bspw. nach den Berufen bzw. Bildungsabschlüssen der Eltern und/oder der Befragten). Für die These geschlechtsspezifischer Unterschiede muss entsprechend nach Frauen und Männer differenziert werden. [71]
Sollen solche oder ähnliche Faktoren bei der (qualitativen) Untersuchung systematisch berücksichtigt und die systematische Verzerrung der Stichprobe durch weitere Faktoren minimiert werden, bietet sich die Kombination qualitativer und quantitativer Verfahren in einem zweistufigen Stichprobendesign an.28) Um Effekte unbeobachteter Heterogenität, etwa durch organisationsspezifischen, schichtspezifischen, regionalen oder ähnlichen Feldzugang gering zu halten, ist eine Zufallsstichprobe die nach wie vor beste Lösung. Wenn zu befürchten ist, dass bestimmte theoretisch bedeutsame Spezialgruppen (etwa Alleinerziehende, Arbeitslose) unterrepräsentiert sind, kann die Stichprobe zusätzlich geschichtet werden, um eine hinreichend große Anzahl an Personen mit vielfältigen Merkmalskombinationen zu erfassen. Das ist wichtig, weil auf die Heterogenität der quantitativen Stichprobe in einem zweiten Schritt theoriegeleitet zurückgegriffen wird. Entsprechend einer qualitativen Forschungslogik, wie bspw. beim Theoretical Sampling (GLASER & STRAUSS 1970), können dann aus der quantitativen Stichprobe, nach theoretisch als relevant erachteten Merkmalskombinationen (etwa soziale Herkunft, Geschlecht, Alter) gezielt Fälle ausgewählt werden. Die quantitative Stichprobe gibt in einem solchen Design die Grenzen an Problemkonstellationen und Wirkungszusammenhängen vor, auf die sich die theoriegeleitete Fallauswahl und später die gewonnenen Forschungsergebnisse beziehen. Sind bestimmte Personenkreise nicht in die quantitative Stichprobe gelangt, bleiben sie aus der Analyse ausgeschlossen, wenn nicht ein neuer Zugang zum Feld gesucht wird.29) [72]
Die Grundidee der Kombination qualitativer und quantitativer Forschungsstrategien, die im Verfahren der zweistufigen Stichprobenziehung zur Anwendung kommt, kann bspw. auch dann genutzt werden, wenn die im Rahmen des Individualisierungsdiskurses diskutierte These der Zunahme diskontinuierlicher oder fragmentierter Lebensläufe (Patchwork-Biografien) als Anzeichen zunehmender gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse überprüft werden soll. Dafür wären vorerst in einer standardisierten Befragung formale Erwerbsverläufe zu erheben und in einem ersten quantitativen Auswertungsschritt, soweit möglich, nach Verlaufsmustern zu typisieren30). In einem zweiten Schritt würden diesmal aus den jeweiligen Verlaufstypen zu gleichen Teilen Probandinnen und Probanden für die qualitative Analyse gezogen, wobei wiederum nach weiteren Merkmalen differenziert werden sollte (vgl. ERZBERGER & KLUGE 2000 sowie KLUGE 2001). Damit wären durch die Kombination quantitativer und qualitativer Forschungsstrategien Aussagen über das Verhältnis von Verlaufs- und Deutungsmustern möglich. [73]
Inwieweit sich Deutungsmuster verändern oder der Vergesellschaftungsmodus auf der individuellen Ebene gleich bleibt, kann zudem besser im Paneldesign untersucht werden als in einer einzelnen retrospektiven Erzählung, wie das in der Biografieforschung üblich ist (vgl. KLUGE 2001). Werden die Lebensgeschichten möglichst zeitnah zu den verschiedenen Situationen und Phasen des Lebensverlaufs erzählt, kann ihr Wandel besser kontrolliert werden als bei einer einzelnen Befragung. Entsprechend wäre auch für die Untersuchung der Individualisierungsthese die Parallelführung eines quantitativen und eines qualitativen Panels zu empfehlen. Denn im Vergleich der Interpretationsmuster und Handlungsweisen zu verschiedenen Erhebungszeitpunkten können allgemeine biografische Integrationsmodi von situationsspezifischen Handlungsweisen besser unterschieden werden. Das gilt auch für den Grenzfall, dass kein übersituatives Muster beobachtbar ist. Damit kann die viel diskutierte Frage untersucht werden, ob sich Individualisierung in einem bestimmten Modus ausdrückt (beispielsweise auf seine innere Stimme zu hören und sich situationsspezifisch zu entscheiden) oder kein bestimmter Modus mehr durchgehalten wird, sondern zwischen verschiedenen üblichen Modi häufig gewechselt wird (bspw. von einem traditionellen Muster zu einem situativ-kontextuellen, von einem rationalen zu einem metaphysisch-magischen und wieder zurück). [74]
Ziel der hier vertretenen Stichprobenstrategie ist es immer, bezüglich bestimmter, theoretisch als relevant erachteter Merkmale systematische Verzerrungen bzw. Lücken in der Auswahl zu vermeiden, um damit die Reichweite der getroffenen Aussagen nicht unnötig und unkontrolliert einzuschränken bzw. die ohnehin schwierige These der Verallgemeinerbarkeit der qualitativ gewonnenen Ergebnisse nicht von vornherein zu gefährden. Die Beispiele zeigen jedoch, dass für die qualitative Stichprobenziehung sehr schnell die Möglichkeiten erschöpft sind, einen variantenreichen Merkmalsraum zu kontrollieren. Unterscheidet man nur zwischen zwei Geschlechtern (weiblich, männlich) und drei Erwerbsstatus (Normalarbeitsverhältnis, befristete Erwerbstätigkeit, Erwerbslosigkeit), wären sechs Felder mit Fällen zu besetzen. Werden für jede Merkmalskombination wenigstens zehn Fälle interviewt, wären das bereits 60 qualitative Interviews. Deshalb ist es zu empfehlen entsprechend dem Ideal möglichst guter Platzierung auch bei der Fallauswahl innerhalb der Zellen nach weiteren Merkmalen zu variieren, um zufällige Klumpungen bezüglich relevanter Merkmale (bspw. soziale Herkunft, Alter, Familienstand) auszuschließen. Damit kann das Problem unkontrollierter Einflüsse (unbeobachtete Heterogenität) zwar nicht völlig ausgeschlossen, jedoch bereits durch einen systematischen Stichprobenplan gering gehalten und damit die Qualität der Stichprobe maximiert werden (vgl. KLUGE 2001). [75]
In diesem Abschnitt wurde argumentiert, dass bereits bei der Planung des Stichprobendesigns, das zur Untersuchung von Prozessen allgemeinen gesellschaftlichen Wandels dient, wie sie von der Individualisierungsthese postuliert werden, eine Kombination qualitativer und quantitativer Forschungsstrategien unerlässlich erscheint, um die Güte und Verallgemeinerbarkeit (inhaltliche Repräsentativität) der aus dem qualitativen Sample abgeleiteten Aussagen zu optimieren. Das ist besonders wichtig, wenn darüber hinaus angestrebt wird, eine qualitativ ausgearbeitete Typologie in ein standardisiertes Instrument zu transformieren und an einer größeren Population zu erproben. [76]
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Die Typisierung biografischer Handlungslogiken
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Wie kann nun eine Typologie von Integrationsmodi entwickelt werden, die dazu geeignet ist, personale Individualisierungsprozesse zu beschreiben? Das soll an einem Beispiel aus der bereits erwähnten Studie über junge Fachkräfte, der Typologie Berufsbiografischer Gestaltungsmodi (BGM)31), gezeigt werden. Da die Typologie nicht mit der Absicht entwickelte wurde, gesellschaftliche Individualisierungsprozesse zu untersuchen, müssen gewisse Einschränkungen in Kauf genommen werden. Das betrifft insbesondere die Beschränkung auf einen bestimmten Gegenstandsbereich die Gestaltung der ersten Berufsjahre junger Fachkräfte mit erfolgreich abgeschlossener Berufsausbildung und die Dimensionalisierung der Typologie32). Gleichwohl müssten sich, wenn die Individualisierungsthese richtig ist, in dem untersuchten Lebensabschnitt und dem primären Untersuchungsfeld (erste Erwerbsjahre) Hinweise auf Individualisierungsprozesse wiederfinden. [77]
Der Schwerpunkt der folgenden Ausführungen liegt vorerst auf der Konstruktionslogik der Typologie, auf deren Grundlage der empirische Zugang zu personalen Individualisierungsprozessen möglich sein soll, bevor gezeigt wird, inwieweit die Typologie zur Beschreibung von Individualisierungsprozessen genutzt werden kann. [78]
Das Forschungsprojekt, dessen Sampling-Strategie im vorangegangenen Abschnitt beschrieben wurde, untersuchte den Übergang ins Erwerbssystem und den Erwerbsverlauf junger Fachkräfte in den ersten Berufsjahren mit qualitativen Interviews und standardisierten Fragebögen. Dadurch waren sowohl standardisierte Analysen über Erwerbs- und Partnerschaftsverläufe junger Fachkräfte möglich als auch die Entwicklung einer qualitativen Längsschnitttypologie zu berufsbiografischen Umgangsweisen in den ersten fünf Erwerbsjahren. [79]
Das qualitative Interviewmaterial der drei Erhebungswellen wurde unter Rückgriff auf ein axiales Kodierschema (sog. ARB-Schema) ausgewertet (vgl. WITZEL & KÜHN 2000). Mit seiner Hilfe konnte das Material zuerst hinsichtlich berufsbiografischer Ereignisse, realisierter und unterlassener Handlungen (Realisierungen) strukturiert werden. Gleichzeitig wurde den jeweiligen Ereignissen auf sie bezogene Interessen, Ziele und Präferenzen (Aspirationen) sowie Bewertungen der Handlungsresultate (Bilanzen) zugeordnet. Das bedeutet nicht, dass dieses Schema die tatsächliche Ablauflogik des biografischen Entscheidungsprozesses wiedergibt. Vielmehr können Aspirationen auch im Nachhinein entsprechenden Realisierungen zugewiesen werden oder in der Entscheidungssituation können andere, gar nicht reflektierte Gründe die entscheidende Rolle spielen. Darauf kam es jedoch nicht an. Vielmehr bestand die Hauptaufgabe des ARB-Schemas in der Strukturierung des qualitativen Interviewmaterials, in dem in aller Regel der Zwang, eine konsistente und begründete Geschichte zu erzählen, zum Ausdruck kam. Aus dem so strukturierten Interviewmaterial konnte die Situationslogik der biografischen Einzelereignisse rekonstruiert werden. Darüber hinaus ergab sich jedoch auch eine Ablaufstruktur biografischer Ereignisse, die dazu beitrug, situationsspezifische Umgangsweisen zu verstehen und gleichzeitig eine situationsübergreifende Ablauflogik zu konstituieren.33) Aus dem in Anlehnung an die Grounded Theory (GLASER & STRAUSS 1967; STRAUSS & CORBIN 1990) durchgeführten systematischen Vergleich der Aspirationen, Realisierungen und Bilanzen eines Falls und dem Vergleich der biografischen Muster der Fälle untereinander kristallisierte sich eine begrenzte Zahl übersituativer biografischer Auseinandersetzungsweisen heraus, die als Berufsbiografische Gestaltungsmodi (BGM) typisiert wurden. [80]
3.2.1 Berufsbiografische Handlungslogiken junger Fachkräfte
Die Interviews der jungen Fachkräfte zeigten sehr unterschiedliche Gestaltungsweisen und Auseinandersetzungsformen mit den beruflichen Anforderungsstrukturen, die in sechs unterschiedlichen Modi der Biografiegestaltung bzw. BGM typisiert wurden (vgl. WITZEL & KÜHN 2000): [81]
Im Kern der BGM Chancenoptimierung und Laufbahnorientierung steht die Karrieregestaltung. Die jungen Fachkräfte, die ihre Biografie nach dem BGM Chancenoptimierung gestalten, legen großen Wert auf Handlungs- und Gestaltungsspielräume in ihrer Arbeitstätigkeit. Sie streben nach wechselnden, neuen Herausforderungen in der Arbeit, die zu einem Erfahrungsgewinn und zu einer Verbesserung ihrer Qualifikationen führen, somit ihre Position auf dem Arbeitsmarkt stärken und Voraussetzungen für einen beruflichen Aufstieg bieten. Sie bemühen sich um einen sukzessiven Erwerb von Qualifikationen. Um eine breite Kompetenzentwicklung zu erreichen, legen sie sich nicht auf bestimmte betriebliche Laufbahnen fest, sondern halten sich, so lange es geht, möglichst viele berufliche Wege offen. [82]
Das Offenhalten von beruflichen Perspektiven unterscheidet sie von den jungen Fachkräften, deren berufsbiografisches Handeln dem BGM Laufbahnorientierung zugeordnet wurde. Diese legen sich bei der Wahrnehmung beruflicher Optionen auf vorgegebene Laufbahnstrukturen ihres Berufs oder Betriebs fest. Dementsprechend entwickeln sie frühzeitig konkrete Zielvorstellungen. Ein vorhersehbarer Aufstieg im Rahmen vorgegebener Bahnen ist ihnen wichtig, dabei wird wie beim BGM Chancenoptimierung der private Lebensbereich tendenziell den Arbeitsanforderungen untergeordnet. Die Investitionen in Humankapital sind jedoch im Unterschied zum BGM Chancenoptimierung nicht auf große Breite ausgerichtet, sondern eng an den Anforderungen und Notwendigkeiten der angestrebten Laufbahn orientiert. Junge Fachkräfte mit BGM Laufbahnorientierung bevorzugen praxisorientierte und eng auf ihren spezifischen Tätigkeitsbereich bezogene Qualifizierungsstrategien. [83]
Die BGM Persönlichkeitsgestaltung und Selbständigenhabitus lassen sich durch den mit ihnen verbundenen Autonomiegewinn charakterisieren. Sie waren in der qualitativen Stichprobe jedoch nur selten anzutreffen. Die jungen Fachkräfte mit BGM Persönlichkeitsgestaltung orientieren sich bei berufsbiografischen Entscheidungen überwiegend an persönlichen Ansprüchen und Bedürfnissen, die oft im Widerspruch zu den Verhaltenserwartungen am konkreten Arbeitsplatz oder in ihrem Herkunftsmilieu stehen. Sie haben den Anspruch, dass Arbeit nicht nur die materielle Reproduktion sichern, sondern "sinnvoll" sein soll. Um ihre Vorstellungen zu verwirklichen, nehmen die jungen Fachkräfte sowohl berufsbiografische Brüche wie lange Qualifizierungspfade in Kauf. Dabei sind häufig schwierige Kompromissbildungen notwendig. Auch beim Selbständigenhabitus spielt die berufliche Autonomie eine zentrale Rolle, geht allerdings mit der Ablehnung abhängiger Beschäftigung einher. Sein "eigener Chef" zu sein wird als Chance zu einem höheren Einkommen und einer gesicherten Zukunft begriffen. Zentral ist der Geschäftserfolg. [84]
Die jungen Fachkräfte mit BGM Betriebsidentifizierung und BGM Lohnarbeiterhabitus zeichnen sich durch fehlende Karriereorientierung aus und weisen einen vergleichsweise geringen Anteil selbstinitiierter Gestaltung des Berufsverlaufs aus. "Statusarrangement" ist ihr zentrales Motiv bei der Gestaltung ihrer Erwerbsbiografie. Der BGM Lohnarbeiterhabitus tritt vor allem bei Befragten auf, die sich in beruflichen Kontexten mit ungünstigen Beschäftigungschancen und Laufbahnstrukturen befinden. Die Befragten bemühen sich um ein Arrangement mit den Bedingungen, streben vor allem nach beruflicher Kontinuität und arrangieren sich unter Hinweis auf betriebliche Anforderungen mit einem niedrigen Einkommensniveau und Tätigkeiten, die wenig Handlungsspielräume beinhalten. Die Arbeit wird lediglich als Notwendigkeit zur materiellen Reproduktion betrachtet und als notwendiges Übel aufgefasst, das ins Verhältnis gesetzt wird zum finanziellen Ertrag. Das gegenwärtig erzielte Einkommen ist der zentrale Bewertungsmaßstab einer Tätigkeit. So sind die jungen Facharbeiter auch dazu bereit, für ein höheres Einkommen Tätigkeiten auszuführen, die ihrem Qualifikationsniveau nicht mehr entsprechen. [85]
Junge Erwachsene mit BGM Betriebsidentifizierung glauben, am Ende ihrer beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten angekommen zu sein. Sie betrachten den Betrieb primär als eine Art Heimat, in der sie hoffen, einen endgültigen und dauerhaften Platz zum Arbeiten gefunden zu haben. Sie kompensieren geringes Einkommen und mangelnde berufliche Perspektiven mit einem sehr positiv bewerteten familiären Betriebsklima, in dem sie sich geborgen fühlen. Die jungen Erwerbstätigen bemühen sich um Etablierung und Kontinuität im erreichten beruflichen Status, Veränderungs- oder Aufstiegsambitionen bestehen nicht. [86]
Die sechs BGM zeigen in idealtypischer Weise, wie sich junge Fachkräfte mit individuellen Gestaltungswünschen und Strukturvorgaben auseinandersetzen. Die Typologie weist jedoch einige Besonderheiten auf: [87]
Durch die parallele Erhebung eines standardisierten und eines qualitativen Panels konnten qualitative und quantitative Daten wechselseitig aufeinander bezogen werden. So flossen die standardisiert erhobenen Daten über die Erwerbs- und Partnerschaftsverläufe sowie eine Anzahl von formalen Daten nicht nur in die Ziehung der qualitativen Stichprobe ein (vgl. vorangegangenen Abschnitt), sie konnten darüber hinaus für die Rekonstruktion des Lebenslaufs und wichtiger beruflicher und partnerschaftlicher Ereignisse während der Durchführung der qualitativen Interviews genutzt werden. Dadurch sind die ermittelten und in den Interviews erfragten Verläufe weniger stark von der selektiven Erinnerung in der einzelnen Interviewsituation bestimmt. Gleichzeitig konnten die bei der Durchführung der Interviews bereits vorliegenden Verlaufsdaten für gezielte Nachfragen genutzt werden, wenn bestimmte Ereignisse unerwähnt blieben. [88]
Mit der Kombination qualitativer und quantitativer Verfahren bei der Ermittlung der Erwerbs- und Partnerschaftsverläufe lässt sich jedoch nicht nur die Validität der erhobenen Verläufe verbessern. Viel wichtiger ist, dass sich hierin ein anderes Forschungsinteresse als in vielen qualitativen Fallstudien niederschlägt, die sich überwiegend auf die (biografischen) Erzählungen zu einem bestimmten Zeitpunkt beziehen. Da personale Individualisierung als Vergesellschaftungsmodus aufgefasst wurde, der sich in den Handlungs- oder Strukturierungslogiken der Lebensläufe niederschlagen müsste, kommt es, entsprechend der hier präsentierten Typenbildung, auf die sinnhafte Handlungspraxis der Akteure an. [89]
Durch das Paneldesign war es zusätzlich möglich, Schilderungen zu einem bestimmten Befragungszeitpunkt mit den Äußerungen zu anderen Zeitpunkten zu vergleichen (vergleiche zu diesem Aspekt auch BÖTTGER 2001). Damit konnten bereits in den Interviews Widersprüche thematisiert, aber auch Veränderungsprozesse oder Stabilitäten in den Selbstpräsentationen beobachtet werden. [90]
Im Unterschied zu Querschnittstudien konnte nachvollzogen werden, inwieweit geäußerte Vorstellungen bezüglich der eigenen Erwerbsbiografie im Beobachtungszeitraum handlungsrelevant wurden. Denn bereits bei GEISSLER und OECHSLE (1996) wurde deutlich, dass Lebensentwürfe und Lebensplanung in keinem eindeutigen Verhältnis zueinander stehen. Während GEISSLER und OECHSLE unter Lebensplanung die in aktuellen biografischen Entscheidungen relevant werdenden Pläne verstehen, kann die Handlungsrelevanz von Lebensentwürfen stark variieren. Die BGM beziehen sich entsprechend auf im Beobachtungszeitraum handlungswirksam werdende Orientierungen und nicht auf allgemeine Einstellungsmuster oder Lebensentwürfe. [91]
Es geht dabei nicht allein darum, imaginierte Zukunft hinsichtlich ihrer Handlungsrelevanz zu kontrollieren. Vielmehr zielen die BGM neben den reflexiven Entscheidungsprozessen (reflexives Bewusstsein)34) auch auf die routinisierten Praktiken (praktisches Bewusstsein), für die zwar in der Regel auf Nachfrage eine Begründung angegeben werden kann, denen jedoch keine reflexiven Entscheidungsprozesse vorausgehen müssen. So kann analytisch beides unterschieden werden: dass sich im Zuge einer stabilen biografischen Gestaltungspraxis die Deutungsmuster anpassen, oder umgekehrt, dass veränderte Deutungsmuster eine neue Gestaltungspraxis nach sich ziehen. Damit bleibt offen, inwieweit Individualisierung in Form selbstreflexiver biografischer Entscheidungspraxis wirksam wird oder auf der Ebene routinisierter Praxen, mit denen sich Individuen auf neue Handlungskontexte einstellen oder Altbewährtes weiterhin praktizieren. [92]
Sind die BGM nun eher von individuellen Faktoren oder von den Kontexterfahrungen (vgl. Fußnote 17) der jungen Fachkräfte abhängig? Inwieweit machen sich die jungen Erwachsenen mit den BGM von ihren Handlungskontexten abhängig oder setzen sich über sie hinweg? In welcher Weise können die BGM als Hinweis auf Individualisierungsprozesse interpretiert werden und welche BGM sind hierzu besonders geeignet? [93]
3.2.2 Die Stabilisierung biografischer Handlungslogiken
Die Handlungslogiken in den ersten Berufsjahren unterscheiden sich als Selbstsozialisationsergebnis im Beruf die in der Ernstsituation Erwerbsarbeit zu verorten sind (HEINZ, KELLE, WITZEL & ZINN 1998) von den sich während der Schulzeit und Berufsausbildung vollziehenden Sozialisationsprozessen für den Beruf (HEINZ 1995). Da BGM Ergebnisse von Strukturerfahrungen in (beruflichen) Handlungskontexten darstellen, beschreiben sie sowohl erlebte Situationslogiken35), wie auch die Handlungsweisen, mit denen Akteure Strukturvorgaben reproduzieren und modifizieren (GIDDENS 1984). Damit sind sie auch der Ort, an dem veränderte Zurechnungsmodi, Auseinandersetzungsweisen oder personale Individualisierungsprozesse beobachtbar sein müssten. [94]
Die qualitativen Daten zeigten, dass weder die Handlungskontexte die Handlungsweisen der jungen Fachkräfte determinieren, noch die Handlungsweisen völlig unabhängig von den Strukturerfahrungen in spezifischen Handlungskontexten sind. Vielmehr stehen Handlungskontexte und BGM in einem lockeren Verhältnis zueinander. BGM und Kontext müssen zueinander passen oder "viabel"36) sein. Das kann mit drei kurzen Beispielen aus dem Einzelhandel und dem Bankwesen illustriert werden: [95]
Der Einzelhandel ist ein Tätigkeitsbereich, der hochgradig geschlechtsspezifisch differenziert ist, einmal nach Fachgebieten (horizontal37)) und einmal nach Berufspositionen und Karriereperspektiven (vertikal). Die Laufbahnstrukturen in größeren Kaufhäusern, Verkaufsketten oder Supermärkten sind in aller Regel für Männer reserviert.38) Deswegen machen junge Fachfrauen immer wieder die Erfahrung, dass ihre Mühen, sich in die Laufbahnstrukturen des Einzelhandels einzuklinken, vergeblich sind: "Als Frau hat man sowieso unheimliche Schwierigkeiten, da weiterzukommen. Und ich hab' gearbeitet und ich hab' mir den 'Arsch' aufgerissen, aber Männer. Die Männer sind so an mir vorbeigelaufen. Das ging ja nicht nur mir so", wie die Interviewte Thea sagte. Oder sie wissen bereits von anderen, wie gering ihre Chancen innerbetrieblicher Karriere sind. So meinte Anne: "Die Firma F. hat glaub' ich 5000 Mitarbeiter, ... Jetzt kenn' ich keine einzige Frau in dieser Firma, die da die Karriereleiter hochgestiegen ist." [96]
Junge Frauen ziehen daraus unterschiedliche Konsequenzen. Manche, wie beispielsweise Thea mit BGM Lohnarbeiterhabitus, suchen sich eine besser bezahlte Stelle in einem anderen Tätigkeitsbereich. Sie kann schließlich auch nicht mehr durch ein Beförderungsangebot auf eine von ihr lange vergeblich angestrebte Substitut-Stelle vom Wechsel abgehalten werden. Denn mit der Beförderung würde sich, Theas Einschätzung nach, nichts Grundsätzliches an der Arbeitssituation (geringe Bezahlung bei hoher Belastung) ändern. Stattdessen wechselt sie in den öffentlichen Nahverkehr (Straßenbahnfahrerin), der ihr eine geringere Arbeitsbelastung bei höherem Einkommen verspricht. [97]
Andere Frauen sehen ebenfalls keine Chance, sich in betriebliche Laufbahnstrukturen einzuklinken. Sie ziehen jedoch andere Konsequenzen aus ihren Erwerbserfahrungen als jene mit BGM Lohnarbeiterhabitus. Solche Frauen wie Anne versuchen, durch den Erwerb weiterer Bildungsressourcen ihren Anspruch auf eine attraktivere und besser bezahlte Tätigkeit doch noch zu verwirklichen. Sie informieren sich umfassend über mögliche Optionen mit all ihren Vor- und Nachteilen, wählen diejenige, die ihnen am perspektiven- und chancenreichsten erscheint und bemühen sich, ihre Handlungsspielräume zu erhalten oder zu vergrößern. Sie stabilisieren entsprechend den BGM Chancenoptimierung (vgl. Absatz 82). [98]
Damit wird plausibel, warum im Forschungszusammenhang des Projekts keine jungen Einzelhandelskauffrauen mit BGM Laufbahnorientierung gefunden wurden: Der Modus ist mit den Handlungskontexten nicht kompatibel, da im Einzelhandel die Laufbahnstrukturen für die jungen Einzelhandelskaufmänner reserviert sind. [99]
Auch ein Beispiel aus dem Bereich des Bankgewerbes zeigt, wie BGM und Handlungskontext wechselseitig aufeinander bezogen sind. Im Bankgewerbe sind die berufsbegleitende Weiterqualifizierung und die Versuche einer Höherqualifizierung eine Norm, der sich vor allem junge Bankkaufmänner im Konkurrenzkampf um knappe Aufstiegspositionen ausgesetzt sehen. Als Heinrich eine Höherqualifizierungsmaßnahme abbricht, die ihn neben der Erwe | |