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Volume 1, No. 2 Juni 2000
Objektive Hermeneutik in
der Vaterforschung
Mathias Graf &
Heinz Walter
Zusammenfassung: Vor dem Hintergrund
einer längeren Tradition mit qualitativen Verfahren operierender
Abschlussarbeiten im Fach Pädagogische Psychologie werden solche
beschrieben und diskutiert, die im Rahmen einer aktuellen Vaterforschung
Fragestellungen mit Hilfe der Objektiven Hermeneutik verfolgen. Im
weiteren wird auf Probleme eingegangen, die sich bei der Realisierung der
Objektiven Hermeneutik immer wieder ergeben und die sich bei
Abschlussarbeiten in akzentuierter Form stellen.
Keywords: Pädagogische
Psychologie, Vaterforschung, qualitative Sozialforschung, Objektive Hermeneutik,
Publikationsprobleme, Darstellungsumfang, scheinbare Wertungen
1.
Einleitung
2.
Zur Entwicklung qualitativ ansetzender Arbeiten in der Konstanzer
Vaterforschung
3.
"Knackpunkte" bei der Darstellung objektiv-hermeneutischer
Ergebnisse
3.1 Ausführlichkeit der
Darstellung
3.2 Intentionalistische Sprache und scheinbare
Bewertungen
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Im Arbeitsbereich Pädagogischen
Psychologie an der Universität Konstanz finden seit nunmehr gut zwanzig
Jahren in Diplomarbeiten und Dissertationen unterschiedliche Vorschläge
aus dem Arsenal qualitativer Verfahren Anwendung; dies jeweils in Abhängigkeit
von Fragestellung und jenem institutionellen Kontext, in dem die
gewonnenen Ergebnisse vorgestellt werden und über ihre Diskussion etwas
bewegen sollen. [1]
So wurde etwa eine Dissertation zur
Fragestellung "Wie sieht guter Psychologieunterricht aus?" von
dem Vorwissen der Autorin um Bedingungen des Psychologieunterrichts an der
gymnasialen Oberstufe geleitet; sowie von deren Ziel, die
Weiterentwicklung von psychologiedidaktischen Konzepten und Lehrplänen zu
stimulieren (BOVET 1993). Konsequent folgte daraus die Wahl des
methodischen Vorgehens: Problemorientierte Interviews (WITZEL 1982) mit
Gymnasiallehrern als Experten; Sequenzanalyse, Erstellung von Memos und
kommunikative Validierung; schließlich systematische Identifizierung von
"Komponenten", d.h. von Gemeinsamkeiten der Aussagen in mehreren
Interviews hinsichtlich "Entscheidungs- und Problemfelder(n) (...),
welche die Befragten im Blick haben, wenn sie ihre Vorstellungen von einem
guten und machbaren Psychologieunterricht darlegen, und dann die
Auffassungen der Befragten darüber, wie sie bezüglich dieser
Entscheidungs- und Problemfelder am besten im Unterricht vorgehen".
Über die von den Interviewees bereits angestellten Überlegungen und
selbstreflexiven Äußerungen hinaus waren "Erklärungen dafür zu
finden, wie die Auffassungen zustande gekommen und begründet sein können,
Argumente für und gegen sie zu sammeln" (BOVET 1993, S.97). Doch
eine notwendige Voraussetzung der Intention, mit der vorgestellten Arbeit
eine fachdidaktische und curriculare Diskussion zu stimulieren, schien
gerade dadurch gewährleistet, dass die bewusstseinsfähige Ebene in der
Auseinandersetzung mit den Inhalten der Interviews höchstens in für
Psychologen tolerierbarem Maße verlassen wurde, die Interpretationen
also nicht über Gebühr "provozierten". Der Gewinn der
Entscheidung für das angedeutete Vorgehen und gegen ein solches in der
Tradition quantitativer empirischer Sozialforschung dürfte jedem
Rezipienten der Arbeit unmittelbar vor Augen stehen allemal vor dem
Hintergrund der "Geschlossenheit" des bis dahin ex cathedra
einschlägig Vorgetragenen. [2]
Im Rahmen unseres aktuellen Interesses an Vätern
(vgl. WALTER 2000), insbesondere an deren Erleben ihrer Vaterschaft, sind
wir auch allzu oft auf Modelle und Untersuchungen gestoßen, die
gemessen an unseren eigenen Vorstellungen bezüglich des
interessierenden Phänomenspektrums und/oder der Phänomendifferenzierung
deutlich "zu frühe" Apriori enthalten. Ein wünschenswert
breites wie tiefes Ausloten dieses bereits prima vista so facettenreichen
Phänomenbereichs wird um qualitative Bemühungen nicht umhin kommen.
Zudem legen die vielen Hinweise auf eine den Betroffenen nicht bewusste
Fundierung vaterschaftsbezogenen Handelns und Erlebens (z.B. DELAISI DE
PARSELVAL 1985) ein geeignetes hermeneutisches Verfahren nahe. Doch die Intention, zu frühe Apriori-Feststellungen zu vermeiden, und der Hinweis auf (noch) nicht bewusstseinsfähige Essentials des Forschungsgegenstandes begründen auch in anderen Themenfeldern ein qualitatives Vorgehen. Besonders lohnend und aussichtsreich erscheint ein solches in der
Vaterforschung jedoch auch deshalb, weil es sich bei den Gatten- und
Eltern-Kind-Beziehungen nicht um Rollenbeziehungen handelt, sondern um
diffuse Sozialbeziehungen (OEVERMANN 1996). Diese zeichnen sich dadurch
aus, dass sich aus ihnen im Gegensatz zu rollenförmigen Beziehungen
keinerlei Themen ausschließen lassen und die Gestaltung der Beziehung
grundsätzlich offen ist (wenngleich sich empirisch besonders häufig
gelebte Formen finden lassen). Für die Operationalisierung im Rahmen
einer quantitativ arbeitenden Forschungsstrategie stehen hier m.a.W. noch
weniger als sonst klare Rollenbeschreibungen zur Verfügung, die vorab als
Grundlage für eine Kategorienerstellung dienen könnten. Sowohl auf
metatheoretischer als auch auf methodologischer Ebene trägt der
Forschungsansatz der Objektiven Hermeneutik diesen angesprochenen
Zusammenhängen Rechnung. Er geht von latenten handlungssteuernden
Strukturen aus und versucht, über ein entsprechendes methodisches
Vorgehen diese Strukturen zu rekonstruieren. [3]
Ab 1994 besuchten mehrere Diplomanden den
einwöchigen Sommerkurs "Objektive Hermeneutik" von Ulrich
OEVERMANN an der Universität Frankfurt. Diese Möglichkeit war ein
erheblicher Gewinn gegenüber den Jahren davor, in denen die Diplomanden
und Doktoranden, die sich für ein qualitatives Vorgehen entschieden, sich
dieses zunächst anhand verfügbarer Literatur selbst erarbeiten mussten;
wenn wir den methodologischen und methodischen Auseinandersetzungen dieser
Arbeiten u.a. in unserem Forschungskolloquium dann auch überproportional
viel Zeit einräumten. Zwischenzeitlich hat sich die Situation vor Ort in
zweifacher Hinsicht verbessert: Seit der Besetzung des Lehrstuhls für
Kultur-, Wissens- und Religionssoziologie mit Hans-Georg SOEFFNER lehrt
und forscht ein vielfach ausgewiesener qualitativer Sozialforscher mit
seinen Mitarbeitern an der Universität Konstanz. Und die psychologische
Methodenausbildung selbst gibt sowohl im Grund- wie auch im Hauptstudium
Gelegenheit, mit Grundannahmen und Verfahren qualitativer Methodik in
Kontakt zu kommen. [4]
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Zur Entwicklung
qualitativ ansetzender Arbeiten in der Konstanzer Vaterforschung
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Seit rund sechs Jahren setzt der
Arbeitsbereich Pädagogische Psychologie in seiner Forschung einen
Schwerpunkt im Bereich der Vaterforschung. Es handelt sich dabei um einen
Forschungsbereich, der insbesondere im deutschsprachigen Raum gemessen
an seiner Bedeutsamkeit nach wie vor relativ wenig Beachtung findet,
auch wenn der 1985 von FTHENAKIS gegebene Überblick darüber hinwegtäuschen
mag. Um einen aktuellen Überblick über von deutschsprachigen Autoren
eingenommene theoretische Positionen und beigebrachte empirische Befunde
bemüht sich deshalb ein aktueller Sammelband (WALTER 2000); der u.a. auch
der Tendenz in der internationalen Vaterforschung Rechnung trägt, die Väter
selbst in ihrem Verhalten und Erleben zu fokussieren, sich nicht nur
wie in den Anfängen der Vaterforschung auf deren Bedeutsamkeit für
die Entwicklung ihrer Kinder zu konzentrieren. [5]
Im Rahmen der Arbeiten zur qualitativen
Vaterforschung werden Interviews mit Vätern geführt. Diese folgen dem
Vorgehen des Narrativen Interviews nach Fritz Schütze (vgl. HERMANNS
1991), initiieren die Erzählung also mit einem erzählgenerierenden
Stimulus. Anders als beim Problemzentrierten Interview werden Anregungen
zur Vertiefung einzelner Äußerungen erst gegeben, nachdem der
Interviewpartner seine Erzählung zunächst für beendet erklärt. Die aus
diesen Gesprächen dann mittels objektiv-hermeneutischer Interpretation
gewonnenen Fallstrukturhypothesen können im Gegensatz zum Vorgehen in der
oben kurz skizzierten Arbeit (BOVET 1993) jedoch nicht mehr einer
kommunikativen Validierung zugeführt werden; denn das, worauf Objektive
Hermeneutik abzielt, erfasst eben gerade nicht subjektive
Erlebensstrukturen, sondern stellt Rekonstruktionen von objektiven
Fallstrukturen dar, die den Subjekten selbst nur sehr bruchstückhaft
bewusst sind (OEVERMANN 1993). [6]
Das zuletzt Angesprochene machte sich u.a.
in folgender Schwierigkeit im Umfeld der ersten an den Vorgaben der
Objektiven Hermeneutik orientierten Arbeit (VARGAS-PENA 1995) bemerkbar:
Da von den Vätern ihr subjektives Erleben von Vatersein erfragt wurde,
insbesondere wo und wie sie sich in diesem unterstützt oder nicht unterstützt
fühlten, war ihnen angeboten worden, die Auswertungsergebnisse nach deren
Fertigstellung einsehen zu können. Sie sollten noch orientiert an dem
egalitären Beziehungsmuster kommunikativer Validierung das Recht
haben zu sehen, was aus ihren Erzählungen "gemacht" worden war.
Die Interpretation der Protokolle ergab dann bei einem der Interviewten
jedoch eine sehr problematische Konstellation in der Vater-Kind-Beziehung.
Die Übergabe der Interpretationsergebnisse an den entsprechenden Vater
stellte nun eine Zumutung für diesen dar (vgl. HILDENBRAND 1999). [7]
Im Rahmen der zweiten Arbeit (GRAF 1997)
wurde deshalb auf ein solches Angebot verzichtet. Diese konzentrierte sich
auf Strukturreproduktionen und -transformationen (vgl. GRAF & WALTER
2000) beim Übergang zur Vaterschaft. Hierfür wurde die Datenerhebung
insofern erweitert, als neben den Gesprächen mit den Vätern auch deren
biographische Daten erhoben wurden. Die Auswertung der beiden Datenarten
sollte die Frage beantworten, welchen (objektiven) Sinn das Kind im Leben
eines spezifischen Mannes macht; und ob die Geburt des Kindes und die darüber
neu entstandene triadische Konstellation möglicherweise eine
Strukturtransformation erzwingt. Hierzu wurden zunächst die
biographischen Daten sequenzanalytisch ausgelegt. Für jedes Datum wurde
jeweils ein Optionshorizont erstellt, der die Möglichkeiten für das
jeweils nächste Datum ausloten sollte. Durch die Konfrontation mit dessen
tatsächlicher Ausprägung konnte so nach und nach ein generatives Prinzip
rekonstruiert werden, nach dem der betreffende Mann sein Leben bisher
gestaltete. Die Frage war dann: Wenn dies das Prinzip ist, nach dem dieser
Mann bisher gelebt hat, welchen Platz hat ein Kind darin; und wie wird das
familiale Leben aussehen, wenn er diese Struktur weiterhin reproduziert?
Oder aber: Welche Schwierigkeiten können sich für die weitere
Realisierung dieser Struktur ergeben; und welche alternativen Möglichkeiten
wären im Sinne einer Strukturtransformation am wahrscheinlichsten? Die
Auswertung des Interviews, in dem ja ein aktuelles Selbstdeutemuster des
Vaters vorlag, diente zur Beantwortung dieser Fragen. Darüber hinaus ermöglichten
die gewonnenen Ergebnisse eine bedingte Prognostik für das weitere Leben
des Mannes. Eine solche Prognostik wird in der Objektiven Hermeneutik möglich,
indem Szenarien von konkreten Ausgestaltungen im Falle von weiteren
Strukturreproduktionen entworfen oder aber Spielräume für
Strukturtransformationen ausgeleuchtet werden. [8]
Wie sowohl aus theoretischen Formulierungen
als auch aus empirischen Zusammenhängen (z.B. BERMAN & PEDERSON 1987)
längst bekannt, verwies die intensive Auseinandersetzung mit dem
vorliegenden Datenmaterial erneut auf die Bedeutung detaillierter
Informationen auch über die Frau des Mannes, die Mutter des Kindes. Denn
letztere gehört konstitutiv zur Vaterschaft eines Mannes dazu (HERLTH
2000, KING 2000). Und da es sich, wie oben ausgeführt, bei der
betreffenden Beziehung um eine diffuse Sozialbeziehung handelt, kann noch
weniger als in anderen Lebensbereichen (z.B. Mann als Arbeitnehmer, als
Vereinsmitglied etc.) von bestimmten, durch Rollenbeschreibungen
festgelegten Charakteristika der Beziehungspartner ausgegangen werden.
Deshalb reichten in den mit den Vätern geführten Interviews
gelegentliche Hinweise auf die Biographie der Mutter, ggf. auch deren
Einschätzung des väterlichen Handelns kaum aus, um zu einer validen
Prognostik zu kommen. In der dritten Arbeit (WERZ 1999) wurde demzufolge
nicht nur der Vater befragt, sondern auch dessen Frau. Der erzählgenerierende
Stimulus für die Väter beinhaltet, wie auch in den beiden Arbeiten
zuvor, die Aufforderung, über ihr Erleben als Vater zu erzählen. In Ergänzung
dazu wurde die Mutter nun gebeten, sich über ihre Wahrnehmung ihres
Mannes als Vater zu äußern. Nach der Interpretation der jeweiligen
biographischen Daten lagen bei dieser Arbeit zwei generative Prinzipien
vor, das des Mannes und das der Frau. Die Frage, wie ein Kind in das Leben
des Mannes integriert werden kann, war infolgedessen bereits deutlich
stringenter zu beantworten, da die Frage eingeengt werden konnte mit dem
Zusatz: wenn er das Kind mit einer Frau bekommt, die ihr Leben bisher nach
den eruierten Regeln gestaltete. Damit wurde die Perspektive gleichzeitig
von der Vaterzentriertheit auf die gesamte Familie ausgeweitet. [9]
Theoretisch eingebettet sind die drei
Arbeiten in unterschiedliche, aus der spezifischen Fragestellung
abgeleitete Kontexte. In der ersten wird Bezug genommen auf verschiedene
rituelle bzw. psychosomatische Erscheinungsformen, die bei werdenden Vätern
während der Schwangerschaft und/oder während/nach der Geburt zum einen
in traditionellen Kulturen, zum anderen in postmodernen Gesellschaften zu
finden sind und unter dem Begriff "Couvade" zusammengefasst
werden (SCHMIDT 1954, MAYER & KAPFHAMMER 1993). Die zweite Arbeit wird aus einer Auseinandersetzung mit der (In-) Adäquanz des PARSON'schen Rollenkonzepts bei der Bestimmung von familialen Beziehungen entwickelt (OEVERMANN 1996). Neue Probleme tun sich auf, wenn man versucht, die
Grundannahmen der Objektiven Hermeneutik mit denen der systemischen
Sichtweise (v. SCHLIPPE & SCHWEITZER 1998) von familialem Geschehen in
Einklang zu bringen. Dieser Versuch wird in der dritten Arbeit
unternommen. Derzeit ist eine weitere Arbeit in Vorbereitung, die das
Konzept des "ungelebten Lebens" in die Vaterforschung einführen
will. V.v. WEIZSÄCKER geht im Rahmen dieses von ihm systematisch
ausgearbeiteten Konzepts davon aus, dass nicht realisierte, weil von der
betroffenen Person nie ergriffene oder aber für sie objektiv nie möglich
gewesene Optionen die Befindlichkeit von Menschen ebenso nachhaltig
beeinflussen wie etwa ein eingetretenes kritisches Lebensereignis (vgl.
ZACHER 1984). Vor solchem Hintergrund sollen Männer befragt werden, die
in ihrem Leben freiwillig oder unfreiwillig die Lebensoption "Vater
werden" nie realisiert haben. Untersucht werden soll, wie sich diese
Tatsache in das Leben dieser Männer integrieren lässt, bzw. wie es sich
darin auswirkt. Das Aufgreifen dieses Konzepts stellt neben seiner
inhaltlichen Brisanz auch insofern einen sehr interessanten Ansatz dar,
als er sich eines Zugangs bedient, der auch konzeptionell in die Methode
der Objektiven Hermeneutik eingeht: In der Sequenzanalyse fließen die dem
interpretierten Individuum grundsätzlich offenstehenden aber von ihm
nicht gewählten Lebensoptionen als sehr wesentliches
bedeutungsgenerierendes Material in die Interpretation ein. [10]
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"Knackpunkte" bei der Darstellung objektiv-hermeneutischer
Ergebnisse
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Das
Arbeiten mit einem hermeneutischen Verfahren stellt den Anfänger wie den
Insider mit großer Regelmäßigkeit vor von Fall zu Fall zu lösende
"Knackpunkte", die der mit quantitativen Verfahren Operierende
nicht kennt. Angesprochen sind hier nicht Fragen der Stichprobengröße
oder der Generalisierbarkeit; sie werden eher "von außen"
gestellt; und man hat gelernt, damit angemessen umzugehen. Wir meinen hier
vielmehr das Problem der Ausführlichkeit der Darstellung: der Anfänger fühlt
sich irgendwann als der hinsichtlich beschriebener Seiten "überbordende"
Außenseiter unter seinen Abschlussarbeiten quantitativ angehenden
Kommilitonen; der Insider sucht nach ausreichendem Raum für eine
Publikation; beide fragen sich nach noch akzeptabler Verdichtung und dem
damit verbundenen Vorenthalten von Information. Und wir meinen hier das
Problem der intentionalistischen Sprache, bezüglich derer sich rasch der
Vorwurf anmaßender Bewertungen erhebt. Da es sich um zwei Probleme
handelt, mit denen jeder mit der Objektiven Hermeneutik Arbeitende
konfrontiert ist, sei abschließend darauf eingegangen angesichts der
erwarteten Kürze wohl am anschaulichsten durch starken zitierenden Rückgriff
auf den Erfinder dieses hermeneutischen Verfahrens vermittelt. [11]
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Ausführlichkeit
der Darstellung
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"Die nachfolgende Untersuchung fordert
dem Leser viel Geduld und wohlwollende Konzentration ab", schreibt
OEVERMANN (1993,S.141) am Beginn einer exemplarischen Sequenzanalyse, die
sich über mehr als 100 Buchseiten erstreckt und auch dann nur deswegen
endet, weil sie von den Herausgebern abgebrochen wird. In einer Anmerkung
des Autors zu Beginn heißt es: "Eine detaillierte Sequenzanalyse hat
immer ein schwieriges Darstellungsproblem zu bewältigen" (S.265).
An anderer Stelle sprechen OEVERMANN und Mitarbeiter in diesem
Zusammenhang von
"gravierenden, dringend zu
explizierenden technischen Problemen hermeneutischer Verfahren (...).
Sie treten massiv bei der explosionsartigen, mengenmäßigen Erweiterung
des primären Datenmaterials infolge sorgfältiger Interpretation auf.
Die quantitative Forschung hat dagegen den großen Vorzug, die Phase der
Datenaufbereitung zugleich mit einer erheblichen Reduktion der
Datenmengen verbinden zu können. Daraus resultieren sehr ernst zu
nehmende Vorteile in der Darstellbarkeit der Materialanalysen"
(OEVERMANN, ALLERT, KONAU & KRAMBECK 1979, S.433). [12]
In der Tat scheint das Problem, in welcher
Ausführlichkeit die Ergebnisse von Sequenzanalysen zu präsentieren sind,
nach wie vor nicht gelöst. Und es bleibt fraglich, ob es überhaupt
befriedigend zu lösen ist, wenn man unter einer solchen Lösung eine
knappe Explikation versteht, die sowohl dem Anspruch genügen soll, die
gewonnenen Ergebnisse überzeugend nachvollziehbar zu präsentieren, als
auch dem, dem Leser den größten Teil der geleisteten, extensiven
Interpretationsarbeit zu ersparen. Der Weg von den "nackten
Daten" bis zur "endgültigen Strukturhypothese" ist ein
sehr komplexer, sehr verzweigter. Wenn der Zusammenhang zwischen beiden
geradlinig und einfach, auf den ersten Blick erkennbar wäre, würde sich
Sozialwissenschaft im wesentlichen erübrigen. Um dem Fall gerecht zu
werden und auch, um dem Leser zu vermitteln, dass es wirklich "die
Sache" (OEVERMANN 1993, S.141) ist, die zum Sprechen gebracht wird,
und nicht ein im Kopf des Interpreten vorab konstruiertes Theoriegebäude,
muss dem Leser zugemutet werden, nahezu den kompletten Weg der
Sequenzanalyse mitzugehen. Dies umso mehr, wenn man davon ausgeht, dass es
sich um einen argwöhnischen, qualitativem Vorgehen grundsätzlich
kritisch gegenüberstehenden Rezipienten handelt. Gerade ihm kann natürlich
nicht erspart werden, sich von der Nachprüfbarkeit des
sequenzanalytischen Weges in aller Ausführlichkeit zu überzeugen, weil
nur so "das ungerechtfertigte Odium der Beliebigkeit und Weichheit zu
tilgen (ist), das hermeneutischen Methoden anhaftet" (OEVERMANN 1993,
S.42). Werden diese Forderungen bis ins Letzte ernst genommen, entstehen
bereits bei der Interpretation eines einzigen Falles wahre
"Mammutarbeiten". Die Darstellung eines solchen Falles nimmt in
einer der erwähnten Diplomarbeiten beispielsweise 82 Seiten in Anspruch,
die gesamte Arbeit erstreckt sich über 232 Seiten (ohne Transkripte).
[13]
Einen wiederholt gewählten Ausweg aus
einer solchen Zumutung an den Leser stellt die Veröffentlichung von
hermeneutischen Ergebnissen anhand von kurzen Interviewstücken dar (z.B.
BURKART 1983, LEBER 1995). Diese Passagen dienen dabei nicht nur der
beispielhaften Veranschaulichung der präsentierten Strukturhypothese.
Wenn sich eine Fallstruktur tatsächlich in jeglichen Handlungen des
entsprechenden Falles repräsentiert, dann kann bereits aus wenigen
Sprechakten ein sehr großer Teil einer Fallstrukturhypothese herausgeschält
werden. Das heißt, die wesentlichen Interpretationsschritte, die zu den
endgültigen Ergebnissen geführt haben, können anhand einiger weniger
Sequenzen nachvollziehbar gemacht werden. Sinnvollerweise wird dazu der
Anfang eines Interviews herangezogen werden (OEVERMANN, ALLERT & KONAU
1980). [14]
Eine weitere bedenkenswerte Vorgehensweise
bestünde darin, analog zur Darstellung von quantitativen Arbeiten zu
verfahren. Dort wird der größte Teil des Datenmaterials und der
Datenauswertung in Veröffentlichungen vorenthalten. So wird kein Autor
beispielsweise alle ausgefüllten Fragebögen oder detaillierte
Rechenschritte seiner Untersuchung abdrucken. Es genügt, die Verfahren zu
benennen, die eingesetzt wurden bzw. mit denen gerechnet wurde, sowie die
Ergebnisse in Form der Größe von bestimmten Parametern zu präsentieren.
Bei quantitativen Arbeiten ist es also nie möglich, alle Schritte von den
Rohdaten zu den endgültigen Ergebnissen nachzuvollziehen. Die
Entsprechung bei qualitativen Arbeiten bestünde darin, das
Interpretationsverfahren zu benennen, um daran anschließend direkt die
Ergebnisse der Arbeit vorzustellen. [15]
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Intentionalistische Sprache und scheinbare Bewertungen
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Eine weitere Schwierigkeit in der
Darstellung objektiv-hermeneutisch gewonnener Ergebnisse liegt in der
Sprache selbst. Mitunter entsteht der Eindruck, dass den Interpretierten
zum einen bewusst Intentionales unterstellt würde, zum anderen dass die
Interpreten die interpretierte Lebenspraxis hinsichtlich der Kategorien
"gut" und "schlecht" beurteilten. [16]
Wenn wirklich "die Sache selbst zum
Sprechen gebracht werden" soll, so ist es unumgänglich, die
Interpretation auch in der "Sprache des Falles" zu führen; was
heißt, daß dazu keine eingeschliffene, scheinbar "wertfreie"
Fachterminologie verwendet werden kann, sondern dass in der
Umgangssprache, in der der Fall vorliegt, formuliert werden muss. Diese
Tatsache birgt die Gefahr eines Missverständnisses bei der Rezeption der
Analyse in sich, denn
"eine Schwierigkeit der
umgangsprachlich gebundenen Interpretation besteht darin, daß alle
Zuschreibungen von Motivierungen als subjektive Intentionen erscheinen,
die bewußtseinsfähig sind, weil unsere Umgangssprache, wie schon Freud
bemerkte, von einem 'intentionalistischen' oder auch 'narzißtischen'
Vorurteil geprägt ist und sich andere als bewußte Motivierungen nicht
vorstellen kann" (OEVERMANN et al. 1980, S.49). [17]
Eng mit dem Problem der
intentionalistischen Umgangssprache ist das Problem verbunden, dass die
Formulierungen, die sich in der Analyse des Textes ergeben, zum Teil den
Anschein erwecken, als ob der Interpret über den Interviewee zu Gericht
sitzen würde, mit dem Finger auf menschliches Versagen zeigen wolle oder
mittels unerträglicher Besserwisserei bestrebt sei, in den Niederungen
und Wunden rechtschaffenen Alltagslebens von Personen herumzustochern und
sich somit über diejenigen zu erheben, die sich zuvor gutgläubig in den
Dienst der Wissenschaft stellten, indem sie intime Details aus ihrem persönlichen
Alltagsleben preisgaben, nicht ahnend, dass sie hinterher derart
"missbraucht" würden. Darum kann es nicht gehen, und darum geht
es auch nicht. Es geht vielmehr um die Rekonstruktion des Falles, der auch
und zu allermeist wird er es konflikthafte Konstellationen
beinhalten kann. Oder anders ausgedrückt: "Hermeneutische Kritik ist
weder Strafgericht noch Besserwisserei. Sie will vielmehr etwas über das
in Dokumenten und in der Deutung enthaltene Wissen wissen, über seine
Herkunft, Konstitution, Wirksamkeit und über seine Alternativen"
(SOEFFNER 1989, S.93). Wenn eine objektiv-hermeneutische Interpretation
mitunter trotzdem den Anschein hat, den Interviewee zu bewerten, so ist
auch hier die Ursache in der Natur der zu verwendenden Sprache zu suchen:
"Die Umgangssprache und das umgangssprachlich eingekleidete Denken
enthalten (...) ein 'intentionalistisches' Vorurteil, unterschieben
Intentionen, wo zunächst nur Bedeutungen vorliegen, und verführen auf
diese Weise zu einem Denken, das Handlungsabläufe als Schuld und
Verantwortung Personen zurechnet" (OEVERMANN et al. 1979, S.359).
[18]
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Mathias GRAF, geb. 1964, verheiratet, 2
Kinder (4 und 7 Jahre alt). 1990 Ergotherapie-Examen in Ingolstadt. Danach
Studium der Psychologie an der Universität Konstanz. Seit 1992 Trainer,
seit 1993 Ausbilder und Supervisor für Paar-Kommunikationskurse. Seit
1997 als Diplom-Psychologe jeweils halbtags tätig an einer Pro Familia
Beratungsstelle (Lebens-, Partnerschafts- und Sexualberatung) und als
wissenschaftlicher Angestellter im Arbeitsbereich Pädagogische
Psychologie an der Universität Konstanz. Lehre und
Forschungsschwerpunkte: Familienpsychologie und hermeneutische Methoden.
Heinz WALTER, geb. 1942, Studium der
Psychologie und Erziehungswissenschaft, Philosophie, Volkskunde/Ethnologie
und Ethologie an den Universitäten Graz, Münster und Bochum. Lebt seit
1970 am Bodensee, seit 1972 mit Christine WALTER-KUPRIAN, seit 1975 mit
Florian, seit 1977 mit Laurens, seit 1982 mit Matthäus. Ab 1973 Professor
für Psychologie an der Universität Konstanz. Lehre und
Forschungsschwerpunkte: lebenslange Entwicklung im familialen,
schulischen, beruflichen, regionalen sowie gesellschaftlich-historischen
Kontext; entsprechende Buch- und Zeitschriftenpublikationen. Fortbildung
in Psychoanalyse seit 1980; einschlägige Tätigkeit ab 1985. Beiträge
zur Lehrer- und Elternfortbildung.
Mathias Graf, Dipl. Psych.
Prof. Dr. Heinz Walter
Universität Konstanz
Arbeitsbereich Pädagogische Psychologie
Fach D 43
D - 78457 Konstanz
E-Mail: Mathias.Graf@uni-konstanz.de,
Heinz.Walter@uni-konstanz.de
URL: http://www.uni-konstanz.de/FuF/SozWiss/fg-psy/ag-paed/fg-psy-paed.htm
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche Absatznummern, wenn notwendig):
Graf, Mathias & Walter, Heinz (2000,
Juni). Objektive Hermeneutik in der Vaterforschung [18 Absätze]. Forum
Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line
Journal], 1(2).
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Letzte Änderung: 03.02.2003
Volume 1, No. 2 Inhaltsverzeichnis
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© 2000 Forum Qualitative Sozialforschung
/ Forum: Qualitative Social Research
(ISSN 1438-5627)
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