|
Die konkrete Vorgehensweise der
Sozialpsychologischen Rekonstruktion hängt entscheidend von der Textsorte
und von der empirischen Zugänglichkeit externer Kontexte ab. [19]
Empirische Anwendungen der
Sozialpsychologischen Rekonstruktion als textinterpretatives
Verfahren liegen vor im Bereich der Massenkommunikationsforschung (Analyse
von Spielfilmen und Fernsehdokumentationen; vgl. KEMPF, PALMBACH &
WIDMANN 1987/88; KEMPF & PALMBACH 1990; PALMBACH & KEMPF 1990)
sowie zur Interpretation von Gruppendiskussionen (PALMBACH & KEMPF
1991, BAUMGÄRTNER in Vorbereitung) und narrativen Interviews im Kontext
sozialpsychologischer (KÄLBLE 1991, KEMPF, KÄLBLE & FÖRCH 1987;
BAUMGÄRTNER in Vorbereitung) und pädagogischer (BAROS in Vorbereitung)
Fragestellungen. [20]
Im Bereich der Inhaltsanalyse wurde mit der
sog. Latenten Stilanalyse (KEMPF 1997, im Druck) eine
inhaltsanalytische Technik entwickelt, welche es erlaubt, quantitative und
qualitative inhaltsanalytische Methoden systematisch miteinander zu
verbinden und aufeinander zu beziehen. Unter Anwendung der statistischen
Methode der Latent-Class-Analyse (LAZARSFELD 1950) werden in einer repräsentativen
Stichprobe von Hunderten von Texten charakteristische Muster
identifiziert, zu welchen die inhaltsanalytischen Variablen in den Texten
kombiniert sind. Über die Identifikation typischer Texte, welche diese
Muster in Reinform repräsentieren, können aus dieser repräsentativen
Stichprobe dann einzelne (typische) Texte für eine tiefergehende
qualitative Analyse ausgewählt werden. Während die quantitative Analyse
dabei (schon allein aufgrund des Erfordernisses, große Textmengen mit
hinreichender Inter-Koder-Reliabilität zu kodieren) relativ an der
Textoberfläche bleibt und den Analyseschwerpunkt auf die
gegenstandsbezogene (report-Aspekt) und/oder (teilweise) auch
senderbezogene Perspektive (command-Aspekt) legt, untersucht die
qualitative Analyse die Texte schwerpunktmäßig unter senderbezogener
(command-Aspekt) und empfängerbezogener Perspektive (parade-Aspekt). [21]
Beide Methoden haben in der
Massenkommunikationsforschung bereits breite Anwendung gefunden:
die quantitative Methodik in einem Projekt über die bundesdeutsche
Presseberichterstattung im Golfkrieg (KEMPF 1994) sowie in einem von H.
LUOSTARINEN (Universität Jyvaskyla, Finnland) koordinierten
internationalen Forschungsprojekt über "Media Construction of National
Identities in Postwar Europe" (LUOSTARINEN, in Vorbereitung). Eine
systematische Kombination quantitativer und qualitativer
inhaltsanalytischer Verfahren erfolgte in dem von S.A. NOHRSTEDT
(Universität Örebro, Schweden) koordinierten internationalen
Forschungsprojekt "Journalism in the New World Order" (NOHRSTEDT &
OTTOSEN, im Druck; KEMPF & LUOSTARINEN, im Druck). Erste Ergebnisse
der letztgenannten beiden Projekte finden sich in KEMPF &
SCHMIDT-REGENER (1998). [22]
1) Der Terminus Entfremdung
beschreibt den dialektischen Gegensatz zwischen Individuum und
Gesellschaft, demzufolge die subjektive Logik des Handelns mit ihrer
gesellschaftlichen Logik nicht deckungsgleich ist (SÈVE 1978).
Menschliches Handeln hat nicht nur die damit intendierten Wirkungen,
sondern oft eine Vielzahl an Nebenfolgen, die so weder gewollt noch
vorhergesehen sind und vom Standpunkt des Subjektes oft nicht einmal
erkannt werden (können). Schon die einfachsten zwischenmenschlichen
Interaktionen haben daher nicht nur aufgrund der o.g.
Perspektivendivergenz voneinander abweichende (subjektseitig bestimmte)
Bedeutungen für die daran beteiligten Interaktionspartner, sondern
zugleich eine (objektseitig bestimmte) Bedeutung für das System (KEMPF
1995). <zurück>
Baros, W. (in Vorbereitung). Das
Beziehungsgefüge zwischen griechischen Adoleszenten und ihren Eltern im
Migrationskontext. Eine qualitative Analyse zur Konflikterhellung und
Konfliktbewältigung bei griechischen Migrantenfamilien in Deutschland.
Diss. Universität Köln.
Baumgärtner, U. (in Vorbereitung). Psychosoziale
Voraussetzungen für Konfliktaustrag und Demokratisierung in El Salvador:
Subjektive Bewältigung der Kriegserfahrung und Bewußtseinswandel.
Diss. Universität Konstanz.
Berger, P.L. & Luckmann, T. (1977). Die
gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der
Wissenssoziologie. Frankfurt/M.: Fischer.
Berelson, B. (1952). Content Analysis in
Communikation Research. Glencoe: Free Press.
Blumer, H. (1973). Der methodologische
Standort des symbolischen Interaktionismus. In Arbeitsgruppe Bielefelder
Soziologen (Hrsg.), Alltagswissen, Interaktion und gesellschaftliche
Wirklichkeit. Bd. 1: Symbolischer Interaktionismus und Ethnomethodologie
(S. 80-146). Reinbek: Rowohlt.
Deutsch, M. (1976). Konfliktregelung.
München: Reinhardt.
Dijk, T. A. van (Hrsg.) (1985). Discourse
and Communication: New Approches to the Analysis of Mass Media Discourse
and Communication. Berlin; New York: de Gruyter.
Fisher, R. & Ury, W. (1984). Das
Harvard-Konzept. Sachgerecht verhandeln erfolgreich verhandeln.
Frankfurt/M.: Campus.
Glasl, F. (1992). Konfliktmanagement.
Bern: Haupt.
Hempel, C.G. (1965). Aspects of
Scientific Explanation and other Essays in the Philosophy of Science.
New York: Free Press.
Holzkamp, K. (1986). Die Verkennung von
Handlungsbegründungen als empirische Zusammenhangsannahmen in
sozialpsychologischen Theorien. Zeitschrift für Sozialpsychologie, 17,
216-238.
Holzkamp, K. (1991). Was heißt
"Psychologie vom Subjektstandpunkt"? Überlegungen zu
subjektwissenschaftlicher Theorienbildung. Forum Kritische Psychologie,
28, 5-19.
Jäger, S. (1994). Kritische
Diskursanayse. Eine Einführung. Duisburg: Duisburger Institut f.
Sprach- u. Sozialforschung.
Kälble, M. (1991). Frauen-Widerstand im
Spannungsverhältnis zur traditionellen weiblichen Rolle. Zeitschrift für
Sozialpsychologie und Gruppendynamik, 16/2, 29-37.
Kempf, W. (1991). Transkulturelle Verständnisbildung
als Methodenproblem. In W. Kempf (Hrsg.), Verdeckte Gewalt
(S.119-132). Hamburg: Argument-Verlag.
Kempf, W. (1992). Zum Verhältnis von
qualitativen und quantitativen Methoden in der psychologischen Forschung. Forum
Kritische Psychologie, 29, 89-108.
Kempf, W. (1993). Konflikteskalation durch
autonome Prozesse. In W. Kempf, W. Frindte, G. Sommer & M. Spreiter
(Hrsg.), Gewaltfreie Konfliktlösungen. Interdisziplinäre Beiträge zu
Theorie und Praxis friedlicher Konfliktbearbeitung (S.53-69).
Heidelberg: Asanger.
Kempf, W. (Hrsg.) (1994). Manipulierte
Wirklichkeiten. Medienpsychologische Untersuchungen der bundesdeutschen
Presseberichterstattung im Golfkrieg. Münster: LIT.
Kempf, W. (1995). Begriffe und Probleme
des Friedens. Beiträge der Sozialpsychologie. Kurseinheit 1: Aggression,
Gewalt und Gewaltfreiheit. Hagen: Fernuniversität.
Kempf, W. (1997). Latent styles of German
Newspaper Coverage of Allied PoWs during the Gulf War. In J. Rost & R.
Langeheine (Hrsg.), Applications of Latent Trait and Latent Class
Models in the Social Sciences (S.233-254). Münster: Waxmann.
Kempf, W. (1999a). Gewaltursachen und
Gewaltdynamiken. In W. Kempf (Koord.), Konflikt und Gewalt
(S.44-65). Münster: agenda.
Kempf, W. (1999b). Zum Verhältnis von
Allgemeinem und Konkretem in der subjektwissenschaftlichen Forschung. In J.
Straub & H. Werbik (Hrsg.), Handlungstheorie. Begriff und Erklärung
im interdisziplinären Diskuskurs (S.93-109). Frankfurt/Main: Campus.
Kempf, W. (im Druck). Integration of
quantitative and qualitative content analysis in media research. In W.
Kempf & H. Luostarinen (Hrsg.), Journalism in the New World Order.
Vol. II. Studying War and the Media. Göteborg: Nordicom.
Kempf, W. & Baumgärtner, U. (1996).
Sozial-psychologische Rekonstruktion als textinterpretatives Verfahren. Diskussionsbeiträge
der Projektgruppe Friedensforschung Konstanz, Nr. 31.
Kempf, W. & Luostarinen, H. (Hrsg.) (im
Druck). Journalism in the New World Order. Vol. II. Studying War and
the Media. Göteborg: Nordicom.
Kempf, W., Kälble, M. & Förch, M.
(1987). Individuelle Verarbeitung von Stationierungsbeschluß und Spaltung
der Friedensbewegung in Baden-Württemberg. In T. Evers & W. Kempf
(Hrsg.), Persönliche Identität und politische Krise. Protokoll
238/1987 (S.58-81). Evangelische Akademie Hofgeismar.
Kempf, W. & Palmbach, U. (1990).
Rambogate. Militaristische und antidemokratische Propaganda im
Hollywood-Film der Reagan-Ära. In W. Kempf (Hrsg.), Medienkrieg oder
»Der Fall Nicaragua« (S.152-166). Hamburg: Argument.
Kempf, W. & Palmbach, U. (1994).
Sozial-psychologische Rekonstruktion massenmedialer Einflußnahme. In W.
Kempf (Hrsg.), Manipulierte Wirklichkeiten. Medienpsychologische
Untersuchungen der bundesdeutschen Presseberichterstattung im Golfkrieg
(S.28-46). Münster: LIT.
Kempf, W., Palmbach, U. & Widmann, A..
(1987/88). Von Ratten, Schmeißfliegen und anderen verächtlichen
Friedenstreibern. Teil I: PP-Aktuell, 6/4, 131-143; Teil II: PP-Aktuell,
7/1+2, 3-17.
Kempf, W. & Schmidt-Regener, I. (Hrsg.)
(1998). Krieg, Nationalismus, Rassismus und die Medien. Münster:
Lit.
Keupp, H. (1991). Für eine diskursive
Psychologie jenseits des "possesiven Individualismus". In G.
Jüttemann (Hrsg.), Individuelle und soziale Regeln des Handelns.
Beiträge zur Weiterentwicklung geisteswissenschaftlicher Ansätze in der
Psychologie (S.185-207). Heidelberg: Asanger.
Keupp, H. (1992). Das Subjekt und die
Psychologie in der Krise der Moderne: Die Chancen postmoderner
Provokationen. Psychologie und Gesellschaftskritik, 3-4, 16, 17-41.
Kracauer, S. (1952). The Challenge of
Qualitative Content Analysis. Public Opinion Quarterly, 16,
631-642.
Lamnek,
S. (1995). Qualitative Sozialforschung, Band 1, Methodologie.
Weinheim: Psychologie Verlags-Union.
Lazarsfeld, P.F. (1950). Logical and
mathematical foundations of Latent Structure Analysis. In S.A. Stauffer,
L. Guttman, E.A. Suchman, P.F. Lazarsfeld, S.A. Star & J.A. Clausen
(Hrsg.), Studies in Social Psychology in World War II. Vol. IV
(S.362-412). Princeton/N.Y.
Luostarinen, H. (Hrsg.) (in Vorbereitung). Media
and National Identities: Comparative Perspectives.
Mayring,
Ph. (1993a). Einführung in die qualitative Sozialforschung.
Weinheim: Psychologie Verlags-Union.
Mayring, Ph. (1993b). Qualitative
Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim: Deutscher Studien
Verlag. (4., erw. Auflage)
Mitchell, C.R. (1981). Peacemaking and
the Consultant's Role. New York: Nichols Publishing Company.
Nohrstedt, S.A., Ottosen, R. (im Druck). Journalism
in the New World Order. Vol. I. Gulf War, National News Discourses and
Globalization. Göteborg: Nordicom.
Palmbach, U. & Kempf, W. (1990).
Sympathiewerbung oder Diffamierung? Vom schleichenden Gift der Geschichtsfälschung
im Kino. In W. Kempf (Hrsg.), Medienkrieg oder »Der Fall Nicaragua«
(S.191-208). Hamburg: Argument.
Palmbach, U. & Kempf, W. (1991). Von
der Schwierigkeit, Stellung zu beziehen Ergebnisse einer empirischen
Untersuchung über den Umgang mit Desinformationsmedien. In W. Kempf
(Hrsg.), Verdeckte Gewalt (S.133-150). Hamburg: Argument-Verlag.
Schulz von Thun, F. (1981). Miteinander
reden 1. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der
Kommunikation. Reinbek: Rowohlt.
Sève, L. (1978). Marxistische Analyse
der Entfremdung. Frankfurt/M.: Verlag Marxistische Blätter.
Volmerg, B. (1988). Wie interpretiert man
Texte tiefenhermeneutisch? In Th. Leithäuser & B. Volmerg (Hrsg.), Psychoanalyse
in der Sozialforschung (S.251-261). Opladen: Westdeutscher Verlag.
Watzlawick, P., Beavin, J.H. & Jackson,
D.D. (1967). Pragmatics of Human Communication. A Study of
International Patterns, Pathologies, and Paradoxes. New York: Norton
& Company.
Wright, G.H. von (1974). Erklären und
Verstehen. Frankfurt/M.: Fischer Athenäum.
Wilhelm KEMPF, Prof. Dr. phil.
habil., wurde 1947 in Klagenfurt/Österreich geboren. 1965-1970 Studium
der Psychologie, Philosophie und Statistik an der Universität Wien.
1969/70 Postgraduiertenstudium der Soziologie am Institut für Höhere
Studien. 1970 Promotion an der Universität Wien. 1977 Habilitation für
Psychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg mit einer Arbeit über
"Konfliktlösung und Aggression Zu den Grundlagen einer
psychologischen Friedensforschung".
Seit 1977 Professor für Psychologische
Methodenlehre und Statistik an der Universität Konstanz. Leiter der
Projektgruppe Friedensforschung Konstanz.
Arbeitsschwerpunkte: Psychologische
Methodologie und Friedensforschung.
Postanschrift: Fachbereich Psychologie,
Universität Konstanz, D - 78457 Konstanz
E-Mail: Wilhelm.Kempf@uni-konstanz.de
URL: http://www.uni-konstanz.de/FuF/wiwi/kempf/index.html
Wassilios BAROS, Dipl. Päd., wurde
1969 in Giengen a.d. Brenz/BRD geboren. 1987-1991 Studium der Pädagogik
an der Universität Ioannina (Griechenland). 1991 Diplom.
Derzeit Promotionsstudium an der
erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. Thema
der Dissertation: "Das Beziehungsgefüge zwischen griechischen
Adoleszenten und ihren Eltern im Migrationskontext. Eine qualitative
Analyse zur Konflikterhellung und Konfliktbewältigung bei griechischen
Migrantenfamilien in Deutschland."
Postanschrift: Hansaring 52, D - 50670 Köln
E-Mail: baros@bigfoot.de
Irena REGENER, Dr. phil., wurde 1956
in Greiz/DDR geboren. 1974-1979 Studium der Germanistik an der
Humboldt-Universität zu Berlin. 1979 Diplom. 1986 Promotion an der
Akademie der Wissenschaften der DDR mit einer Dissertation über
"Theorien der Standardsprache zwischen 1770 und 1870 Versuch der
Exemplifizierung von Richtungswechseln".
Derzeit externe Mitarbeiterin der
Projektgruppe Friedensforschung Konstanz.
Arbeitsschwerpunkte: Soziolinguistik,
Geschichte der sprachwissenschaftlichen Germanistik im 19. Jahrhundert.
Postanschrift: Lehderstraße 61, D - 13086
Berlin
E-Mail: IrenaRegener@compuserve.com
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche Absatznummern, wenn notwendig):
Kempf, Wilhelm, Baros, Wassilios &
Regener, Irena (2000, Juni). Sozialpsychologische Rekonstruktion
Integration quantitativer und qualitativer Forschungsmethoden in der
psychologischen Konflikt- und Friedensforschung [22 Absätze]. Forum
Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line
Journal], 1(2).
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00kempfetal-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
|