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Volume 1, No. 2 Juni 2000
Das Zentrum für Qualitative
Psychologie an der Universität Tübingen
Mechthild Kiegelmann, Josef
Held, Günter L. Huber & Irmentraud Ertel
Zusammenfassung: Der Beitrag
beschreibt Aufgabenstellung und Arbeitsschwerpunkte des Zentrums für
Qualitative Psychologie anhand ausgewählter Forschungs und
Entwicklungsarbeiten. Insbesondere verweist er auf den Workshop
"Qualitative Forschung in der Psychologie", den das Zentrum im
Oktober 2000 veranstaltet.
Keywords: Zentrum für
Qualitative Psychologie, Voice-Ansatz, Subjektwissenschaft, Datenanalyse,
Computerunterstützung
1. Die Aufgabenstellung
des Zentrums für Qualitative Psychologie
2. Schwerpunkte der
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Forschung und Entwicklung
2.1 Subjektive Theorien
von Lehrenden und Lernenden
2.2
Subjektwissenschaftlicher Ansatz in der Jugendforschung
2.3 Weiterentwicklung
der Methode des "Voice Centered Listening"
2.4 Alltagskommunikation
in Familien
2.5 Schulung in
computerunterstützter Analyse qualitativer Daten
3. Workshop
"Qualitative Forschung in der Psychologie"
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Die Aufgabenstellung
des Zentrums für Qualitative Psychologie
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Das Zentrum für Qualitative Psychologie
wurde 1999 in der Abteilung Pädagogische Psychologie der Universität Tübingen
gegründet, um qualitative Forschungsmethoden für die wissenschaftliche
Psychologie weiterzuentwickeln und zu verbessern. Das Zentrum hat sich
insbesondere zur Aufgabe gestellt, Standards von qualitativen Methoden im
Bereich der Psychologie für sozial engagierte, handlungsorientierte
Forschung zu fordern und zu fördern. Dabei soll innerhalb der
deutschsprachigen Psychologie auf die seit den 50er Jahren bestehende
Tradition qualitativpsychologischer Forschung aufgebaut werden und
es sollen beispielsweise Verfahren der Beobachtung, der Introspektion,
verschiedene Formen des Interviews oder des Lauten Denkens in der
psychologischen Forschung genutzt werden. [1]
Das Zentrum bietet qualitativ arbeitenden
Psychologen und Psychologinnen die Möglichkeit der Vernetzung sowie des
Austauschs in jährlichen Tagungen und der Beteiligung an internationaler
Kooperation. Die Forschungstradition aus dem deutschsprachigen Raum wird
in den internationalen Diskurs eingebracht und es wird ein aktiver
internationaler Austausch mit Psychologen und Psychologinnen gepflegt. Die
Diskussion konzentriert sich bisher auf zwei Schwerpunktbereiche. Zum
einen geht es darum, praxisrelevante und sozial engagierte Forschungsansätze
in der Psychologie zu sichten und zu elaborieren. Zum anderen werden im
Bereich der Grundlagenforschung Verfahren erarbeitet, mit denen schon im
Studium eine intensive Auseinandersetzung mit methodologischen Fragen gefördert
werden kann; insbesondere Fragen des Forschungsdesigns müssen dazu stärker
berücksichtigt werden. Mit Blick auf die Gegenstandsbereiche
psychologischer Forschung ist qualitative Methodologie unerlässlich, wenn
es darum geht,
insbesondere alltägliche
Prozesse in ihren konkreten, sozio-historischen Kontexten zu erfassen,
subjektive Handlungsgrundlagen
("naive", "implizite" Theorien, subjektive
Orientierungen) zu erschließen, oder
individuelle Auseinandersetzung mit
widersprüchlichen sozialen Situationen in ihrer Vielschichtigkeit
wahrzunehmen. [2]
Zur Förderung qualitativer Forschung in
der Psychologie veranstaltet das Zentrum vom 20. bis 2.Oktober 2000 im
HeinrichFabriInstitut (in Blaubeuren bei Ulm), dem
Geistes und Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum der
Universität Tübingen, einen Workshop "Qualitative Forschung in der
Psychologie" (s.u., Abschnitt 3). [3]
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Schwerpunkte der
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Zentrums in Forschung und Entwicklung
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In den psychologischen Forschungsarbeiten
der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Abteilung Pädagogische Psychologie
am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen, die
auch das Zentrum für Qualitative Psychologie organisieren, steht die menschliche Subjektivität im Mittelpunkt, d.h. das Handeln von Menschen
und seine Voraussetzungen. Handeln ist per definitionem an ein Subjekt
gebunden, das eigene Intentionen hat und nicht allein von äußeren oder
inneren Bedingungen gesteuert wird. Dieser Zugang verlangt nach
Forschungsmethoden und Forschungsstrategien, die handlungstheoretischen
bzw. subjektwissenschaftlichen Perspektiven gerecht werden. Die
Methodenwahl richtet sich nach Forschungsgegenstand und -frage.
Qualitative und quantitative Verfahren werden kombiniert, wenn sowohl
individuelle Prozesse als auch Häufigkeitsgeneralisierungen in einem
Forschungsprojekt bearbeitet werden. Unser Anliegen, qualitative
psychologische Forschung zu fördern, hat einige methodologische
Forderungen zur Konsequenz: [4]
Zum ersten werden Forscher oder
Forscherinnen als Teil des Forschungs- und Handlungszusammenhangs
gesehen; daraus leitet sich die grundsätzliche Notwendigkeit einer
Verbindung von Praxis und Forschung ab. Eine kritische Reflexion der
Forschungsbeziehungen ist ein zentraler Aspekt des gesamten
Forschungsprozesses. Zum zweiten wird die Kontextualität jedes Handelns
betont, menschliches Handeln als gesamtgesellschaftlich vermittelt
gesehen. Dies impliziert Offenheit für interdisziplinäre Ansätze. Das
bedeutet beispielsweise die Kombination von Psychologie mit Soziologie und
Historiographie, um psychologische Phänomene wie zum Beispiel rechte
Orientierungen von Jugendlichen im sozialen Kontext zu analysieren. Zum
dritten wird subjektwissenschaftlich argumentiert, dass Menschen für
ihr Handeln Gründe haben, die mit ihren lage- und positionsspezifischen Möglichkeiten
zu tun haben. [5]
Einzelne Mitglieder des Zentrums bringen
innerhalb des gemeinsamen Ansatzes eigene Forschungsthemen und
Schwerpunkte ein. [6]
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Subjektive Theorien
von Lehrenden und Lernenden (Günter L. HUBER)
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Der Forschungsansatz erfasst einen
komplexen Zusammenhang von theoretischen Orientierungen
(Kognitions-Handlungs-Relationen) und methodologischen Paradigmen
(quantitative vs. qualitative Methodik) einerseits mit Praxisproblemen
(z.B. Frage nach Rat und Hilfe bei Schwierigkeiten von Anfängern in pädagogischen
Berufen) und Herausforderungen der Psychologie durch die Praxis (Forderung
nach Vermittlung psychologischer Wissensbestände in
"praxisrelevanter" Form) andererseits. Die Orientierung auch an
subjektiven Sichtweisen kann dazu beitragen, einige der Fallstricke der
angewandten psychologischen Forschung zu umgehen, nämlich die Selektion
einiger Elemente aus einem komplexen Interaktionszusammenhang von Wissen,
Erwartungen und Bewertungen beim Zustandekommen von Alltagshandeln.
Allerdings garantiert die Berücksichtigung der subjektiven Sichtweisen
der Handelnden noch nicht, dass wir die Grenzen traditioneller Ansätze
angewandter Wissenschaft überwinden. [7]
Eine Sammlung idiosynkratischer Erfahrungen
kann beeindruckend und farbig sein, aber möglicherweise nichts weiter als
eine Anhäufung von Sichtweisen aus notwendigerweise enger und begrenzter
Perspektive liefern. Drastisch mit HERBART formuliert: Was ist die
Erfahrung des 90jährigen Dorfschulmeisters? 90 Jahre Schlendrian ...
Wissenschaftliche Theorien sollen und können also weder durch eine auf
Breite angelegte Sammlung subjektiver Weltsichten noch durch
"Eintauchen" in die subjektive Welt der Subjekte ersetzt werden.
Wir versuchen vielmehr eine umfassende Rekonstruktion subjektiver
Weltsichten, die es uns ermöglicht, die Elemente subjektiver Theorien zu
überschauen, Einzelfälle zu vergleichen und möglichst in ein übergreifendes
Bezugssystem einzuordnen. [8]
Ein Beispiel dafür ist die Auswertung der
Untersuchung von MARCELO (1991; HUBER & MARCELO 1993) an 106 Lehrkräften.
In dieser Studie sollte das Zusammenwirken von universitärer
Lehrerbildung und Einflüssen der professionellen Sozialisation auf das
Handeln und die Erfahrungen junger Lehrer und Lehrerinnen im ersten
Berufsjahr untersucht werden. Als Thema Nr. 1 erwiesen sich dabei Probleme
im Umgang mit Disziplinschwierigkeiten. Wie und wozu soll man aber die
Lehrer ausbilden, damit sie weniger Disziplinschwierigkeiten haben?
Entscheidungen auf der Basis wissenschaftlicher Theorien erscheinen
unzureichend, wenn man aus MARCELOs Untersuchung erfährt, dass sich in
den Berichten der Lehrer drei Bedingungskonfigurationen unterscheiden
lassen: Einige berücksichtigen die Motivation der Schüler nicht, für
andere scheinen Lehrer-Schüler-Beziehungen bedeutungslos, wieder andere
äußern, von den Disziplinproblemen abgesehen, überhaupt keine
schulbezogene Reflexion! [9]
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Subjektwissenschaftlicher Ansatz in der Jugendforschung (Josef HELD)
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Dieser Ansatz wurzelt in der
Kulturhistorischen Schule (WYGOTSKI, LEONTJEW u.a.) und steht in der
Tradition der Kritischen Psychologie. Im Feld der Jugendforschung (vgl.
HELD 1994) untersuchen wir, wie Orientierung und Handeln der Jugendlichen
mit gesellschaftlichen Problemen vermittelt sind. Wir versuchen, gemeinsam
Wege für besseres Orientieren und Handeln zu finden. Das Vorgehen soll an
zwei Forschungsprojekten verdeutlicht werden: [10]
In einem Projekt, das wir von 1993 bis 1996
zum Thema "Politische Orientierungen jugendlicher Arbeitnehmer/-innen"
durchführten, untersuchten wir die Gründe der Jugendlichen für ihre
Orientierungen (vgl. HELD, HORN & MARVAKIS 1996). Eine Besonderheit
des Forschungsdesigns besteht darin, dass Forschung und Praxis
verbunden wurden: Wir machten Berufsschulen und Betrieben das Angebot,
Jugendlichen einen Raum für politische Überlegungen zu bieten. Als
ersten Schritt legten wir den Auszubildenden einen Fragebogen vor, der zum
Nachdenken über politische Orientierungen anregte. Nach dem Ausfüllen
diskutierten wir mit den Jugendlichen die Inhalte und boten an, ihnen nach
der Auswertung die ersten Ergebnisse mitzuteilen. In der nächsten Phase
vermittelten wir die Ergebnisse, und die Jugendlichen hatten die Möglichkeit,
in kleinen Gruppen darüber zu diskutieren. Mit interessierten
Jugendlichen führten wir noch Einzelinterviews durch. Diese
Forschungskonzeption wird derzeit in einem neuen Projekt, das wir mit der
IG Metall durchführen, weiter ausgearbeitet. [11]
In einem EU-Projekt mit dem Titel
"Internationales Lernen" weiteten wir das Untersuchungsfeld aus. In fünf
beteiligten Ländern (Deutschland, Niederlande, Griechenland, Kroatien und
Lettland) arbeiten wir mit Forschungsgruppen zusammen und führen
Untersuchungen mit Schwerpunkt auf qualitativen Methoden durch.
Teilnehmende Beobachtung spielt dabei eine große Rolle. So unterstützten
wir Jugendliche in den Ländern bei Videoprojekten, in denen sie sich
selbst und ihre Lebenswelt darstellten. Mit den Jugendlichen organisierten
wir dann eine internationale Jugendbegegnung, die ebenfalls durch
teilnehmende Beobachtung begleitet war. Auch die Jugendbegegnung wurde als
Film dokumentiert und dieser war wiederum Anregung für Diskussionen in
den beteiligten Ländern. Die Ergebnisse sind teilweise bereits publiziert
(vgl. HELD & SPONA 1999). Das Projekt zeigt, dass auch bei
international vergleichender Jugendforschung qualitative Methoden eine
wichtige Rolle spielen können. [12]
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Weiterentwicklung der
Methode des "Voice Centered Listening" (Mechthild KIEGELMANN)
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Der qualitativ-psychologische
Forschungsansatz "Voice Centered Listening" wurde von Lyn BROWN,
Carol GILLIGAN und deren Kolleginnen und Kollegen entwickelt (BROWN et al.
1988). Ein wichtiges damit verknüpftes Forschungsergebnis ist die
Entdeckung einer moralischen Entscheidungsorientierung, die auf soziale
Beziehungen gerichtet ist ("voice of care") und die eine
Gerechtigkeitsorientierung ("voice of justice") ergänzt
(GILLIGAN 1982). [13]
Eine Weiterentwicklung dieses Ansatzes
besteht darin, ein Muster von verschiedenen "Stimmen" auch in
Aussagen zu Themen jenseits moralischer Dilemmata zu analysieren. Die
systematische Bestimmung verschiedener psychologischer Umgangsformen mit
sozialen Tabuthemen, d.h. verschiedenen "Stimmen" wurde in einer
Studie über Verarbeitungsstrategien mit traumatischen
Kindheitserfahrungen aufgegriffen und erweitert (KIEGELMANN 1997). [14]
Der "Voice-Ansatz" wurde so
erweitert, dass statt nach einzelnen Orientierungen (wie "care"
und "justice") nun aus Interviewtranskripten heraus eine
Vielzahl von idiosynkratischen "Stimmen" von
Forschungsteilnehmenden bestimmt werden kann. Dabei werden zunächst in
mehreren aufeinanderfolgenden Lesedurchgängen eine Inhaltsanalyse, die
Reaktion der ForscherIn, der soziale Kontext und die Repräsentationen des
Selbst in den Daten analysiert. Eine Codierung von einer Vielzahl von
"Stimmen" der StudienteilnehmerInnen erfolgt anschließend.
Schließlich werden die so gefundenen Stimmen miteinander in Beziehung
gebracht und zusammengefasst. [15]
Die so bestimmten Stimmenkonstellationen
gehen zusammen mit den Ergebnissen der einzelnen Lesedurchgänge in die
Gesamtauswertung des Datenmaterials ein. Um die erweiterte
"Voice-Methode" systematisch darzustellen und in der Lehre
vermitteln zu können, wird momentan eine Methodenanleitung zu diesem
Ansatz verfasst. (Zur Veranschaulichung des Verfahrens siehe das Beispiel
im Text "Qualitativ-psychologische Forschung mit dem
Voice-Ansatz" in
diesem Band.) [16]
Zur Zeit wird der erweiterte
"Voice-Ansatz" in einer Untersuchung über Umgangsformen mit
nationalsozialistischer Betriebsgeschichte des eigenen Arbeitsplatzes
eingesetzt. In ersten Ergebnissen zeichnet sich ab, dass Auszubildende in
der Industrie und Angestellte in einer öffentlichen Einrichtung jeweils
vielschichtige Umgangsformen mit der Geschichte ihres Arbeitsplatzes
zeigen. Beispielsweise drücken einzelne Personen aus, dass sie das
Vergessen der NS-Geschichte fordern. Diese Personen suchen gleichzeitig
interessiert nach weiteren Informationen, um sich genauer in die
Perspektive derjenigen ehemaligen KollegInnen hineinzuversetzen, die bis
1945 in der Arbeitsstätte tätig waren. Das Bestimmen von verschiedenen
Stimmen (wie in diesem Beispiel "Vergessen wollen" neben
"nach Informationen suchen") und deren Zusammenspiel ermöglicht
es, die Komplexität der Auseinandersetzungsprozesse zu erfassen und zu
analysieren. Detailliertes Verständnis der Kognitionen, Ängste und
handlungsleitenden Orientierungen ist zum Beispiel eine Voraussetzung für
die Entwicklung von Konzepten für die Schulung von sozialer Kompetenz und
Konfliktbewältigung für Auszubildende. [17]
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Alltagskommunikation
in Familien (Irmentraud ERTEL)
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In diesem Forschungsansatz geht es primär
um die Umsetzung einer qualitativ orientierten psychologischen
Familienforschung. Hauptanliegen sind die Erforschung familialer
Beziehungen im Gegenstandsbereich der Kommunikationsforschung. Der
Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung familialer Alltagskommunikation.
Forschungspraktisch bedeutet das, Familien in ihrer häuslichen Umgebung
aufzusuchen. Als empirisches Material werden per Video fixierte
authentische Familiengespräche genutzt, die während alltäglicher
Interaktionsroutinen quasi nebenbei entstehen und die Familie als soziale
Einheit besonders deutlich zum Vorschein bringen (IMBER-BLACK, ROBERTS
& WHITING 1995). [18]
In einer ersten Studie mit 31 Berliner
Familien ging es um die generelle Frage, wie familiale Alltagsgespräche mit vier GesprächspartnerInnen (Mutter, Vater, älteres Kind und jüngeres
Kind) unter methodischen Gesichtspunkten, adäquat erfasst werden können
(ERTEL & REICHERT 1994). Es wurde ein Verfahren entwickelt, welches den Kommunikationsfluss mit den Gesprächsäußerungen der Familienmitglieder in seiner chronologischen Abfolge abbildet. Als
Basiskategorie wurde die Wechselseitigkeit der Sprecherrollen
identifiziert, welche als das konstituierende Moment eines jeden Gesprächs zum definitorischen Bestimmungsstück und als das Kernstück der Kategorie
'Gespräch' begriffen wird. Damit rückte die soziale Bedeutung gesprächsorganisatorischer
Aspekte in den Mittelpunkt der weiteren Analysen (GOFFMAN 1964). Um nur
ein Ergebnis zu nennen: Die Mütter kristallisierten sich als
Hauptkommunikatorinnen und Managerinnen der Familiengespräche in Bezug
auf ihre Partner und die beiden Kinder heraus. Mütter sorgten teilweise
dafür, dass die Väter in Gesprächssequenzen mit ihren Kindern
"verwickelt" und so ins Familiengespräch integriert wurden.
Umgekehrt gesehen, brachten sich die Väter deutlich zurückhaltender in
die Familiengespräche ein. [19]
Eine aktuell laufende Untersuchung mit 18
Berliner Familien weitet das oben skizzierte Verfahren aus. Auf der
Grundlage gesprächsorganisatorischer Aspekte werden unterschiedliche
Analyseebenen der Kommunikation wie Gesprächsbeteiligung, Gesprächsthemen,
Kommunikationsstile und Gesprächsverläufe berücksichtigt. Ein
Schwerpunkt stellt die intensive Beschäftigung mit Einzelfällen und die
Rekonstruktion familialer Kommunikationswelten dar (SILLARS 1995). Es
zeigt sich deutlich, dass Familien aufgrund einer jahrelangen gemeinsamen
Kommunikationsgeschichte eine unverwechselbare Gesprächskultur entwickeln
(SCHULZE 1987). Als sprachliche Systeme kreieren Familien eben ihre ganz
eigenen Bedeutungen und damit eine eigene gemeinsame Darstellung der
Wirklichkeit. Diese Erkenntnis führt zu der kontrovers diskutierten
Frage, inwiefern auf einer höheren Abstraktionsebene im interfamilialen
Vergleich familiale Kommunikationsstile im Sinne von Typologien generiert
werden können, ohne dabei die Familie als soziale Einheit und
Ganzheit aus den Augen zu verlieren. (Für eine genauere Darstellung siehe
ERTEL in
diesem Band.) [20]
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Schulung in computerunterstützter Analyse qualitativer Daten (Günter L. HUBER)
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Für Forschungsgruppen verschiedener in-
und ausländischer Hochschulen haben wir in den vergangenen Jahren
wiederholt Workshops zur Einführung in die computerunterstützte Analyse
qualitativer Daten durchgeführt. Wir gehen dabei von den
unterschiedlichen Möglichkeiten zur Bewältigung der zentralen Aufgaben
der Datenreduktion, der Rekonstruktion systematischer Zusammenhänge
in den Texten und dem Vergleich der Texte/Fälle aus. Anhand vorbereiteter
Texte vorzugsweise aus den Projekten der jeweiligen Gruppe erproben
die Teilnehmenden unter Anleitung geeignete Strategien der
Computernutzung. In Kleingruppen bearbeiten sie dann selbständig ihre
Beispieltexte. Thematischer Schwerpunkt ist dabei der Vergleich von
Strategien des Findens vs. theoriegestützten Konstruierens von
Bedeutungseinheiten und geeigneten Codes. [21]
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Workshop "Qualitative Forschung in der Psychologie"
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Das Zentrum für Qualitative Psychologie
organisiert vom 20. bis 22.Oktober 2000 im Geistes und
Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum der Universität Tübingen, dem
HeinrichFabriInstitut in Blaubeuren bei Ulm, einen Workshop
"Qualitative Forschung in der Psychologie". Dort werden
Wissenschaftler/innen ihre Forschungsarbeiten und Methoden im Bereich der
qualitativen psychologischen Forschung präsentieren und zur Diskussion
stellen. Teilnehmen werden sowohl Lehrende und Forschende aus dem
In und Ausland, Promovierende aus den unterschiedlichen Feldern der
Psychologie, sowie Studierende am Ende ihrer Hochschulausbildung. Die
Inhalte des Workshops orientieren sich an den zentralen Themen des
Zentrums für Qualitative Psychologie. Sie sollen neben dem Schwerpunkt Pädagogische
Psychologie möglichst die Bandbreite der psychologischen Teildisziplinen
widerspiegeln. [22]
Eingeladen sind Psychologen und
Psychologinnen, die selbst qualitativ forschen, außerdem solche
Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die aus Ihren jeweiligen
Fachperspektiven zur Entwicklung und Förderung von qualitativer
Psychologie beitragen. Der Workshop soll Diskussionsforum für alle qualitativ arbeitenden PsychologInnen werden und Anstoß zur Bildung eines Netzwerkes geben. Erwartet wird außerdem, dass die Teilnehmer und Teilnehmerinnen ihre Expertise in Arbeitsgruppen einbringen und konstruktiv diskutieren.
Im einzelnen sollen Arbeiten vorgestellt
werden, die
beispielhafte
Anwendungen qualitativer Methoden in der Psychologie beschreiben;
eigenständige
methodische Ansätze entwickeln;
Fragen der qualitativen
Methodologie diskutieren (z.B. Gütekriterien, Generalisierbarkeit,
Passung von Forschungsfragen und Methoden, Einsatz von Computerprogrammen,
Ethik der Forschung, etc.);
Vermittlungsmöglichkeiten
qualitativer Methodologie in der Lehre aufzeigen. [23]
Details zu Anmeldung und zum Ablauf des
Workshops sind auf der Webseite des Zentrums zu finden unter http://www.qualitative-psychologie.de. [24]
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Bardige, B.; Gilligan, C.; Johnston, K.; Miller, B.; Osborne, D.; Ward,
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Familien" Aspekte der Familienkultur. In M. Karsten & H. Otto
(Hrsg.), Die sozialpädagogische Ordnung der Familie (S.27-43).
Weinheim: Juventa.
Mechthild KIEGELMANN, Ed. D.,
Wissenschaftliche Assistentin in der Abteilung Pädagogische Psychologie
an der Universität Tübingen
Arbeitsschwerpunkte: qualitative
Psychologie, pädagogische Psychologie, Psychologie des Schweigenbrechens,
Traumapsychologie
E-Mail: mechthild_kiegelmann@post.harvard.edu
Josef HELD, Dr. phil. habil.,
Wissenschaftlicher Angestellter in der Abteilung Pädagogische Psychologie
an der Universität Tübingen
Arbeitsschwerpunkte: Jugend- und
Medienforschung, Politische Orientierungen, subjektbezogene
Forschungsmethoden. Mitbegründer des Projekts "Internationales
Lernen"
E-Mail: Josef.Held@uni-tuebingen.de
Günter L. HUBER, Dr. phil., Inhaber
des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie an der Universität Tübingen
Arbeitsschwerpunkte: Lehr-/Lernforschung,
qualitative Forschungsmethoden
E-Mail: huber.paedpsy@uni-tuebingen.de
Irmentraut ERTEL
Arbeitsschwerpunkte: Familienforschung,
Kommunikationsforschung, Beratungsforschung, Musikpsychologie, Qualitative
Methodologie und Methoden, Alltagsforschung
e-mail: irmentraud.ertel@uni-tuebingen.de
Alle: Eberhard-Karls-Universität Tübingen,
Münzgasse 22-30, D - 72070 Tübingen
URL: http://www.qualitative-psychologie.de
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche Absatznummern, wenn notwendig):
Kiegelmann, Mechthild, Held, Josef, Huber,
Günter L. & Ertel, Irmentraud (2000, Juni). Das Zentrum für
Qualitative Psychologie an der Universität Tübingen [24 Absätze]. Forum
Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line
Journal], 1(2).
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00kiegelmannetal-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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Letzte Änderung: 03.02.2003
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