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Der prospektive Längsschnittcharakter
unserer Studie stellt insofern eine methodische Herausforderung dar, dass nicht nur Zusammenhänge zwischen verschiedenen Orientierungen,
sondern auch Entwicklungsprozesse bzw. zeitliche Verläufe dieser
Orientierungen sowie deren Realisierung untersucht werden. Zur Auswertung derartiger Sequenzen haben wir ein heuristisches
Handlungsmodell entwickelt, das die Grundlage für weitere thematische
Auswertungen und Konzeptualisierungen bildet. Bei diesen Analysen, wie
z.B. der Bildung verschiedener Typen (vgl. KLUGE 1999, KELLE & KLUGE
1999), ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten der Modellierung bezüglich
des in die Analysen einzubeziehenden Beobachtungszeitraums und der
Betrachtungsweise von Entwicklungsprozessen, wie wir im Anschluss an die
Erörterung des heuristischen Handlungsmodells diskutieren werden. [12]
Bei der Analyse der Übergangsprozesse von
der Ausbildung in den Beruf und von Gestaltungsmustern in den ersten
Berufsjahren geht das Erkenntnisziel über enge, auf einzelne Situationen
gerichtete Handlungsakte hinaus und richtet sich auf Handlungssequenzen im
Lebenslauf. Wir betrachten sie als Resultate der Selbstsozialisation, d.h.
der individuellen Auseinandersetzung mit den Erfordernissen des
Berufslebens und der Verarbeitung berufsbiographischer (Ungleichheits-)
Erfahrungen und Handlungsfolgen. Daher steht die Frage an, wie denn die
Abfolge von berufsbiographischen Orientierungen und Handlungen als
Lebenslaufsequenzen modelliert werden kann, um den analytischen Zugriff zu
organisieren. Unsere Lösung besteht darin, in Anlehnung an die phänomenologische
Handlungstheorie (vgl. Schütz 1974) ein heuristisches Handlungsmodell
zu formulieren (vgl. WITZEL 2000a). Dabei stehen wir dem Anspruch, eine
generelle und zugleich empirisch gehaltvolle Theorie des Handelns
entwickeln zu können, wie er im "Rational Choice-" bzw.
entscheidungstheoretischen Ansatz (ESSER 1996) vorliegt, skeptisch gegenüber
(vgl. die Kritik von KELLE & LÜDEMANN 1995, 1996). Daher wählen wir
einen rekonstruktiven Zugang zu den berufsbezogenen Handlungen und
individuellen Sinnzuschreibungen, bei dem die in den Interviewtexten
identifizierten Orientierungen und Handlungen gesammelt und begrifflich
sortiert werden. Die drei Elemente des Grundmodells (ARB-Modell), das sich
als kategoriales Hilfsmittel insbesondere in der Auswertung von Längsschnittdaten
empirisch bewährt hat, bestehen in Aspirationen (A), Realisationen (R)
und Bilanzierungen (B), die auf einzelne Situationen im Lebenslauf bezogen
werden. [13]
Aspirationen nehmen die in den
Interviewtexten identifizierten Handlungsbegründungen auf. Aus ihnen
lassen sich berufsbezogene, situationsspezifische Interessen, Motive,
Handlungsentwürfe oder gar Planungen (vgl. GEISSLER & OECHSLE 1996)
rekonstruieren. Die Akteure nehmen dabei berufliche Gelegenheitsstrukturen
zur Sondierung von Handlungsalternativen in den Blick. [14]
Mit Realisationen werden Aussagen über
konkrete Handlungsschritte zur Umsetzung der Aspirationen bezeichnet. Die
Akteure richten bei der Bewältigung der Statuspassagen und
Karriereanforderungen ihr Augenmerk auf Chancen, die sie zu realisieren,
und auf Restriktionen, die sie zu umgehen versuchen. [15]
Bilanzierungen meinen die
individuellen Bewertungen von situativen Entscheidungs- und
Handlungsfolgen sowie Kontexterfahrungen. Die individuellen Resümees
enthalten die Sinnzuschreibungen der bereits erfolgten Handlungen, die auf
Formen der Verarbeitung von Passagenerfahrungen und der Aufrechterhaltung
von biographischer Identität verweisen. Der im Nachhinein entstehende, in
der Rational-Choice-Theorie (vgl. ESSER 1996) vernachlässigte
Handlungssinn ist deshalb so bedeutsam, weil er eine wichtige Grundlage
bildet für eine Erfahrungsverarbeitung sozialer Realität und damit für
Selbstsozialisationsprozesse im Lebenslauf. [16]
Soll das ARB-Modell einer Analyse
berufsbiographischer Handlungen dienen, müssen die Elemente Aspirationen,
Realisationen, und Bilanzierungen des Modells auf die einzelnen
Situationen der Statuspassage in den Beruf und weiterer
berufsbiographischer Etappen bezogen werden. Diese Situationen lassen sich
als unterschiedliche Lebenslaufstationen kennzeichnen, die das
Individuum in seinem Kontextbezug auf der Zeitachse der Partizipation in
verschiedenen Institutionen und Organisationen verorten; hier: Lehrstelle,
Arbeitsplatz, Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzwechsel, Wehr-/Zivildienst,
berufliche Umschulung, Fachhochschule etc. [17]
Die Bilanzierungen enthalten nicht nur
retrospektive, sondern auch prospektive Reflexionsanteile, die
Neubewertungen von Zielen, Erwartungen und Plänen zur Folge haben.
Bilanzierungen verkoppeln also aufgrund ihrer doppelten Zeitperspektive
die auf einzelne Lebenslaufstationen bezogenen ARB-Schrittfolgen und
stellen das dynamische Scharnier des nunmehr erweiterten
Bilanzierungen-Aspirationen-Realisationen-Bilanzierungen-Modells
(BARB-Modells) dar. [18]
Die Analysen auf der Grundlage des
BARB-Modells machen die Dynamik des biographischen Handelns in
spezifischen Lebenslagen und sozialen Kontexten sichtbar. Sie lassen z.B.
die Entstehung von Brüchen bzw. Kontinuitäten in biographischen
Entwicklungs- und Übergangsprozessen oder die Passung bzw. Diskrepanz von
individuellen Aspirationen einerseits und wahrgenommenen institutionellen Erwartungen und Anforderungen andererseits in den einzelnen Interviews selbst und über drei
Erhebungswellen hinweg erkennen; und sie verdeutlichen die aus
Bilanzierungen gewonnenen Handlungskonsequenzen für die Gestaltung des
weiteren Berufsverlaufs. [19]
Bei der Auswertung von Längsschnittdaten
ergeben sich aufgrund unterschiedlicher Fragestellungen und theoretischer
Konzepte entsprechend variierend zu öffnende Beobachtungsfenster
innerhalb der maximalen Untersuchungszeitspanne (in unserem Fall acht
Jahre). Es muss entschieden werden, in welchem Maße und in welcher Form
Informationen aus den Interviews situationsübergreifend verdichtet und
wie Entwicklungsprozesse in die Konzeption einbezogen werden. In
unserem Projekt wird die Sinnhaftigkeit dreier biographischer Blickwinkel
deutlich: [20]
Zum einen kann man situationsspezifische
Analysen anfertigen. Z.B. haben wir bei der Untersuchung verschiedener
Interpretations- und Gestaltungsformen von Diskontinuität des Berufsverlaufs (vgl. SCHAEPER, KÜHN & WITZEL 2000) den Blick gezielt auf eine einzelne Lebensphase
in der Biographie der Befragten gerichtet, in der die Befragten sich in
keinem Arbeitsverhältnis befinden: Mit welchen Motiven und Perspektiven
wird eine solche Phase verbunden, wie wird sie interpretiert? [21]
Zum anderen gibt es situationsübergreifende
Analysen, die sich bezüglich des Einbezugs von Entwicklungsprozessen
und somit der mit dem Längsschnittdesign verbundenen zeitlichen Achse
unterscheiden. [22]
Der unmittelbare Bezug auf
Entwicklungsprozesse ist ein Charakteristikum der Typologie
"biographischer Pläne zur Familiengründung" (KÜHN 1999), in
der differenziert wird, wie junge Erwachsene nach Beendigung der
Berufsausbildung den Übergang in die Elternschaft in seiner zeitlichen
Realisierung und in Koordination mit der Gestaltung der Berufsbiographie
antizipieren und planen. Mit der Typologie werden verschiedene
Entwicklungsverläufe von Orientierungen unterschieden. Die Typen
variieren zum einen bezüglich der Art und Weise der Verbindung von
familialen und beruflichen Vorstellungen (thematische Achse) und
zum anderen nach dem Kriterium, ob sich die Vorstellungen konkretisieren,
ob sie konstant bleiben oder ob es zu Brüchen kommt (zeitliche Achse).
[23]
Dagegen bezieht sich die Typologie
"berufsbiographischer Gestaltungsmodi (BGM)" (WITZEL & KÜHN 1999,
2000), die aus dem Vergleich des individuellen Umgangs mit
unterschiedlichen Lebenslaufstationen (wie z.B. Ausbildung, Etappen der
Erwerbstätigkeit, Arbeitslosigkeit etc.) resultiert, in ihrer Definition
nicht auf verschiedene Arten von Entwicklungsverläufen wie
Konkretisierung, Wandel, Bruch etc., sondern auf den individuellen Bezug zu
zentralen berufsbiographischen Kategorien wie Karriere, Einkommen,
Qualifikation. Die Typen unterscheiden sich also bezüglich einer thematischen
Achse. Wie die Typologie "biographischer Pläne zur Familiengründung"
ist die BGM-Typologie situationsübergreifend, weil sie von der Bewältigung
spezifischer Problemlagen einzelner biographischer Stationen abstrahiert
und statt dessen die jeweils typischen berufsbiographischen
Gestaltungsprozesse fokussiert, die sich wie rote Fäden durch eine für
die jungen Erwachsenen bedeutsame Lebensphase ziehen. Für das
theoretische Konzept der BGM ist die prinzipielle Offenheit gegenüber der
Annahme einer Konstanz oder Veränderung von Orientierungs- und
Handlungsmustern maßgeblich. Das bedeutet, dass der "rote
Faden" bei der Berufsbiographiegestaltung während des geöffneten
Beobachtungszeitraums gleich bleiben oder es zu einer Veränderung kommen
kann. Im letzteren Fall kommt es zu einem Wechsel in der Typenzuordnung:
das berufsbiographische Handeln des Befragten lässt sich zu Beginn des
Untersuchungszeitraums mit einem anderen BGM-Typus kennzeichnen als zum
Ende. So ist es eine Frage der empirischen Prüfung, die durch den Längsschnittansatz
möglich wird, zu untersuchen, inwieweit die BGM über den Prozess der
ersten Arbeitsmarkt- und Berufserfahrungen hinaus stabil sind.
Entwicklungsprozesse sind kein unmittelbares Definitionskriterium der BGM-Typologie, sondern durch die Analyse von Konstanz und Wandel nach der
Typenzuordnung analysierbar. [24]
x) Projektleiter ist Walter R. HEINZ, weitere Mitarbeiter neben den Autoren sind Hildegard SCHAEPER und Joachim MOWITZ-LAMBERT. Detaillierte Informationen zum Projekt sind unter http://www.sfb186.uni-bremen.de/projekte/a1.htm (Broken link, FQS, May 2003) abrufbar. <zurück>
1) Da die computerunterstützte
Auswertung ein Schwerpunktthema des nächsten (dritten) FQS-Bandes Text
Archiv Re-Analyse und die Verbindung quantitativer und
qualitativer Forschung des darauffolgenden vierten Bandes Qualitative
und quantitative Forschung: wechselseitige Sichtweisen der beiden
Forschungstraditionen darstellt, beschränken wir uns an dieser
Stelle auf eine kurze zusammenfassende Darstellung der diesbezüglichen
Thematiken und widmen uns ausführlicher dem Längsschnittcharakter
unserer Studie. <zurück>
2) Zu den Verfahren der
qualitativen Stichprobenziehung auf der Grundlage einer quantitativen
Fragebogenerhebung vgl. auch PREIN, KELLE & KLUGE 1993, S.49ff. <zurück>
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Thomas KÜHN, Dipl.-Psych., geboren
1971, Studium der Psychologie in Bremen, ist seit 1994 im
Sonderforschungsbereich 186 der Universität Bremen tätig, seit 1997
wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt im Sonderforschungsbereich 186
"Statuspassagen und Risikolagen im Lebensverlauf" (hierzu
weitere Informationen unter: http://www.sfb186.uni-bremen.de) (Broken link, FQS, May 2003).
Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen: Biographie- und
Lebenslauf-, berufliche Sozialisationsforschung, Familiensoziologie und
-psychologie, Methoden der qualitativen Längsschnittanalyse.
Tel.: +49/ (0)421 / 218 4141
E-Mail: tkuehn@sfb186.uni-bremen.de
URL: http://www.kuehn-thomas.de
Andreas WITZEL, Dr. phil.,
Dipl.-Psych.; geboren 1945; Studium in Regensburg und Darmstadt;
wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen; seit 1990 im
Sonderforschungsbereich 186 "Statuspassagen und Risikolagen im
Lebensverlauf".
Interessen: Berufliche und vorberufliche
Sozialisationsforschung, insbesondere Umgangsweisen Jugendlicher und
junger Erwachsener mit ihrer Berufsbiographie und Verarbeitungsweisen
gesellschaftlicher Realität; Methoden der interpretativen
Sozialforschung, insbesondere qualitative Interview- und
Auswertungsverfahren und Verknüpfung qualitativer und quantitativer
Methoden.
FAX: +49 / (0)421 / 218 4153, Tel.: +49 /
(0)421 / 218 4141
E-Mail: awitzel@sfb186.uni-bremen.de
Kontakt zu den Autoren:
Sonderforschungsbereich 186
Wiener Straße, Postfach 330440
D 28334 Bremen
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche Absatznummern, wenn notwendig):
Kühn, Thomas & Witzel, Andreas (2000,
Juni). Biographiegestaltung junger Fachkräfte in den ersten
Berufsjahren Methodologische Leitlinien und Herausforderungen im Zuge
einer qualitativ-prospektiven Längsschnittstudie [24 Absätze]. Forum
Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line
Journal], 1(2).
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00kuehnwitzel-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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