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Volume 1, No. 2 Juni 2000
Zur Gültigkeit von Qualitativer Sozialforschung
Jo Reichertzx)
Zusammenfassung: Aus wissenssoziologischer
Sicht wird anfangs die Frage gestellt, ob die Erkenntnisse, die von
Wissenschaftlern/innen in Ausübung ihres Berufs und in Befolgung ihrer
Professionsstandards erlangt wurden, auch beanspruchen können, 'gültig' zu
sein. Durch die Anwendung der Wissenssoziologie auf die Forschung wird die
unhintergehbare Perspektivengebundenheit von Forschung gezeigt (wahrlich keine
überraschende Erkenntnis). Das Ziel von Forschung so die These kann
deshalb nur die systematische und organisierte Produktion von Zweifeln und die
dadurch erreichte Fehlerausmerzung sein und Forschung hat darin auch ihren
Sinn. Abschließend werden Vorschläge gemacht, wie angesichts einer
verstärkten Konkurrenz um Drittmittel und trotz der heiklen
erkennntistheoretischen Position qualitativ arbeitende Projekte
verteidigungsfähig gemacht werden können.
Keywords: Abduktion, Erkenntnistheorie,
Gültigkeit, qualitative Induktion, symbolisches Kapital, Logik der Forschung, Standards der Qualitativen Forschung, Vagheit, hermeneutische Wissenssoziologie
1. Was ist die Frage?
2. Methoden zur Begründung
von Gültigkeit vier Idealtypen
3. Empirische Forschung als
Verbindung von Beobachtung, Intuition und Vernunft
4.
Über die Notwendigkeit von Ungenauigkeiten
5.
Der erkenntnistheoretische 'Standort' der hermeneutischen Wissenssoziologie
6. Rechtfertigungsmuster, die
von Wissenssoziologen benutzt werden
7. Die Logik der Erlangung
symbolischen Kapitals
8. Die Logik der Einwerbung
ökonomischen Kapitals
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Für wissenschaftliche wie für alltägliche
Konstruktionen gilt: sie resultieren nicht aus einem Abdruck, den die Außenwelt
zurückgelassen hat, sie spiegeln die 'Welt dort draußen' auch nicht wider,
sondern diese Konstruktionen sind das Ergebnis einer kollektiven
Deutungstätigkeit, welche entlang bestimmter (und variabler) Relevanzen
voranschreitet. Damit stellt sich nicht nur unabweisbar die erkenntnistheoretische
Frage, ob Wissenschaftler überhaupt über (einen wie auch immer gearteten)
Zugang zu einer widerständigen Außenwelt verfügen (vgl. BERGER & LUCKMANN
1977, SOEFFNER 1989, REICHERTZ 1997), sondern es stellt sich zudem auch noch die
(nicht nur für die Wissenssoziologie, aber für sie zentrale) wissenssoziologische
Frage, ob die Erkenntnisse, die von Wissenschaftlern/innen in Ausübung ihres
Berufs und in Befolgung ihrer Professionsstandards erlangt wurden, auch
beanspruchen können, 'gültig', mithin 'valide' zu sein. [1]
In meinem Beitrag werde ich versuchen, dieses
Problem dadurch anzugehen, dass ich mit wissenssoziologisch eingestelltem Blick
die Verfahren der Wissenssoziologie zur Gültigkeitsfundierung betrachte. Es
geht dabei jedoch nicht um eine Neuauflage der erkenntnistheoretische Debatte um
die Möglichkeit von Erkenntnis und auch nicht um die Diskussion der gängigen
Wahrheitstheorien, auch wenn im weiteren immer wieder auf Erkenntnis- und
Wahrheitstheorien Bezug genommen werden muss. Erkenntnis- und Wahrheitstheorien
bilden in diesem Verständnis jedoch Teile eines Diskurses zur
Organisation von Erkenntnisgewinn, und dieser Diskurs soll hier
nicht weitergeführt werden. Statt dessen geht es mir hier um die Ermittlung der
Argumente und Verfahren, die in
Äußerungen von Wissenschaftlern benutzt werden, um die
Gültigkeit ihrer Aussagen gegenüber der (Fach-)
Öffentlichkeit zu legitimieren mit dem Ziel, von dort
symbolisches, aber natürlich auch oder genauer: vor allem ökonomisches
Kapital einzuwerben (vgl. BOURDIEU 1997). [2]
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Methoden zur Begründung
von Gültigkeit vier Idealtypen
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Der Aufstieg der europäischen (Natur-)
Wissenschaft verdankt viel dem Abstieg der christlichen Religion. Galt die erste
der zweiten zu Beginn christlicher Zeitrechnung nicht mal als ernstzunehmende
Konkurrenz, so wandelte sich dieses Verhältnis seit 'Der Aufklärung' so
grundlegend, dass heute die zweite der ersten nicht mehr als ernstzunehmende
Konkurrenz gilt. Die Kultur- und Sozialwissenschaften sind ein unvermeidbares,
weil notwendiges Produkt der europäischen Aufklärung. Der Niedergang der
'emphatischen Eindeutigkeit' und der Aufstieg der 'Kultur der Vieldeutigkeit'
(MARQUARD 1986, S.109) sind zugleich Produkt als auch Nährboden für alle
Geisteswissenschaften. Denn moderne Menschen "brauchen viele Geschichten
(und viele Bücher und viele Deutungen), um Individuen zu sein" (ebd.,
S.110). [3]
Auch deshalb löste nicht nur die Kultur-,
sondern auch die Naturwissenschaft mit Einsetzen der Aufklärung die
Religion(en) in Bezug auf die Bereitstellung von Weltdeutungen ab, und dies
gleich in zweifachem Sinne: einerseits 'tötete' sie die Religion, indem sie den
Glauben an einen Gott und dessen Gebote als vermeidbaren Irrtum bzw. als
entweder selbstgewollte oder auch böswillige Täuschung entlarvte, andererseits
beerbte sie die Religion. Bruchlos übernahm sie deren Aufgaben, indem sie den
Gott 'Vernunft' gebar und die Gebote der Vernünftigkeit in steinerne Tafeln
schlug (vgl. TENBRUCK 1984, S.101ff). Dem Wissenschaftler oblag demnach die
Pflicht, das Wahre, das Vernünftige zu suchen und von ihm zu künden:
Wissenschaft als innerweltliche Religion und der Wissenschaftler als Priester
der Vernunft. Aber mit dieser Erbschaft und der damit verbundenen Aufgabe
handelte sich die Wissenschaft (Natur- wie Kulturwissenschaft) ein handfestes
Problem ein, das zuvor als solches gar nicht sichtbar geworden war nämlich
das Problem der Gültigkeit ihrer Aussagen. [4]
Denn so muss man die Sozialgeschichte der
Wissenschaft weiterschreiben die aufklärende (Sozial)Wissenschaft ging mit
Instrumenten an ihr Werk, die auch vor der 'Religion' der Aufklärung nicht halt
machten. Die wissenschaftliche Selbstreflexion, die Anwendung der
(Sozial)Wissenschaft auf sich selbst (vor allem in Wissens- und
Wissenschaftssoziologie) brachte die Vernünftigkeit der Vernunft gründlich in
Verruf. Die neuen Priester erlebten und erleben den Gewissheitszerfall, der
einst die alten Priester verunsicherte, nun am eigenen Leib (vgl. REICHERTZ
1986, S.304f.). [5]
Die in schwarzes, violettes oder weißes Tuch
gekleideten Vorgänger der Wissenschaft besaßen allerdings (im Unterschied zu
den Nachfolgern in Talar und neuerdings auch in Jeans) einen nicht zu
unterschätzenden Vorteil: befragt nach der Gültigkeit der von ihnen
geäußerten Verkündigungen konnten sie sich nämlich auf einen respektablen
Gewährsmann berufen auf den Allwissenden und Allmächtigen. Denn so das
Argument der Religionsdiener nicht die fehlbare menschliche
Erkenntnistätigkeit sei der Ursprung ihres Wissens, sondern göttliche
Offenbarung: sie seien nur die menschlichen 'Laut-Sprecher', Offenbarungs-Medien
des unbewegten Bewegers, der alles sieht und alles versteht. Als 'Zeitloser'
könne er alle Zeiten überblicken und als Baumeister alles Existierenden kenne
er die 'Blaupausen' alles Existierenden. Deshalb habe allein ER exklusiven
Zugang zu gültigem Wissen. [6]
Die Gültigkeit des Wissens ergab sich in dieser
Argumentationsfigur aus seiner göttlichen Herkunft. Gott selbst
verbürgte die Gültigkeit. Was der Allwissende über seine (Mensch-) Medien
kundtat, musste allein schon deshalb valide sein, weil er allwissend war (auch
wenn es gelegentlich menschlicher Erfahrung widersprach). Es ist natürlich ein
kaum zu unterschätzender Vorteil, wenn eine Berufsgruppe auftreten und alle
ihre Aussagen mit diesem Rahmen, dieser Aura versehen und somit alle Fragen nach
der Gültigkeit seiner Aussagen zum Schweigen bringen kann. Und so stand die
Erde für Jahrhunderte im Mittelpunkt des Kosmos, und sie bewegte sich nicht.
[7]
Wir wissen, dass die europäische Aufklärung
viele Gewissheiten erheblich ausgezehrt und auch Gott von seinem Thron gestürzt
hat. Gottes Thron steht seit dieser Zeit leer (KOESTLER 1951) und die Berufung auf
ihn und seine Offenbarungen sind obsolet geworden. Wissenschaftler, welche die
Gültigkeit ihrer Aussagen mit dem Verweis auf den göttlichen Gewährsmann
reklamieren, genießen in ihrer Berufsgruppe und auch in der Gesellschaft kein
Ansehen mehr und (zumindest zur Zeit) hätten sie bei der Einwerbung von
Drittmitteln bei wissenschaftlichen wie staatlichen Institutionen nur geringe
Chancen. Ein derartiger Gültigkeitsaufweis wissenschaftlicher Argumentation
scheint für große Teile unserer Gesellschaft nicht mehr akzeptabel zu sein.
Statt dessen finden sich heute, verallgemeinert man sehr stark, im wesentlichen
vier andere Methoden zur Fundierung von Validität: und zwar die Absicherung
mit Hilfe des
Hinweises auf eine Autorität,
mit Hilfe des
Gebrauchs der Vernunft,
mit Hilfe der
Inanspruchnahme persönliche Hellsichtigkeit und schließlich
mittels
eigener empirischer Forschung. [8]
Diese vier Verfahren, Gültigkeit zu fundieren
oder genauer: zu reklamieren, sind Ergebnis der (Re-) Konstruktion von
Idealtypen. Ist auf dieser Ebene der Idealtypen die Unterscheidung noch recht
leicht, so fällt eine solche in konkreten Fällen erheblich schwerer, da oft
die unterschiedlichsten Mischungen zu finden sind: manchmal berufen sich
Rationalisten auf die Empirie, manche Empiriker greifen im entscheidenden
Augenblick auf die persönliche Hellsichtigkeit zurück, und fast alle neigen
dazu, sich an die jeweils als relevant erachteten Autoritäten anzuschließen.
Dennoch kann man das jeweilige Hauptargument meist recht gut erkennen und damit
auch das jeweilige Fundament der ins Spiel gebrachten Gültigkeitsfundierung.
[9]
Die Methode der Absicherung der
Aussagen-Gültigkeit mit dem Hinweis auf vergleichbare Aussagen anderer,
relevant erachteter Autoritäten hat eine sehr lange Tradition, und
sie kann ihre religiöse Abstammung nicht leugnen, fundiert sie doch die
Gültigkeit einer Aussage mit der hervorgehobenen Position seines Aus- und
Fürsprechers. Lange Zeit wurden Nachfragen nach der Gültigkeit von Aussagen
mit dem Hinweis auf die Bücher von (meist griechischen) Autoritäten
gemeistert, und so blieb Meister Lampe (dank ARISTOTELES) für viele ein
Wiederkäuer. Diese Methode, Gültigkeit zu begründen, endete nicht mit dem
Niedergang der Renaissance, sondern ist auch heute noch auf fast allen Ebenen
wissenschaftlicher Auseinandersetzung anzutreffen. Hatte jedoch vor einigen
Jahren noch HABERMAS das erste und letzte Wort, so ist es heute vornehmlich
LUHMANN, dem diese zweifelhafte Ehre zukommt. [10]
Auch die zweite Methode, nämlich Gültigkeit
aufgrund des regelgerechten Einsatzes von Vernunft für sich in Anspruch
zu nehmen, ist religiöser Abstammung, auch wenn sie sich sehr viel mehr als
legitimes Kind der klassischen europäischen Philosophie wähnt. Die platonische
Konstruktion eines Chorismos, der Kluft zwischen einer zeitlosen geistigen
Ideenwelt und einer sinnlich erfahrbaren geschichtlichen Faktenwelt, etablierte
zugleich die Überzeugung, wahre Erkenntnis habe sich von der sinnlichen
(menschlichen) Wahrnehmung zu lösen, und Gültiges sei nur in der geistigen
Schau zu erlangen. Diese Art des Philosophierens war und ist durchgängig
gekennzeichnet durch den Gebrauch der Vernunft oder (in einer anderen,
modernerer Ausdrucksweise) des Verstandes. Implizite Prämisse dieses Arguments
ist jedoch, dass der Gebrauch der Vernunft deshalb so sinnvoll ist, weil diese
ein Geschenk Gottes ist. Nicht das Instrument, sondern seine göttliche Herkunft
verbürgt letztlich seine Güte. Das göttliche Instrument, also die Vernunft,
ist eine Gabe Gottes und der Gebrauch dieses Instruments ermöglicht es dem
Menschen, die Welt zu erkennen, also gültig zu sagen, was in der Welt ist
1). [11]
Im Kern ebenfalls religiös ist die dritte
Methode zur Fundierung von Gültigkeit nämlich der Hinweis auf eine dem
individuellen Wissenschaftler eigene, besondere und gesteigerte Hellsichtigkeit.
Validität wird in diesem Falle an die Person des Wissenschaftlers gebunden bzw.
an dessen außerordentliche intellektuelle Kompetenz. Diese wird dann oft als
Kunstfertigkeit entworfen, die folgerichtig in der Tradition des Genieglaubens,
also der Vorstellung vom kreativen, also Neues schaffenden Potential der
Künstler steht. Dieses besondere künstlerische Vermögen, Neues zu erkennen
und Neues zu bilden, ist (auch dann, wenn es an profane kognitive Fähigkeiten
gebunden wird) letztlich eine 'Gabe Gottes'. [12]
Mit dem Aufkommen des Empirismus tauchte ein
neues und sehr langlebiges Argument zur Begründung von Gültigkeit auf, das auf
jede 'göttliche' Hilfe oder Unterstützung verzichtet die Beobachtung.
Sie gilt seitdem für viele als der beste und sicherste Weg zur Erlangung
gültiger Aussagen. Vernunft ohne Sinnesdaten erscheint vielen Vertretern
empirischer Forschung blind, nur die systematische Erkundung der inneren und
äußeren Welt mit Hilfe menschlicher Sinne kann (so der Glaube) Licht ins
Dunkel bringen. Allein auf sich selbst gestellt (da ja von einem höheren Wesen
keine Aufklärung mehr erhofft werden kann), nutzen menschliche Forscher das,
was der Gattung 'Mensch' an Wahrnehmungsmöglichkeiten gegeben ist. Zusätzlich
verfeinern und erweitern sie ihre Sinne mit einer Vielzahl von Prothesen
(Medien): manche dieser Medien erweiterten die Reichweite der Sinne, andere
erhöhten deren Sensibilität, andere vergrößerten deren Speichervermögen und
wieder andere verstärken deren Aufnahme- und Verarbeitungsgeschwindigkeit.
Diese systematische Ausdehnung des Sinnesapparates soll die Grenzen der
beschränkten menschlicher Wahrnehmung überschreiten und auf diese Weise
gültiges Wissen erzeugen. Das Standardargument aller empirischen Forscher
lautet dabei in etwa so: wissenschaftliche Aussagen sind gültig, weil sie dem
Beobachteten entsprechen die Aussagen sind letztlich nichts anderes als
verallgemeinerte Beobachtungen der Wirklichkeit. [13]
Schon sehr früh wurde diesem Anspruch (und
dieser Hoffnung) widersprochen. So machte KANT auf die unhintergehbare
Selektivität des menschlichen Erkenntnisapparates aufmerksam, MARX (und später
MANNHEIM) zeigten dessen Bindung an die soziale Position und FREUD die an das
individuelle Schicksal. Die massive Kritik an dem Induktionismus des Wiener
Kreises erschütterte weiter die Gültigkeit empirischer Forschung, ein übriges
leistete der Hinweis der Sprachphilosophie, dass es sich bei wissenschaftlichen
Erkenntnissen allein um sprachliche Äußerungen handele und nicht um geronnene
Beobachtungsdaten und dass beides kategorial voneinander zu trennen sei. Weder
die Aussagenlogik noch der Aufbau einer 'idealen Sprache' (beides Versuche, die
Empirie durch das Mittel der Vernunft zu ergänzen und zu verbessern) konnten
jedoch die Gültigkeitslücke schließen. Statt dessen setzte man (PEIRCE wie
POPPER vgl. PEIRCE 1976, POPPER 1973 und 1974) auf eine empirisch fundierte
Intuition bei der Entdeckung (logic of discovery) und eine streng
empirisch-logisch vorgehende Rechtfertigung (logic of justification). Dieser 'Logik der
Forschung' korrespondiert in etwa folgende entsprechende Erkenntnistheorie,
die hier in den Terms von PEIRCE dargestellt wird, jedoch in den wesentlichen Punkten der Forschungslogik (!) mit dem Konzept POPPERs kompatibel ist. [14]
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Empirische Forschung als
Verbindung von Beobachtung, Intuition und Vernunft
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Die gesellschaftlichen Ordnung (so die sozialwissenschaftliche Prämisse dieser Erkenntnistheorie), an der sich
Menschen (oft, aber nicht immer) in ihrem Handeln orientieren bzw. an der sie
sich ausrichten, wandelt sich permanent und ist zudem 'subkulturell fragmentiert'.
Die Ordnung(en) besitzen deshalb immer nur einen lokalen Geltungsbereich und
werden ständig und (seit dem Aufkommen der Moderne) immer schneller von eben
den Menschen geändert, die ihr zuvor (in Maßen) noch folgten. Hinzu kommt,
dass sowohl die Gestaltung als auch die Geltung dieser Ordnung an die
Sinnzuschreibungen und Interpretationsleistungen der handelnden Subjekte
gebunden sind. Sozialwissenschaftliche Handlungserklärungen zielen nun auf die
Rekonstruktion der für die handelnden Subjekte relevanten Ordnung. Allerdings
kann diese Ordnung nicht aus klassischen Großtheorien
deduziert werden, da diese zum einen in der Regel nicht 'lokal' genug, zum
anderen durch die Wirklichkeit bereits überholt sind. Weil dies so ist, müssen
passende Hypothesen über die Beschaffenheit sozialer Ordnung stets auf's Neue
von der Sozialwissenschaft generiert werden. [15]
Hypothesen über die Gestaltung
gesellschaftlicher Ordnung lassen sich jedoch nicht aus empirischen Daten (z.B.
Interaktionstranskriptionen, Memos, Interviews etc.) mittels
Induktion reibungslos (z.B. durch Generalisierung) gewinnen. Daten
enthalten nämlich 'nur' das Ergebnis einer 'Regelanwendung', also nie die Regel
selbst. Die Regel oder auch der Typus lassen sich nur mit Hilfe von qualitativen
Induktionen oder Abduktionen erschließen (Zur Erläuterung dieser
Begriffe vgl. PEIRCE 1976 und REICHERTZ 1991). [16]
Unterschieden werden muss (folgt man dieser
Unterscheidung) zudem zwischen Entdeckung von Hypothesen und deren
Überprüfung. Nach dieser Forschungslogik verhilft die (vorprädikative)
Abduktion in der ersten
Phase der Entdeckung zu sprachlichen Hypothesen, die in der folgenden Phase
der Überprüfung erst mittels vernünftiger Deduktion und dann mittels
beobachtungsfundierter qualitativer sowie quantitativer Induktion getestet
werden. Die Deduktion leitet mit Hilfe des Verstandes aus der Hypothese Folgen
ab, deren empirische Triftigkeit mit Hilfe von systematischen Beobachtungen und
Induktionen überprüft wird (vgl. z. B. PEIRCE 1976, REICHERTZ 1991, S.9-70;
REICHERTZ & SCHRÖER 1994; SOEFFNER 1989, S.51-65). [17]
Doch auch diese dreistellige Forschungslogik
wurde bald einer radikalen Kritik unterzogen. Hatte die klassische
Wissenssoziologie die Gültigkeit wissenschaftlicher Aussagen noch allein mit
dem Hinweis auf die soziale Situation und die Interessen der Wissenschaftler
kritisiert (und daraus auch die Forderung abgeleitet, interesselos auf die Welt
zu blicken), so machte die Weiterführung wissenssoziologischer Arbeiten klar,
dass die Wissensproduktion für die Gesellschaft auch von
der Gesellschaft organisiert ist, dass sich jede Gesellschaft gemeinsam und
organisiert (abhängig von Gegebenheiten und Bedingungen) eine Wirklichkeit
erarbeitet, somit also nicht beliebig konstruiert. [18]
Eine solche reflexiv gewordene Wissenssoziologie
reserviert (ob sie nun möchte oder nicht) für eine (wie auch immer geartete)
empirische Forschung nicht mehr einen exklusiven Zugang zu gültigen Aussagen,
sondern zeigt deren nicht aufhebbare
Perspektivität in jeder Beobachtung wie in jeder Äußerung.
Denn für diese Wissenssoziologie gibt es keinen Durchblick auf die
'Wirklichkeit', sondern alles, was ihr gegeben ist und was sie untersuchen kann,
ist gesellschaftlich erbautes, gesellschaftlich verteiltes, aber auch geteiltes
Wissen. Auch wenn unterstellt wird, dass jenseits des gesellschaftlichen Wissens
'brute facts' existieren, so ist es dem Wissenschaftler nicht möglich, auf sie
zuzugreifen. Seine Deutung der Welt arbeitet sich an gesellschaftlich erbauten
Deutungen ab, an ihnen und vor allem: mit ihnen arbeitet er, um
dann zu seiner Deutung zu gelangen2). [19]
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Über die Notwendigkeit
von Ungenauigkeiten
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Eine reflexiv gewordene Wissenssoziologie ist ein
gutes Gegengift gegen gedankenlosen Empirismus, theorieloses Forschen und
Messinstrumentengläubigkeit. Sie ist jedoch keinesfalls ein Vorwand oder gar
eine theoretische Begründung für methodische und methodologische Beliebigkeit.
Die Einsicht in den Konstruktionscharakter wissenschaftlicher Erkenntnis hat
nur, wenn man zu kurz schließt, eine postmoderne Wissenschaft zur Folge, in der
statt des besseren Arguments (oft nur) die Pointe punktet. Die Einsicht in die
Perspektivität von Erkenntnis stellt nicht die Selbstaufklärung still, sondern
hebt sie auf eine neue Stufe. Denn es ist keineswegs gesagt, dass mit der
Unhintergehbarkeit der Perspektivität von Erkenntnis der Weg für
wohlformulierte Beliebigkeit eröffnet ist. Diesseits dieser fruchtlosen
Alternative von 'Alles-oder-Nichts' erstreckt sich eine weite Region von
Aussagen, die weder völlig gültig noch völlig ungültig sind, und die man
durchaus als 'besser' oder 'schlechter' einordnen kann. Denn, wie GEERTZ bemerkt
(vgl. GEERTZ 1987, S.42f), aus der Tatsache, dass man in Krankenhäusern keine
völlig keimfreien Umgebungen herstellen kann, folgt gerade nicht, dass man
Operationen genauso gut auch in Kloaken vornehmen kann. [20]
Mit Annäherungen (und deren weiterer
Verbesserung) kann man nun in der Regel auch in der Wissenschaft besser leben,
mit 'Ungenauigkeiten' kommt man schneller und weiter voran als mit absoluter
Gewissheit. Wer vor dem ersten Schritt alles genau wissen will, wird bleiben, wo
er ist. Deshalb sind
Ungenauigkeiten nicht nur eine Not, sondern auch und vor allem eine Tugend.
Zur Plausibilisierung dieser These Folgendes: [21]
Menschen neigen formt
man die Erkenntnis der philosophischen Anthropologie ein wenig um stark zu
qualitativen Induktionen. Sie deuten das Heute mit Konstruktionen vom
typisierten Gestern3). Diese Typisierungen
(oder auch: Konstruktionen) bilden das Gestern nicht einmal annähernd in seiner
Komplexität ab, sie wollen es auch gar nicht, da sie notwendigerweise ungenau
sein müssen. Sie sind keine Widerspiegelungen des Außen im Innen, sondern an
bestimmten Relevanzkriterien orientierte simplifizierende Verdichtungen erlebter
Wirklichkeit. Selbst wenn man nur sehr kleine Ausschnitte sozialen Handelns in
all seinen Merkmalen und Verweisungen festhalten wollte, dann käme man doch nie
an ein Ende und wäre letztendlich handlungsunfähig. Denn mit der
Mannigfaltigkeit von Welt kommt man nur zurecht, indem und weil man sie
reduziert. Ungenaue Typisierungen sind also nicht unbedingt Unwahrheiten oder
Irrtümer, die einem das Leben leichter machen, sie sind statt dessen
Notwendigkeiten, die das Leben überhaupt erst möglich machen. Aber dies gilt
erst einmal nur für die alltägliche Lebenspraxis und nicht notwendigerweise
für die Wissenschaft, die ja gerade deshalb vom aktuellen Handlungsdruck
gesellschaftlich freigestellt wird, um das zu tun, was im Alltag nicht möglich
ist, nämlich über die Geltung bewährter qualitativer Induktionen permanent
nachzudenken. [22]
Um zu diskutieren, ob das
Konzept von der Notwendigkeit von Ungenauigkeiten auch in der wissenschaftlichen
Praxis relevant ist, möchte ich die oben beschriebene Form von Typisierungen
(wenn auch mit Magenschmerzen) im folgenden (im Anschluss an SCHIMANK)
'Akteurfiktion' nennen4). Mit starker argumentativer Rückendeckung durch
VAIHINGER (1924) charakterisiert SCHIMANK diese Akteurfiktionen als
Als-ob-Unterstellungen. Jede dieser Typisierungen so SCHIMANK weiter
"wird, gewissermaßen augenzwinkernd, so benutzt, als ob sie die soziale
Wirklichkeit abbildet, obwohl jedem aus Erfahrung klar ist, dass jede soziale
Situation einen weit darüber hinausreichenden Überschuss an Kontingenzen
bereithält." (SCHIMANK 1988, S.634) [23]
Ein solches augenzwinkerndes Zugeständnis des
Konstruktionscharakters eigener Weltdeutungen findet sich m.E. jedoch nur sehr
selten in der wissenschaftlichen Praxis. Findet man in der Wissenschaft ein
solches Augenzwinkern, dann jedoch nur bei älteren, meist emeritierten
Vertretern ihres Faches. In der alltäglichen Lebenspraxis ist das kokette
Zwinkern mit den Augen fast unbekannt: hier werden solche Akteurfiktionen bitter
ernst gehandelt. Oft stellen sie den Glaubenskern bereit, der für
Gruppenbildungen unabdingbar ist. Zudem liefern sie auch häufig die
Rechtfertigung und manchmal auch den Anlass für kriegerische
Auseinandersetzungen. Im wissenschaftlichen Alltag mag man sich vielleicht ein
wenig leichter darüber verständigen können, dass alle Deutungen, also auch
die eigenen, Akteurfiktionen sind und dass man sie nicht so ernst nehmen sollte,
wie man sie nimmt, doch man muss
die jeweiligen Akteurfiktionen ernstnehmen, will man weiterhandeln können.
Schärfer: man darf sogar noch nicht einmal an ihnen ernsthaft zweifeln
entgegen besseren Wissens. Zweifelt man dennoch, wird zumindest das Handeln
unterbrochen oder im schlimmsten Fall ist das 'Weiterhandeln-wie-zuvor'
unmöglich geworden. [24]
Die Akteurfiktion, die in der Regel innerhalb des
wissenschaftlichen Diskurses unbefragt gilt, könnte man in etwa so skizzieren:
Über die Wirklichkeit lassen sich Aussagen treffen. Diese Aussagen können
miteinander verglichen werden, und einige Aussagen sind 'besser' als andere.
Dieses 'besser' kann sich nun je nach Position auf Komplexität,
Widerspruchsfreiheit, Wahrheitsnähe etc. beziehen. Als Favorit unter diesen
Bezugspunkten hat sich (und das unterscheidet den Bereich 'Wissenschaft' von den
Bereichen 'Wirtschaft' und 'Politik') trotz aller Relativierungen ganz
hartnäckig die 'Wahrheitsnähe' gehalten. Lebt man nun nicht nur in
und mit dieser Unterstellung, sondern wendet man sich ihr reflexiv zu
und enttarnt sie als Fiktion, dann gehen die Maßstäbe für ein 'besser'
verloren. Ohne einen solchen Maßstab enden wissenschaftliche Debatten über das
bessere oder das schlechtere Argument sehr schnell. Und es gehört nicht viel
Phantasie dazu, sich die Folgen für die Forschung, das Schreiben von
Forschungsanträgen und vor allem: deren Begutachtung vorzustellen. [25]
Eine gewisse 'ernsthafte Naivität' gegenüber
dem eigenen Handeln ist also zumindest zu gewissen Zeiten unabdingbar, will man
handlungsfähig bleiben. Solche Fiktionen sind nicht nur für das Handeln
notwendig, sondern sie bilden zugleich die Bedingung der Möglichkeit von
Aufklärung, über die nicht immer und nicht an jeder Stelle aufgeklärt werden
darf oder zumindest solange nicht, solange noch keine andere,
unthematisierte Fiktion im Hintergrund wartet. An diesem Punkt erreicht das
Postulat von der reflexiven Selbstaufklärung des Forschungshandelns ihr
paradoxes Ende: denn treibt man die reflexive Aufklärung nur weit genug,
erreicht man bald einen Punkt, von dem aus sich jede weitere Aufklärung
verbietet und zwar nicht aus (wie auch immer gearteten) ideologischen
Gründen. Denn nur Akteurfiktionen, von denen man wider besseres Wissen dennoch
überzeugt ist, eignen sich als Handlungsregulative, denen man sich
stellen und an denen man sich im wahrsten Sinne des Wortes abarbeiten kann. Zu
solchen Akteurfiktionen zählen auch die Überzeugungen, man könne durch 'gute'
Forschung mehr Aufklärung erzielen als durch schlechte oder es gäbe bessere
und schlechtere Methodologien. Ohne die tiefe Überzeugung, man könne durch
'gute' Forschung mehr Aufklärung erzielen als durch schlechte, dreht Forschung
leer, fehlt doch jeder Bezugspunkt für die Beurteilung der Gültigkeit von
Aussagen. [26]
Denn ohne die Überzeugung,
dass eine Fiktion zur Erreichung bestimmter Ziele 'irgendwie' relevant ist,
lässt sich nicht handeln, und ohne die stille und geheime, aber dennoch sehr
wirksame Fiktion, dass es zumindest 'bessere' und 'schlechtere' Konstruktionen
gibt, lässt sich auch heute nicht in der Wissenschaft leben5). Gelingt es nicht,
mit einer für eine bestimmte Zeit nicht mehr zur Diskussion stehenden Fiktion
alle übrigen zumindest ein wenig zu ordnen, dann verliert man sich
buchstäblich im Gewirr der unüberschaubaren Anzahl möglicher Welten. [27]
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Der erkenntnistheoretische
'Standort' der hermeneutischen Wissenssoziologie
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Nach all diesen Reflektionen/Reflexionen lassen
sich jetzt in einer äußerst kurzen Skizze die zentralen Linien des hier
vertretenen Selbstverständnisses einzeichnen. Ein Wissenschaftler, welcher seine berufliche Praxis ernst nimmt,
muss (auch wenn er wissenssoziologisch informiert ist) an folgenden Überzeugungen
ernsthaft festhalten: [28]
Bei seinen
Akten der Wahrnehmung trifft der Wissenschaftler auf etwas
Nicht-Eigenes, auf ein 'Nicht-Ego' (PEIRCE), das er zwar nicht 'an
sich' erfahren kann, das aber körperlich erfahrbar zu
Wahrnehmungsurteilen, welche ihrerseits im 'soziohistorischen Apriori'
gründen, anregt. Deshalb sind diese Deutungen immer 'fiktiv', aber
keinesfalls 'fiktional'6). Fiktive Deutungen sind so die Setzung
'Entwürfe mit besseren Gründen', Imaginationen von Behauptungen,
die, wenn sie zuträfen, Sinn machen; sie sind begründbare
Als-ob-Unterstellungen, dass sich etwas so verhält
wie ich es unterstelle. Fiktionale Deutungen sind dagegen 'Entwürfe
mit guten ästhetischen Gründen', das Imaginäre, das mit einer
freischwebenden Willkür Erfundene, das Erdichtete. [29]
Wissenschaftliche
Urteile können mit Hilfe der Differenz 'wahr/falsch'7) bewertet werden. [30]
Alle seine
Urteile und alle Deutungsroutinen, welche zu Urteilen führen, müssen
einem systematischen Zweifel unterworfen werden (und dies ist der
unverzichtbare Kern von Forschung, die sich als Wissenschaft
versteht). [31]
Subjekte
handeln nicht zwanghaft aufgrund äußerer Einflüsse. Weder 'latente
Strukturen' noch 'operierende Systeme' beherrschen das Handeln
des Menschen (siehe hierzu REICHERTZ 1988). Es ist hochevident, dass
menschliches Handeln keineswegs durch ein (wie immer geartetes)
Äußeres die Natur, die Sozialität, Strukturen, Prozesse etc.
determiniert ist, sondern jedes Außen wird von der
Deutung des Handelnden gebrochen. Dieses 'Äußere' besitzt nur dann
Kraft und manchmal auch Macht über den Handelnden, wenn es
durch ihn und damit auch für ihn Bedeutung erhalten hat.
Jenseits dieses bedeutungsvollen (=sinnhaften) Äußeren mag es
weiteres geben, doch dieses interessiert die (hermeneutische)
Soziologie nicht, da es bedeutungslos ist. [32]
Die
wissenssoziologisch informierte Sozialforschung will rekonstruieren,
aufgrund welcher Sinnbezüge gehandelt wurde, wie gehandelt wurde. Zu
diesem Zweck zeichnet sie (aus der virtuell übernommenen Perspektive
eines typisierten Handelnden) die Bedeutung nach, die das Handeln für
den Handelnden hatte. Belanglos ist dabei, ob dem Handelnden zum
Zeitpunkt seines Tuns alle diese Bedeutungen klar bewusst waren.
Insofern geht es keinesfalls um den emphatischen Nachvollzug subjektiv
gemeinten Sinns. [33]
Aus dieser
Sicht besteht die Arbeit des Forschers darin, bei der Beobachtung und
Darstellung die in seiner wissenschaftlichen Kultur vorhandenen
Deutungen von Welt (sein soziohistorisches Apriori inklusive seine
wissenschaftliche Kultur) zu verflüssigen. Gut geeignet für diesen
Zweck ist die Deutung noch nicht wissenschaftlich vorgedeuteter
'Gegen'stände (=natürliche Daten). Dies kann aufgrund von
Abduktionen oder qualitativen Induktionen zu Wahrnehmungsurteilen führen,
die vom Hermeneuten als ein singuläres Bewusstseinserlebnis erfahren
werden (vgl. REICHERTZ 1991, S.9-71). Der Vergleich der so
gefundenen Deutung mit den bereits in der jeweiligen
wissenschaftlichen Kultur vorhandenen Deutungen führt zu neuen
Deutungen, welche Gewissheiten zersetzen und weitere Unterscheidungen
hervortreiben können. [34]
Die
hermeneutische Deutung von Daten ist aus dieser Perspektive als ein
Versuch zu werten, eine singuläre und möglicherweise neue Erfahrung
an den bereits ausgedeuteten Kosmos, dem der Hermeneut angehört,
anzuschließen, was diesen Kosmos zumindest partiell weiter
ausdifferenziert. Diese Ausdifferenzierung gelingt jedoch nur dann,
wenn der Hermeneut seine berufliche Mitwelt davon überzeugt, dass die
von ihm gewonnene Deutung tatsächlich eine Ausdifferenzierung der
gemeinsamen Kultur darstellt. Dies ist erreicht, wenn die Darstellung
der Neudeutung, also die Ausdifferenzierung, als Ergebnis und Ausdruck
der Kultur (als Selbstauslegung) der Hermeneuten erscheint. [35]
Eine solche wissenssoziologische
Sozialforschung ist (trotz einiger Berührungspunkte) weder mit der
strukturalistisch argumentierenden 'objektiven Hermeneutik' noch mit der
Systemtheorie in Einklang zu bringen. [36]
Die reflexive Wendung einer auf diese Weise
verstandenen Wissenssoziologie hat für die (von ihr sich angesprochenen fühlenden)
Wissenschaftler (also wissenschaftsintern) zweierlei Konsequenzen: zum
einen Freisetzung, zum anderen Verunsicherung. Freisetzung deshalb,
weil die Verabschiedung eines exklusiven Wegs zur Erkenntnis strukturell
die Suche nach neuen Wegen und Prozeduren eröffnet und zugleich die
Konzeptionierung neuer Methodologien ermöglicht. Mithin hob und hebt die
reflexiv gewordene Wissenssoziologie die Wissenschaft als
gesamtgesellschaftliches Unternehmen auf eine weitere Stufe der
Differenzierung. Diese Freisetzung hatte im Windschatten (ebenfalls
wissenschaftsintern) zugleich aber auch eine tiefgreifende Verunsicherung
zur Folge: gemessen an dem Stand wissenssoziologisch informierter
(Selbst-) Reflexion lassen sich nämlich keine verbindlichen Standards für
die Erlangung von Validität mehr angeben: Denn jede Forschungsarbeit muss
in dieser Perspektive mit der (weder zu leugnenden noch zu beseitigenden)
Tatsache leben, selektiv und damit nur gezogen auf eine Perspektive gültig
zu sein. Diese Verunsicherung findet auf Forscherseite ihren Ausdruck in
der sprunghaften Zunahme von 'Anything-goes-Forschung' und der deutlichen
Bevorzugung der spritzigen Formulierung vor dem guten Argument. [37]
Wissenschaftsextern hat die reflexiv
gewordene Wissenssoziologie mit ihrer Erkenntnis wissenschaftlicher
Perspektivengebundenheit, die im übrigens meistens nur in Form eines
kruden Wissenspluralismus ("Jede Erkenntnis ist gleich gut, deshalb
auch beliebig!") wahrgenommen wurde, ebenfalls eine tiefe
Verunsicherung ausgelöst mit dem paradoxen Ergebnis einer verstärkten
Nachfrage von Gültigkeit und dem Verlangen nach Forschungsevaluation.
[38]
In dieser Situation stellt sich die Frage,
wie einerseits wissenschaftsintern mit der Unsicherheit
wissenschaftlicher Erkenntnis umgegangen wird (z.B. mit Hilfe von
Methodendebatten) und wie andererseits extern die Gültigkeit
wissenschaftlicher Aussagen gerechtfertigt werden kann. [39]
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Rechtfertigungsmuster, die von Wissenssoziologen benutzt werden
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Reflexive Wissenssoziologen sind mit dem
Dilemma, sehr genau um die eigene Perspektivengebundenheit zu wissen und
gleichzeitig dem Gültigkeitsanspruch nicht abschwören zu wollen bzw. zu
können, in unterschiedlicher Weise umgegangen. Grob lassen sich drei Großstrategien
unterscheiden, von denen die zweite Strategie drei weitere Fallgruppen
aufweist:
die Begründung durch persönliches
Charisma
die Begründung durch Verfahren und
die Begründung durch den
wissenschaftlichen Diskurs. [40]
Die erste Großstrategie steht in der
Tradition des Arguments, bestimmten Wissenschaftlern sei eine persönliche
und außerordentliche Hellsichtigkeit zu eigen. Die Strategie besteht
darin, dass (auch dann, wenn Daten analysiert werden) der entscheidende
Erkenntnissprung, die Abduktion beispielsweise, nicht als Ergebnis von
Arbeitsprozessen betrachtet wird, sondern als genialischer Akt, der nur
der jeweiligen Person möglich war. Hier liefert also ein (reklamiertes
und oft auch inszeniertes) Charisma die Fundierung von Gültigkeit.
Zugespitzt: Selbst-Charismatiker nenne ich solche Wissenschaftler, die
zwar vorgeben, mit Daten zu arbeiten, ihre Forschungsergebnisse jedoch
nicht mehr an eine intersubjektive Nachvollziehbarkeit binden, sondern an
eine persönliche, meist exklusive Gabe. [41]
Die zweite Großstrategie versucht ihre
Ergebnisse mit Hilfe von spezifischen Verfahren zu legitimieren. Es
ist nicht mehr die Person des Forscher, die aufgrund eines 'göttlichen'
Geschenks die Gültigkeit verbürgt, sondern es sind die wissenschaftlich
etablierten Methoden, die Gültigkeit hervorbringen und garantieren.
Gefragt nach der Basis von Validität, wird als Antwort ein spezifisches
Verfahren genannt. Allerdings finden sich innerhalb dieser Großstrategie
die drei folgenden Varianten:
B.1 Rechtfertigung mit Hilfe der Methode
der phänomenologischen Reduktion
B.2 Rechtfertigung mit Hilfe des
Verfahrens der Methoden-Triangulation und
B.3 Rechtfertigung mit Hilfe der Methode
'datengestützten Perspektivendekonstruktion' [42]
Die Methode der phänomenologischen
Reduktion (auch Epoché genannt) möchte zu den 'Sachen' selbst
dadurch, dass man bei der Welterkenntnis die eigenen Vorstellungen von
Welt von allen sozialen Einkleidungen befreit und zugleich alle
Vorstellungen von Welt ihrer historischen Deutung entledigt. Ziel ist, den
'sozialen Schleier' wegzuziehen, in der Hoffnung, auf diese Weise der
Dinge selbst ansichtig zu werden. Dieses Verfahren ist insbesondere von
den Vordenkern der Wissenssoziologie sehr stark favorisiert worden. Eine
Auseinandersetzung mit diesem Verfahren hat in den letzten Jahren zu der
Erkenntnis geführt, dass man so nicht bei den Sachen selbst, sondern vor
allem und einzig 'in der Sprache landet', dass man also die Perspektivität
keineswegs verliert. [43]
Die zweite Unterstrategie, die ich hier 'Methoden-Triangulation'
nennen möchte, versucht die Erkenntnis von der wissenschaftlichen
Perspektivität produktiv zu nutzen, indem sie als Gütegarant eine als
positiv deklarierte Multi-Perspektivität anstrebt. Qualitative Verfahren
werden mit quantitativen ergänzt, die Feldstudie mit Interviews und
Fragebogen, die Interaktionsanalyse mit Experiment und Beobachtung. Die
Grundidee (bzw. die zugrundegelegte Metapher) dieser Strategie ist der
Geometrie entlehnt: um einen nicht erreichbaren Punkt (Erkenntnis) zu
bestimmen, peile ich diesen Punkt von zwei (oder mehr) bekannten
Perspektiven (Methoden) aus an, bestimme das Verhältnis der bekannten
Perspektiven zueinander und deren 'Winkel' zum angepeilten Punkt, und kann
dann mit Hilfe trigonometrischer Berechnungen den unbekannten Punkt
bestimmen. Bei der Methoden-Triangulation geht es also nicht darum, die
Perspektivität zu leugnen, sondern sie zum Programm zu erheben. Dennoch
sind auch hier die 'realistischen' Hoffnungen nicht zu überhören:
unzweifelhaft ist nämlich diesen Forschern der Glaube zueigen, dass auf
diese Weise nicht nur andere Ergebnisse erzielt werden, sondern dass diese
Art der Welterkundung besser und die so gewonnenen Aussagen valide
sind. [44]
Diese letzten 'realistischen' Hoffnungen
sollen vor allem mit Hilfe der dritten Unterstrategie getilgt werden
der Rechtfertigung der Gültigkeit von Aussagen aufgrund 'datengestützter
Perspektivendekonstruktion'. Damit ist nicht nur, aber insbesondere
die Sequenzanalyse angesprochen. Allerdings muss hier auf die
methodologische Rechtfertigung geachtet werden. Favorisiert man z.B.
innerhalb der Objektiven Hermeneutik die Sequenzanalyse vor allem deshalb,
weil sie sich vermeintlich den Sachen selbst anschmiegt (vgl. OEVERMANN et
al. 1979), dann zeigt sich darin eine recht beachtliche realistische Sicht
von Wissenschaft. Eine reflexive Wissenssoziologie verwendet die
Sequenzanalyse jedoch gerade nicht in der Hoffnung, so dem Gegenstand nahe
zu kommen, weil die Sequenzanalyse den realen Prozess der Interaktion
nachzeichnet. Das wäre ein grobes realistisches Missverständnis. Die
Sequenzanalyse wird dagegen von Wissenssoziologen deshalb besonders gerne
angewendet, weil sie ein ausgesprochen unpraktisches Verfahren ist.
Die strikte Durchführung einer Sequenzanalyse (also der extensiven
hermeneutischen Auslegung Daten in ihrer Sequentialität) kostet nicht nur
immens viel Zeit, sondern sie zerstört im Prozess der systematischen und
gesteigerten Sinnauslegung alle Selbstverständlichkeiten der eigenen
Perspektivik und der eigenen Sprache. Strikte Sequenzanalysen führen
dazu, dass alle geltenden oder für uns gültigen Vorurteile, Urteile,
Meinungen und Ansichten in der Regel schnell zusammenbrechen. Die
Sequenzanalyse dient also gerade nicht dazu, sich an den Gegenstand
anzuschmiegen, sondern Sequenzanalyse ist nur ein Verfahren zur Zerstörung
unserer gesamten sozialen Vorurteile auch wenn dies nicht immer
gelingt. Ist die Perspektivik mittels Sequenzanalyse einmal zerstört,
entwirft der Forscher abduktiv Aussagen zu dem untersuchten
Gegenstandsbereich. [45]
Soweit erst einmal die zweite Großstrategie
der Begründung von Gültigkeit über Verfahren. Die Betrachtung der drei
Unterstrategien hat gezeigt, dass die jeweils zum Einsatz gebrachten
Methoden sehr unterschiedliche realistische Einfärbungen aufweisen. Aus
meiner Sicht ist vor allem eine richtig verstandene Sequenzanalyse eine
besonders gut geeignete Methode 'datengestützter
Perspektivendekonstruktion' und damit für Wissenssoziologen interessant.
[46]
Die dritte Großstrategie nun, die Gültigkeit
von Aussagen zu fundieren, besteht darin, die Perspektivenvielfalt der
Berufsgruppe zu nutzen also auf den innerwissenschaftlichen Diskurs
zu setzen. Man rechtfertigt dann das, was man als gültige Erkenntnis
vorstellt, nicht mehr damit, dass auf Verfahren oder die eigene
Hellsichtigkeit verweist, sondern man tritt bescheiden zurück und sagt:
"Ich habe meine Erkenntnisse in den wissenschaftlichen Diskurs
eingespeist. Dort wurden sie durch die Mühlen der kontroversen Debatte
gedreht. Zwar weiß man nicht genau, welche Mühlen dort mahlen oder
welche Körner zerkleinert werden, aber die Erkenntnis X ist dabei
rausgekommen, und weil sie den Diskurs überstanden hat und übrig
geblieben ist, muss sie auch gültig sein." Hier zeigt sich natürlich
das in diesem Ansatz eingelassene Vertrauen auf die soziale Kraft einer
Professionsgruppe und in die in ihr eingelassene Perspektivenvielfalt. Die
Macht, Gültigkeit zu verleihen, wird auf diese Weise nicht mehr an eine
objektivierbare, kontrollierbare und intersubjektiv nachvollziehbare
Prozedur (also an etwas nicht-subjektives) gebunden, sondern ausdrücklich
dem Diskurs interessierter Wissenschaftler (und damit einem sozialen Prozess)
überantwortet. [47]
Alle drei hier besprochenen Großstrategien
(Begründung durch Charisma, Verfahren oder Diskurs) versuchen mit dem
Problem umzugehen, dass eine über sich selbst aufgeklärte
Wissenssoziologie nicht mehr problemlos von der Gültigkeit ihrer Aussagen
sprechen kann, insbesondere dann nicht, wenn sie für die Gesellschaft Planungswissen
zur Verfügung stellen will bzw. soll. [48]
Es wäre nun müßig,
unter Wissenssoziologen (erneut) die Frage ernsthaft zu diskutieren, ob
die o. a. Verfahren 'wirklich' in der Lage sind, unsere Perspektivität
oder die Grenzen dieser Perspektivität zu beseitigen: Denn es kann keinen
Zweifel daran geben, dass sie dazu nicht in der Lage sind. Keines
dieser Verfahren vermag es, den Schleier von den 'Sachen selbst'
wegzuziehen, also einen Zugang zur Wirklichkeit zu ermöglichen einen
Zugang zudem, der allen anderen, wenn sie gewissenhaft der angegebenen
Prozedur folgten, ebenfalls möglich ist8).
[49]
Gibt man nun aber die Utopie einer
wissenschaftlichen Aufklärung bis zur letzten Konsequenz auf und
akzeptiert, dass mit einem gewissen Maß an Vagheit (auch als
Wissenschaftler) durchaus gut zu leben ist, dann dreht die
Methodologiedebatte nicht mehr (ohne vorwärts zu kommen) durch, sondern
kann durchaus gute von weniger guten Argumenten unterscheiden. Denn es
gibt nicht nur die Alternative zwischen der absoluten Aufklärung auf der
einen und der Blindheit auf der anderen Seite, sondern man kann auch, wenn
man nicht alles sehr klar sieht, mit entsprechenden Vorkehrungen immer
noch ganz gut seinen Weg finden. [50]
Die entscheidende Frage, die wir uns
stellen müssen, lautet deshalb, wie aus wissenssoziologischer Perspektive
explizite Qualitätskriterien für die Zuverlässigkeit der
Datenerhebung, für die Repräsentativität der Datenauswahl und für
die Gültigkeit der (generalisierten) Aussagen bestimmt und
kanonisiert werden können, die jedoch nicht an den (zurecht fragwürdigen)
Idealen einer kontextfreien Sozialforschung orientiert sind, sondern z. B.
auch das Wechselspiel von Forschern und Beforschten, Forschung und
gesellschaftlicher Verwertung bzw. Anerkennung und auch die Besonderheiten
der 'social world' (STRAUSS 1991b) der Wissenschaftler mit reflektiert.
[51]
Eingedenk der
Erkenntnisskepsis eines Radikalen Konstruktivismus oder einer LUHMANNschen Systemtheorie (aber auch angesichts einer verkürzten Wissenssoziologie)
kann man angesichts dieser Aufgabenstellung mit großem Pessimismus
reagieren, eine Pessimismus, der sich erheblich verstärkt, wenn man sich
die herrschende Praxis qualitativer Forschungsarbeit oder genauer:
deren Beschreibung in Forschungsberichten ansieht9).
Verschafft man sich einmal nämlich einen etwas gründlicheren Überblick
über die vielen Research-Reports qualitativer Forschung, dann ist die
Anything-goes-Forschung längst Alltag qualitativen Arbeitens geworden:
Daten werden oft zufällig eingesammelt, deren Besonderheit weder
diskutiert noch berücksichtigt, Auswertungsverfahren werden oft ohne Rücksicht
auf Gegenstand und Daten fast beliebig ausgewählt und aufgrund der
Spezifik der Forschungssituation vor Ort reflexionsfrei modifiziert,
Einzelfälle werden nicht selten ohne Angabe von Gründen zu 'Typen'
stilisiert und immer wieder wird allzu leicht die Erörterung von
Geltungskriterien für eine schillernde und kurzweilige Formulierung
hingegeben. [52]
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Die Logik der
Erlangung symbolischen Kapitals
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Dass die Lage so ist, wie sie ist, hat nur
zum Teil etwas damit zu tun, dass der kämpferische Aufbruchsdrang der
Qualitativen (und damit der Rechtfertigungszwang über bessere Methoden)
angesichts ihres (scheinbaren, weil zu schnellen) Erfolgs erheblich
nachgelassen hat: heute ist nicht ein Zu-wenig qualitativer
Sozialforschung zu verzeichnen, sondern eher ein Zu-viel (des
Unreflektierten) es gibt nur noch sehr wenige Wirklichkeitsbereiche
(so z.B. Militär, Geheimdienste, Politik, Gewerkschaften), die noch nicht
von (leider oft recht dilettantischen) qualitativen Untersuchungen überzogen
wurden. Aber diese Allgegenwart der qualitativen Forschung spricht nur auf
den ersten Blick für deren Erfolg. Auch die landesweite Normalität
qualitativer Methodenunterweisung innerhalb der sozialwissenschaftlichen
Hochschulausbildung ist hierfür kein Indiz, sondern möglicherweise ein
Ursache für die Schwäche qualitativer Arbeiten. Denn die sprunghafte und
sehr schnelle Ausweitung der Methodenausbildung (noch vor der Entwicklung
und Kanonisierung von Geltungskriterien) produziert nicht nur mehr gute
Arbeiten, sondern naturgemäß noch mehr schlechte. Zudem findet
allzu oft qualitative Forschung nur auf der Ebene selbstfinanzierter
Qualifikationsarbeiten innerhalb der Hochschulen statt. Hat sie sich
jedoch den Ansprüchen von (wissenschaftlichen, politischen,
privatwirtschaftlichen) Förderinstitutionen und deren Standards zu
stellen, dann sind qualitative Forschungsanträge deutlich weniger
erfolgreich und das zunehmend. [53]
Dass Methoden- und Methodologiedebatten
heute im wissenschaftlichen Diskurs über die Güte qualitativer Verfahren
eher selten anzutreffen sind, ist (so eine weitere Behauptung) jedoch
nicht nur auf deren 'Erfolg' zurückzuführen, eine andere Ursache ist
darin zu sehen, dass solche Debatten spröde und sperrig, dass sie wenig
unterhaltend sind und nur wenige Interessierte finden alles
Kategorien, die darauf hinweisen, dass solche Debatten einen geringen
Erlebniswert besitzen. Innerwissenschaftliche Hermetik, Askese und
Exklusivität sind immer weniger Orientierungsstandards wissenschaftlichen
Arbeitens und Darstellens, sondern zunehmend (und völlig zurecht) wenden
sich Wissenschaftler der Gesellschaft zu, für die und in deren Auftrag
sie arbeiten. Zur Plausibilisierung dieser These ein kurzer Exkurs
erneut aus großer Distanz. [54]
Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen
haben stets produziert, seien es Texte oder die darin eingelassenen
Arbeitsergebnisse. Sie haben auch stets ihre Produkte in eine Ökonomie
eingeführt, ohne Zweifel auch mit der Absicht, Gewinne zu erzielen. Häufig
waren die Gewinne symbolischer Art, die sich oft auch ökonomisch
auswirkten (vgl. BOURDIEU 1997), z. B. durch die vermehrte Einwerbung von
Forschungsmitteln. Die symbolische Ökonomie war dabei (fast ausschließlich)
von den Fachkollegen geregelt und gewährleistet. Insofern war der
Ansprechkreis klassischer Wissenschaft klein, exklusiv und extrem
hermetisch. Innerhalb dieser überschaubaren Diskursgemeinschaft fungierte
die Debatte als 'Diskurspolizei' (FOUCAULT 1977), die dafür sorgte, dass
die jeweils geteilten Standards weitgehend eingehalten wurden. Als dort
gehandelte Währungen galten Explikation, Reflexion und differenzierende
Abwägung. [55]
Zunehmend bewegt sich die Wissenschaft auf
eine andere Ökonomie zu eine neue Ökonomie mit neuen Währungen. Auf
den Märkten, die Wissenschaftler bislang bedienten, waren fast ausschließlich
nur Fachkollegen anzutreffen. Nur selten wurde auch einmal für mitlesende
Gebildete mitproduziert, aber nie wurde vor allem für diese Zielgruppe
Texte geschrieben. In den sechziger Jahren öffneten
(wissenschaftshistorisch gesehen) Verlage wie Fischer, Rowohlt, und
Suhrkamp den Markt für die mitlesenden Gebildeten, also die
intellektuellen Zaungäste, weil die Verlage zum einen wegen einer neuen
Drucktechnik die Einzelbücher preiswerter anbieten konnten und weil zum
zweiten vor allem solche Autoren publiziert wurden, deren Schreibstil auch
für größere Lesergruppen 'verträglich' war. [56]
Damit stellte sich für die
Wissenschaftler, die sich der kulturindustriellen Produktion von Büchern
nicht verweigern wollten, eine ganz neue Herausforderung: sie mussten
Schriften produzieren, die nicht nur für die Fachkollegen, sondern auch für
ein mitlesendes, auf den Zäunen sitzendes Publikum (und damit auch für
den Verlag) interessant waren. Anfangs existierte sicherlich nur ein
kleines Publikum für wissenschaftliche Literatur, mittlerweile hat es
sich jedoch enorm vergrößert Texte von HABERMAS, LUHMANN, BECK,
BOURDIEU, GIDDENS etc. werden nicht nur von Kollegen, Studierenden und
Intellektuellen gekauft, sondern eignen sich durchaus auch als (den
Schenker edelnden) Präsente zu jedem Anlass und finden sich deshalb
(gelesen wie ungelesen) in einer Vielzahl von Bücherregalen und haben den
Autoren neben dem symbolischen auch nicht geringen ökonomischen Gewinn
eingebracht. Vor allem diese Öffentlichkeit der nicht-wissenschaftlichen
Mitlesenden interessiert sich deutlich weniger für Nuancen und langatmige
Legitimationen, für die sterile Debatte um das 'Wie' der Forschung,
sondern sehr viel mehr für das 'Was', für das (möglichst spektakuläre)
Resultat wissenschaftlicher Forschung. [57]
Dass Methoden- und Methodologiedebatten
keine Konjunktur haben, ist aber auch durch die Besonderheit eines
weiteren Marktes bestimmt, der für Sozialwissenschaftler aller Couleur
von großer Bedeutung geworden ist der Markt der Massenmedien (im
engeren Sinne des Wortes). Gemeint sind damit hier zum einen die Zeitschriften
('Spiegel', ''Focus' etc.), zum zweiten die Vielzahl der Radiostationen,
die sich Aktuelles gerne von wissenschaftlichen Experten kommentieren
lassen, und zum dritten natürlich das Fernsehen mit seiner
Vielzahl von Talk-Shows und Expertenrunden. [58]
Nach einem (nicht mehr
auf seinen Autor zurückzuführenden) Bonmot bedeutet (auch für
Wissenschaftler) heute 'Sein' vor allem 'In-den-Medien-Sein'. Nur auf den
ersten Blick ist dieses Wort übertrieben oder gar bösartig, denn der
gesellschaftlich getragene Wechsel der Leitmediums, nämlich die (von den
meisten Intellektuellen beklagte) Ablösung des Buches durch das
Fernsehen, hat schon längst stattgefunden. War es früher entscheidend,
in dem Leitmedium 'Buch' seine Ansichten zu publizieren, so wird die
Bedeutung von Wissenschaftlern zunehmend durch Medienpräsenz hergestellt
und gefestigt. Und da das neue Leitmedium sehr stark dem Bild und weniger
dem Wort verpflichtet ist, resultieren daraus vollkommen andere
Darstellungslogiken was manche Wissenschaftler auch dazu bewegt, sich
dem Fernsehauftritt und der damit einhergehenden
Dramatisierungsnotwendigkeit und dem kurzatmigen 'Fast-Thinking' grundsätzlich
zu verweigern (vgl. BOURDIEU 1998)10).
In Spiegel-Interviews und Fernsehgesprächen langweilt nur das 'Gerede'
von der Begründung wissenschaftlicher Erkenntnis und der Gültigkeit von
Methoden. Ernsthafte Geltungsbegründungen werden bei Medienauftritten
weder abverlangt noch honoriert. Und wer den Fehler begeht, ungefragt
solche zu äußern, wird in Zukunft nicht mehr gefragt. [59]
Aber nicht nur die Medien interessieren
sich für schnelle, kurze, neue Deutungen dieser Welt. Selbst auf
innerwissenschaftlichen Fachtagungen haben Methodendebatten an Bedeutung
verloren (um es einmal vorsichtig zu sagen). Beiträge über methodische
Probleme werden selten nachgefragt, wohl auch, weil immer weniger
Fachkollegen dazu neigen, nach den Methoden zu fragen lösen sie doch
damit möglicherweise eine dieser wenig gewinnbringenden und schon so oft
erlebten Schulendiskussionen aus. Legten noch vor etwa einem Jahrzehnt
Forscher schwer lesbare Transkriptionen vor, und zwangen sie die Zuhörer
dazu, ihrer Interpretation Schritt für Schritt zu folgen, so löst ein
solches Unterfangen mittlerweile Desinteresse bis Flucht aus. Honoriert
werden zunehmend exotische Themen, verblüffende
Erkenntnisse und ein auch ästhetisch ansprechender Stil. Honoriert
werden also weniger die Vorträge, welche eine Askese des aufmerksamen Zuhörens
erforderlich machen, sondern solche, welche es ermöglichen, den Ausführungen
gerne zu folgen und auf dieser Hitliste stehen die Geltungsdebatten
ganz weit unten. [60]
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Die Logik der
Einwerbung ökonomischen Kapitals
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Last but not least haben sich alle Forscher
(so sie denn forschen wollen) auf dem freien Markt der
Wissenschaftsfinanzierung zu bewerben und der wird zunehmend enger.
Einer der Hauptgründe hierfür ist, dass die staatliche Finanzierung
inneruniversitärer Forschung (Grundausstattung der
Hochschullehrerstellen, laufende Mittel für Forschung) seit etwa zwei
Jahrzehnten auf etwa gleichem Level stagniert, und mancherorts gekürzt
oder ganz gestrichen wird, während seit den 70er Jahren ein stetiger
Zuwachs des Drittmittelvolumens zu verzeichnen ist (ausführlich hierzu
HORNBOSTEL 1997, S.215ff). Drastisch verschärft wird diese Situation noch
dadurch, dass die inneruniversitäre Mittelverteilung sich in Zukunft
unter anderem auch nach der Höhe der eingeworbenen Drittmittel richten
wird und die Berufungszusagen in der Regel nur noch fünf Jahre gelten.
[61]
All dies führt zu einer erheblich verstärkten
Konkurrenz der einzelnen Wissenschaftler untereinander: wer kein Geld aus
Drittmitteln einwirbt, erhält weniger Mittel aus dem Hochschulhaushalt,
kann also auch weniger Forschung betreiben. Diese Entwicklung rechtfertigt
z.B. für SCHIMANK die Befürchtung, dass innerhalb der Universität gänzlich
ohne Drittmittel kaum noch geforscht werden kann (vgl. SCHIMANK 1992,
S.33). [62]
Die Zangenbewegung staatlicher
Forschungspolitik (Geld kürzen bei gleichzeitiger Erhöhung der
Attraktivität, Geld von außen einzuwerben) erhöht den Druck,
Forschungsanträge zu schreiben und sie zur Begutachtung an
wissenschaftliche, politische, privatwirtschaftliche Geldgeber
einzureichen, enorm. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die VW-Stiftung,
Landes- und Bundesministerien, Parteistiftungen, Arbeitgebervereinigungen,
Gewerkschaften und viele andere Sponsoren wissenschaftlicher
Forschungsarbeit sehen sich seit Jahren mit einer größer werdenden Zahl
von Anträgen auf Vergabe von Sachmitteln konfrontiert, und dies bei
gleichbleibenden Budget bzw. oft auch geringerem, was zur Folge hat, dass
bei der DFG Ablehnungsquoten von 60% und bei der VW-Stiftung von 50%
erreicht werden. [63]
Auch, aber nicht allein wegen dieses verschärften
Wettbewerbs um ökonomisches Forschungskapital geht die Frage nach den
Beurteilungskriterien wissenschaftlicher Forschung in eine neue Runde. Die
Forderung nach Qualitätskontrolle macht vor den Mauern der Alma Mater
nicht mehr halt (weshalb sollte sie auch?), es wird nach Möglichkeiten
der Leistungskontrolle gefragt, nach einer nachvollziehbaren
Forschungsevaluation, nach der Prüfung des Verhältnisses von Aufwand und
Ergebnis kurz: für die Finanzierung des Fragwürdigen, Unplausiblen,
Wenig-Überzeugenden, des Allzu-Neuen bleibt kein Geld mehr. Die Nischen,
in denen Modelle und Experimente ihr (wenn auch kärgliches) Leben fristen
konnten, schließen sich zunehmend. [64]
Es ist zu befürchten, dass für eine
langfristige und personalintensive Grundlagenforschung wenig Mittel
verbleiben werden sowohl in der Theoriebildung als auch in der
Methodenentwicklung. Statt dessen werden Forschungsvorhaben mittleren oder
kleineren Zuschnitts und geringen Personalaufwands (z.B. eine BAT IIa/halbe
Stelle für zwei Jahre) vorne liegen. Verbessern kann man Förderungschancen,
wenn eine aktuelle und gesellschaftlich relevante Fragestellung bearbeitet
wird und wenn keine Methoden entwickelt, sondern diese lediglich
angewendet werden. Innerhalb dieser Entscheidungslogik macht es durchaus
Sinn, dass bei knapper werdenden Ressourcen, die eingesetzten Mittel zur
Erforschung lebenspraktischer Probleme und für die Ermittlung von
Entscheidungsgrundlagen für deren 'Lösung' (Planungswissen) eingesetzt
werden. [65]
Und alle eingereichten Anträge, und
dies ist hier von Interesse, werden danach geprüft werden, ob die
geplanten Verfahren versprechen, valide Ergebnisse zu produzieren.
Es ist deshalb keineswegs ein Zeichen von Ignoranz oder Geringschätzung
gegenüber qualitativer Forschung, wenn Gutachter auch bei 'qualitativen'
Projekten nach der Zuverlässigkeit und der Repräsentativität der
Datenerhebung und der Gültigkeit der Datenauswertung fragen. Im
Gegenteil: sie tun nicht nur ihre Pflicht gegenüber den Geldgebern,
sondern sie garantieren mit einer solchen Prüfung auch die Standards
wissenschaftlicher Forschung und sichern damit auch deren Glaubwürdigkeit.
Allerdings und das ist der entscheidende Punkt sind die Verfahren,
mit denen in der quantitativen bzw. qualitativen Forschung die Güte
gesichert werden soll, recht unterschiedlich (was manche Gutachter
vielleicht noch zu wenig zur Kenntnis genommen haben). [66]
Und es gibt keinen Grund zu vermuten, dass
die Verfahren der Gütesicherung bei den 'Qualitativen' weniger 'hart'
seien als bei den 'Quantitativen' (wenn auch die ersten wegen der etwas jüngeren
Forschungstradition gewiss noch mehr Reflexions- und Verbesserungsbedarf
haben) vorausgesetzt, man berücksichtigt bei der Anlage des
Forschungsdesigns die Fragen der Gütesicherung (was vielleicht manche
Qualitative noch nicht ernsthaft genug tun). Und immer eingedenk des
Sachverhaltes, dass die beiden Großforschungsstrategien (die sich im übrigen
keineswegs ausschließen, sondern im Gegenteil: sie ergänzen einander
gut) sich auf andere Gegenstandsbereiche und Fragestellungen
beziehen. Schon allein deshalb, also weil strukturell verschiedene Gegenstände
untersucht werden und weil der Anspruch der Ansätze sich so stark
unterscheidet, können naturgemäß die Methoden der Gütesicherung bei
qualitativer und quantitativer Forschung nicht identisch sein. [67]
Will man die Güte qualitativer Forschung
im wissenschaftlichen Diskurs (aber vor allem auch im Diskurs mit
potentiellen Bewertern) verteidigungsfähig machen, dann gelingt dies
heute keinesfalls mehr durch die Berufung auf die Autorität verstorbener
Säulenheiliger der Wissenschaft, auch nicht durch den empiriefreien
Einsatz wissenschaftlicher Vernunft und ebenfalls nicht durch die
Unterstellung persönlicher Hellsichtigkeit. Statt dessen lässt sich die
Güte von Aussagen nur über empirische Forschung rechtfertigen und deren
Güte wiederum über spezifische (nach Gesellschaft, Zeit, und Fachgebiet
variierende) Standards der Qualitätssicherung. Letztere werden sich
jedoch dabei (zumindest im westlichen Wissenschaftsprogramm) auf die
Fragen der Zuverlässigkeit und der Repräsentativität der Datenerhebung
und auf die Gültigkeit der Generalisierung beziehen müssen will man
in dem Wettbewerb um ökonomisches Forschungskapital im Spiel bleiben.
[68]
Kann bei der Bewältigung dieser nicht
einfachen Aufgabe die qualitative Forschung (im allgemeinen) unter
Zugrundelegung eines (unreflektierten) Realismus solche Verfahren
favorisieren, die versprechen, näher an der 'Wirklichkeit' zu sein, so
kann dieses Kriterium innerhalb einer reflexiven Wissenssoziologie so
nicht gelten hat sie sich doch von der Möglichkeit der
'Wirklichkeitsansicht' verabschiedet, allerdings verbunden mit der
Hoffnung, empirische Forschung und wissenschaftlicher Diskurs
produzierten, wenn schon keine guten, dann jedoch bessere
Einsichten. Wissenssoziologie kann deshalb letztlich nur auf die
systematische und organisierte Produktion von Zweifeln (in jeder Phase des
Forschungsprozesses) und die dadurch erreichte Fehlerausmerzung vertrauen
und hat darin ihren Sinn und Wert. [69]
Für diesen Zweck hat sich die
wissenssoziologische Forschung (trotz der nicht allzu weit zurückreichenden
Forschungstradition) durchaus sinnvolle und auch 'harte' Gütekriterien
erarbeitet. So sichert z.B. die Bevorzugung 'natürlicher' Daten,
also solcher Daten, die nicht erzeugt wurden, um von Wissenschaftlern
untersucht zu werden, und deren Erhebung und Fixierung mit Medien, die möglichst
viel von der Qualität der Daten und der ihnen inhärenten Zeitstruktur
konservieren, die Zuverlässigkeit der Datenerhebung (REICHERTZ 1991,
S.141ff). Und deren inhaltliche Repräsentativität wird durch das 'Theoretical
sampling' (STRAUSS 1991a, STRAUSS & CORBIN 1996) gewährleistet,
also ein Verfahren, das theoriegeleitet solange Daten innerhalb des
Untersuchungsfeldes sucht, bis alle relevanten Variablen erfasst sind.
[70]
Die Gültigkeit von Generalisierungen
resultiert dabei einerseits aus der Überprüfung der aus den Daten
(mittels Abduktion oder qualitativer Induktion) gewonnenen Hypothesen am
weiteren Datenbestand mittels Sequenzanalyse (OEVERMANN et al. 1979,
SOEFFNER 1989, REICHERTZ 1991). Einmal gefundene Lesarten werden dabei
anhand des Datenmaterials sequenzanalytisch auf Stimmigkeit überprüft,
was bedeutet, dass die jeweilige Lesart als zu testende Hypothese gilt.
Findet sich im weiteren Datenmaterial eine Lesart, die mit der zu
testenden Hypothese nicht vereinbar ist, gilt diese als widerlegt, finden
sich jedoch nur 'passende' Lesarten, dann gilt die zu testende Hypothese
als vorläufig verifiziert (Validierung am Text). [71]
Neben dieser Validierung am Text stellt
sich die Güte von Generalisierungen andererseits dadurch her, dass
weitere Validierungen (a) durch Kontrollinterpretationen anderer
Mitglieder der Forschergruppe und (b) den wissenschaftlichen Diskurs (auf
Tagungen) herbeigeführt wird (Validierung durch Diskurs). Hierbei
geht es um die systematische Kontrolle durch die Perspektivenvielfalt und
zugleich um deren Einbeziehung. [72]
Absolute Gewissheit über die
Validität von Generalisierungen ist jedoch auch so nicht zu erreichen.
'Wahrheit' im strengen Sinne des Wortes findet sich auf diese Weise nicht.
Was man allein auf diesem Wege erhält, ist eine intersubjektiv aufgebaute
und geteilte 'Wahrheit' und das ist schon sehr viel, weil man mit
solchen 'intersubjektiven Gewissheiten' weiterhandeln kann. [73]
Eine qualitativ verfahrende Datenanalyse,
deren Validität sowohl durch den Datenbezug als auch durch konkurrierende
Lesartenkonstruktionen und den wissenschaftlichen Diskurs gesichert werden
soll, hat notwendigerweise zur Voraussetzung, dass mehrere ausgebildete
Wissenschaftler das Material unabhängig voneinander interpretieren
und auch immer wieder ihre Ergebnisse einer wissenschaftlichen Kritik
aussetzen. Die Sicherung der wissenschaftlichen Ressourcen, um eine solche
Überprüfung von Lesarten, Hypothesen und theoretischen
Verallgemeinerungen vorzunehmen, trägt dabei nicht unwesentlich zur
Erhaltung selbstverständlicher Standards, wissenschaftlicher
Anforderungen an die Validität von Untersuchungen bei was bedeutet,
dass die qualitative Forschung nicht weiter auf den Schultern von Einzelkämpfern
ruhen darf, sondern die kooperative und konkurrierende Teamarbeit muss
selbstverständlicher Standard werden. [74]
Nur wenn die Standards wissenschaftlicher Güteprüfung
in der qualitativen Forschung fest etabliert und auch weiter
ausdifferenziert werden, hat dieses Forschungsprogramm unter den aktuellen
Bedingungen eine Chance, auf dem Markt zu bleiben und dort zu bestehen.
Gelingt eine solche Ausarbeitung, Abwägung und Kanonisierung der
Standards in absehbarer nicht, dann werden qualitative Studien zwar in den
Medien ein gewisses Echo finden, aber ansonsten werden sie eine gute
Chance haben, bedeutungslos zu werden: der qualitativ ausgebildete
Nachwuchs wird schwerer in einen Beruf finden, qualitative Projekte werden
minimal oder gar nicht mehr finanziert werden was schlussendlich zur
Marginalisierung dieser Forschungstradition führen wird. [75]
Qualitative und insbesondere
wissenssoziologisch informierte Sozialforschung wird nur dann überleben können,
wenn es ihr gelingt, mit guten Gründen die bereits vorhandene
Grundlagentheorie, Methodologie und Methode weiter auszubuchstabieren. Sie
wird dabei nicht daran vorbei kommen, sich eindringlicher als bisher mit
Fragen der Gütesicherung der Forschungsarbeit auseinanderzusetzen
allerdings immer eingedenk der wissenssoziologischen Einsicht, dass alle
Arten von Gütekriterien Ergebnis gesellschaftlicher Konstruktionsprozesse
sind. [76]
x) Danken möchte ich Christian LÜDERS. Unsere Diskussionen zu den Problemen der Forschungspraxis der Qualitativen waren ausgesprochen anregend und haben manches meiner Argumente geschärft (siehe hierzu auch LÜDERS 2000). <zurück>
1) Eine andere Begründung
der Leistungsfähigkeit menschlicher Vernunft findet sich z.B. im
objektiven Idealismus der Evolutionären Erkenntnistheorie, aber auch bei
PEIRCE (vgl. PEIRCE 1976). Vernunft ist demnach selbst unter den
Bedingungen der Evolution gewachsen, was sie dazu befähigt, das für das
Überleben der Gattung 'Mensch' Notwendige gültig zu erkennen. <zurück>
2) Noch sehr viel
entschiedener als die reflexiv gewordene Wissenssoziologie argumentiert
der Radikale Konstruktivismus (MATURANA & VARELA 1991, SCHMIDT 1987,
zur Kritik siehe FISCHER 1995) und auch die von ihm inspirierte neuere
Systemtheorie (LUHMANN 1995). Demnach ist es nämlich nicht die
Perspektivität des Menschen, die ihn daran hindert, die Welt zu erkennen,
sondern (nach dem Glauben dieser Erkenntnistheorie) existiert eine
prinzipielle Erkenntnisschranke zwischen Gehirn und Umwelt. Die reale
Existenz dieser Erkenntnisschranke könne nicht geleugnet werden, auch sei
es nicht möglich, sie auf irgendeine Weise zu überschreiten. Was
Forscher bei ihren Bemühungen allein erhielten, seien Konstruktionen des
Gehirns, modelliert und konstruiert alleine vom Gehirn und mit den Mitteln
des Gehirns. Umweltkontakt finde nicht statt, zumindest kein qualitativer,
weshalb über die Qualität der Wirklichkeit sich nichts Gültiges sagen läßt.
<zurück>
3) Das kann in dieser
harten Form nur die Hälfte der 'Wahrheit' sein. Denn folgerten die
Menschen nur qualitativ induktiv, dann wären sie nicht in der Lage, sich
immer wieder auf neue Umwelten einzustellen. Es muss neben dem Hang zur
Habitualisierung auch etwas geben, das dem Menschen signalisiert, dass bewährte
Typenzuordnungen in bestimmten Situationen außer Kraft gesetzt werden müssen,
um anderen (abduktiv erlangten) neuen Typenkonstruktionen Platz zu machen.
Nach PLESSNER ist der Schmerz ein solches Auge des Geistes. <zurück>
4) Unbehaglich ist mir
dieser Begriff, weil (a) 'Akteur' zu sehr auf eine Systemtheorie verweist
und (b) 'Fiktion' suggeriert, es gebe etwas Nicht-Fiktives. Lieber spräche
ich von 'Subjektkonstruktionen' oder 'subjektiven Typisierungen'. Doch
diese Begriffe sind teils zweideutig, teils unhandlich. <zurück>
5) SOKRATES wusste, dass
er nichts weiß. Hätte er aber auch dieses Wissen als Fiktion enttarnen können,
dann hätte er möglicherweise statt des Schierlingbechers ein Glas
Champagner zur Hand genommen und auf das Wohl der Welt getrunken. In der
Neuzeit sorgt vor allem eine protestantisch geprägte Wissenschaftsethik
dafür, dass die einzelnen Wissenschaftler das tun, was sie glauben tun zu
müssen, nämlich trotz der Unhintergehbarkeit von Akteurfiktionen weiter
zu suchen. <zurück>
6) Vgl. zu dieser
Unterscheidung auch GEERTZ 1987, S.23. Im übrigen ist die Grenzziehung
der Begriffe im Deutschen willkürlich, da sich beide Worte von
'fingere' = 'bilden', 'dichten', 'vorstellen', 'entwerfen'
herleiten. <zurück>
7) Mit dieser Differenz
arbeiten im übrigen selbst die radikalsten Konstruktivisten und die
liberalsten Ästheten solange sie beanspruchen, Wissenschaft zu
betreiben. <zurück>
8) Die Frage nach einem
unverschleierten Zugang zur Wirklichkeit ist im übrigen wenig sinnvoll.
Denn selbst wenn eines der Verfahren in der Lage wäre, den Schleier
vollkommen wegzuziehen, dann würden wir es höchstwahrscheinlich nicht
einmal bemerken, da wir nicht in der Lage wären, die richtige Erkenntnis
von den anderen zu unterscheiden. Um eine solche Unterscheidung vornehmen
zu können, hätten wir ja schon vorher einen exklusiven Zugang zur
Wirklichkeit gehabt haben müssen, um feststellen zu können, dass der
letzte Versuch ein 'Treffer' war. Pointiert: selbst wenn wir die
Wirklichkeit wirklich sähen, wir würden es nicht 'erkennen' können. <zurück>
9) Es ist sicherlich ein
grober Kategorienfehler, die Darstellung einer Praxis mit deren Vollzug zu
verwechseln. Deshalb sagen die ex-post-Beschreibungen der Forschungspraxis
noch recht wenig. Wenn in einem Bericht zu lesen ist, man habe sich bei
der Datenauswertung der Sequenzanalyse bedient, dann sagt dies noch gar
nichts darüber aus, wie lange man auf welche Weise mit welchen
Interpreten welche Daten ausgedeutet hat. Hier täte eine empirische
Untersuchung der qualitativen Forschungsarbeit not. Doch bislang gibt es
noch nicht einmal erste Ansätze für eine solche Aufklärung der eigenen
Forschungspraxis. <zurück>
10) Deutlich der Tradition der ADORNOschen Kritik an der Kulturindustrie verpflichtet, begründet OEVERMANN seinen prinzipiellen Vorbehalt gegen die Fernsehpräsenz von Wissenschaftlern nicht nur mit der Bildgeneigtheit dieses Mediums, sondern
vor allem mit dessen Hang zur Selbstinszenierung einer Inszenierung,
die nicht subversiv unterlaufen und für andere Zwecke instrumentalisiert
werden kann: "Man kann nicht die Selbst-Inszenierungs-Logik [des
Fernsehens J.R.] überlisten. Sobald man im Fernsehen auftritt, ist
man Teil von ihr geworden" (OEVERMANN 1995, S.35). <zurück>
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Prof. Dr. Johannes REICHERTZ
Universität Essen
FB 3 Kommunikationswissenschaft
D 45117 Essen
Tel.: +49 / 0201 / 183 2810 oder 2808
Fax: +49 / 0201 / 183 2808
E-Mail: Jo.Reichertz@uni-essen.de
URL: http://www.uni-essen.de/kowi/
Zur Person: Jahrgang 1949, Studium
der Germanistik, Mathematik, Soziologie und Kommunikationswissenschaft.
Promotion zur Entwicklung der 'Objektiven Hermeneutik'. Habilitation mit
einer soziologischen Feldstudie zur Arbeit der Kriminalpolizei. Seit 1993
Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Essen
zuständig für die Bereiche 'Strategische Kommunikation', 'Qualitative
Methoden', 'Kommunikation in Institutionen', und 'Neue Medien'.
Arbeitsschwerpunkte: qualitative
Sozialforschung, wissenssoziologische Text- und Bildhermeneutik,
Kultursoziologie, Religionssoziologie, Medienanalyse, Mediennutzung,
empirische Polizeiforschung, Werbe- und Unternehmenskommunikation.
Wichtige Publikationen:
Jo Reichertz (Hrsg.) (1984).
Sozialwissenschaftliche Analysen jugendgerichtlicher Interaktion. Tübingen:
Gunter Narr Verlag.
Jo Reichertz (1986). Probleme qualitativer
Sozialforschung. New York: Campus.
Jo Reichertz (1991). Aufklärungsarbeit.
Kriminalpolizisten und Feldforscher bei der Arbeit. Stuttgart: Enke.
Jo Reichertz & Norbert Schröer (Hrsg.)
(1992). Polizei vor Ort. Studien zur empirischen Polizeiforschung.
Stuttgart: Enke.
Jo Reichertz & Norbert Schröer (Hrsg.)
(1996). Qualitäten polizeilichen Handelns. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Jo Reichertz & Thomas Unterberg (Hrsg.)
(1998). Tele-Kulturen. Fernsehen und Gesellschaft. Berlin: Triad.
Jo Reichertz (Hrsg.) (1998). Die
Wirklichkeit des Rechts. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Ronald Hitzler, Jo Reichertz & Norbert
Schröer (Hrsg.) (1999). Hermeneutische Wissenssoziologie. Standpunkte
einer Verstehenden Soziologie. Konstanz: Universitäts Verlag Konstanz.
Anne Honer, Ronald Kurt & Jo Reichertz
(Hrsg.) (1999). Diesseits-Religion. Konstanz: Universitäts Verlag
Konstanz.
Jo Reichertz (2000, i.Dr.). "Alles
wird gut!" Die Frohe Botschaft des Fernsehens. Konstanz: Universitäts
Verlag Konstanz.
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche Absatznummern, wenn notwendig):
Reichertz, Jo (2000, Juni). Zur Gültigkeit von Qualitativer Sozialforschung [76 Absätze]. Forum
Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line
Journal], 1(2).
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00reichertz-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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Letzte Änderung: 13.06.2003
Volume 1, No. 2 Inhaltsverzeichnis
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(ISSN 1438-5627)
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