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Volume 3, No. 2 Mai 2002Rezension zu:Stefan Beck (Hrsg.) (2000). Technogene Nähe. Ethnographische Studien zur Mediennutzung im AlltagMünster: Lit Verlag. 179 Seiten
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Diskussion zu diesem Artikel: |
1. |
Die Produktion von zwischenmenschlicher Nähe |
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Wenn heute fast überall und jederzeit fast alle mit allen telekommunizieren können reduziert das unsere Vereinzelung und Einsamkeit durch einen Zugewinn an zwischenmenschlicher Nähe oder bleibt der mediatisierte Kontakt defizitär und distanziert? Der Buchtitel "Technogene Nähe" nimmt ein positives Fazit vorweg: Das Technische wird nicht als Gegenspieler des Menschlichen konstruiert. Schließlich ist zwischenmenschliche Nähe stets das Produkt spezifischer Kommunikations-, Beziehungs- oder Liebes-Techniken und nicht einfach naturhaft gegeben. Aus dieser Perspektive erscheint dann mediatisierte Kommunikation nicht länger als vermeintlicher Fremdkörper, sondern ordnet sich in das Spektrum menschlicher Annäherungs- und Verständigungsweisen ein. [1] Dass sich die "kalte Technik" als Mythos erweist, gerade wenn man die privaten Kontakt- und Beziehungserfahrungen der Mediennutzer/innen rekonstruiert, zeigen qualitative und quantitative Internet-Studien schon seit längerem (siehe zur Gemeinschaftsbildung im Netz z.B. UTZ 1999, GÖTZENBRUCKER 2001; zusammenfassend dazu DÖRING 2001). Doch selten wurde die Nutzung neuer Medien in unterschiedlichen Alltagsvollzügen so dicht beschrieben, wie es im hier vorgestellten Sammelband dank ethnographischer Methodik gelingt.
Dieses in der Einleitung des Buches explizierte Erkenntnisinteresse verfolgte Stefan BECK, wissenschaftlicher Assistent am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt Universität zu Berlin mitsamt einer 13-köpfigen Studierendengruppe im Rahmen eines 15-monatigen Studienprojekts. Zehn ethnographische Studien sind mittels Selbstbeobachtungen, Feldbeobachtungen und offenen Interviews dabei entstanden, teilweise wird auch mit Mental Maps und dokumentarischen Fotografien gearbeitet (detaillierte Informationen zum Projektablauf, den daran Beteiligten etc. finden sich auf einer zum Buch gehörigen Homepage). [3] |
2. |
Orte und Räume der Telekommunikation |
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Wenn man der Frage nachgehen will, wie mit Hilfe von Telekommunikationsmedien zwischenmenschliche "Nähe" hergestellt werden kann, liegt es aufgrund der Lokalitäts-Metapher nahe, die Orte und Räume mediatisierter Kommunikation in den Blick zu nehmen. Dabei sind drei Betrachtungsebenen zu unterscheiden: (1) die tatsächlichen Aufenthaltsorte und -räume der Kommunizierenden, (2) die Thematisierung von Orts- und Raumbezügen in der Kommunikation sowie (3) die im Zuge des Kommunikationsprozesses imaginierten Orte und Räume. [4] Die erste Ebene der tatsächlichen Aufenthaltsorte bei der Telekommunikation wird in mehreren Studien des Buches behandelt. So arbeitet Martin SCHWESER mittels Selbstbeobachtung und Interviews heraus, dass beim Telefonieren Nähe zum Gesprächspartner hergestellt werden kann, indem man das Gegenüber dadurch in den eigenen Alltagsvollzug hineinholt, dass während des Telefonats Alltagsverrichtungen erfolgen (z.B. Nähen, Betten-Machen, Abwaschen). Andererseits entsteht Nähe zum Gesprächspartner aber auch, wenn man für das Telefonat aus dem eigenen Alltagsvollzug heraustritt, etwa indem man sich über längere Zeit abgeschottet in einer Telefonzelle aufhält. Ausgesprochen romantisch erinnert etwa der Informant "Hans" die nächtlichen Telefonate, die er in den 1960er Jahren aus einer Telefonzelle heraus mit seiner Freundin führte:
Ähnlich wie der 60jährige Lehrer "Hans", der offensichtlich gerade die Unbequemlichkeit seiner nächtlichen Telefonzellenaufenthalte romantisiert, kultiviert auch der 25jährige Student "Emerson", den Martina ENDRES interviewte, mangelnden Komfort bei der medialen Kommunikation: Obwohl er nächtelang am Computer sitzt, benutzt er dabei nur einen billigen Plastikklappstuhl, der nach seinen eigenen Angaben "wirklich sau unbequem ist" (S.170). Auch (oder gerade) spartanische Bedingungen am Telekommunikationsort erlauben das Eintauchen in die Telekontakte wie in neue Kommunikationsräume. Diese werden zu großen, offenen "Hör- und Sprechräumen" (John FLÖTH), wenn Telefonate live via Massenmedien übertragen werden, wie das bei Call-In-Sendungen im Radio der Fall ist. [6] Die Selbstvergessenheit in Bezug auf den realen Kommunikationsort, den Beobachtungsraum, spiegelt sich z.B. darin wieder, dass die von Dirk HERZER befragten Nutzerinnen einer telefonischen Dating-Line kaum darauf achteten, wo und wie sie sich bei den Telefongesprächen in ihrer Wohnung positionierten (S.113). Dabei sorgen wie Mark BUTLERs Beobachtungen und Interviews zeigen Besucher eines Berliner Call-Shops selbst dafür, dass sie in ihren 1,2m x 1,2 m kleinen Telefonkabinen zumindest eine gewisse Gemütlichkeit herstellen, während sie kostengünstige internationale Ferngespräche führen (S.152): In der Semi-Privatheit der Telefonkabine suchen sie eine entspannte Sitzposition, ziehen sich die Schuhe aus, bohren in der Nase, gestikulieren, schlagen lachend gegen die Scheibe, nicht selten wird auch geweint. Der reale Aufenthaltsort des Call-Shops tritt mit dem Eintauchen in das Telefonat zunehmend in den Hintergrund und wird erst im Falle von technischen Störungen wieder präsent. Dann ist der Bediener/Operator gefragt, die Telefonverbindung schnellstmöglich wieder herzustellen. Gelingt dies technisch nicht, so greifen Operator und Kunden nicht selten auf Mythen über die Funktionsweisen der Telefonnetze zurück, um trotz mangelnder Fehlerdiagnose und Fehlerbeseitigung handlungsfähig zu bleiben. [7] Vier Fernbeziehungs-Paare interviewte Jennifer HIRTE und stellte fest, dass in der synchronen Telekommunikation die aktuellen Aufenthaltsorte der Beteiligten oft thematisiert werden ("Wo bist du gerade?"), um wechselseitig am Alltag teilzunehmen (S.126). Darüber hinaus spielten aber Raum-Imaginationen eine große Rolle, bei denen auf direkten Realitätsbezug explizit keinen Wert gelegt wurde. Sich das Gegenüber während der Telekommunikation in einem konkreten räumlichen Kontext vorzustellen (beispielsweise am Ort des letzten realen Zusammentreffens), steigert die Wahrnehmung von Nähe. Aber auch abstrakte Raum-Anmutungen, die durch gleichzeitige Telepräsenz in einem schriftlichen Medium (z.B. Chat, SMS) oder durch gemeinsames Schweigen am Telefon entstehen, erzeugen Gefühle von Nähe, wie die 23jährige Informantin "Rachel" aus Birmingham beschreibt:
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3. |
Identitäten und Images bei der Telekommunikation |
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Neben raumbezogenen Fragen des Zusammen- oder Getrenntseins ist für das Erleben zwischenmenschlicher Nähe die wechselseitige Selbstdarstellung und Personenwahrnehmung zentral. Hierbei sind zwei Aspekte analytisch zu unterscheiden, die in der Kommunikationspraxis verknüpft sind: (1) die Wahrnehmung der eigenen Person und (2) die Wahrnehmung des Gegenübers. [9] Für die von Ann-Katrin ZÖCKLER befragten arbeitssuchenden Migrantinnen, die an einer Computerweiterbildung teilnahmen, war es für ihr Selbstverständnis sehr wichtig, kompetent und professionell mit Medien umzugehen (z.B. bei der Programmierung oder bei Online-Recherchen). Bei der interpersonalen Kommunikation erlebten sie jedoch eklatante Nachteile der Mediatisierung: Per E-Mail oder Telefon Medien, die sprachliche Handicaps verstärken fühlten sie sich unsicherer und wurden häufiger abgewimmelt, als wenn sie ihren Anliegen Face-to-Face Ausdruck verliehen. Cordula MOCK arbeitete anhand von Beobachtungen und Interviews auf einer Großbaustelle heraus, dass Handy-Nutzung bei Arbeitern unterschiedliche identitätsbezogene Konnotationen hat: So haben auf der Baustelle normalerweise nur diejenigen ein Handy, die "was zu sagen haben": Bauleiter, Poliere und Meister, nicht jedoch die Arbeiter (S.68). In der Mediennutzung werden also machtbezogene Rollenverteilungen verstärkt. Während einige der befragten Arbeiter gern auch Handys nutzen würden, etwa um im Notfall für Verwandte erreichbar zu sein, betonen andere, dass Handyfreiheit einen Autonomiegewinn darstellt. So begründet ein Rohrverleger, warum er sein Handy bei der Arbeit mittlerweile nicht mehr nutzt:
Das telepräsente Gegenüber erscheint im hier geschilderten Kontext also als Kontroll- und Anforderungsinstanz und nicht als Ressource zwischenmenschlicher Nähe. Bei den von Gabriele BOCK in einem kleinen Industrieunternehmen der High-Tech-Branche teilnehmend beobachteten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern manifestierten sich Machtverhältnisse ebenfalls im Mediengebrauch: Wer in der Hierarchie höher stand, konnte die Medienwahl bestimmen und wurde etwa nach dem jeweils bevorzugten Kommunikationskanal gefragt, während eine untere Stellung in der Hierarchie sich darin zeigte, dass man sich der Kommunikation kaum entziehen durfte (S.80): Für andere Menschen relativ ungefiltert medial erreichbar sein zu müssen, kann also ein Indikator einer machtlosen Rolle sein. [11] Dass dieselbe Person ganz unterschiedliche Images vermittelt, je nach dem, welches Telekommunikationsmedium zum Einsatz kommt, ist den Mediennutzerinnen und Mediennutzern bewusst. Teilweise spielen sie mit solchen Effekten, etwa wenn eng befreundete Bürokolleginnen sich per E-Mail in Sie-Form zum Mittagessen einladen (S.81). Teilweise nutzen sie solche Effekte strategisch aus, etwa wenn sie durch bewusst professionelles Formulieren am Telefon eine älter und seriöser wirkende "Telefonpersönlichkeit" etablieren, wie der Beitrag von SCHWESER zeigte (S.31). Die Briefkommunikation wird in intimen Beziehungen nach wie vor sehr geschätzt, weil sie Emotionsausdruck und Beziehungsreflexion unterstützt, interessanterweise ist gerade beim Briefeschreiben (im Unterschied zum Briefelesen) das Gegenüber gefühlsmäßig besonders präsent (HIRTE, S.123). Die Erinnerung an das körperliche Erscheinungsbild verblasst dagegen sehr schnell, wenn längere Zeit kein Face-to-Face-Kontakt stattfindet. Dafür wird die Beziehung als solche im Zuge der Produktion medialer Repräsentationen sichtbarer, wie der von Hanna KNORR interviewte kosmopolitisch orientierte Migrant "Eric" ausführt:
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4. |
Fazit |
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In der aktuellen Mediatisierung- und Virtualisierungs-Diskussion, in der immer wieder technikdeterministisches Denken durchschlägt sei es in Form von Glorifizierung oder Katastrophierung kommt einer detaillierten Betrachtung der individuellen Interpretationsmuster und Nutzungsweisen neuer Telekommunikationsmedien besondere Bedeutung zu. Die These, dass etwa Orts- und Zeitbezüge durch moderne Telekommunikation unwichtig werden oder gar "verschwinden", lässt sich nicht bestätigen, wenn man die differenzierten Umgangsweisen mit Orten und Räumen im Kontext der Telekommunikation genauer betrachtet. Auch die Kontrastierung von "realen" und "fiktiven" Identitäten letztere werden angeblich vor allem bei der anonymen Online-Kommunikation zwischen Unbekannten aufgebaut greift zu kurz, wenn man betrachtet, dass selbst Menschen, die einander persönlich kennen, in Abhängigkeit vom genutzten Medium Veränderungen in Selbstdarstellung und Personenwahrnehmung feststellen bzw. bewusst erzeugen. [13] Das Buch dokumentiert die methodischen Reflexionen der Forschenden im Zusammenhang mit der Datenerhebung erfreulich ausführlich (z.B. Überlegungen zum Machtgefälle zwischen Studentin und Arbeitern bei der Feldforschung auf einer Großbaustelle). Fragen der Datenauswertung wird dagegen weniger Beachtung geschenkt und die Darstellungen beschränken sich auf durchaus plausible Interpretationen einzelner Zitate und Beobachtungen, deren Stellenwert im Gesamtkorpus der jeweils erhobenen Daten aber nicht behandelt wird. Das theoretische Rüstzeug für ihre Arbeiten (z.B. sozialer Interaktionismus; Modelle der Telepräsenz) eigneten sich die Studierenden am Beginn der Projektphase gemeinsam an (über das Seminarprogramm und die zugrunde gelegten Basistexte informiert die Buch-Homepage), was in den einzelnen Buchkapiteln zu gewissen Wiederholungen führt. Insgesamt ist der Sammelband als anregende Lektüre jedoch sehr zu empfehlen. Er zeigt, dass und wie projektorientiertes Lernen an der Hochschule neben seinem didaktischen Nutzen auch zu beachtenswertem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn führen kann. [14] LiteraturDöring, Nicola (2001, Juli). Rezension zu: Sonja Utz (1999). Soziale Identifikation mit virtuellen Gemeinschaften Bedingungen und Konsequenzen / Gerit Götzenbrucker (2001). Soziale Netzwerke und Internet-Spielewelten. Eine empirische Analyse der Transformation virtueller in realweltliche Gemeinschaften am Beispiel von MUDs (Multi User Dimensions) [15 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 2(3). Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-01/3-01review-doering-d.htm. Götzenbrucker, Gerit (2001). Soziale Netzwerke und Internet-Spielewelten. Eine empirische Analyse der Transformation virtueller in realweltliche Gemeinschaften am Beispiel von MUDs (Multi User Dimensions). Opladen: Westdeutscher Verlag. Utz, Sonja (1999). Soziale Identifikation mit virtuellen Gemeinschaften Bedingungen und Konsequenzen. Lengerich: Pabst. Zur Autorin der RezensionNicola DÖRING, Dr. phil., Dipl.-Psych., arbeitet als wissenschaftliche Assistentin am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft (IfMK) der TU Ilmenau. Ihr Forschungsschwerpunkt sind soziale Aspekte der mediatisierten Kommunikation, insbesondere der Online- und Mobil-Kommunikation. Nicola DÖRING hat in FQS bereits in einer Sammelrezension "Soziale Netzwerke und Internet-Spielewelten" und "Soziale Identifikation mit virtuellen Gemeinschaften" besprochen, sowie Geschlechterforschung und qualitative Methoden. Kontakt: Dr. Nicola Döring TU Ilmenau, Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft
E-Mail: nicola.doering@tu-ilmenau.de
ZitationBitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und Absatznummern, wenn notwendig): Döring, Nicola (2002, März). Rezension zu: Stefan Beck (Hrsg.) (2000). Technogene Nähe. Ethnographische Studien zur Mediennutzung im Alltag [14 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 3(2). Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-02/2-02review-doering-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr]. |
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(ISSN 1438-5627)
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