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Volume 4, No. 2 – Mai 2003

Thematisierungstabus und Einlasskontrolle im sozialwissenschaftlichen Milieu. Eine Moderation

Franz Breuer, Jo Reichertz & Wolff-Michael Roth

Zusammenfassung: Wir bringen zwei neue Beiträge in die FQS-Debatte zu "Erfolgreich Sozialwissenschaft betreiben ...": (1.) Einen theoretischen Text, der ein Schweige-Gebot für die sozialen Hintergründe und Interna in der sozialwissenschaftlichen Subkultur aufstellt, (2.) eine (literarische) Einzelfall-Geschichte einer Promotion im universitären Dickicht. Die beiden Beiträge sind Ausdruck sehr unterschiedlicher Blickweisen auf das sozialwissenschaftliche Milieu. Sie sind Exempel unserer Intention als Debatten-Moderatoren, diese (kleine) soziale Welt von verschiedenen Beteiligten-Standpunkten aus zu beleuchten und daraus Gewinn zu ziehen für eine systematischere und tiefergehende Aufklärung der sozialen Bedingtheiten sozialwissenschaftlicher Produktion

Keywords: sozialwissenschaftliches Milieu, Perspektiven, soziale Bedingungen wissenschaftlicher Produktion

Literatur

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In der frisch angelaufenen FQS-Debatte zum Thema "Erfolgreich Sozialwissenschaft betreiben – Ethnographie der Karrierepolitiken einer Berufsgruppe" sind bisher unterschiedliche Sozial-/Wissenschaft betreibende Akteure zur Sprache gekommen bzw. unterschiedliche Akteursrollen dieses Spiels hervorgetreten. Die Rollen sind jeweils mit bestimmten Sichtweisen, Perspektiven, Welt-Fokussierungen verbunden: der Antragsteller von Drittmitteln in seiner Kommunikation mit der Kommission, die über die Mittelvergabe entscheidet; das Mitglied der Kommission, die über die Mittelvergabe an Antragsteller entscheidet; der Produzent eines wissenschaftlichen Aufsatzes, der in seiner Textproduktion strategische Anschlüsse an den Stand der Literatur zu seinem Thema hergestellt; etc. [1]

In unserer Eröffnungs-Moderation hatten wir den Aspekt bereits angesprochen: Beteiligte und deren Sichtweisen in diesem Handlungsfeld – hier scheint uns eine interessante und aufschlussreiche Quelle der Anreicherung unseres Wissens über das soziale Milieu "Sozialwissenschaft" zu bestehen. Die öffentlich hörbaren Stimmen im meta-(sozial-)wissenschaftlichen Diskurs stammen vorwiegend aus politisch-administrativen, massenmedialen oder professoralen Quellen. Das akademische Milieu privilegiert bestimmte (Selbst-) Darstellungs-Versionen, andere werden tabuisiert oder marginalisiert. – Uns geht es u.a. darum, einer größeren Zahl und einem breiteren und differenzierteren Spektrum von Stimmen Gehör zu verschaffen und über die Kontrastierung dieser Sichtweisen größere Tiefenschärfe in der Ausleuchtung des Feldes zu ermöglichen. [2]

Die professorale Perspektive neigt zu Betrachtungsweisen, Einschätzungen und Maßnahmen, die dazu dienen, den Betrieb der "Normalwissenschaft" nicht irritieren zu lassen, ihn gegen Störungen abzuschotten, Störer außen vor zu halten oder an den Rand zu drängen. Dazu werden – wie das in anderen sozialen Subkulturen auch gemacht wird – von den Insider-Mitgliedern eine Vielzahl sozialer Mechanismen (formelle und informelle Regeln, Zulassungs- und Ausgrenzungs-Verfahren, Tabuisierungen, Sanktionierungen etc.) eingesetzt. Die Fokussierung des sozialwissenschaftlichen Milieus als ein Milieu unter anderen, denen Sozialwissenschaftler/innen (legitimerweise) ihre Aufmerksamkeit zuwenden (etwa in Form empirischer Untersuchungen kleiner sozialer Welten, ihrer Vorder- und Hinterbühnen), gilt unter den (etablierten) Mitgliedern der sozialwissenschaftlichen Subkultur weithin als anstößig, als Tabubruch. (Qualitative) Sozialwissenschaftler/innen liefern subtile Milieustudien aus den unterschiedlichsten sozialen Gemeinschaften und Subkulturen (Obdachlose, Familien, Kranke, Homosexuelle, Polizei etc. – sogar naturwissenschaftliche Kontexte); ihre Protagonisten schrecken dabei vor einer Verletzung der dortigen subkulturell geltenden Zutritts- und Thematisierungstabus häufig nicht zurück – ohne dass dies ihre wissenschaftliche Reputation zerstören würde. Das eigene Milieu gilt den Sozialwissenschaftlern demgegenüber als ein Ausnahme-Territorium: was für andere soziale Felder gilt und Sozialwissenschaftlern dort erlaubt ist (wissenschaftliche Neugier, Aufdeckung, Darstellung, Dokumentation etc.), gilt hier nicht und ist hier nicht erlaubt. [3]

Warum das so ist und warum das auch "gut so" ist, zeigt uns Günter BURKART in seinem Text in dieser FQS-Ausgabe: "Über den Sinn von Thematisierungstabus und die Unmöglichkeit einer soziologischen Analyse der Soziologie". Er argumentiert aus der Binnenperspektive des Vollmitglieds einer soziologischen Subkultur, die soziologische Reflexion der wissenschaftlichen Soziologie ("Radikalsoziologie") wegen der damit verbundenen Folgen – der Störung des Wissenschaftsbetriebs in ihren Grundlagen – ablehnt. Eine "Debatte" wie die unsere ist von diesem Standpunkt aus für Sozialwissenschaften (zumindest für die Soziologie) sowohl unmöglich wie unnötig. [4]

Von einer konträren Position, mit einer anderen Perspektive und mit einer anderen Grundhaltung führt uns Angelika BIRCK den sozialwissenschaftlichen Betrieb (hier hauptsächlich den der universitären Psychologie) vor: "Laura promoviert". Wir haben es – bei BURKART und BIRCK – mit zwei Positionen und Perspektiven zu tun, wie sie gegensätzlicher kaum sein können. [5]

BIRCK schildert – in einer spezifischen literarischen Weise ("Eine Satire in sieben Aufzügen") – unser fokussiertes Milieu aus der Perspektive einer Kandidatin, die Mitgliedschaft in der akademischen Subkultur einer Sozialwissenschaft anstrebt, indem sie die übliche Einlasspforte zu durchschreiten versucht – die Anfertigung einer Dissertation. Das Schicksal der Protagonistin, das sie in ihrem Text schildert, ist einerseits davon bestimmt, dass diese die Instruktionen der Türhüter des akademischen Milieus, mit denen sie zu tun hat, genau und gewissenhaft zu befolgen versucht. Andererseits hat sie jedoch das Pech, dass sie sowohl von ihrem gewählten Problemthema wie von der von ihr favorisierten Methodik her eine Idee, ein Anliegen zu realisieren versucht, die/das in den Augen und Konzepten ihrer relevanten akademischen Co-Akteure (auf unterschiedliche Weise) keine Anerkennung, keinen Respekt findet. Darüber hinaus verstrickt sie sich auf den Ebenen des Internationalismus (oder auch: des Provinzialismus) der universitären Institutionen und ihrer attachierten Bürokratien sowie der persönlichen Karriere-Ambitionen und Eitelkeiten der Türhüter. [6]

Die bei BIRCK beschriebene Protagonistin verhält sich nach den Reglementen des Milieus zwar einerseits gelehrig, lernwillig und anstellig, operiert jedoch andererseits in den Augen der relevanten Subkultur-Repräsentanten nonkonform und (nach den vorherrschenden Maßstäben) nicht kunstgerecht. Das führt zu Behandlungsweisen, bei denen ihr Aufträge erteilt werden, die sie entweder zum Einlenken hinsichtlich ihrer inhaltlichen Positionen, zum Aufgeben ihrer Eigensinnigkeiten bewegen – oder sie gewissermaßen an den Außengrenzen des Milieus durch Dauerfrustration "abtropfen" lassen sollen. Sie schildert einen Fall, in dem eine Doktorandin in eine soziale und institutionelle Struktur mit bürokratischer Überlagerung und Durchdringung gerät, die kafkaeske Züge besitzt. [7]

Günter BURKART liefert uns Gründe, warum Texte wie der von Angelika BIRCK als dokumentarische Darstellungen nicht möglich sind. Sie hat daher (?) einen fiktionalen Text geschrieben, um ein Problem und eine bestimmte Perspektive zur Sprache zu bringen: die "Ochsentour" eines steinigen, hindernisreichen, mitunter grotesken Promotions-Weges aus dem Blickwinkel einer Doktorandin. Wir als Moderatoren möchten auch Textsorten und Darstellungsversionen in unserer FQS-"Debatte" einen Platz geben, die üblicherweise nicht in einem wissenschaftlichen Journal zu finden sind. Es gibt in unseren Augen eine Reihe von Gründen, Darstellungsformen und Genres im Rahmen wissenschaftlicher Publikationen zu erweitern und zu modifizieren – u.a. legt die heikle Charakteristik unseres Themen-Terrains ein Experimentieren nahe. (Wir sind nicht die Ersten, die auf diese Idee gekommen sind: Wissenschafts-Fake und Campus-Romane sind Beispiele für andere Spielarten). [8]

Es handelt sich bei dem BIRCK-Text in einem gewissen Sinn um "Science-Fiction": bestimmte Charakteristika des Milieus und Handlungsweisen seiner Akteure werden in ihrer Darstellung in der Textsorte "Drama" aufbereitet. Da sie selber eine abwechslungsreiche Promotions-Geschichte (schlussendlich mit Erfolg) hinter sich gebracht hat, lässt sich vermuten: Wir haben es mit einer erfahrungsmotivierten und erfahrungsgesättigten Fiktion zu tun. [9]

Es handelt sich hier um die Darstellung einer Einzelfallgeschichte, die uns allerdings – so meinen wir – über die singuläre Charakteristik hinaus zu denken gibt oder geben sollte. Sollten sich Akteure des sozial-/wissenschaftlichen Milieus als Typus wiedererkennen, so ist das unserer Autorin sicherlich nicht unwillkommen. Sie berichtet davon, dass sie einige Doktoranden und Doktorandinnen gefunden hat, die ihren Text gelesen haben und die sich in einigen ihrer Erfahrungen durchaus wiederfinden konnten. In einem Buch einer Sozialwissenschaftlerin, die unter dem Pseudonym "Sylvia Curruca" schrieb, wird eine analoge Promotionsgeschichte aus Doktorandinnen-Sicht präsentiert – dort in der Textgattung "ein Melodram in fünf Akten und drei Nachspielen" (CURRUCA 1993, S.21). [10]

Die Frage, ob bzw. inwieweit die hier dargestellten Geschehnisse repräsentativ bzw. typisch für ein sozialwissenschaftlich-universitäres Milieu sind, wäre für einen qualitativen Sozialwissenschaftler und eine qualitative Sozialwissenschaftlerin, von denen wir ja wissen, dass sie den Einzelfall besonders schätzen, würdigen und ernst nehmen, nicht unoriginell – und man muss ihr nachgehen. In Beteiligtenaktionen und Geschehensverläufen wie denen von BIRCK dargestellten könnten charakteristische, wesentliche Muster und Strukturen des (Sozial-) Wissenschaftsbetriebs und seiner Subkultur zum Ausdruck kommen. [11]

Neben den (abwehrenden) Fragen: Kann das überhaupt sein und vorkommen? Und wenn es vorkommt, was können wir daraus lernen? kann mit Fug und Recht gefragt werden: Für welche institutionellen Strukturen, Subkulturen und Akteure sind solche Phänomene charakteristisch? Wo kommen sie vor und wo nicht? Sind sie denkbar in den traditionalistischen Universitätsstrukturen des "Alten Europa", nicht dagegen an den Hochschulen Nordamerikas? Hat das etwas mit der Staatscharakteristik von Universitäten und der Bürokratie- und Beamten-Mentalität der Akteure zu tun – und verhält sich das an Privatuniversitäten mit ihrer stärkeren Kundenorientierung anders? Haben wir es hier mit "männlichen" Handlungsmustern zu tun, im professionalen Kontakt mit Frauen – und agieren Frauen als Türhüterinnen des sozial-/wissenschaftlichen Milieus eventuell anders? – Das sind Fragen, denen in unserer Debatte in der Form von Kontrastierungen weiter nachgegangen werden könnte. [12]

Bei dem hier dargestellten Problem könnten sich auch gewisse Parallelen zu dem Thema Betrug und Fälschung in der Wissenschaft herausstellen: Diesbezüglich nahmen die Mitglieder disziplinärer wissenschaftlicher Sub-/Kulturen lange Zeit den Standpunkt ein, "so etwas" sei der wissenschaftlichen Erkenntnisproduktion gänzlich fremd – undenkbar, unmöglich. Es kann nicht sein was nicht sein darf! Eine solche Haltung war und ist aus dem idealisierenden Selbstbild der Wissenschaftler/innen hinsichtlich ihrer identitätsstiftenden Verpflichtung auf die Wahrheitsmaxime abgeleitet. Die faktische Unabweisbarkeit des unappetitlichen Phänomens aufgrund aufgedeckter und nachgewiesener Fälle veranlasste eine m.o.w. "gequälte" Auseinandersetzung der Wissenschaftlergemeinschaft/en mit dem Thema. Aufgeklärte Wissenschaftsforschung thematisiert das Problem nicht (nur) im Sinne eines Skandalons; sie untersucht vielmehr die strukturellen Grundlagen, die "Systembedingungen" solcher Erscheinungen, die beispielsweise in bestimmten Entwicklungs-/Formen des wissenschaftlichen Produktionsprozesses (Intransparenz, Technologisierung, Gruppenarbeit, Konkurrenz etc.), des Verhältnisses von Wissenschaft und Ökonomie (Finanzierung der Wissenschaft, ökonomische Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse etc.) angelegt sind. [13]

Auch unser "Debatten"-Interesse ist nicht auf Investigation und Skandalisierung gerichtet. Die Vermutung, Fälle und Phänomene wie die von BIRCK geschilderten besäßen eine strukturelle und systematische Basis in bestimmten Formen des Sozial-/Wissenschaftsbetriebs, wissenschaftlicher Subkulturen, sozialer Aushandlungsmuster im sozial-/wissenschaftlichen Milieu etc. scheint uns inspektionsbedürftig. Von daher plädieren wir dafür, die diesbezügliche Diskussion nicht abzublasen, sondern sie couragiert voranzubringen. [14]

Literatur

Curruca, Sylvia (1993). Als Frau im Bauch der Wissenschaft. Was an deutschen Universitäten gespielt wird. Freiburg: Herder.

Zu den Autoren

Franz Breuer, Jo Reichertz & Wolff-Michael Roth

Zitation

Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche Absatznummern, wenn notwendig):

Breuer, Franz, Reichertz, Jo & Roth, Wolff-Michael (2003, April). Thematisierungstabus und Einlasskontrolle im sozialwissenschaftlichen Milieu. Eine Moderation [14 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 4(2). Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-03/2-03breueretal-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].


Letzte Änderung: 30.05.2003

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(ISSN 1438-5627)

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