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Volume 1, No. 3 Dezember 2000
Online-Forschung im Zeichen des Qualitativen Paradigmas. Methodologische Reflexion und empirische Erfahrungen
Doris Früh
Zusammenfassung: Der Artikel fasst eine 1999 an der
Universität Hannover abgeschlossene Dissertation zusammen,
in der das Internet als Forschungsinstrument für qualitative
Fragestellungen der Sozialwissenschaft untersucht wird. Ausgehend
von den Paradigmen qualitativer Forschung wird das
Kommunikativitätsverständnis qualitativer
Sozialforschung reflektiert und den Entwicklungen
gegenwärtiger gesellschaftlicher und individueller
Kommunikation, insbesondere den neuen Möglichkeiten
computervermittelter Kommunikation (CMC = Computer Mediated
Communication) gegenübergestellt. Die theoretische
Auseinandersetzung mit CMC umfasst neben Erläuterungen zu
den technischen Möglichkeiten, die Spiegelung der Modelle
und Konzepte von CMC vor dem Hintergrund qualitativer Paradigmen.
Ein Überblick über die bis dato entwickelte
Online-Forschung schließt die theoretische Diskussion
ab.
Empirisch wird computervermittelte Kommunikation anhand einer
exemplarischen Fragestellung als qualitatives
Forschungsinstrument zur Datenerhebung erprobt. Die gewonnenen
Daten werden formal-strukturell deskriptiv und inhaltlich
interpretativ ausgewertet und mit Blick auf die theoretisch
aufgezeigten Spannungsfelder diskutiert. Das inhaltliche
Interesse gilt dabei einem Ausschnitt gegenwärtiger
familialer Beziehungsstrukturen, der subjektiven Erfahrungswelt
von "Zweitfrauen" Frauen, die in einer Lebensgemeinschaft
mit einem geschiedenen oder dauerhaft getrennt lebenden Mann
leben. Das subjektive Erleben dieser Rolle bewegt sich im
Kräftefeld von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und
traditionell-normativen Partnerschaftskonzepten. Mit Hilfe
der Datenerhebung in öffentlichen Kommunikationsforen und
per E-Mail konnte auf der einen Seite ein Einblick in die
Multiperspektivität und die intersubjektive Bedeutung dieses
sozialen Phänomens gewonnen werden. Auf der anderen Seite
haben die Erzählungen betroffener Frauen die individuelle
Komplexität und Interdependenz der Lebensthemen deutlich
gemacht, aus denen im Individualfall ein hohes Belastungsmoment
resultieren kann.
Keywords: Methodologie; Qualitative Forschung;
Online-Forschung; Computervermittelte Kommunikation; Frauen;
Familienforschung
1. |
Einführung |
2. |
Qualitative Sozialforschung im Spannungsfeld von reduktionistischer Paradigmen-Interpretation und immanentem Veränderungspotential |
3. |
Computervermittelte Kommunikation als Herausforderung an das Selbstverständnis qualitativer Forschung |
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3.1 |
Theoretische Modelle zur computervermittelten Kommunikation |
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3.2 |
Computervermittelte Kommunikation im Forschungsprozess Theoretische Diskussion der spezifischen Kennzeichnen |
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3.3 |
Neue Fragen der Forschungsethik |
4. |
Neue Wege computervermittelter Datenerhebung in der qualitativen Sozialforschung empirische Erfahrungen |
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4.1 |
Medienspezifische Analyse |
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4.2 |
Themenspezifische Analyse: Einblicke in die subjektiven Erfahrungen von "Zweitfrauen" |
5. |
Resümee zu den methodologischen Perspektiven von CMC als Datenerhebungsinstrument im qualitativen Forschungsprozess |
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Kaum hat qualitative Forschung einen gewissen Grad an
Selbstverständlichkeit im deutschen Wissenschaftsraum
erlangt und ist den Kinderschuhen der eigenen
Daseinsrechtfertigung als Gegenpol zur quantitativen
Sozialforschung entwachsen, sieht sie sich neuen
Herausforderungen gegenüber. Diese liegen vor allem im sich
rasch verändernden Kommunikationsverhalten begründet.
Die vielfältigen Innovationen technischer und vor allem
elektronischer Medien greifen immer mehr in die
Alltagskommunikation ein und entlasten die kommunikativen
Beziehungen von der Notwendigkeit zeitlicher und räumlicher
Präsenz. Während Marktforschung sowie experimentelle
und nomologisch ausgerichtete Forschung die neuen
Möglichkeiten computervermittelter Kommunikation schon seit
einigen Jahren entdeckt haben und forschungsstrategisch nutzen,
hat die qualitative Sozialforschung die Kommunikation im Internet
bislang kaum als Instrument der Datenerhebung in Erwägung
gezogen. Eine methodologische Reflexion zeigt dann auch recht
schnell die theoretische Problematik, mit der sich qualitative
Online-Forschung auseinandersetzen muss. Die Frage steht zur
Diskussion, ob computervermittelte Kommunikation als Instrument
der Datenerhebung in der qualitativen Forschung eher ein
faszinierender Gedanke oder eine abschreckende Perspektive ist;
ob darin eine zwangsläufige Entwicklung angesichts der
rasanten technischen und gesellschaftlichen Veränderungen im
Computerzeitalter oder ein Widerspruch in sich zu sehen ist?
[1]
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Qualitative Sozialforschung im Spannungsfeld von reduktionistischer Paradigmen-Interpretation und immanentem Veränderungspotential
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Eine methodologische Reflexion neuer Wege wissenschaftlicher
Datengewinnung muss sich zunächst mit dem eigenen
Selbstverständnis und der darin eingebundenen grundlegende
Frage nach den Möglichkeiten, die soziale Welt zu
erschließen und wissenschaftliche Erkenntnisse über
soziale Phänomene zu gewinnen, auseinandersetzen. Auf Basis
ihres philosophisch-erkenntnistheoretischen Hintergrundes geht
das qualitative Paradigma von den Prämissen aus, dass die
gesellschaftliche Wirklichkeit durch sprachlich vermittelte
Wissensbestände konstruiert ist und dass soziales Handeln
immer kommunikatives Handeln ist, bei dem über
wechselseitige Situationsdefinitionen Bedeutungen generiert und
ausgetauscht werden. Die Sichtweise einer interpretativ
basierten, kommunikativ vollzogenen Konstruktion der sozialen
Welt bedingt den Umkehrschluss, dass der Forscher auch nur
mittels kommunikativer Beziehungen die soziale Welt und die
Bedeutungen der Subjekte erschließen kann.
Kommunikativität hat sich zur zentralen Kategorie
qualitativer Forschung herausgebildet, mit der die Wissenschaft
Zugang zu den Interpretationen und Deutungen der Individuen
bekommen kann und die auch Aufschluss über die
Gültigkeit der erhaltenen Forschungsergebnisse in Form der
kommunikativen Validierung ermöglicht (vgl. FLICK 1998,
S.245f). Plakative Thesen wie "Forschung als Kommunikation"
(HOFFMANN-RIEM 1980, S.341) oder "Soziologische Methode als
Kommunikation" (SCHÜTZE 1981, S.343) pointieren den
Stellenwert des Kommunikativitätsparadigmas, beinhalten
aber auch gleichzeitig problematische, reduktionistische
Elemente, die nachfolgend skizziert werden. [2]
In den letzten 20 Jahren hat sich im Methodenrepertoire der
reaktiven qualitativen Sozialforschung ein theoretisch nicht
begründbares, eingegrenztes Verständnis von
Kommunikativität herausgebildet. Es folgt einer
interaktionistisch-präsenzorientieren Vorstellung von
Kommunikation und weist damit die direkten Face-to-Face-Kontakte
zwischen Forscher und Forschungssubjekten als primäres
Mittel der Wahl zur Erkundung sozialer Phänomene aus. Daraus
haben sich eine Reihe qualitativer Interviewtechniken entwickelt,
die alle auf einer zeit- und ortsabhängigen Anwesenheit von
Forscher und Forschungssubjekt basieren und die sich lediglich im
Freiheitsgrad der Antwortmöglichkeiten unterscheiden.
Face-to-Face-Kommunikation erscheint für reaktive
qualitative Forschungsmethoden vor allem durch den Gesichtspunkt
der Indexikalität von Bedeutung. Für ein gelungenes
Fremdverstehen gelten Kenntnis und Reflexion der
Kontextbedingungen einer Äußerung und möglichst
eine persönliche, empathische Beziehung zwischen Forscher
und Beforschtem als Grundvoraussetzung, da die Form der sozialen
Interaktion nicht nur Bühnenbild zu einer Handlung ist (vgl.
BLUMER 1981, S.87), sondern menschliches Verhalten mit formt. So
wird die Qualität sinngenerierender Forschungsprozesse oft
an die persönliche Begegnung von Forschungssubjekt und
Forscher gekoppelt, weil dieser zusätzlich auch para- und
nonverbale Äußerungen in die Interpretation
einbeziehen kann. Dies disqualifiziert in bestimmter Weise
Forschungskontakte, die nicht auf Basis persönlicher
Anwesenheit im gleichen Wahrnehmungskontext vollzogen werden. So
werden teilweise nichtverbale Kommunikationsformen als Weg
zweiter Wahl beschrieben, oder nichtvisuelle Kontakte werden als
ungeeignete Mittel qualitativer Forschung angesehen (vgl.
APPELSMEYER, KOCHINKA & STRAUB 1997, S.714):
Da aber bei qualitativen Interviews der personale Aspekt
besonders bedeutsam ist, ja gerade das persönliche
Engagement, die unmittelbare Betroffenheit des Interviewers
gefordert ist, scheiden Telefoninterviews in der Regel
aus. Sie erhalten durch das fehlende visuelle Element einen
unpersönlichen, ja anonymen Charakter und würden den
Intentionen qualitativer Forschung nicht gerecht werden
können (LAMNEK 1995, Bd. 2; S.59). [3]
Nicht in mündlicher Interaktion zwischen Forschendem und
Forschungssubjekt erhobene textliche Daten werden häufig nur
dann im Rahmen von qualitativer Forschung als originärer
Ausdruck sozialer Wirklichkeit akzeptiert, wenn sie auf
interpersonellem Wege so nicht hätten gewonnen werden
können, zum Beispiel als Fixierung der Daten einer
teilnehmenden Beobachtung, vor allem im Feld der Ethnologie, bei
der die dialogische Befragung von Individuen schon das Feld
verändern könnte. Auch eine inhaltsanalytische
Auswertung von schriftlichen Dokumenten wie Biographien,
Tagebüchern, Bildmaterialien oder Erzeugnissen der
Massenmedien wird in der heutigen methodischen Perspektive von
Kommunikativität zum Teil nur dann akzeptiert, wenn sie
nicht erst durch die Datenerhebung des Forschers erschaffen
wurden (vgl. MAYRING 1996, S.32ff) und/oder das
Forschungsinteresse auf die den Handlungen zugrunde liegenden
Strukturen zielt (vgl. REICHERTZ 1996). [4]
Mit Merten kann jedoch geschlussfolgert werden, dass ein die
zeitliche und räumliche Anwesenheit zweier
Kommunikationspartner betonendes Verständnis von
Kommunikation jedoch einen auf die soziale Dimension
verkürzten Kommunikationsbegriff darstellt, der
wesentliche Aspekte des kommunikativen Prozesses
unterschlägt (vgl. MERTEN 1977, S.163). Anwesenheit als
Bedingung für Kommunikationsgenese in der Datenerhebung zu
definieren, widerspricht auch den Entwicklungslinien qualitativen
Denkens, wie sie u.a. auch bei HABERMAS und SCHÜTZE
ausgeführt werden (HABERMAS 1985, S.550, S.556; SCHÜTZE
1981, S.439f) und wie MERTEN sie, auf den Symbolischen
Interaktionismus bezogen, erörtert:
Mead entwickelt im Konzept des 'generalized other' ja gerade
die Vorstellung, daß Erwartungen nicht nur in der direkten
Interaktion entwickelt, sondern auch schon auf den
vorgestellten Partner hin angelegt werden können. Die
Vorstellung von einem Partner erlaubt jedoch nicht nur das
Durchspielen von Handlungsentwürfen, sondern sie erlaubt es
mit bestimmten Einschränkungen (...) diese
als Referenten für den Partner zu benutzen. Damit lassen
sich im Sinne des Symbolischen Interaktionismus auch alle
Situationen, in denen der Partner fehlt, als kommunikative
Situationen deuten (MERTEN 1977, S.81). [5]
Der einseitigen, auf Formen präsenzorientierter,
direkter, dialogischer Kommunikation eingegrenzten methodischen
Praxis qualitativer Forschung fehlt nicht nur die theoretische
Legitimation, sie steht auch in besonderen Spannungsfeld zum
immanenten Veränderungspotential qualitativen Denkens. Das
als "immanentes Veränderungs- oder Wandlungspotential"
bezeichnete implizite Merkmal des qualitativen
Wissenschaftsverständnisses gründet sich einerseits auf
die Sichtweise einer situativ-historisch konstruierten Welt und
andererseits auf die Forderung nach "natürlichen", im Sinne
von alltagsnahen Forschungsmethoden
(Naturalistizitätsparadigma). Das situativ-historisch
verstandene Alltagshandeln soll das Methodenreservoir darstellen,
aus dem qualitative Forschung systematisch strukturierte
Erhebungsmethoden ableiten muss. Den konstitutiven Prinzipien
"Kommunikativität" und "Naturalistizität" in Verbindung
mit dem Prinzip der "Offenheit" ist damit die Aufforderung an
qualitative Sozialforschung implizit, besonders die
Veränderungen des Kommunikations- und Interaktionsverhaltens
der Individuen zu beobachten. Änderungen in der sozialen
Welt müssen ihre Erwiderung in Änderungen der
qualitativen Methoden finden. Durch die immer mehr die
Alltagswelt durchdringenden medialen Möglichkeiten, muss
sich die reaktive qualitative Sozialforschung mit ihrem eigenen
"reduzierten" Kommunikationsverständnis auseinandersetzen,
und so erscheint das vorherrschende Modell qualitativer
Forschungskommunikation durch die Änderung kommunikativer
Alltagstechniken revisionsbedürftig. Neue Methoden zur
Erschließung der sozialen Welt unter Berücksichtigung
veränderter, medial geprägter
Kommunikationstechniken stehen zur Diskussion und
stellen eine Herausforderung an das Selbstverständnis
qualitativer Forschungsmethodologie dar. [6]
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Computervermittelte Kommunikation als Herausforderung an das Selbstverständnis qualitativer Forschung
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Computervermittelte Kommunikation (CMC = Computer Mediated
Communication) spielt dabei eine zentrale Rolle, da sie in vielen
Bereichen heute schon Daten- und Informationsaustausch bestimmt
und allen Vorhersagen nach die menschliche Kommunikation im
nächsten Jahrtausend in hohem Maße beeinflussen wird.
Sie gilt als Prototyp für ein neues, mediales
Kommunikationszeitalter, das vom Internet als universellem
Kommunikationsraum geprägt wird. Nicht mehr das "HIER" und
"JETZT" sondern das "IMMER" und "ÜBERALL" bestimmt in
zunehmend das alltägliche Zeit- und Raumverständnis der
Individuen. Diese Veränderung des gesellschaftlichen
Präsenzbegriffs findet ihren Ausdruck in der stetig
steigenden Nutzung technischer Kommunikationsmedien, die
zeitliche und räumliche Kommunikationsbarrieren
überwinden und von physischer Präsenz unabhängiger
machen. CMC steht als pauschalierender Sammelbegriff für
jegliche Form des elektronischen, textbasierten Datenaustausches
via Computervernetzung. Die Technik, die zu Beginn der 60er Jahre
zunächst als Datenaustauschweg zwischen Computern gedacht
war, entwickelte sich in rasanter Weise zum Kommunikationsmedium
zwischen Menschen, die per E-Mail oder in öffentlichen
Foren, Newsgroups oder Mailinglisten Informationen austauschen,
berufliche und/oder private Kontakte pflegen und
Dienstleistungsangebote im World Wide Web wahrnehmen. Durch die
mittlerweile allgemein gebräuchliche, intuitiv bedienbare,
graphisch unterstützte Software ist die Nutzung von
Online-Angeboten ohne tiefgreifende Programmier- und
EDV-Kenntnisse möglich. Obwohl die gegenwärtige
Verbreitung der Internet-Zugänge noch nicht dem
"Alltäglichkeitsanspruch" qualitativer Methodologie
entspricht, lässt das exponentielle Wachstum der Datenmengen
und der Rechneranschlüsse eine fortschreitende Diffusion der
Online-Nutzung in breite Bevölkerungskreise und über
Alters-, Bildungs- und Berufsgrenzen hinaus prognostizieren. Auch
die Analyse der Einsatzbereiche verweist schon heute auf ein
stetiges Ansteigen der informellen, privaten, alltagsbezogenen
Nutzung der Internet-Dienste zur Deckung psycho-sozialer
Bedürfnisse. Bei den beruflichen und privaten
Sozialkontakten per Mail oder in öffentlichen
Gesprächsräumen handelt es sich in vielen Fällen
nicht um die Fortführung von Offline-Beziehungen durch ein
anderes Medium, sondern verstärkt um nicht
offline-gestützte Kontakte, die über den Computer erst
geknüpft werden, denn für viele Nutzer ist das Internet
"... simply another place to meet" (PARKS & FLOYED 1996). Auf
Grund der Verbreitungsgeschwindigkeit, der Nutzungsoptionen und
der breiten Kontaktbasis bietet sich dieses Medium auch für
das Knüpfen von Kontakten zwischen Forschern und
Forschungssubjekten an. [7]
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Theoretische Modelle zur computervermittelten Kommunikation
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Die theoretischen Modelle und Konzepte zur CMC, die als
Resultat der Analyse unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen
mit ganz verschiedenen Fragestellungen kontrastierend und
ergänzend nebeneinander stehen, zeichnen ein heterogenes
Bild der kommunikativen Leistung computervermittelter
Kommunikation. Einige Modelle, die sich am Face-to-Face-Modell
als kanonischen Bezugspunkt orientieren, beschreiben ein
defizitäres Bild von CMC, das durch das Fehlen aller non-
und paraverbalen Begleitinformationen geprägt ist (vgl.
DÖRING 1997a, S.276ff; WALTHER 1992, S.94ff; WALTHER,
ANDERSON & PARK 1994, S.462ff; SPEARS & LEA 1996,
S.31ff). Andere Modelle weisen kompensatorische oder extensive
Elemente in der computervermittelten Kommunikation nach und
lösen sich von der einengenden Definition der "sozialen
Ebene" der Kommunikation auf die Interaktion "in situ" (vgl.
WALTHER 1992; WALTHER 1994; WALTHER, ANDERSON & PARK 1994,
SPEARS & LEA 1996; DÖRING 1997a, S.282ff; 289f). In den
letzteren Modellen findet eine, sich an einem reformierten und
erweiterten Kommunikationsverständnis orientierende
qualitative Sozialforschung Hinweise, dass auch in der medial
vermittelten Kommunikation eine gegenseitige Ausrichtung an den
Erwartungen des Partners mit dem entsprechenden Wechsel von
Sender- und Empfängerrolle stattfindet, die dem
interaktionistischen Theorieverständnis qualitativen Denkens
entspricht. [8]
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Computervermittelte Kommunikation im Forschungsprozess Theoretische Diskussion der spezifischen Kennzeichnen
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Betrachtet man die Landschaft qualitativer Forschung bis ca.
Mitte 1999 kann man feststellen, dass sich vor allem die
methodologische Literatur im deutschsprachigen Raum den
Möglichkeiten computervermittelter Kommunikation
gegenüber eher distanziert verhält. Erste Ansätze
CMC als Austauschmedium unter Wissenschaftlern zu nutzen haben
sich mit der FQS erst Ende 1998 etabliert. Als Medium zur
Datenerhebung wurde CMC bis dahin eher zwangsläufig nur bei
ethnographischen Beobachtungen von Netzgemeinschaften als
Instrument zur Erforschung des Forschungsgegenstandes "Internet"
genutzt. International finden sich allerdings unter den
Stichworten "Cyberethnografie" und "Cyberpsychologie" bereits
seit längerem verstärkte Aktivitäten,
computervermittelt qualitativ zu forschen und auch methodologisch
zu reflektieren. Dagegen nutzt die quantitativ orientierte
Online-Forschung im deutschen Sprachraum die
Kommunikationsmöglichkeiten im Internet schon seit ca.
fünf Jahren auch zur Erhebung von Daten zu allgemeinen
wissenschaftlichen und kommerziellen Fragestellungen. Reaktive
Methoden, vornehmlich Fragebögen oder Experimente und
nichtreaktive Verfahren, z.B. Server-Log-Analysen, sind die
vorherrschenden Erhebungstechniken, die bislang erprobt wurden.
[9]
Erwartungen an CMC und erste in der Literatur dokumentierte
Erfahrungen der quantitativen Online-Forschung mit CMC als
Erhebungsinstrument beziehen sich besonders auf die Merkmale
Alokalität, Asynchronität, Anonymität und
Textualität sowie auf die sich daraus für den
Forschungsprozess ergebenden Vor- und Nachteile (vgl. BATINIC
1997). Da die jeweiligen CMC-Kennzeichen abhängig von der
Form der vernetzten Kommunikation mehr oder weniger in
Erscheinung treten, kommt ihnen auch in den verschiedenen
Datenerhebungsformen eine unterschiedliche Bedeutung zu, die
noch detailliert ermittelt werden müsste. Theoretische
Überlegungen lassen aus qualitativer Perspektive
nachstehende Vermutungen zu. [10]
3.2.1 Alokalität und Asynchronität
Mit der vernetzten Kommunikation verbindet sich die
Vorstellung einer Aufhebung räumlicher und zeitlicher
Restriktionen. Das ist bezogen auf die kommunikative
Datenerhebung aus ökonomischer Sicht möglicherweise
positiv zu bewerten, obwohl die erwartete Erhöhung der
Datenmenge für qualitative Forschung eine etwas geringere
Bedeutung. Ihr Ansatz, das Allgemeine im Besonderen zu finden, am
einzelnen Subjekt anzusetzen, koppelt die Aussagekraft von Daten
und Interpretationen nicht unmittelbar an die
Stichprobengröße. Dagegen sind die Aussichten, unter
den Netznutzern auch ganz spezifische Personengruppen ansprechen
zu können und in explorativen Phasen bei einer großen
Zahl von Teilnehmern viele unterschiedliche Perspektiven zu
gewinnen, für qualitative Fragestellungen von besonderem
Interesse. [11]
Die Tatsache, dass die Teilnehmer ohne gleichzeitige
Anwesenheit eines Wissenschaftlers Fragebögen ausfüllen
oder Experimente durchführen (Alokalität), birgt jedoch
für Teilnehmer und Forscher weitere Effekte. Daraus
resultiert ein Kontrollverlust für Forschenden im Hinblick
auf die Datenerhebungssituation und die in diesem Kontext
wirksamen Einflüsse. Einerseits kann dies, wie SELWYN und
ROBSON ausführen, zu einer Unabhängigkeit vom
Versuchsleiter und damit zu einer Reduzierung von
Interviewereffekten führen: "E-mail interviewing reduces the
problem of interviewer effect, whether resulting from visual and
non-verbal cues or status differences between interviewee and
interviewer" (SELWYN & ROBSON 1998, o.Pag.). Andererseits
fehlt aber auch die Rückkopplungsmöglichkeit zwischen
Teilnehmern und Forschern, so dass Störquellen nicht
verhindert, Verstehensfragen nicht geklärt und Abbrüche
oder Mehrfachbeteiligungen nicht ohne technische
Zusatzmaßnahmen nachverfolgt werden können. Für
quantitative Forschung sind damit Probleme einer objektiven,
neutralen und reproduzierbaren Datenerhebungssituation
berührt, die nicht gewährleistet werden kann. Für
die qualitative Sozialforschung erstreckt sich der
Kontrollverlust dagegen vor allem auf die schon im Zusammenhang
mit den Theorien der CMC erörterten, fehlenden para- und
nonverbalen Begleitinformationen, denen als zusätzliche
Informationsquellen erkenntnisleitende Funktion im direkten
Kontakt zwischen Forscher und Forschungssubjekt zugewiesen wird.
Darauf, dass kompensierende Elemente mögliche
Informationsdefizite ausgleichen können, hat u.a. der
theoretische Ansatz der Social Information Processing Perspektive
hingewiesen. REISCH betont in diesem Zusammenhang die entlastende
Funktion der Asynchronität computervernetzter Kommunikation,
denn: "beide Seiten müssen sich zwar mehr Mühe geben,
sich so auszudrücken, daß sie auch ohne die
Krücken Körper und Stimme verstanden werden, haben aber
auch mehr Zeit dafür, als sie unter normalen Bedingungen
hätten" (REISCH 1997, S.29). [12]
Die zeitlich-räumliche Entkopplung kann demnach nicht nur
unter den negativ belegten Verlustaspekten gesehen werden. Das
Faktum, dass die Forschung zum Teilnehmer kommt und nicht der
Teilnehmer aus seiner gewohnten Umgebung und seinem
Lebensrhythmus herausgerissen wird, kann ganz im Sinne des
lokalen und modalen Aspektes des
Naturalistizitätsparadigmas qualitativer Forschung
gesehen werden. Die Untersuchungsteilnehmer können
sich freier entscheiden, wann und wo sie sich den Aufgaben
stellen. SELWYN und ROBSON beschreiben dies als den Hauptvorteil
asynchron vernetzter Kommunikation:
Furthermore, the potential for asynchronous communication that e-mail offers is attractive feature when considering its use as a research tool (Thach 1995). Subjects are not constrained to synchronous communication but can respond when and how they feel comfortable. In short, e-mail's primary advantage is its 'friendliness' to the respondent (SELWYN & ROBSON 1998, o. Pag.). [13]
Dies kann den Grad der ökologischen Validität der
Daten positiv beeinflussen (vgl. REIPS 1997, S.250). [14]
3.2.2 Anonymität
Das Stichwort Anonymität steht eigentlich für die
Tatsache, dass im Rahmen computervermittelter Kommunikation
Täuschungsmöglichkeiten über die Identität
der Kommunikationspartner bestehen. Name, Geschlecht, Alter sowie
soziale Kenndaten könnten auf Grund der Abwesenheit der
Kommunizierenden und der Tatsache, dass es häufig keine
vorangehenden Sozialkontakte außerhalb der
Online-Kommunikation gab, verheimlicht oder verfälscht
werden. Anonymisierte, computervermittelte
Forschungskommunikation beinhaltet demnach die Fragestellung der
Glaubwürdigkeit und der Aussagekraft der erhobenen Daten.
Kritisch betrachtet erscheinen Zweifel legitim, ob die
Anonymität computervermittelter Kommunikation eine so
gänzlich andere Glaubwürdigkeitsproblematik in
sich trägt als zum Beispiel der brieflich
zurückgesandte Fragebogen oder das Interview mit einer noch
nie zuvor gesehenen Person. Auch muss nach den Motiven gefragt
werden, warum jemand, der sich freiwillig an einem
Forschungsprojekt beteiligt, dann bewusst Unwahrheiten aussagen
soll. In vernetzter Kommunikation stehen die generierten Texte
als primäres Prüfkriterium zur Verfügung, die in
sich und untereinander auf Unstimmigkeiten, Widersprüche und
Auslassungen geprüft werden können.
Glaubwürdigkeit der erhobenen Daten kann daher nicht auf die
Kontrolle der Erhebungssituation durch den anwesenden Forscher
reduziert werden. [15]
Das Merkmal der Anonymität beinhaltet für den
Forschungsprozess auch vorteilhaft zu wertende Aspekte. So
verbindet sich damit für den Forschenden die
Möglichkeit, seinen Forschungspartnern unvoreingenommen und
ohne Beeinflussung durch äußere Merkmale oder
Informationen zur Person gegenüberzutreten und
umgekehrt ebenso. Eine Online-Nutzerin beschreibt die positiv
empfundene Neutralität der anonymen Kommunikationssituation
im Internet mit den Worten: "... weil sie nur mitbekommen, was Du
ihnen zeigst. Sie schauen dir nicht auf den Körper und
ziehen keine Rückschlüsse. Alles, was sie sehen, sind
deine Worte" (TURKLE 1998, S.297). Dabei muss eine
"astigmatische" Beziehung zwischen den Beteiligten als Basis der
Forschungskommunikation nicht zwangsläufig einer durch
emotionale Nähe gekennzeichneten qualitativen
Erhebungssituation widersprechen. Im Gegenteil, sie
ermöglicht gleichfalls das Aufeinanderzugehen und
Aufeinandereingehen auf einer sehr intimen Ebene: "Nirgendwo
sonst hat man die Gelegenheit, einen Menschen auf so neutralem
Boden kennenzulernen. Bevor man den anderen zum ersten Mal sieht,
weiß man möglicherweise mehr von ihm, als man es nach
vielen gemeinsamen Jahren auf der Wohnzimmercouch herausfindet"
(REISCH 1997, S.30). [16]
Erklärungen für diese Phänomene bieten die
theoretischen Modelle der Filtertheorie und der Social Identity
and De-Individuation mit der These an, dass sich bei abnehmendem
Wissen über die Kommunikationspartner die Einstellungen und
Verhaltensweisen des online-kommunizierenden Individuums
verstärkt am eigenen Selbstverständnis, den
persönlichen Einstellungen und Interessen orientieren und
diese somit Hemmungen abbauen und sich in
Kommunikationssituationen auch Fremden gegenüber
öffnen. Für die Online-Datenerhebung bedeutet dies vor
allem bei öffentlichen Untersuchungen im WWW eine
Verringerung der Tendenz zu sozial erwünschten Antworten und
eine deutlich erhöhte Meinungspluralität (vgl. BATINIC,
BOSNIAK & BREITER 1997, S.198). Je nach Interessenlage ergibt
sich daraus die Konsequenz: "Für die Fragebogengestaltung im
WWW kann daraus abgeleitet werden, daß ein
Instruktionstext, der eine individualistische Orientierung der
Probanden provoziert, zu einem Antwortverhalten führt, das
ihre individuellen Bedürfnisse und Einstellungen
widerspiegelt" (SASSENBERG & KREUTZ 1997, o.Pag.). [17]
Anonymität kann also seitens der Beforschten auch als
Schutzraum betrachtet werden. Sie ermöglicht den
Kommunizierenden, offen über sich selbst und ihre ganz
persönlichen Probleme zu kommunizieren. Die Bereitschaft und
vor allem das große Bedürfnis dazu zeigen die vielen
psycho-sozialen Unterstützungsangebote, die sich im Internet
etabliert haben und die von psychologischen Therapieangeboten
über Selbsthilfegruppen bis hin zu Expertensprechstunden
reichen. Worin die Online-Nutzer den Vorteil der anonymen
Kommunikation sehen, zeigt das folgende Zitat:
Endlos habe ich mich mit den Leuten im Spiel über meine
Probleme unterhalten. (...) Mit ihnen kann ich viel besser
über solche Dinge reden, weil sie nicht da sind. Das
heißt, natürlich sind sie da. Aber du sitzt vor dem
Computer und erzählst ihnen von deinen Problemen und
brauchst keine Angst zu haben, daß du ihnen am
nächsten Tag über den Weg läufst (TURKLE 1998,
S.319). [18]
Dies Zitat verweist auch nochmals auf die eingangs
problematisierte Frage der Glaubwürdigkeit anonymisierter
Forschungskommunikation. Im Bereich persönlicher
Fragestellungen und subjektiver Einschätzung sind die
Beteiligten nicht motivlos an der Weitergabe von Informationen
dem Forschenden "zuliebe" interessiert, sondern primär an
der Darstellung und Entlastung ihrer persönlichen Situation,
für die sie Feedback und Reflexion im Netz erhoffen. Es
wäre vollkommen gegen dieses Bedürfnis, bewusst
Unwahrheiten zu kommunizieren. Für qualitative Forschung,
die am Subjekt ansetzt und die persönlichen Situationen,
Einstellungen und Erfahrungen der Menschen zu ihren
Forschungsinteressen erklärt, können so gesehen medial
vermittelte Informationen trotz möglicher Ungewissheit
über die reale Identität der Kommunikationspartner als
wissenschaftliche Datenbasis genutzt werden. Dies entspricht auch
den historischen Wurzeln qualitativer Methoden, die schon Anfang
der 20er Jahren dieses Jahrhunderts in der Entwicklungs- und
Persönlichkeitsforschung Lebenserzählungen auf Basis
religiöser Beichten analysierten. Auch hier
gewährleisteten Anonymität und symbolische Distanz im
Beichtstuhl, dass sich die gegenseitigen
Verhaltenserwartungen reduzierten und der Beichtende ohne
Furcht vor Sanktionen seine "Last" abwälzen konnte (vgl.
PAUL 1979; Bd. 2, S.107ff). [19]
3.2.3 (Selbst-) Selektivität
Ausgehend von konventioneller Forschung, in der die
Wissenschaftler in der Regel den zu untersuchenden Personenkreis
definieren und gezielt auswählen, sind diese
Möglichkeiten in der Online-Datenerhebung sehr
beschränkt. Die Problematik konzentriert sich auf zwei
Aspekte: Repräsentativität und Selbstselektivität.
[20]
Für qualitative am Einzelfall orientierte Forschung ist
statistische Repräsentativität der Ergebnisse nicht das
primäre Ziel der Untersuchung. Ihr Ziel ist das Auffinden
vom Allgemeinen im Besonderen, und zahlenmäßige
Verteilungen sind von geringerer Bedeutung. Wichtiger ist es,
wesentliche und typische Zusammenhänge aufzuzeigen, die auch
anhand weniger Fälle nachweisbar sind, zunächst
unabhängig davon, wie häufig die Merkmalskombinationen
im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung vorkommen. Dennoch
ist die Frage der Verallgemeinerung, also des Geltungsbereichs,
die dem Merkmal der Selektivität implizit ist, auch eine in
der qualitativen Methodologie diskutierte Frage (vgl. FLICK 1998,
S.254ff; HEINZE 1995, S.204ff; MAYRING 1996, 12ff). Zwar wird
davon ausgegangen, dass, bedingt durch die Situativität, die
Historizität und Subjektivität menschlichen Handels,
eine grundsätzliche Allgemeingültigkeit von
Forschungsaussagen nicht gegeben ist. Dennoch kann die jeweilige
Forschungsfrage einen bestimmten Grad der Verallgemeinerung
anstreben, der entsprechend differenziert expliziert werden muss.
So erscheint es, der Kategorisierung HEINZES folgend, durchaus
möglich, mit dem Medium der CMC sozialökologisch
repräsentative, qualitative Aussagen über eine
bestimmte Zielgruppe treffen zu können. Einer
Verallgemeinerung der Untersuchungssituation stehen zur Zeit
allerdings noch die geringen Nutzungszahlen entgegen (vgl. HEINZE
1995, S.205ff). [21]
Hinsichtlich der Selbst-Selektivität ist der damit
verbundene Freiheitsgrad der Individuen aus Sicht qualitativen
Denkens positiv zu bewerten. Die Teilnehmer, die sich aus eigener
Motivation heraus an einer computervernetzten Datenerhebung
beteiligen, haben auch etwas zu sagen und vielleicht
sogar etwas, das vorher noch nicht im Erfahrungshorizont der
Forscher war. Gerade wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass
sich Personen zu Wort melden, die eigentlich nicht primär
angesprochen werden sollten und die damit bei gezielter
Stichprobenauswahl außen vor geblieben wären,
können sich Perspektivenvielfalt und Meinungspluralismus
entwickeln. Damit kann qualitative Forschung vor allem in der
explorativen Phase bereichert und wissenschaftlich abstraktes,
möglicherweise implizit theoriegeleitetes Denken
aufgebrochen werden. [22]
Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die Vorgehensweise
der Online-Erhebung kritisch analysiert und reflektiert erfolgt,
damit der schon 1994 von MITCHELL kommentierte Vorwurf der
"Schrotflinten-Forschung" keine Berechtigung erlangt:
One criticism of using computer networks to do survey research
is that it results in 'scatter shot' surveys and, as such, is not
a wise approach. We would argue that, if the survey is specific
in the nature, the listservs chosen with the same specificity,
and there is an understanding of how and when the materials are
to be distributed and collected, the survey would not be of the
'scatter shot' variety (MITCHELL, PAPRZYCKI & DUCKETT 1994,
o. Pag.). [23]
3.2.4 Textualität
In der Online-Forschung wird die Textförmigkeit der CMC
primär unter dem Gesichtspunkt einer ökonomischen
Weiterverarbeitung der Daten gesehen, die eben bei
Fragebogenuntersuchungen oder bei Experimenten in der Regel schon
in computerlesbarer Form vorliegen. Die Auswertung kann so ohne
(un-)bewusste Selektion und manuelle Transkription und damit
ohne weitere potentielle Fehlerquellen durch die konventionell
notwendigen Übertragungsverfahren erfolgen. Wie groß
das selektive Potential und die Fehlermöglichkeiten durch
technische Übertragungsprobleme sind, wird allerdings in der
Literatur nicht erwähnt. [24]
Auch für qualitative Erhebungsverfahren, die
möglicherweise eine computerunterstützte
inhaltsanalytische Auswertung anschließen wollen, ist die
digitalisierte Datenform attraktiv, da sie neben der
Verfahrensvereinfachung auch mit einer kaum zu überbietenden
Originaltreue verbunden ist:
Secondly, electronic interviewing data require no additional
transcription the text from e-mail interviews can easily
be tailored for any word processing package or computer-based
qualitative analysis package with a minimum of alteration. As
well as saving the researcher time and money this also eliminates
any errors introduced through incorrect transcription. With
e-mail interviewing the data that is eventually analysed is
exactly what the interviewee wrote (SELWYN & ROBSON 1998, o.
Pag.). [25]
Grundsätzlich erscheint die Textförmigkeit der
Datenerhebung aus der Perspektive qualitativer Forschung jedoch
ein zweischneidiges Schwert zu sein. Einerseits wird
Sozialwissenschaft immer als Textwissenschaft gesehen, da
Datenerhebung und Interpretation überwiegend auf Basis von
Texten erfolgt (vgl. HEINZE 1995, S.130f; LAMNEK 1995; Bd. 1,
S.90f; FLICK 1998, S.43ff). Texte werden als "... materielle
Träger latenter Sinnstrukturen ..." (HEINZE 1995, S.130),
als "... Dokumentation dieses Symbolgehalts der sozialen
Realität ..." (LAMNEK 1995; Bd. 1, S.90), als Substitut
für die erforschte Realität, als manifest gewordene
Konstruktionen der Individuen gesehen. Von daher ist der Text die
Basis aller wissenschaftlichen Welterkenntnis. Wie einleitend
expliziert, stehen weite Kreise der heutigen qualitativen
Forschung originären textlichen Daten allerdings aus einer
theoretisch und historisch nicht nachvollziehbaren
reduktionistischen Interpretation heraus kritisch gegenüber,
da sie der verbalen Datenproduktion in der Face-to-Face-Situation
eindeutig den Vorzug gibt, um para- und nonverbale
Kontextinformationen unmittelbar in der Erhebungssituation mit
erfassen und der weiteren Analyse durch schriftliche Fixierung
zugänglich machen zu können. [26]
Unter zu Grunde Legung eines erweiterten
Kommunikativitätsbegriffs sind jedoch auch Online-Texte,
ebenso wie auch die Formen verbal narrativer Verfahren, als ein
Ausdruck von Rekonstruktionen der Individuen zu werten, die auf
die Person der Autoren und deren kognitive Verarbeitungen von
Erlebtem verweisen. Gerade die in Textform gegossene Aussage kann
für bestimmte Fragestellungen qualitativer Forschung einen
höheren Erkenntniswert darstellen, da sie von einer
schnellen Reaktion auf das Interaktionsgeschehen verbaler
Kommunikation entlastet ist, und die Zeit und der Raum zur
Distanznahme, Perspektivität und Reflexion bestanden. CMC
bietet eine moderne Form, sich "etwas von der Seele zu
schreiben", die entlastend und befreiend wirken kann, wie die
Erklärung einer 25jährigen Sekretärin zeigt, die
in psychischen Krisensituationen oft ein therapeutisches
Computerprogramm nutzt:
Wenn ich mich mit einem Computer unterhalte, dann spreche ich
eigentlich nicht mit ihm. Vielmehr kann ich auf diese Weise
alles, was mir im Kopf rumgeht, herauslassen (...) Ich vergesse
alles andere und kann mich völlig auf meine eigenen Gedanken
konzentrieren. Er bewertet mich nicht. Ich sehe mich, aber sonst
sieht mich niemand (TURKLE 1998, S.171). [27]
Reflexion und Distanznahme beinhalten natürlich auch
durch die dafür notwendige situative Entkopplung und
Kognitisierung die Gefahr von Verlusten oder Umdefinitionen
beispielsweise von Emotionen oder Erfahrungen. Ob dies für
qualitative Forschung nachteilig ist, hängt in erster Linie
von der verfolgten Fragestellung ab. Grundsätzlich
lässt die mit computervermittelter Kommunikation assoziierte
Möglichkeit, sich ohne die äußeren Zwänge
einer Face-to-Face-Situation, in möglicherweise anonymer
Form, mit eigenen Erfahrungen, Sichtweisen und Konzeptionen
auseinander zusetzen, die Analogie von persönlichen
CMC-Texten zu Tagebuchaufzeichnungen, Briefen oder auch
Beichten zu. Ein wesentlicher Unterschied ist jedoch der mit CMC
verbundene Öffentlichkeitscharakter, der in Newsgroups,
Mailinglisten oder Foren unvermeidbar ist. Inwieweit dort zur
Zeit textbasierte, persönliche Reflexion über
subjektive Themen stattfindet oder initiiert werden kann,
müsste noch detaillierter empirisch ermittelt werden.
[28]
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Neue Fragen der Forschungsethik
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Die ethischen Aspekte der sozialwissenschaftlichen Forschung
bekommen im Kontext der computervernetzten Kommunikation eine
neue Dimension. Flick hat schon im Zusammenhang mit den
technischen Aufzeichnungsmöglichkeiten auf Video- oder
Tonband seine Ambivalenz in Bezug auf die Gefährdung der
Anonymität der Untersuchungsteilnehmer zum Ausdruck gebracht
(vgl. FLICK 1991, S.160). Bei Online-Untersuchungen kommt der
öffentliche Charakter als für die Datenerhebung
grundsätzlich neuer Aspekt hinzu, denn ein "... jenseits des
Öffentlichen eines Gedankens ..." gibt es im Internet nicht
mehr (WEHNER 1997, S.137). Aus dieser Tatsache ergibt sich die
notwendige Diskussion, welche ethischen Regeln Forschung im
Umgang mit den Online-Kommunizierenden und mit dem im Netz
gesammelten Datenmaterial aufstellen sollte. Die Meinungen dazu
sind sehr unterschiedlich. Einig sind sich alle Online-Forscher
darüber, dass die Nutzer über den Forschungscharakter
einer Befragung oder eines Experimentes informiert werden sollen.
Dies ist aber in der Regel nur bei reaktiven Verfahren
möglich. [29]
In den USA wurden die ethischen die neue Aspekte in die
Diskussion der Familiensoziologie und der psychologischen
Betrachtungskontexte von Familie einbringen sowie Ausblicke auf
weitere Fragestellungen ergeben. Gerade die gesellschaftliche
Bedingtheit einiger aufgedeckter Problemfelder gibt Anlass zu
weiteren Forschungsfragen und Projekten. Zusammenhang mit der
vernetzten Kommunikation Mitte der 90er Jahre von einer speziell
dazu gegründeten Kommissionen diskutiert, z.B. dem "Forum on
the Ethics of Fair Practices for Collecting Social Science Data
in Cyberspace" oder der "ProjectH Research Group". PACCANELLA
zitiert das Ergebnis einer längeren Debatte dieser
letztgenannten Forscherinstitution, auf Grund dessen eine
grundsätzliche Erlaubnis bei öffentlich geposteten
Informationen nicht für notwendig erachtet wird:
We view public discourse on CMC as just that: public. Analysis
of such content, where individuals', institutions' and lists'
identities are shielded, is not subject to 'Human Subjects'
restraints. Such study is more akin to the study of tombstone,
epitaphs, graffiti, or letters to the editor. Personal?
yes. Private? no [Sheizaf Rafaeli, as quoted in Sudweeks
& Rafaeli, 1995] (RAFAELI 1995 zitiert nach PACCAGNELLA 1997,
O. Pag.). [30]
PACCAGNELLA stimmt seinerseits dieser Position zu:
Conversation on publicly accessible IRC channels or messages posted on newsgroups are not equivalent to private letters (while private, one-to-one e-mail messages of course are); they are instead public arts deliberately intended for public consumption. This doesn't mean that they can be used without restrictions, but simply that it shouldn't be necessary to take any more
precautions than those usually adopted in the study of everyday
life (PACCAGNELLA 1997, o. Pag.). [31]
In der deutschen Online-Forschung ist zur Zeit noch wenig
Sensibilität in Bezug auf ethische Aspekte
computervermittelter Datenerhebung zu erkennen. Wie mit
öffentlich gemachten Erklärungen oder Informationen aus
dem persönlichen Bereich umgegangen werden soll, wird kaum
diskutiert. Hierin ist jedoch das grundlegende Problem
qualitativer Forschungsmethodik zu sehen, die an der
persönlichen Erfahrungs- und Meinungsebene von Individuen
ansetzt und die bei Online-Erhebungen im Internet öffentlich
gemacht wird. Es ist meines Erachtens in diesem Zusammenhang
nicht primär der Datenschutz, der aus ethischen
Gesichtspunkten zu beachten ist, es ist vor allem eine Frage der
Achtung der Privatsphäre, die berücksichtigt werden
muss. Hier muss der Inhalt der Forschungsfrage mit über den
jeweiligen Handhabungsmodus entscheiden. [32]
Ein weiterer Aspekt der Öffentlichkeit der
Online-Datenerhebung ist der Schutz der Personen und der Daten
vor Missbrauch. Der Schutz der Personen bezieht sich in erster
Linie auf eine weitgehende Sicherstellung der Seriosität von
Online-Untersuchungen. Der bereitwillige Online-Nutzer auf die
Ehrlichkeit der "Forschenden" angewiesen und Online-Forschung
muss entsprechende Vorkehrungen treffen, um ihre Seriosität
zu dokumentieren. Es lassen sich im Netz bereits Formen der
bewussten Täuschung nachweisen, bei denen unter dem
Deckmantel einer wissenschaftlichen Untersuchung persönliche
Meinungen erhoben und zweckentfremdet verwendet wurden (FRÜH
2000, S.107). Hier sind umfassende Überlegungen notwendig,
um die Online-Forschung nicht schon ins wissenschaftliche Abseits
gleiten zu lassen, bevor sie sich überhaupt etablieren kann.
Bei wissenschaftlichen Online-Untersuchungen stellt sich ein
weiteres Problem, da die erhobenen Daten auch vor unbefugtem
Zugriff von außen geschützt werden müssen
(BATINIC & BOSNJAK 1997a, S.237ff; DYSON 1997, S.56ff,
321f.). Bei öffentlich und ebenfalls bei nicht im
öffentlichen Kommunikationsraum geposteten Daten ist der
Zugriff von fremden Web-Servern auf die Festplatten der
Forschungscomputer technisch nicht auszuschließen. In
Mailinglisten und Newsgroups ist es ebenfalls jederzeit technisch
möglich, namentlich oder thematisch Beiträge
zusammenzustellen und zweckentfremdet zu nutzen. Diese Gefahren
sind grundsätzlich bekannt und gerade im Zusammenhang mit
den Sicherheitslücken im Microsoft Internet Explorer
öffentlich diskutiert. Unter dem Gesichtspunkt der
Forschungsethik sind diese Sicherheitsmängel jedoch bislang
kaum thematisiert. [33]
Die Komplexität ethischer Forschungsaspekte hat sich, wie
dargestellt, durch die computervernetzte Kommunikation deutlich
erhöht. Ähnlich wie in Amerika erscheint es angebracht,
ethische Aspekte der Online-Forschung frühzeitig
öffentlich zur Diskussion zu stellen und einheitliche
ethisch verantwortbare Vorgehensweise in Bezug auf das Paradigma
der Offenheit und dem Umgang mit den erhaltenen Daten zu
definieren. [34]
|
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Neue Wege computervermittelter Datenerhebung in der qualitativen Sozialforschung empirische Erfahrungen
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Ausgehend von den methodologischen Überlegungen zu den
qualitativen Paradigmen, speziell zum Spannungsverhältnis
von Wandlungsparadigma und reduktionistischer Methodenpraxis kann
der Impuls von MORRIS und ORGAN aufgegriffen werden: "The
computer as a new communication technology opens a space for
scholars to rethink assumptions and categories, and perhaps even
to find new insights into traditional communication technologies"
(MORRIS & ORGAN 1996, o. Pag.). [35]
Die theoretische Diskussion hat erste Anhaltspunkte für
eine Beurteilung des kommunikativen Potentials von CMC für
qualitative Forschungsaktivitäten gegeben. Die Frage
nach den Formen und Qualitäten des Kontaktes zwischen dem
Forscher und dem Forschungssubjekt im online gestalteten
Forschungsprozess, kann jedoch nur spezifisch, im konkreten
empirischen Vorgehen und anhand konkreter Daten beantwortet
werden. In welcher Form sich eine den Prinzipien qualitativer
Sozialforschung folgende Datenerhebung mit computervermittelter
Kommunikation als Forschungsinstrument im Internet realisiert,
wird hier anhand einer exemplarischen Untersuchung zu den
subjektiven Erfahrungen von Frauen, die eine Lebensgemeinschaft
mit einem geschiedenen, beziehungsweise dauerhaft getrennt
lebenden Partner eingegangen sind, sogenannten "Zweitfrauen",
ermittelt. [36]
"Beziehungskarrieren" bzw. sukzessive Monogamie werden zu den
Kennzeichen des pluralistisch-individualistischen westlichen
Gesellschaftsbildes im ausgehenden 20sten Jahrhundert
gezählt. In Kontrast zum traditionell-normativen Ehe- und
Familienleitbild sind Scheidung und Wiederverheiratung bzw.
nichteheliche Lebensgemeinschaften mit geschiedenen Partnern
gesellschaftlich akzeptierte Beziehungskonstellationen, die
quantitativ immer größere Bedeutung gewinnen.
Während wissenschaftlich die Individualebene einer solchen
Folgebeziehung noch wenig Beachtung gefunden hat,
repräsentiert sich der besondere Charakter einer sogenannten
"Secondhand-Beziehung" in der steigenden Zahl von Publikationen
und dem wachsenden Medieninteresse an dem Thema. Es sind vor
allem betroffene Frauen, "Zweitfrauen", die in einer
Lebensgemeinschaft mit getrennt lebenden oder geschiedenen
Männern leben und die auf die mit ihrer Rolle verbundenen
Problemlagen aufmerksam machen. Mit Hilfe computervermittelter
Kommunikation sollte Einblick in die subjektive Erfahrungswelt
von "Zweitfrauen" gewonnen werden. [37]
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Medienspezifische Analyse
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Datenanalyse und Ergebnisdarstellung dieser explorativen
Studie orientieren sich an der Struktur eines neu entwickelten
Kategoriensystem, das auch unabhängig von der hier
untersuchten thematischen Fragestellung eine Grundlage für
weitere Untersuchungsplanungen und -deskriptionen sein
kann. Damit wird nicht nur der Heterogenität der
computervermittelten Kommunikation im Internet, sondern auch der
Forderung nach Prozess- und Kontextexplikation qualitativer
Forschung Rechnung getragen. Die Kennzeichen computervermittelter
Kommunikation Alokalität, Asynchronität,
Anonymität und Textualität gehen in die Beschreibung
der Kategorien Kommunikationsimpuls, Kommunikationsraum,
Kommunikationspartner, Kommunikationsorganisation und
Kommunikationsinhalt ein. Die jeweiligen Dimensionen der
Kategorien differenzieren die Analyse um weitere Aspekte, die
für qualitatives Forschungsdesign oder zukünftige
Online-Erhebungsstrategien besondere Bedeutung haben (vgl.
Abbildung 1).

Abbildung 1: Übergeordnete Deskriptions- und Analysekategorien
computervernetzter Forschungskommunikation [38]
4.1.1 Kommunikationsimpuls
Der Zugang zur Zielgruppe "Zweitfrauen" wird mit Hilfe eines
Textes gesucht, der als Kommunikationsimpuls fungiert (vgl.
Abbildung 2). Auf Grund der in 0 beschriebenen Textualität
computervermittelter Kommunikation muss der Impulstext im
Forschungsprozess vier Funktionen erfüllen:
er muss zur Kommunikation animieren;
es muss eine Vertrauensebene aufgebaut werden;
die Forschungsabsicht muss deutlich werden;
der Handlungsspielraum der Reagierenden soll so groß wie
möglich sein.

Abbildung 2: Kommunikationsimpuls im gesonderten Forum "Der gebrauchte Mann" in BRIGITTE-Online [39]
Der Text soll also zunächst das Thema "Zweitfrau"
aufmerksam machen und diejenigen, die ihre Erfahrungen mitteilen
wollen, dazu veranlassen, sich innerhalb der gegebenen
technischen Möglichkeiten frei zu artikulieren. Eine
wissenschaftliche Ausdrucksweise wird im Text bewusst vermieden.
Um möglichst breite Netznutzer-Gruppen anzusprechen und zu
einer Reaktion zu animieren, sind besonders am Textanfang eher
befremdende, vielleicht auch provozierende oder manche "Onliner" auch belustigende Formulierungen verwendet worden. Sie sollten
zunächst die Neugierde wecken, den für
Internet-Verhältnisse ausgesprochen langen Text zu lesen.
Die Reizwörter "Secondhand-Beziehung", "gebrauchte
Männer" oder "Zweitfrau" sind jedoch z.T. der
einschlägig bekannten Literatur entnommen und finden im
Zusammenhang mit Themen über die "zweite Ehe" immer wieder
Verwendung (vgl. JÄCKEL 1997). [40]
Eine positive Vertrauensebene zwischen Forscher und den
Individuen der Zielgruppe wird in der qualitativen
Sozialforschung als wesentliche Voraussetzung für
verlässliche und gültige Ergebnisse angesehen (vgl.
LAMNEK 1995; Bd. 2, S.58; MAYRING 1996, S.124). Diese unter den
Bedingungen computervernetzter Kommunikation also
räumlich-zeitlicher Distanz herzustellen, wird in
einigen theoretischen Modellen zur CMC als problematisch
angesehen. Der vermittelbare Eindruck von der
Glaubwürdigkeit eines Forschungsprojektes und der
Seriosität des Forschers ist bei der computervermittelten
Kommunikation zur Datengewinnung zwangsläufig
ausschließlich an eine textliche Darstellung gebunden und
enthält die in Abschnitt 3.3 angerissenen ethischen
Probleme. Um diesen Randbedingungen Rechnung zu tragen und um
eine vertrauensvolle Kommunikationsbasis anzubieten, zeigt die
Forscherin im Impulstext offen die persönliche
Lebenssituation auf, aus der dann im weiteren Text das
wissenschaftliche Interesse entwickelt wird. Die Schilderung der
persönlichen Betroffenheit und die
"Identifikationsmöglichkeit" anhand des vollen Namens und
der E-Mail-Anschrift sollen dazu beitragen, eine offene
Atmosphäre zwischen vollkommen unbekannten Menschen
herzustellen, von denen ich Informationen über ihre ganz
privaten Beziehungen erhoffe. Dieses Informationsangebot deckt
sich anscheinend auch mit den Erwartungen der "Internetler/innen",
die ihrerseits private Auskünfte über die
wissenschaftlich fragende Person "Doris Früh"
einfordern,
... naja, ich mag es auch nicht allzu exhibitionistisch, das
internet bietet da viele schaurige beispiele, wo leute einem das
intimste zeugs verraten ohne dass man es eigentlich wissen
will.aber da du ja auch ein ziemlich sensibles thema anschneidest
... sollte man zumindest ein bisschen wissen, mit wem man es zu
tun hat (Almut) [41]
und entsprechend honorieren,
Durch Angaben zu DEiner person etc. hast Du jedenfoalls dazu
beigatragen, Dir bei den Internetfrauen Vetrauen zu erwerben. Das
ist sehr wichtig, da das Internet ja ohnenin verrufen genug ist
(Corinna). [42]
Diese Erfahrungen sollten allerdings in nachfolgenden
Untersuchungen nicht dazu führen, persönliche
Betroffenheit vorzutäuschen und aus rein taktischen
Gründen in wissenschaftlichen Aufrufen einzusetzen. [43]
Ebenfalls im Kontext der ethischen Grundsätze (vgl. 0)
qualitativer Sozialforschung muss der Text auch über die
Forschungsabsicht aufklären. Der dritte Abschnitt des Textes
enthält Informationen darüber, die von den LeserInnen
auch erkannt wurden. Wie gezielte Rückfragen an die durch
E-Mail-Adresse bekannten Teilnehmer/innen ergaben, haben die
meisten Antwortenden den Hinweis, dass die Forscherin eine
Promotion zum Thema "Zweitfrauen" anstrebt, in dem Sinne
verstanden, dass ihre Informationen für wissenschaftliche
Zwecke verwendet werden sollten:
Als ich mich auf 'Dich einließ' war mir klar, dass Du
Aussagen von mir eventuell fuer Deine Arbeit benutzen moechtest.
Deshalb waere es fuer mich auch nicht schlimm, wenn unsere
Korrespondenz nur vor dem Hintergrund des Verwendungszweckes
stattfaende. Okay? (Nina) [44]
Auch Rückfragen, ob Äußerungen anonymisiert
zitiert werden können, sind allgemein positiv beantwortet
worden. [45]
Nur wenige der direkt Befragten waren überrascht oder gar
empört, dass der Impulstext einen wissenschaftlichen
Hintergrund hat. Aus den Reaktionen von drei Personen konnte
entnommen werden, dass sie den wissenschaftlichen Hintergrund der
Fragestellung nicht erkannt haben. Hierbei handelte es sich um
Teilnehmer einer Newsgroup, die zu den sehr aktiv postenden
Internet-Nutzern zählen. Diese scheinen sich eher
flüchtig mit den Inhalten eines Postings auseinander zu
setzen, melden sich aber dennoch oft zu Wort. Entsprechend
überrascht, ärgerlich oder gleichgültig reagiert
diese Personengruppe auf Rückfragen nach den Gründen
für eine Beteiligung an der Diskussion zum "gebrauchten
Mann":
Ich kann mich inzwischen kaum noch daran erinnern.
Könntest Du mir bitte nochmal schreiben, was ich denn da
geschrieben hatte? Nur damit ich wieder weiß, worum genau
es geht.(...) Ansonsten weiß ich aber wirklich nicht mehr,
was ich geschrieben habe. Schick mir das nochmal, ja? Du hast es
doch hoffentlich notiert.)
> ? Warum hast Du Dich an der Diskussion
beteiligt?
Ach, ich gebe überall gerne meinen Senf dazu. ;-)
(Astrid). [46]
Ähnlich wie beim Phänomen der "Schwätzer" in
Gruppendiskussionen scheint sich im Internet, speziell in den
Newsgroups, eine kleine Gruppe von "Multipostern" zu etablieren,
die computervermittelte Kommunikation zum Selbstzweck betreibt
und sich mit dem Inhalt der Nachrichten nicht detailliert
auseinandersetzt. Bezogen auf die Darlegung der Forschungsabsicht
und mit Blick auf die Gesamtresonanz ist dies jedoch die
Ausnahme. Auf Grund der Mehrzahl der Rückmeldungen kann
angenommen werden, dass das Kriterium der Offenheit durch die
gewählten Formulierungen erfüllt wurde. [47]
Der Text wurde so formuliert, dass Handlungsspielräume
zur Entfaltung persönlicher narrativer Strukturen und
eigener Erzählrhythmen gegeben ist. Der Impulstext sollte in
diesem Sinne auch lediglich einen Anstoß geben, auf Basis
dessen die Internet-Nutzer nach eigenem Ermessen unstandardisiert
antworten können. Er stellt ein Thema vor und verbindet es
mit offenen Fragen nach den persönlichen Erfahrungen
Betroffener. Der Text selbst grenzt den Reaktionsspielraum
inhaltlich, formal oder zeitlich in keiner Weise durch
Definitionen oder Direktiven ein. Dagegen begrenzen die jeweils
spezifischen technischen Rahmenbedingungen der ausgewählten
Kommunikationsräume die Gestaltung der textlichen
Reaktionsmöglichkeiten mit dem Medium CMC. Durch das
Angebot, einen direkten E-Mail-Kontakt zur Forscherin
aufzunehmen, wird den "Zweitfrauen" zusätzlich freigestellt,
ob sie den öffentlichen Kommunikationsweg oder die
bilaterale Verständigung für angemessen halten. Dieser
Entscheidungsspielraum wird auch bewusst in Anspruch
genommen:
Hallo Doris,
wir können gerne im Forum weiterdiskutieren. Mir ging es
hauptsächlich auch um etwas privatere Informationen, von
denen ich denke, daß sie nicht unbedingt alle mitbekommen
müssen. Aber eigentlich macht es mir nichts aus, wenn wir
und zukünftig wieder im Forum diskutieren (Dorthe). [48]
4.1.2 Die Rolle des Forschers im Prozess computervermittelter Datengewinnung
Auf Grund der in dieser methodologischen Studie gewählten
Vorgehensweise übernimmt die Forscherin zwei Rollen im
Forschungsprozess:
Sie ist einmal Impulsgeberin und schafft durch die
gepostete Themenstellung erst den Teilbereich der
Internet-Kommunikation, den sie in ihrer zweiten Rolle
als Beobachterin formal-strukturell und
sozial-inhaltlich analysieren will. [49]
Wie der Verlauf der Untersuchung zeigt, sind dies in
der hier gewählten Form des methodischen Vorgehens
zwei zum Teil schwer miteinander zu vereinbarende Anforderungen,
die zu Rollenkonflikten führen können. Im Prozess der
computervermittelten Kommunikation mit "Zweitfrauen" wurde
zunächst in Anlehnung an die empfohlenen Verhaltensweisen im
Interview oder der Beobachtung ein zurückhaltendes,
nondirektives Verhalten von der Forscherin praktiziert, um Form
und Inhalte der Kommunikationsreaktionen möglichst wenig zu
beeinflussen (vgl. BREUER 1996, S.18f; LAMNEK 1995; Bd. 2,
S.250ff; FRIEBERTSHÄUSER 1997, S.520ff). Nur in sehr wenigen
Fällen wurde ein zusätzlicher, wiederum als Impuls
fungierender Text gepostet, der die Kommunikation in Gang halten
sollte. Dabei sind das Vokabular und die Themen der
Erzählenden aufgegriffen und als Paraphrase auf das vorher
Geschilderte zurückgeführt worden. Diese Haltung schien
auch angezeigt, um als Betroffene nicht bewusst oder unbewusst
suggestiv auf die kommunizierten Erfahrungsberichte einzuwirken.
[50]
Die auf den persönlich gehaltenen Impulstext reagierenden
"Internetler/innen" hatten jedoch zum Teil andere Erwartungen an
die Rolle der Forscherin. Sie signalisierten Interesse an der
persönlichen Lebenssituation der Forscherin, sprachen die
hinter dem Impulstext stehende Person direkt an und forderten
Stellungnahme, Rat oder Schilderung bestimmter Erfahrungen ein.
Die im Impulstext angebotene Identifikations- und Reflexionsfolie
wurde also nicht nur passiv angenommen, sondern sollte aus Sicht
der Antwortenden dialogisch weitergeführt werden:
Kannst Du das ein bißchen verstehen? Wenn Du Lust hast,
können wir uns gerne über E-Mail weiter austauschen. Es
ist für mich bestimmt interessant, etwas von Deinen
Erfahungen zu profitieren (Dorthe). [51]
Vor allem die bilateralen E-Mail-Kontakte sind seitens der
Frauen häufig ähnlich wie Brieffreundschaften angelegt,
in denen sie nicht nur ihre Kontakte anbieten, sondern auch
Rückäußerungen einklagen. Die persönliche
Ebene, die sich sehr schnell in computervermittelter
Kommunikation einstellt, zeigt sich auch an den Formen der
Anrede, den Verabschiedungsformeln und dem DU, das in der Regel
automatisch seitens der reagierenden Frauen und Männer
verwendet wird:
hallo doris, hast du meine mail nicht bekommen????? ich warte
auf antwort ... aber da in letzter zeit immer mal irgendwelche
mailprobleme waren ... also melde dich einfach noch mal.
ciao, Almut (Almut). [52]
Die Perspektive, die Forschende als Kommunikationspartnerin
anzusehen, wird verständlich, wenn man sich die Motive der
Frauen, auf den Impulstext zu reagieren, vor Augen hält
(vgl. 4.1.4). Während sich in öffentlichen Foren das
Bedürfnis nach Kommunikation mit Gleichgesinnten von alleine
erfüllt, fixiert sich dieses in der E-Mail-Kommunikation
ganz auf die Person der Forscherin. Es zeigte sich also ein
Rollenkonflikt, den DECEMBER auf die klassische
Nähe-Distanz-Problematik zurückführt:
... two problems specifically related to participant
observation in CMC: going native and role conflict,
the first referring to involving oneself in the group to the
extent that objectivity is lost, while the second means a
dilemma between the goals of the group and those of the
evaluation (DECEMBER 1996, o. Pag.). [53]
Für weitere computervermittelte Datenerhebungsverfahren
ist es daher angezeigt, die Rolle des Forschers neu zu
überdenken. Speziell die auf E-Mail-Kommunikation
basierenden Kontakte brachen sehr schnell wieder ab, wenn die
passive Beobachterrolle die Erwartungen an die Forscherin als
Kommunikationspartner überlagerte. Bei kontinuierlicher
Rückkopplung zu den "Zweitfrauen" entwickelten sich dagegen
länger andauernde Kontakte mit einem intensiven
Informationsaustausch. Bei einer längeren Kontaktdauer waren
die Kommunikationspartner auch bereit, ihre Identität (Name,
evtl. private E-Mail-Anschrift) preiszugeben und konkrete
Informationen zu soziodemographischen Daten weiterzugeben. So
lassen sich auch für computervermittelte Forschungskontakte
durchaus sinnvolle Denkanstöße aus dem Vorstoß
von BÖTTGER und WITZEL ziehen, nach dem qualitative
Datengewinnung eher in Form eines dialogischen Aushandelns,
begleitet durch gezieltes Eingreifen, Provozieren und Nachfragen
seitens des Forschers erfolgen sollte. Ihre Ausgangskritik, die
in der qualitativen Forschung favorisierten narrativen Methoden
seien untypische Kommunikationsformen, kann zwar nicht
unmittelbar auf schriftliche Formen der Datengewinnung bezogen
werden, doch fordert textbasierte computervermittelte
Kommunikation auf Grund ihres oralliteralen Charakters anscheinend
verstärkt mündlich-dialogische
Kommunikationsmuster ein und unterstützt damit den
Ansatz von BÖTTGER und WITZEL. Dies stellt neue
Anforderungen an das kommunikative Verhalten des Forschenden. Er
muss neue Wege finden, um Nähe und Distanz,
Zurückhaltung und Beteiligung miteinander zu verbinden.
[54]
4.1.3 Genutzte Kommunikationsräume
Die Kommunikationsräume im Internet stellen sich als ein
heterogenes "Sammelsurium" unterschiedlichster
Möglichkeiten, computervermittelt zu kommunizieren, dar. Auf
der Suche nach geeigneten Kommunikationsräumen für das
Thema "Zweitfrauen" zeigte sich im Sommer 1998 indes schnell,
dass es vergleichsweise wenig spezielle Angebote für die
Zielgruppe Frauen gab. Die Recherche im deutschsprachigen
Internet erfolgte mit Hilfe von Suchmaschinen (NetScape, DINO,
Nathan) und den Suchstrategien "Frauen bzw. Frauen und Forum".
Die erzielten Treffer und die damit verbundenen Querverweise
wurden sukzessive durchgesehen und dortige
Kommunikationsangebote eine Zeit lang beobachtet. Anhand der
nachstehenden vier Kriterien, die das Ergebnis der
Online-Beobachtung und der Auseinandersetzung mit
Online-Forschung sind, wurde eine Auswahl getroffen:
Die Kommunikation sollte asynchron verlaufen. Bei
Beobachtung von synchroner Kommunikation bestätigte sich das
allgemein gezeichnete Bild der Chat-Kommunikation. Die
Aneinanderreihung von Floskeln, der stetig wechselnde
Teilnehmerkreis und die in den Chats diskutierten Themen
erschienen nicht geeignet, eine Diskussion über
"Zweitfrauen" in Gang zu setzen. Zudem sollte der in der
Online-Forschung hervorgehobene Vorteil asynchroner
Kommunikation, der zeit-unabhängige Zugriff auf
Untersuchungsinstrumente, genutzt werden.
Die Gesprächsräume sollten gezielt Frauen
ansprechen, da Frauen im gesamten Internet
immer noch unterrepräsentiert sind.
Die "Zweitfrauen-Thematik" sollte kein thematischer
Fremdkörper im Gesamtkontext des Kommunikationsbereiches
sein. Beziehungs-, Familien- oder Partnerschaftsthemen sollten zu
den gängigen Kommunikationsthemen gehören.
Die Kommunikationsräume sollten für jedermann
frei zugänglich sein. Bereiche, die eine zeitlich
gebundene oder auch kostenpflichtige Mitgliedschaft notwendig
gemacht hätten, sind nicht berücksichtigt worden.
[55]
Letztlich ist der Impulstext in Foren bzw. an Schwarzen
Brettern von sechs unterschiedlichen Internet-Angeboten gepostet
worden. Zusätzlich wurde auch das Angebot der über den
Newsserver der Universität Hannover angebotenen Newsgroups
auf thematisch geeignete Gruppen der de.-Hierarchie gesichtet. Es
kamen zum damaligen Zeitpunkt aus diesem Angebot lediglich zwei
Newsgroups in Frage, die sich mit Beziehungs- und Familienthemen
befassen: de.talk.romance und de.soc.familie.misc. [56]
Zur Verortung der Räume im Internet (Lokalisation) soll
das Profil der einzelnen Kommunikationsräume in Tabelle 1
vergleichend mit den wichtigsten Kennzeichen dargestellt
werden.
|
|
Profil der
Kommunikationsräume
|
|
Medialer Raum
|
WWW-Seite
|
WWW-Seite
|
WWW-Seite
|
WWW-Seite
|
WWW-Seite
|
WWW-Seite
|
|
Anbieter
|
Frauenzeitschrift FREUNDIN
|
Frauenzeitschrift BRIGITTE
|
Frauennetz
|
Frauen Internet Projekt Hamburg
|
HAUSFRAUEN
-FORUM
|
Interessenverb. Unterhalt und
Familienrecht (ISUV e.V.)
|
|
URL: Mai 98
|
http://www.
freundin.com
|
http://www.
brigitte.de
|
http://www.frauen
netz.de
|
http://internet
frauen.w4w.net
|
http://www.haus
frauenseite.de
|
http://parsimony.
net
|
|
Mediale Klasse
|
Forum
|
Forum
|
Forum
|
Forum / Schwarzes
Brett
|
Forum / Schwarzes
Brett
|
Forum
|
|
Kontaktform
|
Öffentlich; bi- und
multidirektional
|
Öffentlich; bi- und
multidirektional
|
Öffentlich; bi- und
multidirektional
|
Bidirektional per E-Mail
|
Öffentlich / bi- und multidirektional
|
Öffentlich; bi- und multidirektional
|
|
Teilnehmerzahl
|
Unbegrenzt
|
Unbegrenzt
|
Unbegrenzt
|
Unbegrenzt
|
Registrierte Nutzer
|
Unbegrenzt
|
|
Zeitdimension
|
Asynchron
|
Asynchron
|
Asynchron
|
Asynchron
|
Asynchron
|
Asynchron
|
|
Organisation
|
Unmoderiert
|
In der Regel nicht moderiert,
jedoch Rubrikenvorgabe: Job-Forum, Open House, Gesundheits-Forum. Für die
Untersuchung wurde in Zusammenarbeit mit der Online-Redaktion eine
separate Rubrik "Der gebrauchte Mann" eröffnet.
|
Unmoderiert
|
Unmoderiert
|
Unmoderiert
|
Unmoderiert
|
|
Impulsdatum
|
13.5.98
|
1.7.98
|
4.9.98
|
12.5.98
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27.5.98
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12.5.98
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Tabelle 1: Übersicht über die Profile der genutzten Kommunikationsräume im WWW [57]
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Profil des Kommunikationsraumes
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Medialer Raum
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NEWSGROUP
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NEWSGROUP
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Anbieter
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Newsserver der Uni-Hannover
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Newsserver der Uni-Hannover
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Hierarchie
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de.talk.romance
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de.family.misc
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Kontaktform
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Öffentliches Posting; bi- und
multidirektional
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Öffentliches Posting; bi- und
multidirektional
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Teilnehmerzahl
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Unbegrenzt
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Unbegrenzt
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Zeitdimension
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Asynchron
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Asynchron
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Organisation
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Unmoderiert
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Unmoderiert
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|
Impulsdatum
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4.5.98
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4.5.98 + 25.8.98
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Tabelle 2: Profil der Newsgroups [58]
4.1.4 Kommunikationspartner
Auf den Impulstext haben 111 Personen in
unterschiedlichster Art und Weise reagiert. Durch die Selbst-Selektion im
Internet sind darunter nicht nur die im Text direkt angesprochenen
"Zweitfrauen", sondern auch "Ex-Frauen" und "gebrauchte
Männer" sowie nicht betroffene aber an der Thematik interessierte Frauen
und Männer. Somit hat sich ein heterogener Personenkreis zu Wort gemeldet.

Abbildung 3: Personale Zusammensetzung der Reaktionen auf den Impulstext [59]
Die Frauen und Männer entstammen sehr
unterschiedlichen Lebenskonstellationen und Berufsbereichen und vertreten ein
Altersspektrum von Anfang zwanzig bis ca. Mitte bis Ende vierzig Jahren. Zum
Beispiel:
Leopold, der 42-jährige kaufmännische
Angestellte,
Boris, 34-jähriger Datenverarbeitungskaufmann
und auch
Gotthilf, Dipl.-Chemiker in einem Konzern und 42
Jahre alt. [60]
Der Altersdurchschnitt der männlichen und
weiblichen Teilnehmer/innen dieser Untersuchung liegt mit Mitte 30 bis Mitte 40
Jahren leicht über dem Durchschnitt derjenigen, die heute noch in der Literatur
als "typische" Internet-Nutzer beschrieben werden. Die Popularisierung der vernetzten Kommunikationstechnik scheint demnach, wie aus den
online-übermittelten soziodemographischen Informationen abgeleitet werden
kann, tatsächlich schon heute in weite Bereiche des Alltags- und Berufslebens
vorgedrungen zu sein. So ist es möglich auch
die 40-jährige Hausfrau Gustl,
Kordula, die 33-jährige Journalistin und
Luzie, die 39-jährige Beamtin
über die öffentlichen Foren zu erreichen. [61]
Die sich durch die Heterogenität der
Teilnehmer/innen inhaltlich ergebende "Polyphonie"(vgl. BREUER 1996,
S.25) ermöglicht eine Erweiterung des zunächst von der Forscherin anvisierten
Forschungsfokus um Perspektiven, die vorab nicht kalkulierbar waren. [62]
Die maximale Variation der Perspektive ist einmal
das Ergebnis der Diskussion in den öffentlichen Foren, zum anderen ist sie das
Resultat der Auswahl verschiedenartiger Kommunikationsräume. Speziell in den
Online-Foren der Frauenzeitschriften versammelt sich ein sehr heterogenes
Publikum von "Onlinern" und ergibt somit die Meinungspluralität. Per E-Mail
meldet sich dagegen überwiegend die Zielgruppe "Zweitfrauen" zu Wort.
Diese Frauen haben den Impulstext entweder an einem "Schwarzen Brett"
gelesen oder wollen nicht den Weg des öffentlichen Austausches in den Foren
gehen. [63]
In den Newsgroups konnten trotz deren
thematischer Nähe keine direkt oder indirekt betroffenen Personen erreicht
werden. Die News scheinen sich daher, auch durch den aus verschiedenen
Nutzeranalysen gewonnenen Eindruck unterstützt, gegenwärtig nicht als
Kontaktraum für Online-Forschung zu einem allgemeinen sozialen Phänomen
anzubieten. [64]
Während sich die nicht direkt betroffenen
Kommunikationspartner/innen überwiegend aus allgemeinem Interesse am Thema oder
aus Neugierde auf Grund der ungewöhnlichen Terminologie des Impulstextes an der
Diskussion beteiligt haben, sind für die "Zweitfrauen" und auch für
die "gebrauchten Männer" das starke Kommunikations-, Reflexions- und
Identifikationsbedürfnis ausschlaggebend für die Beteiligung. Für viele
Frauen ist es das erste Mal, dass sie sich über die häufig sehr belastend
empfundene Beziehungssituation offen mitgeteilt haben, und sie konnten dabei
erfahren, dass ihre bisher als persönlich empfundenen Probleme von vielen
anderen Frauen geteilt werden, so wie Trude es ausdrückt: "Liebe Luzie,
was Du erzählst, könnte auch von mir sein. Meine Geschichte ...". Das wie
von Bärbel auch von vielen anderen Frauen explizit artikulierte Bedürfnisse
sich mitzuteilen: "Ich hoffe ich habe nicht allzuviel geschrieben aber es
war mir echt ein Bedürfnis mir das mal von der Seele zu schreiben",
Reflexion, Austausch und Anregung durch Dritte zu bekommen, konnte gerade im
Schutzraum der Anonymität durch die computervermittelte Kommunikation umgesetzt
werden. Nina pointiert diese Schutzfunktion sehr deutlich:
... Wenn man sich überlegt, wieviel wir uns schon anvertraut haben, obwohl wir uns noch nie gesehen haben! Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich Dir nie soviel anvertrauen würde, wenn ich Dir gegenübersitzen würde. Wenn Du mich auf der Straße oder sonstwie angesprochen hättest, ob ich bereit wäre, Dich beim Thema 'Zweitfrauen' mitzuarbeiten
..., dann hätte ich das sicherlich abgelehnt, das wäre mir zu nah gewesen.
Aber so ist für mich 'Nähe' möglich, weil 'Distanz' da ist. Also ich finde
das interessant! Und WIE persönlich ich geworden bin...Du weißt ja schon ne
ganze Menge über mich ... [65]
Die asynchrone, vom Reaktions- und
Erwartungsdruck einer Face-to-Face-Situation befreite Foren- und
E-Mail-Kommunikation wird dabei von den Frauen auch als eine positive
Möglichkeit der Auseinandersetzung mit sich selbst hervorgehoben. Hierdurch
erscheint die für eine wissenschaftliche Nutzung des Mediums bedeutende
Glaubwürdigkeitsproblematik der erhaltenen Daten in einem anderen Licht. Auch
wenn die Forschungspartner nicht eindeutig "identifiziert" werden
können, lässt die intrinsische Motivation eine entsprechende ökologische
Validität erwarten. [66]
Die Bedürfnisse und Motive prägen auch die für
qualitative Sozialforschung so bedeutende Beziehungsebene der Teilnehmer/innen
untereinander und zwischen den Teilnehmern/innen und der Forscherin. Gegenseitig
Verständnis zeigen, Hilfe zur Reflexion anbieten und die Unterstützung anderer
durch eigene Erfahrungen sind die Aspekte, die die Beziehungsebene zwischen
unmittelbar Betroffenen prägen. Das sehr persönliche Partnerschaftsthema im
Kontext eines öffentlichen, aber anonymen Forums scheint primär die
Ich-Identität der sich Beteiligenden anzusprechen. Sie fühlen sich durch den
Impulstext und die schon erfolgten Reaktionen veranlasst, ihre Lebenssituation
mitzuteilen, persönliche Standpunkte ggf. gegen Widerstände deutlich zu machen
und dabei notfalls auch Extrempositionen zu vertreten. Die defizitäre
Beschreibung der Kommunikationsleistung von CMC in einigen theoretischen
Konzepten kann anhand der vorliegenden Beiträge nicht nachvollzogen werden.
Dagegen zeigen sich Indikatoren, die die kompensatorisch-extensiven
Modellvorstellungen WALTHERS unterstützen (vgl. WALTHER 1992). So haben die
Teilnehmer/innen eigene Möglichkeiten und Wege gefunden, Unsicherheiten zu
überbrücken, Emotionalität, soziale Hinweisreize und kontextuelle,
soziodemographische Informationen in vielfältiger Form textbasiert
auszutauschen, damit die Kommunikationspartner sich so ein sachliches und
affektives Bild von den Lebensumständen anderer machen können. Der
"Ton" ist dabei überwiegend herzlich, fast freundschaftlich gehalten.
Dies bezieht sich auch auf die Haltung der Kommunikationspartner/innen
gegenüber der Forscherin und ihrem Projekt. Vor allem in der
E-Mail-Kommunikation wird von den "Zweitfrauen" eine der
Brieffreundschaft sehr ähnliche Beziehung zur Forscherin angestrebt. Die
Forscherin wird wie schon in 0 erwähnt, primär zur Kommunikationspartnerin, da
die in öffentlichen Foren mögliche Auseinandersetzung mit anderen Beiträgen
fehlt. [67]
Auch wenn das prosoziale Verhalten und die
positive Beziehung in der Kommunikation dieser Untersuchungen überwiegen, tritt
auch vereinzelt antisoziales, provozierendes, beleidigendes Verhalten auf. Die
Aggressivität entspinnt sich dabei zwischen Frauen oder Frauen und Männern,
die jeweils die polarisierenden Positionen von "Zweitfrauen" gegen
"Ex-Ehefrauen" oder "Ex-Ehefrauen" gegen
unterhaltspflichtige Männer einnehmen. Die Beleidigungen "Parasiten",
"keifende Giftspritzen", "ZICKEN einige von Euch sollte man
in ein Gatter treiben und dann müßte ein Erdrutsch kommen. JUHU", gehen
nur von Einzelpersonen aus und sind spezifisch für bestimmte
Kommunikationsräume. Das "Recht", auch extreme Meinungen in extremer
Form äußern zu dürfen, wird aus dem Recht auf allgemeine Meinungsfreiheit im
Internet abgeleitet, ohne die Regeln der Netiquette zu berücksichtigen. Hier
zeigen sich jedoch schnell die Selbstregulierungsmechanismen im Internet. Nicht
betroffene Frauen haben in der Regel versucht, durch neutrale Stellungnahmen die
Diskussion wieder zu versachlichen. Ausfallende Äußerungen wurden allgemein
getadelt. Durch die Textgebundenheit bekommt die Beziehungsebene aber insgesamt
eine explizitere Form, als dies im persönlichen Face-to-Face-Kontakt oftmals
üblich ist. Dies schließt z.B. auch die Konfrontation des Forschers mit Ironie
oder Verärgerung ein, wie sie in traditionellen Forschungssituationen
sicherlich seltener vorkommt. Neben der Frage einer sich bewusst als
"Erst-Frau" zu erkennen gebenden Foren-Teilnehmerin "Über sowas
kann man promovieren" (Anonym, 24.8.98), reagierte Saskia z.B. auf die
zeitgleich in verschiedenen öffentlichen Kommunikationsräumen gefundenen
Impulstext so:
Doris Früh
Doris, langsam nervt es. Überall deine blöde Umfrage.
Dienstag, 25.August 00:06 Uhr
Saskia (...) [68]
Unter dem Schutzmantel der Anonymität des
Internet gedeihen demnach sowohl die Offenheit, über ein sehr privates Thema im
Internet zu schreiben als auch die Bereitschaft, extreme Positionen mit
eindeutiger Aggressivität zu vertreten. Nur sehr wenige Personen posten in den
öffentlichen Kommunikationsräumen unter dem vollen Namen und ihrer
E-Mail-Adresse. In der Newsgroup de.talk.romance und dem HAUSFRAUEN-Forum ist
die Bekanntgabe der E-Mail-Anschrift technisch bzw. organisatorisch vorgegeben.
Der überwiegende Teil der Kommunikationspartner wählt jedoch den Weg, sich nur
mit einem Vornamen, wahrscheinlich einem Pseudonym, vorzustellen. So ist zwar
eine persönliche Ansprache möglich, aber der Schutz der Privatsphäre bleibt
dennoch nach außen gesichert. Nur vier von 111 Personen haben sich ganz anonym
mit Beiträgen in die Kommunikation eingeschaltet. Allerdings enthielten diese
Postings kein besonderes Aggressionspotential. Sie sind ebenso kommentierend,
rückfragend oder erzählend wie die anderen Beiträge auch. [69]
Auf meine nachträgliche Rückfrage nach
persönlichen Informationen haben sich dann einige "Onliner" persönlicher zu
erkennen gegeben und z.T. auch ihre Pseudo- / Anonymität aufgegeben:
Also, ich bin Luzie aus dem Forum. Wie du an
meiner e-mail-Adresse sehen kannst, heisse ich nicht Luzie, aber ich wollte
anonym bleiben (Luzie).

Abbildung 4: Identifikation [70]
|
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4.1.5 Organisation der CMC-Forschungskommunikation
Unter formalen Gesichtspunkten wird im Folgenden
dargestellt, wie sich die Kommunikation in den genutzten Kommunikationsräumen
im Internet strukturell organisiert. Die Beschreibung dient dazu, einen
exemplarischen Eindruck über die mögliche strukturelle Realisation
wissenschaftlich initiierter Kommunikation im Internet zu geben, aus dem für
zukünftige Projekte dieser Art strategische Hinweise hervorgehen können. Im
Hinblick auf eine differenzierte Betrachtung von CMC als Forschungsinstrument
wird nachstehend textlich und in der graphischen Darstellung Wert darauf gelegt,
die unterschiedliche Kommunikationsorganisation innerhalb der einzelnen
Kommunikationsräume zu verdeutlichen, da Umfang, Art und Verlauf der Reaktionen
sich in allen Bereichen jeweils anders gestalten. Zu berücksichtigen sind
hierbei
-
personenbezogene Aspekte: wer beteiligt sich in
welchen Kommunikationsräumen und mit welcher Intensität,
-
zeitliche Aspekte: wie gestaltet sich der
Reaktionsverlauf auf den Impulstext,
-
formale Aspekte: welche Kommunikationsformen
prägen sich online aus? [71]
Es zeigt sich, dass der Impulstext in den
öffentlichen Online-Ausgaben der Frauenzeitschriften die größte Resonanz
gefunden hat. In den Foren von BRIGITTE und FREUNDIN haben sich jeweils 48 bzw.
21 Personen beteiligt und das, wie die Zahl der Beiträge verdeutlicht, sogar in
vielen Fällen mehrfach.

Abbildung 5: Anzahl der Personen und Beiträge je
Kommunikationsraum [72]
Die herausragende Summe von 48 unterschiedlichen
Teilnehmern am Forum "Der gebrauchte Mann" ist eindeutig auf die ganz
spezielle Platzierung dieses Themas als eigenständiges Forum zurückzuführen.
Nur so konnte über einen Zeitraum von sechs Wochen ein kontinuierliches, leicht
zugängliches Kommunikationsangebot platziert werden. Im FREUNDIN-Forum, dem
HAUSFRAUEN-Forum und den Newsgroups überlagerten dagegen nach ein paar Tagen
neue Themen den Impulstext und den darauf erfolgten Thread, so dass die optische
Präsenz der Überschrift (Header) je nach Aufbau der Web-Seite oder Einstellung
des Browsers nicht mehr gewährleistet war. Doch auch für das FREUNDIN-Forum
kann die Zahl von 21 sich beteiligenden Personen mit 42 Beiträgen als
überdurchschnittlich hoch gewertet werden, da die Anzahl der Antworten (Re) auf
andere Themen meist 10-15 Reaktionen nicht überschreitet. [73]
Der Impulstext hat besonders in den Foren der
Frauenzeitschriften nicht nur die Zielgruppe "Zweitfrauen", sondern
einen weiten Kreis von Frauen und Männern angesprochen (vgl. Abbildung 6).
Besonders in diesen Kommunikationsbereichen konnte also das breite Spektrum von
direkt betroffenen sowie nicht unmittelbar betroffenen Personen und deren
Meinungen bzw. Erfahrungen aktiviert werden. Die vergleichsweise geringe Zahl
der "Zweitfrauen" im FREUNDIN-Forum erklärt sich möglicherweise aus
der Altersstruktur der Leserschaft des Print-Journals. Nach Auskunft der
Online-Redaktion liegt das Durchschnittsalter der FREUNDIN-Printleser mit ca.
Mitte bis Ende 20 Jahren etwa 10-15 Jahre unter dem Altersdurchschnitt der
BRIGITTE-Leserschaft (Telefonische Auskunft von G. KUSCHE,
Freundin-Online-Redaktion 4.3.98). Es wird von der Redaktion angenommen, dass
sich entsprechend auch das Online-Publikum in diesem Altersspektrum bewegt. Aus
dem Altersunterschied ergibt sich die Vermutung, dass die biographische
Betroffenheit der im FREUNDIN-Forum postenden Frauen in einem geringeren Maße
gegeben sein könnte.

Abbildung 6: Reaktionen pro Kommunikationsraum [74]
Das HAUSFRAUEN-Forum (HFS) zählt im allgemeinen
zu den gut frequentierten Kommunikationsbereichen, in denen viele Themen
gepostet werden und eine rege Teilnahme der "Internetler/innen" zu verzeichnen
ist. Es gibt Hinweise dafür, dass eine verhältnismäßig große Zahl von
Teilnehmer/innen den Impulstext zwar im HFS-Forum oder in der HFS-Kontaktecke
gelesen, dann aber den bilateralen Kommunikationsweg per E-Mail gewählt haben,
so wie Kareen:
hallo, doris!
ich sah dein inserat bei den hausfrauen und
würde mich gerne mit die über das thema "2. ehefrau"
auseinandersetzen. ich bin 42 jahre alt und bin seit fast 8 jahren verheiratet,
ich zum ersten und mein mann zum 2. mal (Kareen). [75]
Nicht auszuschließen ist jedoch auch, dass die
der Struktur des HFS-Forums mit der Identifikationsmöglichkeit der Personen
anhand des Mitgliederverzeichnisses einige Betroffene von einer öffentlichen
Beteiligung abgehalten hat. [76]
Sowohl das ISUV- als auch das FRAUENNETZ-Forum
waren zum Zeitpunkt der Platzierung des Impulstextes gerade erst neu
eingerichtet worden, so dass die geringe Resonanz von 2 bzw. 5 Rückmeldungen
auch auf den geringen Bekanntheitsgrad zurückgeführt werden kann. Im
ISUV-Forum posten allerdings überwiegend Männer mit rechtlichen
Scheidungsfolgenproblemen, von denen sich zwei "gebrauchte Männer"
durch den Text angesprochen fühlten. Obwohl die Arbeitsgemeinschaft
"Zweitfrauen" auch über diese Internet-Seite ansprechbar ist, hat
wider Erwarten keine betroffene "Zweitfrau" im Forum geantwortet. Im
FRAUENNETZ konnte zwar zahlenmäßig keine große Resonanz erzielt werden,
dafür gehören die Antwortenden zum Kreis der von Folgebeziehungen direkt
betroffenen Frauen. Auch das Hamburger "FrauenInternetProjekt" zählt
zu den nur wenig frequentierten Kommunikationsbereichen im Internet. Dort
entwickelte sich überhaupt kein Thread, weshalb dieser Bereich auch nicht in
die Graphiken aufgenommen wurde. Möglicherweise haben "Internetler/innen" dieser
Web-Seite direkt per E-Mail Kontakt aufgenommen. Es liegt aber diesbezüglich
keine konkrete Information vor. [77]
Die genutzten Newsgroups haben, obwohl es sich um
stark frequentierte Gruppen handelt, ebenfalls nur eine geringe Reaktion auf den
Impulstext eingebracht. Überraschend war, dass sich in der de.soc.family.misc
gar kein Thread auf den Impulstext entwickelt hat, obwohl dort auch Frauen
posten und alle nur erdenklichen Themen aus dem familialen Leben diskutiert
werden. Auch ein zweites Posting Ende August ergab keine Diskussion in der
Newsgroup, möglicherweise aber Kontakte per E-Mail. In de.talk.romance zeigt
sich, dass die Nutzerklientel der Newsgroups sich heute doch noch vornehmlich
aus dem wissenschaftlich-universitären Umfeld, meist naturwissenschaftlicher
Fachbereiche, rekrutiert. Damit ist BATINIC Recht zu geben, dass
Otto-Normal-Verbraucher dieses Medium bislang kaum nutzt (BATINIC, BOSNJAK &
BREITER 1997, S.212). Allerdings zeigen die dort erhaltenen Antworten auch, dass
MACZEWSKI mit seinem Urteil über den Unterhaltungs- versus Erkenntniswert der
Beiträge in den News ebenfalls nicht Unrecht hat (MACZEWSKI 1996, S.76), da die
inhaltliche Auseinandersetzung der Newsgroup-Leser mit dem Impulstext eher
oberflächlichen Charakter zu haben scheint. [78]
Die bilateralen E-Mail-Kontakte haben 18
"Zweitfrauen" und 6 "Secondhand-Männer" genutzt, um über
ihre Beziehungserfahrungen zu kommunizieren. Sie haben den Impulstext in den
unterschiedlichen Kommunikationsräumen gesehen und den direkten Kontakt einem
öffentlichen Austausch vorgezogen. Entscheidend für die Kontakthäufigkeit war
die Bereitschaft der Forscherin, sich auf einen kontinuierlichen, persönlichen
Dialog einzulassen und sich auch selbst mit eigenen Erfahrungen einzubringen
(vgl. 0). In den Fällen, in denen so verfahren wurde, entwickelte sich ein
intensiver Kontakt, der sich allerdings sehr zeitaufwendig gestaltete. So hielt
der Kontakt zu Nina fast 1½ Jahre an und summierte sich auf weit über 100
E-Mails, von denen ca. 70 themenspezifisch ausgewertet werden konnten. Nina nahm
kurz nach Beginn ihrer "Zweitfrauen-Beziehung" Kontakt zu mir auf und
beschrieb regelmäßig die Entwicklung dieser Beziehung mit all ihren jeweils
positiven und negativen Aspekten. Der Kontakt endete, als Nina in
Mutterschaftsurlaub ging und dadurch keine E-Mail-Verbindung mehr gehalten
werden konnte. Methodisch zeichnet sich aus dem intensiven, kontinuierlichen
Kontakt die Möglichkeit einer Einzelfallanalyse auf Basis von bilateraler
Online-Kommunikation ab, die im Rahmen dieser Untersuchung in die thematische
Auswertung mit einbezogen wird. [79]
Neben dem Verhältnis von Personenzahl zu
Beiträgen (vgl. Abbildung 5) und der Zahl der Kontakte pro Kommunikationsraum
(vgl. Abbildung 6) kann eine Aussage über die Beitragsfrequenz als
Beschreibungskriterium der computervermittelten Forschungskommunikation
herangezogen werden (vgl. Abbildung 7). [80]
Die Kontakte mit 111 verschiedenen Personen
ergaben insgesamt 257 Textbeiträge. In allen Online-Bereichen gab es ein oder
zwei Personen, die sich überdurchschnittlich oft zu Wort gemeldet haben. Im
BRIGITTE-Forum waren dies zum Beispiel Luzie mit 12 Beiträgen im Forum und 4
direkten Mails an mich sowie Sewi mit 10 Foren-Kontakten. In der Newsgroup
dominierte Tobias zahlenmäßig die Kontakte, und im HFS-Forum waren es Leopold
und Kordula, die mit 4 bzw. 3 von insgesamt 10 Beiträgen den Gesprächsverlauf
prägten. [81]
Auch wenn die Gesamtauswertung der
Beitragsfrequenzen pro Teilnehmer/in zeigt, dass 2/3 der auf den Impulstext
antwortenden Frauen und Männer nur ein- oder zweimal einen Beitrag leisten,
wird deutlich, dass sich auch "Schwätzer" oder
"Viel-Poster" unter den Kommunikationspartnern befinden. Ihr Einfluss
auf die Forschungskommunikation ist jedoch nur durch eine genaue Analyse des
Interaktionsgeschehens und der inhaltlichen Aussagekraft der Beiträge
abzuschätzen.

Abbildung 7: Verhältnis von Beitragsfrequenz zu Personen [82]
Während in stark frequentierten
Kommunikationsräumen Personen mit einer hohen Beitragsfrequenz u.U. gar nicht
auffallen oder deren Position durch Regulationsmechanismen der anderen
Teilnehmer/innen mitbestimmt wird, können diese in geringer besuchten Foren
Inhalt und Stil der Kommunikation dominieren (z.B. Polemik, Aggression,
Blödelei) und andere potentielle Teilnehmer/innen von eigenen Beiträgen
abhalten. In diesen Fällen steht die Rolle des Forschenden wieder zur
Diskussion und die damit verbundene Frage nach seinen Mitteln, möglicherweise
regulierend in das Geschehen einzugreifen, wird akut: Welche Maßnahmen sind im
Sinne wissenschaftlicher Online-Erhebung notwendig und gleichzeitig im Rahmen
des Freiheitsspielraums der Forschungspartner legitim? [83]
Auch wenn durch die Aufhebung der örtlichen
Präsenz bei CMC der in den kommunikationstheoretischen Modellen wiederholt
vermutete Abbau sozialer Unterschiede nicht ausgeschlossen werden kann, können
bei CMC kommunikativ-technische Kompetenzen möglicherweise eine Bedeutung
erlangen, deren Auswirkungen für die qualitative Online-Forschung noch
ermittelt werden müssen. [84]
Zeitliche Aspekte der Kommunikationsorganisation
von computervermittelter Forschungskommunikation zeigen, dass die Reaktionen
auf den Impulstext deutlich von der Gestaltung der Kommunikationsräume und der
darin umsetzbaren optischen Platzierung des Impulstextes abhängen. In den
öffentlichen Kommunikationsräumen erfolgen die Reaktionen meist als kurze,
mehr oder weniger heftige "Stoßwelle" in den ersten Tagen nach der
Veröffentlichung des Textes. Bei Antworten als Reaktion auf die
Veröffentlichung an einem "Schwarzen Brett" oder bei gesonderter
Platzierung als separates Themenforum ist die Rückmeldefrequenz länger
andauernd. Allerdings scheint nach maximal vier Wochen das Stammpublikum der
Web-Seiten in den öffentlichen Kommunikationsräumen erreicht worden zu sein.
Nach diesem Zeitraum sind auch im BRIGITTE-Forum nur noch sporadisch
Rückmeldungen eingegangen, aus denen sich keine Diskussion mehr entwickelte.
Als Reaktion auf das Posting an Schwarzen Brettern kamen auch noch nach Monaten
vereinzelte Rückmeldungen. [85]
Das Auftreten von "Aktivisten" und die
stoßwellenförmige Beteiligungsquote erfordern eine neue Form der Präsenz des
Forschers im Forschungsprozess, die von seiner körperlichen Anwesenheit
losgelöst ist. Mehrfach tägliche Beobachtung der Interaktion in den
Kommunikationsräumen und kontinuierliches Abrufen der aufgelaufenen E-Mails
erscheint aus zwei Überlegungen heraus unvermeidlich. Zum einen, weil der
Forscher wie beschrieben als Kommunikationspartner gefordert wird, zum anderen,
weil teilweise ein schnelles regulierendes Eingreifen bei Missverständnissen
oder Abgleiten der Diskussion dann als notwendig erachtet wird, wenn die
Selbstregulierungsmechanismen im Netz nicht greifen. Ansonsten kann die
Kommunikation ausufern, auf andere Themen übergehen oder einfach schnell im
Sande verlaufen. [86]
Mit Blick auf die Organisation der einzelnen
Beiträge zeigen sich zwei Kommunikationsmuster, die beide für die
traditionellen qualitativen Datenerhebungsmethoden von Bedeutung sind. In den
Beiträgen der öffentlichen Foren findet sich das diskursive
Kommunikationsmuster, bei dem die Postings anderer Teilnehmer zur
Reflexionsfolie oder auch zum "Wetzstein" der eigenen Meinung werden
(REICHERTZ 1996, S.87). Das argumentativ-diskursive Kommunikationsmuster findet
sich dort, wo die Online-Kommunizierenden persönliche Positionen vertreten,
polarisierende Standpunkte darlegen oder sich auf der Metaebene über den
Kommunikationsstil oder die Kommunikationsbeziehungen austauschen. Sowohl die
"Zweitfrauen" als auch alle anderen Teilnehmer/innen verwenden das
argumentativ-diskursive Muster. Es sind durchweg dialogisch ausgerichtete Texte,
die häufig mit einer einleitenden, personenbezogenen Ansprache "An
..." oder "Hallo ..." beginnen und in denen konkrete Bezüge zu
vorangegangenen Beiträgen hergestellt werden. Die zeitliche Aufeinanderfolge
der Beiträge ist in vielen Fällen sehr dicht, sodass sich die Form der
Asynchronität der Online-Kommunikation manchmal auf eine sehr kurze zeitliche
Verschiebung der Folge von Aktion und Reaktion beschränkt. Die Kommunikation
gewinnt dann fast schon den Charakter eines Gesprächs, bei dem die Beteiligten
beide relativ kontinuierlich online geschaltet sein müssen, um so schnell
aufeinander reagieren zu können. [87]
Das narrative Muster, bei dem die subjektiven
Wahrheiten in den Relevanzstrukturen der Betroffenen erzählend rekonstruiert
werden, sind vor allem in den Beiträgen der "Zweitfrauen" zu finden
und das sowohl in den zum Teil sehr ausführlichen Foren-Antworten als auch
überwiegend in den E-Mail-Kontakten. Narrative Strukturen gleichen in Wortwahl
und Satzkonstruktion dem traditionellen Charakter schriftlicher Texte: Die Zahl
der Tippfehler ist gering, die Sätze sind ausformuliert, und Anrede und Schluss
gleichen den Konventionen eines Briefes. Nicht immer ist das narrative
Kommunikationsmuster dialogisch ausgerichtet, also unter Bezugnahme auf eine
andere Person oder einen anderen Beitrag geschrieben. Es finden sich auch
Berichte subjektiver Erfahrungen, die eher | |