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Volume 1, No. 3 Dezember 2000
Der Gebrauch einer Textdatenbank im Auswertungsprozess problemzentrierter Interviews
Thomas Kühn & Andreas Witzel
Zusammenfassung: Anhand mehrerer Beispiele aus unserem
Forschungsprojekt "Statuspassagen in die Erwerbstätigkeit",
das sich mit der Biographiegestaltung und typischen
Verlaufsformen des Übergangs junger Erwachsener aus der
Ausbildung in die Erwerbstätigkeit beschäftigt, wird
der Gebrauch einer Textdatenbank im Auswertungsprozess
problemzentrierter Interviews diskutiert. Zunächst wird dazu
die im Projekt erstellte "Datenbank biographischer Interviews
junger Erwachsener" (DABIE) in ihrem Aufbau vorgestellt. Sie
basiert auf einem thematisch und zeitlich differenzierenden
Kategoriensystem, und in ihr werden berufs- sowie
familienbiographische Orientierungen und Handlungen erfasst. Im
Anschluss an die einführende Erläuterung werden
verschiedene Formen des Einbezugs der Datenbank in den
qualitativen Auswertungsprozess vorgestellt. Die Art und Weise,
wie bestimmte Fälle und Kategorien der Datenbank
ausgewählt und in die Analysen einbezogen werden, hängt
vom Erkenntnisziel und der Komplexität der Fragestellung ab.
In unseren Beispielen veranschaulichen wir, dass der Gebrauch
einer Datenbank eine wichtige Unterstützungsmöglichkeit
für die Auswertung qualitativer Interviews darstellt, indem
ein thematisch gesteuerter Zugriff erleichtert und dadurch
insbesondere die Handhabung großer Textdatenmengen
ermöglicht wird.
Keywords: Auswertung, Textdatenbank,
problemzentrierte Interviews, prospektive
Längsschnittstudie, junge Erwachsene,
Biographiegestaltung
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1.1 |
Kennzeichen des problemzentrierten
Interviews und Ableitungen für die Auswertung |
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1.2 |
Forschungsdesign und Ableitungen
für die Auswertung |
2. |
Grundprinzipien und Vorteile des
Gebrauchs einer Textdatenbank im Auswertungsprozess problemzentrierter Interviews
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3. |
Vorstellung des Kategoriensystems |
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3.1 |
Die Erstellung eines Kategoriensystems |
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3.2 |
Aufbau des Kategoriensystems |
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3.3 |
Durchführung und Organisation des
Kodierprozesses |
4. |
Exemplarische Veranschaulichung von
Anwendungsmöglichkeiten der Textdatenbank |
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4.1 |
Die Technik der Datenbanknutzung:
Auswertungsdateien als Resultate und Zugriffsmittel |
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4.2 |
Die Nutzung der Textdatenbank in
Abhängigkeit von der Art und Komplexität des Erkenntniszieles |
5. |
Der Einsatz der Textdatenbank im
qualitativen Auswertungsprozess |
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In diesem Artikel berichten über den Aufbau einer
Textdatenbank und über Erfahrungen mit deren Anwendung im
Auswertungsprozess qualitativer Interviews. [1]
Das dieser Datenbank zugrundeliegende Textmaterial stammt aus
dem Projekt "Statuspassagen in die Erwerbstätigkeit" des
Sonderforschungsbereiches 186 der Universität Bremen, in dem
mit quantitativen und qualitativen Verfahren Berufsbiographien
und -verläufe sowie familienbezogene Statuspassagen einer
Kohorte von Absolventinnen und Absolventen einer dualen
Berufsausbildung untersucht werden.1) Aus der Grundgesamtheit des
quantitativen Panels wurde eine theoretisch begründete
Auswahl von Befragten getroffen, mit denen in drei Wellen im
Abstand von jeweils ca. drei Jahren problemzentrierte Interviews
mit dem Fokus auf den individuellen Biographien, d.h. auf den
Orientierungen und Handlungsstrategien von Akteuren
durchgeführt wurden (n=91 über alle drei Wellen).
Dieses umfangreiche Datenmaterial auszuwerten und für
Re-Analysen zugänglich zu machen, erfordert den Aufbau einer
Textdatenbank. [2]
Die Beschaffenheit der Textdaten und damit auch die besonderen
Erfordernisse des Zugriffs auf Textsequenzen hängt von der
Methodik des gewählten Interviewverfahrens ab. Daher werden
wir zunächst auf die Besonderheiten des problemzentrierten
Interviews (PZI ) (vgl. WITZEL 1982, 1989, 1996, 2000a) eingehen,
die zusammen mit der Komplexität des Forschungsvorhabens
begründen, weshalb es notwendig ist, nicht einfach nur
vollständige Transkriptionen in eine Datenbank aufzunehmen.
Vielmehr soll darüber hinausgehend der Bedarf nach einer
Entwicklung von differenzierten Strategien für einen
systematischen und strukturierten Zugang zu Textsequenzen
deutlich werden, wie wir im folgenden erläutern werden.
[3]
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Kennzeichen des problemzentrierten
Interviews und Ableitungen für die Auswertung
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Die Spezifik des PZI besteht darin, dass einerseits durch den
Leitfaden zentrale Interviewthemen fallübergreifend
vorgegeben sind, für deren Bearbeitung die Befragten
andererseits weitgehende Gestaltungsfreiheit haben. Der
Interviewer, der idealiter zugleich der Wissenschaftler selbst
ist, führt den Befragten in die in Frage stehenden Themen
ein und zentriert den weiteren Verlauf des Gespräch durch
seine Nachfragen auf eine Art selbstorganisierten
Verständigungsprozess. Dabei soll die subjektive Sicht der
Problemstellung durch weitgehende Offenheit bezüglich der
Reihenfolge und Kontextualisierung der Themen im Interviewverlauf
angeregt werden. "Blinde Flecken" im Verständigungsprozess
sollen dadurch verhindert werden, dass die Befragten ihre eigenen
Relevanzsetzungen ausbreiten sowie Unterstellungen und
Missverständnisse in den Fragen der Interviewer korrigieren
können. Es gibt also kein starres, festes Ablaufschema der
Fragen, statt dessen soll in einer möglichst
natürlichen Umgebungssituation ein Gespräch je nach
Interesse und sprachlicher Kompetenz der Befragten eher narrativ
oder dialogisch geführt werden, in dem sich der Interviewer
in seinem Frageverhalten am Gedankengang und "roten Faden" des
Befragten orientiert. Diese Offenheit hat nunmehr
Konsequenzen für die Beschaffenheit des Textmaterials, das
durch die vollständige Transkription der Kassettenaufnahmen
von den Interviews entsteht. Spezifische
Forschungsfragestellungen sind häufig über den ganzen
Text verstreut, weil die weitgehende Gestaltungshoheit der
Befragten aber auch die prozessuale "Vorinterpretation" der
Explikationen der Befragten durch den Interviewer dazu
führt, dass ein Thema im Verlauf des Gesprächs nicht
nur ein einziges Mal angesprochen wird, sondern der Befragte sich
in mehrfachen Schleifen aus verschiedenen Blickwinkeln zum selben
Thema äußert. [4]
Diese kommunikative Eigenart hat mehrere Gründe. Zum
einen sind Themen miteinander verknüpft. Beispielsweise kann
ein Interviewpartner seine weiteren beruflichen
Zukunftsperspektiven etwa in einen Zusammenhang mit der
Erörterung seiner Einkommenssituation und mit
Handlungsspielräumen in der Arbeit bringen, und dann auch
mit seiner Familienplanung verbinden. Zum anderen wird durch das
Interview das Gedächtnis stimuliert, es werden
Reflexionsprozesse in Gang gesetzt, die dazu führen, dass
Themen immer besser erinnert werden, und insbesondere Konflikte
und Ambivalenzen sich zunehmend verdeutlichen und daher nochmals
in einem späteren Stadium des Interviews auf den Punkt
gebracht werden können. Zuletzt trägt auch der
Interviewer mit seinen Frageideen dazu bei, bereits
thematisierten Fragen neue Gesichtspunkte und Zusammenhänge
hinzuzufügen. Weil er schon während der Befragung an
der Interpretation der subjektiven Sichtweise der befragten
Individuen arbeitet, spitzt er die Kommunikation immer
präziser auf das Forschungsproblem zu und greift daher
häufig selbst auf bereits angesprochene Thematiken
zurück. [5]
Die Offenheit während der Erhebung erschwert den
Auswertungsprozess insofern, als der Zugriff auf alle Aussagen zu
einem Fragenkomplex des Leitfadens nicht unmittelbar möglich
ist, wie es beispielsweise bei einer festen Fragereihenfolge der
Fall wäre. Statt dessen müssen im Analyseprozess die
über das gesamte Interview verteilten Aussagen zu einem
bestimmten Thema gebündelt werden. [6]
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Forschungsdesign und Ableitungen
für die Auswertung
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Der Umfang und die Komplexität des Forschungsdesigns, wie
sie für unser Projekt gegeben sind, steigern den Bedarf nach
einer Systematisierung und Strukturierung des Interviewmaterials
für den Auswertungsprozess noch erheblich. Entsprechende
methodische Herausforderungen entstehen zunächst durch eine
unübersichtlich große Materialfülle, die unsere,
relativ zu üblichen qualitativen Untersuchungen sehr
große Stichprobe von insgesamt über 300 nach
den Kategorien Ausbildungsberuf, Geschlecht und Region
differenzierten Interviews mit einem Gesamtumfang von mehr als
770.000 Textzeilen mit sich bringt. Wie groß die Datenmenge
ist, wird weiterhin daran deutlich, wenn man berücksichtigt,
dass ein Interview im Durchschnitt eineinhalb Stunden dauert.
[7]
Darüber hinaus führt das
Längsschnittdesign dazu, dass die Explikationen der
Befragten zu einem Themenbereich sich nicht nur über ein
Interview, sondern über mehrere zu verschiedenen Zeitpunkten
geführte Befragungswellen verteilen. Eine Analyse dieser
thematischen Bezüge zu verschiedenen Interviewzeitpunkten,
d.h. der möglichst systematische einfache Zugriff auf
thematisch über drei Wellen verteilte und inter- sowie
intraindividuell zu vergleichende Textsequenzen ist deshalb so
wichtig, weil unsere Lebenslaufanalyse sich sowohl für
Ambivalenzen als auch für Wandel oder Konstanz von
Orientierungen und Handlungen interessiert. [8]
Auch die Komplexität des in unserem Projekt im
Mittelpunkt stehenden Forschungsanliegens, das Bezüge zu
verschieden soziologischen und psychologischen Teilgebieten
aufweist (vgl. KÜHN & WITZEL 2000), verlangt nach einer
computergestützten Datenverwaltung, um der thematischen
Vielfältigkeit der Auswertungsmöglichkeiten von
biographischen Texten, wie sie in den Anwendungsbeispielen
für die Textdatenbank (vgl. Abschnitt 4) zum Ausdruck
kommen, gerecht zu werden. Das bedeutet, dass je nach
Erkenntnisfortschritt des Projektes oder zur Untersuchung
thematisch spezifischer Einzelaspekte von Orientierungen und
Handlungen im Lebenslauf immer wieder auf Originaltextstellen
zurückgegriffen werden muss. [9]
Dieser Bedarf ergibt sich auch aufgrund der Anforderungen
stufenförmiger Auswertungs- und Validierungsprozesse. Lehnt
man sich bei der Auswertung qualitativer Interviews an
Verfahrensregeln der Grounded Theory (STRAUSS 1991, STRAUSS &
CORBIN 1996) an, so müssen in verschiedenen Phasen des
Analyseprozesses immer wieder bereits gesichtete
Interviewpassagen unter dem sich mit dem theoretischen
Erkenntnisgewinn verändernden Blickwinkel aufs Neue
betrachtet und re-analysiert werden. Die Validierung am
Text dient der Überprüfung, Erhärtung,
Modifikation oder dem Verwerfen der verschiedenen
Deutungshypothesen. Im Idealfall geschieht sie diskursiv im
Forschungsteam, indem die Sichtweisen der verschiedenen Auswerter
diskutiert werden, um zum einen bislang nicht explizierte
theoretische Vorannahmen der Diskussion zugänglich zu machen
und zum anderen eine möglichst umfassende Spannbreite
möglicher Lesarten zu erfassen. Für die
Auseinandersetzung im Forschungsteam ist es erforderlich, dass
ein schneller Rückgriff auf Originaltextstellen und die
Erfassung des Kontextes von Zitaten möglich ist. Mit ihm
können mögliche Interpretationshypothesen auf ihre
Stimmigkeit geprüft werden, indem im Textmaterial nach
empirischer Evidenz bzw. Gegenevidenz gesucht wird. [10]
Aus diesen zahlreichen Gründen erschien es für
unsere weitere Forschungsarbeit nicht nur förderlich,
sondern zwingend notwendig, ein Textdatenbanksystem einzurichten,
das nicht einfach nur alle Interviewtexte enthält, sondern
auch eine Systematik, die flexible und komplexe
Zugriffsmöglichkeiten auf die umfangreichen Interviewtexte
eröffnet. Die thematische und zeitliche Bündelung der
vollständig transkribierten Interviewtexte ist durch die
"Kodierung" der Interviews möglich, das heißt durch
die Zuordnung bzw. Indizierung des ganzen Interviewtextes zu
Kategorien, die als Sammelcontainer dienen. Die einzelnen
Kategorien sind in ein Kategoriensystem (vgl. Abschnitt 3)
eingebettet, das die Grundlage für die Kodierung aller
Interviews und damit den Aufbau der Datenbank
biographischer Interviews junger Erwachsener
(DABIE) bildet. Mit der Hilfe eines Personalcomputers und einer
speziellen Datenbankverwaltungssoftware kann in der Folge ein
schneller thematischer Zugriff auf Interviewtextsequenzen
realisiert werden. [12]
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Grundprinzipien und Vorteile des Gebrauchs
einer Textdatenbank im Auswertungsprozess problemzentrierter
Interviews
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Betrachtet man die Möglichkeiten des Einsatzes einer
Datenbank im Auswertungsprozess qualitativer Interviews, ist auf
eine grundlegende Begrenzung hinzuweisen: Auch mit modernen
Softwareprogrammen ist es nicht der Computer, der die
Auswertungen vornimmt. Die Interpretation von Daten bleibt viel
mehr nach wie vor die Aufgabe des forschenden Menschen, da es
sich beim Verstehen von Texten nicht um mechanische,
algorithmische Prozesse handelt (vgl. auch KELLE 1995,
S.3)2). Der Computer bietet aber eine
große Unterstützung bei der für die qualitative
Sozialforschung notwendigen Verwaltung, (Neu-) Ordnung und
Strukturierung von Textmaterial. Im Rahmen qualitativer Forschung
geht es darum, Ähnlichkeiten, Unterschiede und Verbindungen
zwischen den Inhalten in verschiedenen Textpassagen zu finden. Um
dies zu leisten, muss der Forscher ein organisierendes Schema
entwickeln, wie es ein Kategoriensystem darstellt, das als ein
thematisch begründetes Gefüge von Sammelbegriffen
("Kategorien") aufgefasst werden kann. Ein solches
Kategoriensystem bildet nicht den "Endpunkt" von Begriffs- und
Theoriebildung, sondern stellt eine Hilfe für weitere
thematisch verschiedene Auswertungen dar, wie in den folgenden
Abschnitten näher erläutert werden wird. [13]
Ausgangspunkt für die Auswertungen
sind Interviewtranskripte. Nachdem ein Textdokument (z.B. ein
Interview) in das Anwendungsprogramm3) eingelesen worden ist, wird es von diesem mit Zeilennummern
versehen. Der Kodierende entscheidet dabei, "wie viel Text eine
relevante und in sich verständliche
'Bedeutungseinheit' ('meaning unit')
ausmacht" (TESCH 1992, S.46). In unserem Projekt bildet eine
Textzeile die kleinstmögliche Kodiereinheit.

Abb. 1: Beispiel für den Aufbau eines in das Datenbankverwaltungsprogramm eingelesenen Textdokumentes (am Beispiel des Dokumentes "Rieke") [14]
Die so in die Textdatenbank eingespeisten transkribierten
Interviews bilden die Datenbasis für die Kodierung mit Hilfe
eines Kategoriensystems, das auch als Index-System bezeichnet
werden kann.

Abb. 2: Ausschnitthafte Verdeutlichung des Aufbau eines Index
Systems in einer Textdatenbank [15]
Jede Kategorie besitzt eine Kennziffer. Die Kategorie
Einkommen hat im Beispiel die Kennziffer 5/2. Diese Ziffer gibt
Auskunft über die Stellung der einzelnen Kategorie im
System. Beispielsweise gehören die Kategorien
"Arbeitsinhalt", "Einkommen", "Betrieb" zum Themengebiet "Arbeit
und Beruf", die Kategorien "Herkunftsfamilie" und "PartnerIn" zum
Themengebiet "Familie und Partnerschaft". Im Rahmen des Kodierens
werden einzelne Textstellen des jeweiligen Interviews einer
Kategorie zugeordnet. [16]
Diese Zuordnung erfolgt über die Kategorienkennziffer und
die kodierten Zeilennummern des jeweiligen Dokuments. Im
aufgeführten Beispiel (Abb. 3) wurden unter der Kategorie
5/2 die Zeilen 18-25 des Interviews "Jill" erfasst.

Abb. 3: Beispiel für die Zuordnung einer Textstelle zu
einer Kategorie [17]
Eine Kategorie erfüllt somit die Funktion eines
"Containers" (RICHARDS & RICHARDS 1995, S.82): sie sammelt
Textstellen. Diese Sammlung in verschiedenen nach inhaltlichen
Aspekten geordneten Containern hilft bei der Auswertung und
Theoriebildung, da der Forscher schnell auf Textstellen aus einem
Container zurückgreifen und diese darüber hinaus auch
mit Textpassagen aus anderen Containern verbinden kann (vgl. auch
MILES & HUBERMAN 1994, S.57, PREIN 1996, S.96). [18]
Was hat man nun mit der Erstellung dieses
überdimensionalen "Karteikastens" gewonnen? Alle gesammelten
Äußerungen zu einer Kategorie (oder auch zu mehreren)
lassen sich "auf einen Blick" betrachten, ohne dass man stets
aufs Neue danach im Interview suchen muss. Dies stellt einen
großen Vorteil für die Auswertung relativ langer und
eher unstrukturierter Texte wie z.B. problemzentrierter
Interviews dar. Dieser Vorteil wiegt um so schwerer, je mehr
Textdokumente in die Analyse einbezogen werden. Aufgrund der
hohen Speicherfähigkeit von Computern und des schnellen
Datenzugriffes lässt sich ein kategorienbezogener Vergleich
verschiedener Interviews in Sekundenschnelle durchführen,
wenn die betreffenden Interviews vorher kodiert worden sind. In
der Form eines sogenannten "Retrievals" lassen sich die
Ergebnisse der Suche gesammelt betrachten: mit einem einzigen
Retrieval können Informationen zu mehreren Fällen und
mehreren Kategorien ausgegeben werden (vgl. z.B. KELLE 1995,
PREIN 1996).4)

Abb. 4: Ausschnitthaftes Beispiel für ein einfaches
fallübergreifendes, kategorienbezogenes Retrieval: Kategorie
5/2 "Einkommen" [19]
Die Zuordnung der Textstellen zu einer Kategorie wie die
Erstellung eines Retrievals geschieht mit Hilfe eines
Anwenderprogramms, z.B. NUD.IST. Ohne den Einsatz eines
Computers würde eine sich auf Kategoriebildung
stützende Auswertung sehr viel mehr Probleme bereiten.
Selbst wenn die verschiedenen Interviewtranskripte bereits mit
einem Farbstift übersichtlich nach Kategorien am Rand
markiert wären, müsste man für die Auswertung
zunächst alle Transkripte heraussuchen und sähe sich im
Anschluss daran einem großen und unübersichtlichen
Stapel von Seiten gegenüber. Würde man alle
betreffenden Textpassagen ausschneiden und nebeneinander legen
(ein solches Verfahren wird als "Cut and paste"-Verfahren
bezeichnet), hätte man nach vielen Stunden bzw. Tagen Arbeit
das gleiche Ergebnis, das man mit Hilfe des Computers durch eine
einzige Eingabe herbeiführen kann. Der Computer bietet
außerdem die Möglichkeit, bei Bedarf eine Textstelle
jederzeit im Gesamtzusammenhang des Interviews zu betrachten, was
bei einem manuell ausgeschnittenem Absatz wesentlich schwieriger
wäre (vgl. auch PREIN 1996, S.98f., KLUGE 1999, S.186).
[20]
Sehr vorteilhaft bei der
computerunterstützten Auswertung ist außerdem die
Vielfalt an logischen Verknüpfungsmöglichkeiten sowohl
von Kategorien als auch von Textdokumenten. Anwendungsprogramme
stellen verschiedene Verknüpfungsbefehle (wie "und",
"oder" etc.) zur Verfügung, so dass ein gezielter Zugriff
auf Textstellen nicht nur über einen Kode sondern über
die Kombination mehrerer Kodes erfolgen kann. Diese Kodes kann
man zum einen fallorientiert zu intrapersonalen oder
"horizontalen" Retrievals (KUCKARTZ 1988, S.192) verknüpfen, um etwa über Paraphrasierungen und
Verdichtungen komprimierte Fallanalysen zu erstellen. Zum anderen
ermöglicht die Anwendung von Kodekombinationen auch
interpersonale oder
"vertikale" Retrievals (ebenda)5). Beispielsweise können in die Analysen nur die Interviews
einer bestimmten Berufsgruppe, einer bestimmten Genusgruppe bzw.
einer bestimmten Region einbezogen werden. Eine
kategorienbezogene Auswahl von Textstellen könnte
beispielsweise darin liegen, dass genau die Passagen unter
Nutzung des Anwenderprogramms identifiziert werden, in denen die
selektierten Befragten Karrieremöglichkeiten mit
Vorstellungen zur Familiengründung verbinden. [21]
Die folgende Abbildung fasst noch einmal die an der
computerunterstützten Auswertung beteiligten Komponenten
zusammen.

Abb. 5: Komponenten computerunterstützter Auswertung
[22]
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Vorstellung des Kategoriensystems
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In diesem Abschnitt beschäftigen wir uns anhand unserer
Erfahrungen zunächst mit dem Prozess der Erstellung eines
Kategoriensystems als organisierendem Schema für den
Kodierprozess (Abschnitt 3.1), ehe wir das von uns erstellte
Kategoriensystem in seinem Aufbau vorstellen (Abschnitt 3.2).
Abschließend reflektieren wir unsere Erfahrungen mit der
Durchführung und Organisation des Kodierprozesses (Abschnitt
3.3). [23]
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Die Erstellung eines Kategoriensystems
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Bevor die Interviews kodiert werden können und somit der
Aufbau der Textdatenbank erfolgt, muss ein Index System
entwickelt werden. Dies sollte anhand der Interviewleitfäden
und der exemplarischen Analyse einiger Interviews erfolgen (vgl.
KÜHN 1996, KELLE & KLUGE 1999, S.54ff.).6) [24]
Zunächst empfiehlt es sich, eine sogenannte
Startliste zu erstellen, die als ein erstes, provisorisches
Kategoriensystem mit vielen Kodes in loser Ordnung zu begreifen
ist. Damit wird ein Vorschlag von MILES und HUBERMAN (1994, S.58)
aufgegriffen:
One method of creating codesthe one we preferis
that of creating a provisional 'start list' of codes
prior to fieldwork. That list comes from the conceptual
framework, list of research questions, hypotheses, problem areas,
and/or key variables that the researcher brings to the study.
[25]
Im Rahmen einer solchen Startliste werden Vorannahmen und
Vorwissen ausgedrückt, eigenes Kontextwissen eingebracht und
für weitere Analysen nutzbar gemacht. Die Startliste
orientiert sich an in den Interviewleitfäden enthaltenen
Themen und an den leitenden Forschungsfragestellungen des
Projekts. [26]
Diese Startliste dient einem ersten Probekodieren, das
zur Prüfung der Tragfähigkeit dieses ersten
provisorischen Kategoriensystems und damit letztendlich zu dessen Verbesserung dienen soll. Dafür sollten zunächst einige exemplarisch ausgewählte Interviews aus verschiedenen Kontexten Zeile für Zeile kodiert werden, das heißt, die einzelnen Textsequenzen den Kategorien zugeordnet werden.
Andererseits geht es im Sinne der Grounded Theory
nicht nur um die Zuordnung zu bereits bestehenden Kategorien,
sondern angeregt durch das Datenmaterial eher um die
Veränderung bereits bestehender und Entwicklung neuer
Kategorien. Das Ziel besteht darin, "Daten analytisch
aufzubrechen oder zu knacken" (STRAUSS 1991, S.59), um auf Daten
gegründete Konzepte entwickeln zu können. Kategorien
werden dabei gebildet, indem die Daten auf Ähnlichkeiten und
Unterschiede hin verglichen werden. Kategorien sollten zum einen
zentrale Thematiken des Interviews erfassen und zum anderen
möglichst klar definiert sein, um eine schnelle Zuordnung
ohne einen langwierigen Interpretationsprozess zu
ermöglichen. [27]
Qualitätsprüfung der Kategorien
Die zu erstellenden Kategorien als thematische Sammelcontainer
müssen während dieses Prozesses wiederholt auf ihre
Qualität geprüft werden:
a) Ist die Kategorie hilfreich dabei, eine zentrale
Thematik des Interviews zu erfassen? Lassen sich aus den
kodierten Inhalten unterschiedliche Umgangs- oder
Interpretationsweisen ableiten? Dies ist vor dem Hintergrund
zu betrachten, dass das Kategoriensystem möglichst
übersichtlich bleiben und daher eine Beschränkung auf
für die Untersuchung der Forschungsfragestellung(en)
zentralen Themen erfolgen sollte. Gleichzeitig sollten Kodes
derart konstruiert sein, dass die durch sie erfassten Inhalte zu
einem differenzierten Bild des Untersuchungsgegenstandes
beitragen. Nach der Probekodierung der ersten Interviews sollte
daher in einer Art ersten "Dimensionalisierung" geprüft
werden, welche unterschiedlichen Inhalte zu einer Kategorie
deutlich werden, also z.B. bei der Kategorie "Einkommen":
"Einkommen als Grundlage für Familiengründung",
"Einkommen zur Gewährleistung eigener Unabhängigkeit",
"Einkommen zur Befriedigung kostspieliger Freizeitinteressen"
etc. [28]
b) Ist die Kategorie klar definiert? Ist eine Zuordnung der
Textstellen ohne langwierige Interpretation möglich? Wir
betrachten das Kategoriensystem als eine Hilfestellung zur
Verwaltung der Daten, nicht jedoch als Endpunkt qualitativer
Forschung. Dementsprechend bevorzugen wir eher deskriptive und
theoriearme Kategorienbezeichnungen. Diese ermöglichen in
späteren Auswertungsprozessen die theoriegeleitete
vielfältige Umstrukturierung der Daten und beschränken
den Forschungsprozess nicht vorschnell auf wenige theoretische
Begriffe. Eine klare, deskriptive Definition der
Kategorien erhöht zudem die Nachvollziehbarkeit und
Reliabilität der Kodierungen, die in der Regel im Team
mehrerer Mitarbeiter und studentischer Hilfskräfte erfolgen.
[29]
c) Sind die einzelnen Kategorien voneinander ausreichend
trennscharf definiert? Wird eine handhabbare Textmenge
erfasst? Um das System übersichtlich zu halten, ist es
notwendig, dass die Kategorien Themenbereiche in ausreichendem
Maße abdecken, so dass es nicht zu unnötig vielen
Überschneidungen im Definitionsbereich kommt. Ein zu
großes und fein-verästeltes Kategoriensystem birgt bei
der Kodierung die Gefahr, dass einzelne Kategorien bei der
Zuordnung von Textstellen einfach "vergessen" werden. [30]
Zuordnungen von Textstellen zu mehreren Kategorien sollen
allerdings generell nicht ausgeschlossen werden, im Gegenteil ist
dies vielfach sinnvoll. Solche Zuordnungen müssen jedoch
inhaltlich begründet sein. Eine zu große
Verästelung des Kategoriensystems führt zu mangelnder
Trennschärfe aufgrund der häufigen Doppelkodierungen
von Textstellen zu einer gleichen Kategorienkombination.
Andererseits birgt eine zu "grobe" Verästelung oder
Differenzierung die Gefahr, dass zu viele Textstellen von einer
Kategorie erfasst werden, und der Auswerter sich nur schwer einen
Überblick über die große Textmenge verschaffen
kann. [31]
Systemerstellung
Mit dem veränderten Kategoriensystem sollten erneut
Probekodierungen an den Interviews durchgeführt werden, um
es zu prüfen und zu modifizieren. Bei dieser Modifizierung
sollte es dabei in zunehmendem Maße darum gehen, die
Kategorien selektiv zueinander ins Verhältnis zu
setzen und Oberbegriffe zu bilden. Durch eine solche Ordnung der
Kategorien entsteht ein hierarchisch geordnetes System, das
anhand einer umgekehrten Baumstruktur veranschaulicht werden
kann. Probekodierungen mit Hilfe des sich verändernden und
entwickelnden Systems sollten abgeschlossen werden, wenn es sich
als weitgehend "gesättigt" erweist, d.h. der Einbezug neuer
Interviews nicht mehr zu Veränderungen des Systems
führt. [32]
Offenheit und Geschlossenheit des Systems
Bei den von uns als Gliederungssystem der Textdatenbank
bestimmten Kategorien oder Kodes handelt es sich um
vergleichsweise theoriearme Begriffe. Diese Kodes sind also nicht
als "Kernkategorien" zu verstehen, die im Sinne der Grounded
Theory am Ende eines Auswertungsprozesses stehen, sondern eher
als thematische "Container", die für jeden
Auswertungsprozess Hilfestellung und Material für die
weiteren Analysen und damit verbundenen theoretischen
Begriffsbildungen bieten. Sie stellen eine Unterstützung bei
der Auswertung dar, weil in den von uns erhobenen
problemzentrierten Interviews eine Vielzahl von Teilthemen
angesprochen werden. Sie ergeben sich thematisch aus der
Projektfragestellung. [33]
Das Kategoriensystem zeichnet sich somit durch Offenheit und
Geschlossenheit zugleich aus. Es ist insofern geschlossen, als
dass für den Kodierprozess ein festes Kategorienschema
entwickelt wird und nicht im Verlauf des Kodierens neue
Kategorien entwickelt werden. Dies ist darin begründet, dass
die Funktion des Kategoriensystems darin besteht, einen
thematisch begründeten Zugriff auf alle Interviews zu
gewährleisten. Nur wenn der durch die Kodes gegebene
zeitlich-biographische und thematische Bezug auf alle Interviews
hergestellt werden kann, ist eine Vergleichbarkeit der Fälle
sichergestellt. [34]
Zum anderen ist es offen insofern, als dass es nicht den
Abschluss des Auswertungsprozesses bildet, sondern im Gegenteil
eine weitere theoretische Begriffsbildung explizit
unterstützen soll. Eine theoretisch begründete
zusätzliche Kodierung von Interviews im Zusammenhang mit
einer theoretischen Fragestellung ist jederzeit möglich
(vgl. auch Abschnitt 4). [35]
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Aufbau des Kategoriensystems
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Systemlogik
Das im folgenden vorgestellte Kategoriensystem soll eine
theoriegenerierende Auswertung der Interviewtexte
unterstützen. Hierfür wurden die aus der
vorangegangenen Auswertungspraxis entwickelten zeitlich und
thematisch ordnenden Kodes großflächig und als
empirisch leere "Sammelcontainer" für Interviewaussagen
angelegt. [36]
Das Kategoriensystem teilt sich in drei Hauptverzweigungen
auf: zeitlich-biographisch ordnende Kodes der Erwerbsbiographie
(vgl. Abschnitt 3.2.1), thematisch-ordnende Kodes der Erwerbs-
und Familienbiographie (vgl. Abschnitt 3.2.2) sowie Fallmerkmale
(vgl. Abschnitt 3.2.3). [37]
3.2.1 "Zeitlich-biographisch" ordnende Kodes der
Erwerbsbiographie
Mit Hilfe der Ereignis- oder Stationenlogik werden die
Äußerungen der Befragten biographisch verortet. Dieses
Anliegen leitet sich aus den Erfordernissen der Lebenslaufanalyse
ab. Es geht in der Auswertung um die Rekonstruktion der
Orientierungen und Handlungen in Lebenslaufstationen mit
unterschiedlicher Dauer und Sequenzierung. Diese Situationen
lassen sich als unterschiedliche Lebenslaufstationen
kennzeichnen, die das Individuum auf der Zeitachse der
Partizipation in verschiedenen Organisationen verorten, hier:
Lehrstelle, Arbeitsplatz, Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzwechsel,
Wehr-/Zivildienst, berufliche Umschulung, Fachhochschule etc.
Dadurch wird es möglich, dass Handeln von Individuen in
Zusammenhang mit institutionellen Kontexten zu analysieren.
[38]
Mit Hilfe der Kategorie "Chronologie ab Berufsausbildung"
werden Textsequenzen zur Erwerbsbiographie des Befragten nach
berufsbiographischen "Stationen" wie Berufsausbildung, erster
Arbeitsplatz etc. geordnet, um in der Auswertungsphase die
unterschiedlichen Versionen von Orientierungen und Handlungen je
nach Interviewzeitpunkt vergleichen zu können. [39]
Die Kodierung erfolgt auf der Grundlage der biographischen
Verlaufsskizze, die für jeden Fall vor und während
des Kodierprozesses erstellt werden muss. Zur Erstellung
empfiehlt es sich bereits während des Interviews zusammen
mit dem Befragten die Reihenfolge seiner berufsbiographischen
Stationen festzuhalten und auf einem gesonderten Blatt
aufzuschreiben. Falls dies aufgrund der Interviewsituation nicht
möglich ist, sollte dies auf jeden Fall rekonstruktiv im
unmittelbar nach dem problemzentrierten Interview zu verfassenden
Postskript (vgl. WITZEL 2000a) erfolgen. Der so erstellte Entwurf
einer biographischen Verlaufsskizze sollte von den Kodierenden
während des Kodiervorgangs geprüft und gegebenenfalls
noch verändert werden.

Abb. 6: Beispiel einer biographischen Verlaufsskizze (Fall:
"Gudrun", Friseurin, Bremen) [40]
Bei der Kodierung wird unterschieden nach der
"Vorgeschichte" (Kategorie 2) und dem Verlauf der
Erwerbsbiographie ab dem Beginn der Lehre, die im
vorliegenden Beispiel (Abb. 7) 1989 abgeschlossen wurde, und die
für die Aufnahme in das Sample maßgeblich war
(Kategorie 1). [41]
Eine solche Unterscheidung leitet sich aus dem Fokus unserer
Untersuchung ab, der auf den berufsbiographischen Verlauf nach
Abschluss der Berufsausbildung gerichtet ist, der zunächst
relativ viel Kontinuität (vgl. WITZEL & MÖNNICH
1995), dann aber z.T. eine sehr diskontinuierliche Entwicklung
(vgl. SCHAEPER, KÜHN & WITZEL 2000) aufweist. Lediglich
die Station 1 der verlaufsbezogenen Kodierung ist für alle
Befragten als gemeinsamer Bezugspunkt "Berufsausbildung"
definierbar, weil sie mit dem Stichprobenkriterium "erfolgreicher
Abschluss einer dualen Ausbildung" identisch ist. [42]
Die Stationen der Berufsbiographie werden in
sequentieller Folge durchnummeriert. Zweck ist die
situationsspezifische Erfassung der realisierten beruflichen
Optionen in ihrer biographischen, d.h. zeitlichen Abfolge. Um die
Orientierungen und Handlungen in den einzelnen Stationen zu
kodieren, haben wir auf ein, in früheren Projektphasen
entwickeltes, heuristisches Handlungsmodell zurückgegriffen
(WITZEL 2000b). Jede Station wird demnach nach den Elementen des
Modells, Aspiration, Realisation und Bilanzierung untergliedert.
Aspirationen nehmen die stationenbezogenen
Handlungsbegründungen auf. Aus ihnen lassen sich dann in der
Auswertung berufsbezogene Interessen, Motive,
Handlungsentwürfe oder Planungen rekonstruieren.
Realisationen sammeln Aussagen über konkrete
Handlungsschritte zur Umsetzung der Aspirationen.
Bilanzierungen sind definiert als individuelle Bewertungen
von Entscheidungs-, Handlungsfolgen und Kontexterfahrungen. Sie
besitzen ein doppelte Zeitperspektive, weil sie nicht nur
retrospektive, sondern auch prospektive Reflexionsanteile
besitzen, die zu Neubewertungen von Zielen, Erwartungen und
Plänen führen. Insofern verkoppeln die Bilanzierungen
die einzelnen Stationen. Die Kodierung nach Stationen
schließt alle realisierten Schritte der schulischen bzw.
beruflichen Biographie, auch Erwerbslosigkeit ein. In der Folge
werden die einzelnen Begriffe und die damit verbundenen
Anforderungen an die Kodierung beschrieben:

Abb. 7: Aspiration, Realisation, Bilanzierung die
Elemente des biographisch-handlungstheoretischen Modells von
WITZEL (2000b) [43]
Die Kodierung nach
einer biographisch-zeitlichen Logik7)eröffnet die
Möglichkeit, alle in den themenbezogenen Kategorien
(vgl. Abschnitt 3.2.2) gesammelten Äußerungen in
dieser Options- oder Stationsabfolge biographisch zu verorten. Um
dies zu gewährleisten, werden nicht nur Aspirationen,
Realisationen und Bilanzierungen kodiert, sondern auch
"Informationen". Hierbei handelt es sich um eine Restkategorie
für weitere berufsbiographische Inhalte wie nicht-wertende
Beschreibungen des Arbeitsinhaltes etc., die nicht im Blickpunkt
der Erfassung durch die handlungstheoretisch abgeleiteten
Kategorien Aspiration, Realisation und Bilanzierung stehen.

Abb. 8: Stationsspezifische Kodierung von allgemeinen
Informationen [44]
Aus dieser Logik ergibt sich folgendes Kodiersystem:

Abb. 9: Stationenspezifisches Kodiersystem [45]
Diese möglicherweise zunächst relativ aufwendig
erscheinende Konstruktion bedient sich einer "Baumstruktur" bzw.
einer hierarchischen Gliederung von Kodes. Dadurch ist zum einen
eine nach Station und Aspiration, Realisierung etc.
differenzierte Abfrage möglich, was bei dem großen
Umfang der erfassten Textpassagen einen großen Vorteil
darstellt. Gleichzeitig lassen sich aber auch mittels einer
zusammenfassenden Abfrage alle einer Station zugeordneten
Textsequenzen betrachten und dies unabhängig davon, ob es
sich um Aspirationen, Bilanzierungen oder Informationen handelt.
[46]
Unter dem Kode 3 "nicht realisierte und verworfene Optionen"
werden alle im Interview thematisierten berufsbiographischen
Optionen erfasst, die nicht verwirklicht wurden. Dies umfasst
sowohl Optionen, die in der Vergangenheit bestanden und nicht
realisiert wurden, als auch aktuelle Optionen, deren
Verwirklichung nicht angestrebt bzw. als nicht-realisierbar
betrachtet wird. [47]
Mit der Kategorie 4 "berufliche Zukunftsperspektiven" werden
Äußerungen gesammelt, in denen der Befragte im
Interview sich konkret mit beruflichen Zukunftsperspektiven zum
Zeitpunkt des Interviews auseinandersetzt. [48]
3.2.2 "Thematisch"-ordnende Kodes der Erwerbs- und
Familienbiographie
Die Akteure beziehen sich auf die Kontextbedingungen der
einzelnen Stationen im Lebenslauf als subjektiv wahrgenommene
Gelegenheitsstrukturen oder Optionen, d.h. sie richten ihr
Augenmerk lebenspraktisch auf Chancen, die sie zu realisieren,
und Restriktionen, die sie zu umgehen versuchen. Textsequenzen
dieser biographien- bzw. lebenslauftheoretischen Thematik werden
mit den "thematisch" ordnenden Kodes erfasst. So werden unter dem
Kode "Einkommen" beispielsweise alle Äußerungen der
Befragten zu Gehalt etc. gesammelt, unabhängig davon, auf
welche biographische Station in der jeweiligen Biographie sich
die Äußerungen beziehen.
[49]
Aus unserer Projektfragestellung ergaben sich folgende
"Oberthemen", denen die einzelnen themenbezogenen Kodes
zugeordnet sind: "Arbeit und Beruf" (Kategorien 5/1 bis 5/7),
"Soziales Netzwerk" (Kategorie 6), "Familie und Partnerschaft"
(Kategorien 7/1 bis 7/7). "Übergreifende Orientierungen und
Einstellungen" bildet den weitgefassten Oberbegriff für die
Kategorien 8/1 bis 8/4, in denen grundlegende
Lebensvorstellungen, Glaubenssätze und gesellschaftliche
Deutungsmuster gesammelt werden. [50]
Exemplarisch listen wir an dieser Stelle die Definitionen
für das Oberthema "Arbeit und Beruf" auf:

Abb. 10: Definition der Kategorien zum Oberthema "Arbeit und
Beruf" [51]
3.2.3 Fallmerkmale
Die Unterscheidung nach Fallmerkmalen ist unentbehrlich, um
Fallvergleiche durchzuführen. Sie ermöglicht es, die
Auswahl der zu untersuchenden Fälle genau einer
Fragestellung anzupassen. [52]
Hier werden nicht einzelne Textstellen den Kodes der Gruppe
"Fallmerkmale" zugeordnet, sondern das ganze Interview.8)

Abb. 11: Definition der Kategorien "Fallmerkmale" [53]
3.2.4 Zusammenfassung: Kodierlogik biographischer
Interviews
Eine nach Fallmerkmalen, thematisch und
zeitlich-biographischen Kategorien unterscheidende Systemlogik
lässt sich für alle biographischen bzw.
Lebenslauf-Studien empfehlen, um Textstellen sowohl zeitlich,
thematisch und nach einer spezifischen Fallauswahl flexibel und
in wechselnden Verbindungen einordnen und analysieren zu
können. Sie wird in der folgenden Abbildung "Kodierlogik
biographischer Interviews" schemenartig zusammengefasst
dargestellt.

Abb. 12: Kodierlogik biographischer Interviews [54]
3.2.5 Übersichtsartige Auflistung des
Kategoriensystems
Abschließend werden alle Kategorien der Textdatenbank
biographischer Interviews junger Erwachsener (DABIE) und ihre
Kennzahlen überblicksartig aufgelistet (siehe das
DABIE-Kategoriensystem in Anhang 1). [55]
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Durchführung und Organisation des Kodierprozesses
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Anhand des nach diesen Vorarbeiten in unserem Projekt
festgelegten Kategoriensystems wurde die relativ aufwendige
Kodierung aller Interviews im Verlauf des Jahres 1997 von
mehreren studentischen Mitarbeiter unter unserer Betreuung und
Planung durchgeführt. Kodieren als interpretativer Akt
erfordert eine gewisse Einarbeitung in die Fragestellung des
Projektes, in unserem Falle insbesondere Grundinformationen
über Berufs- und Schullaufbahnen und andere
Kontextinformationen. Zur Einarbeitung der Studentinnen und
Studenten ließen wir ein Interview zunächst doppelt
kodieren, indem die Kodierung jeweils durch den Student bzw. die
Studentin und durch einen der betreuenden Mitarbeiter
durchgeführt wurde. Im Anschluss daran wurden die
vorgenommenen Kodierungen verglichen und auftretende
Ungleichheiten besprochen und am Text geprüft. Dabei wurden
einige Definitionen und Abgrenzungen der Kategorien zur
Verdeutlichung überarbeitet. Wichtig war uns dabei
außerdem, dass die Studenten lernten, die Textsequenzen
nicht kontextfrei und zu eng auszuschneiden, sondern bei ihrer
Zuordnung zu Kategorien darauf achteten, die Blöcke so zu
wählen, dass die Textsequenzen in sich verständlich
blieben (siehe ein Beispiel für das kontextbezogene Kodieren
von Textpassagen in Anhang
2).
Diese Betreuung der Studenten war zunächst mit einem sehr
hohen Zeitaufwand verbunden. Sie gewährleistete dafür
aber auch zum einen die sorgfältige Definition und
Dokumentation des Kategoriensystems und zum anderen erhöhte
sie die Kompetenzen der studierenden Kodierer für ihre
darauffolgende selbständige Kodierarbeit. Um die
Reliabilität der Kodierung zu sichern, wurde die
Textzuordnung diskursiv in kleinen Gruppen präzisiert und
kontrolliert. BORN, KRÜGER und LORENZ-MEYER (1996, S.56)
nennen diese Vorgehensweise "disjunktive Gruppentechnik".
[57]
Die Kodierung erfolgte anhand des ausgedruckten und mit
Zeilennummern versehenen Interviewtranskripts. Die einer
Kategorie zuzuordnenden Zeilennummern wurden zunächst auf
einem gesondert dazu erstellten "Eingabevordruck" aufgelistet.
Nach der Kodierung des gesamten Interviews wurden sie in das
Anwenderprogramm NUD.IST eingegeben, dem bereits vor dem
Beginn der Kodierung der Interviews die Datenbasis und das Index
System als Grundlage der Datenbank zur Verfügung gestellt
wurde.

Abb. 13: Beispiel für einen Eingabevordruck (Ausschnitt)
[58]
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Exemplarische Veranschaulichung von
Anwendungsmöglichkeiten der Textdatenbank
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Nachdem wir in den vergangenen Abschnitten Grundprinzipien und
Vorteile des Gebrauchs einer Textdatenbank im Auswertungsprozess
erläutert und das von uns entwickelte Kategoriensystem
vorgestellt haben, wollen wir im folgenden anhand von einigen
Beispielen aus unserer Projektarbeit die
Anwendungsmöglichkeiten unserer Datenbank veranschaulichen.
Dazu fassen wir zunächst die von uns verwendeten
verschiedenen Auswertungsdateien als Resultate und Zugriffsmittel
der Datenbanknutzung zusammen (Abschnitt 4.1). [59]
Die im Anschluss vorgestellten Beispiele verdeutlichen den
Einsatz der Textdatenbank in unterschiedlichen Auswertungsphasen,
wobei die Gestaltung der Auswertungsmethode und damit die Art der
Textdatenbanknutzung von der Art und Komplexität der
Erkenntnisziele unterschiedlicher Forschungsvorhaben
abhängig sind9):
Explorativer Einstieg in ein Forschungsgebiet (Abschnitt
4.2.1),
Untersuchung einer thematisch eingegrenzten Fragestellung
(Abschnitt 4.2.2),
komplexe thematische Analysen mit dem Ziel der Entwicklung
einer Typologie (Abschnitt 4.2.3),
Zuordnung von Fällen zu einer bestehenden Typologie und
Validierung einer Typologie (Abschnitt 4.2.4). [60]
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Die Technik der Datenbanknutzung:
Auswertungsdateien als Resultate und Zugriffsmittel
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Vom Blickwinkel der Datenbanknutzung haben die
Auswertungsdateien insgesamt eine zentrale Funktion für die
theoriegeleitete Kategorienselektion in Abhängigkeit von
spezifischen Fragestellungen. Daher stellen wir diese, als
Resultate und Zugriffsmittel der Datenbanknutzung zu
begreifenden Auswertungsdateien zusammenfassend an den Anfang
unserer exemplarischen Veranschaulichung von
Anwendungsmöglichkeiten der Textdatenbank.
[61]
Wir wollen in diesem Zusammenhang nicht die an die Grounded
Theory angelehnte Auswertungsmethode systematisch darstellen,
sondern uns auf die Rolle der Auswertungsdateien als Ergebnis
und/oder Ausgangspunkt für die Datenbanknutzung
beschränken. Mit dem induktiv-deduktiven Wechselspiel der
theoriegenerierenden Textinterpretationsprozesse entstehen
über die Retrievalfunktion der Datenbank die
Auswertungsdateien "Einzelfall", "Fallvergleich" und "Ideen".
Diese sind wiederum Ausgangspunkt für einen
theoriegeleiteten Suchprozess mithilfe der Datenbankkodes und
ermöglichen weitere Analysen, die zu einer "Sättigung"
von bisher entwickelten Begriffen und Kategorien führen. Das
erkenntnisleitende Wechselspiel führt zu neuen Varianten von
Auswertungsdateien und damit einhergehend zur Erweiterung,
Verfeinerung und Korrektur des entstandenen, empirisch
gesättigten theoretischen Konzepts. Auf allen
Auswertungsstufen finden Validierungsprozesse statt, die
ständig Re-Analysen von Textpassagen und damit einen
systematischen Zugang zur Textdatenbank notwendig machen.

Abb.14: Beschreibung der Zugriffsmöglichkeiten auf die
Textdatenbank [62]
Übersichtsdateien
Übersichtsdateien bilden mit komprimierten Paraphrasen
und knappen Deskriptionen eine anschauliche, auf die
notwendigsten oder prägnantesten Informationen reduzierte
Datengrundlage für den folgenden, stärker analytischen
Auswertungsprozess, wie er in den Memo-Dateien dokumentiert ist.
[63]
Biographische Verlaufsskizzen (vgl. Abb. 7 in Abschnitt
3.2.1) fassen den berufsbiographischen Verlauf zusammen. Sie sind
eine zentrale Voraussetzung für die Anwendung der
zeitlich-biographischen Kodes der Textdatenbank. [64]
Compressed Retrievals sind unterschiedlichen Kodes
zugeordnete Kombinationen aus Paraphrasierungen oder
Kernaussagen, die die komplexen Retrievals übersichtlicher
machen und zusammenfassen. Sie enthalten auch prägnante
Zitate. Compressed Retrievals sind mit Zeilennummerierungen
versehen, so dass zur vertieften Analyse oder Validierung der
Zugang zum Originaltext der Datenbank gesichert ist (vgl.
Abschnitt 4.2.3). [65]
Zitate-Dateien enthalten themenspezifisch geordnete
Original-Textsequenzen (mit Verweis auf die Datenbankquelle), die
als interessant für weitere Satz-für-Satz-Analysen
betrachtet werden. [66]
Memo-Dateien
Memos sind nach STRAUSS und CORBIN (1996, S.169):
"Schriftliche Analyseprotokolle, die sich auf das Ausarbeiten der
Theorie beziehen". Wie bei den Übersichtsdateien ist der
Zugang zum Originaltext der Datenbank gesichert. Bei
Einzelfalldateien handelt es sich um fallspezifische
Zusammenfassungen zentraler deskriptiver oder analytischer
Auswertungsresultate. Diese können unterschiedlich aufgebaut
sein: zu Beginn der Auswertung eher skizzenhafter Natur, am Ende
die Auswertungen zu verschiedenen Kodes der Datenbank
zusammenfassend. Fallvergleichsdateien enthalten
Auswertungsresultate von Fallkontrastrierungen. Ergebnis kann
dabei eine Typologie sein. [67]
Einzelfallanalysen und Fallvergleichsdateien
entsprechen in engerem Sinne den "theoretischen Notizen", d.h.,
sie sind "Produkte des induktiven und deduktiven Denkens
über tatsächlich und möglicherweise relevante
Kategorien, ihre Eigenschaften, Dimensionen, Beziehungen,
Variationen, Prozesse und die Bedingungsmatrix" (STRAUSS &
CORBIN 1996, S.169). Diese Ausarbeitungen unterliegen Prozessen
der kommunikativen Validierung, d.h. der kritisch-konstruktiven
Kontrolle insbesondere durch andere Mitglieder des
Forschungsteams. Das bedeutet, dass es immer wieder zu neuen
Produktvarianten kommt, die "die früheren widerlegen,
berichtigen, bekräftigen, erweitern und verdeutlichen"
(a.a.O., S.170). [68]
Ideendateien bieten Raum für Hypothesen,
analytische Ideen und offene Fragen. Die Ideendateien begleiten
den Auswertungsprozess damit auch als Ausdrucksmöglichkeit
für die psychologische oder soziologische Phantasie und
Kreativität. Spontane, skizzenhafte, theoretische Ideen
sowie Assoziationen, Hypothesen, kritische Anmerkungen oder
Zweifel werden hier getrennt von der sachlich-zusammenfassenden,
systematisch-analytischen Darstellung in der Einzelfallanalyse
und im Fallvergleich erfasst. Kreativ kann z.B. auch ein eher
spielerischer Umgang mit unterschiedlichen Kodes der Datenbank
sein. Die Bedeutung von Kreativität als unverzichtbarer
Komponente der Grounded Theory betonen STRAUSS und CORBIN (1996,
S.12):
Kreativität manifestiert sich in der Fähigkeit des
Forschers, Kategorien treffend zu bezeichnen, seine Gedanken
schweifen zu lassen, freie Assoziationen zu bilden, die für
das Stellen anregender Fragen notwendig sind, und Vergleiche
anzustellen, die zu neuen Entdeckungen führen. Wie wir
später sehen werden, sensibilisieren diese Vergleiche den
Untersucher und befähigen, mögliche Kategorien
wahrzunehmen und relevante Bedingungen und Konsequenzen zu
erkennen, wenn sie in den Daten auftauchen. [69]
Fragelisten dienen explorativen Analysen mit Hilfe der
Datenbank. Sie enthalten Überlegungen zur Gestaltung der
Suche nach geeigneten Textfundstellen, indem zu ausgewählten
Kategorien zugeordnete Textstellen unter dem Blickwinkel einer
theoretisch begründeten Fragestellung auf ihre Ergiebigkeit
geprüft werden (vgl. Abschnitt 4.2.1). Soweit
verkörpern Fragelisten teilweise das, was STRAUSS und CORBIN
(1996, S.169) "Planungs-Notizen" nennen. [70]
Thematische Suchraster verbinden offene theoretische
Konzepte im Sinne der "Sensitizing concepts" (BLUMER, 1954, S.7)
mit einer Systematik der Fragestellung an das empirische
Material. Sie sensibilisieren den Untersucher für die
Wahrnehmung sozialer Bedeutungen in konkreten Handlungsfeldern
(vgl. auch KELLE 1994, S.232ff., 307ff.). Udo KELLE spricht
dementsprechend von "theoretischer Sensibilität", worunter
er "die Verfügbarkeit brauchbarer heuristischer Konzepte
[versteht], die die Identifizierung theoretisch relevanter
Kategorien im Datenmaterial und die Herstellung von
Zusammenhängen zwischen diesen Kategorien, d.h. von
Hypothesen, ermöglicht" (KELLE 1994, S. 312). In diesem
Sinne schließen thematische Suchraster an die explorative
Auswertungsphase an und strukturieren den weiteren Verlauf der
Forschungsarbeit gerade auch in Hinblick auf die Nutzung der
Textdatenbank. [71]
In der Auswertungsarbeit kann auf empirische
Vorarbeiten oder Notizen aus früheren Auswertungsphasen
zurückgegriffen werden, in der andere Fragestellungen im
Mittelpunkt standen. Durch die Betrachtung der Ergebnisse aus
einem veränderten Blickwinkel werden Notizen und Ideen
häufig überhaupt erst in ihrer theoretischen Bedeutung
erkannt, in andere Zusammenhänge gestellt und unter neuen
Kategorien erfasst. Sie können beispielsweise den
Ausgangspunkt für erweiterte Analysen etwa mit einem
entsprechend veränderten thematischen Suchraster
bilden. Auch vorangegangene quantitative Ergebnisse können
strukturierend auf die weiteren qualitativen Analysen wirken,
wenn sie i.S. einer Methodenkombination genutzt werden und zum
Beispiel als Ausgangspunkt für eine Gruppenbildung der
qualitativen Fälle dienen (vgl. die Ausführungen im
Abschnitt 4.2.2). [72]
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Die Nutzung der Textdatenbank in
Abhängigkeit von der Art und Komplexität des
Erkenntniszieles
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4.2.1 Explorativer Einstieg in ein Forschungsgebiet
Beginnen wollen wir unsere Darstellung zur Nutzung der
Textdatenbank in verschiedenen Auswertungsphasen mit der
Veranschaulichung, wie man für explorative Analysen zu einem
neuen Forschungsthema auf die Textdatenbank mit dem Ziel der
Konkretisierung der Fragestellung zurückgreifen kann.
[73]
Als Beispiel verweisen wir auf unsere Auswertung zum Einfluss
der Region, in der die Befragten leben, auf die
Statusübergänge in den Beruf und die weitere Gestaltung
der Berufsbiographie (vgl. SCHAEPER, KÜHN & WITZEL
2001). Die Auswertung der Interviews bezog sich dabei auf die
subjektive Wahrnehmung von und individuelle Auseinandersetzung
mit beruflichen Gelegenheitsstrukturen. Dieser Thematik widmeten
wir uns vor dem Hintergrund der Differenz regionaler Strukturen:
München als eher günstiger und Bremen als eher
ungünstiger Arbeitsmarktregion: Wie wird die regionale
Chancenstruktur wahrgenommen? Gibt es eine Bereitschaft zur
geographischen Mobilität? Ist diese abhängig von den
beruflichen Chancenstrukturen in den beiden Regionen? Ist
umgekehrt eher eine Heimatverbundenheit vorzufinden, mit dem
Ideal eines möglichst wohnungsnahen Arbeitsplatzes? Wie wird
diese Verbundenheit ausgedrückt und begründet?
Überwinden Arbeitsmarktprobleme, Karriereansprüche und
höhere Bildung diese Immobilität? Welche Rolle spielen
dabei Geschlecht und die geplante Familiengründung? [74]
Betrachtet man diese Fragestellung im Hinblick auf die Nutzung
unserer Textdatenbank, so wird eine Besonderheit deutlich: Die
Region wurde in den theoretischen Vorüberlegungen, d.h. auch
im Interviewleitfaden, zwar als bedeutsame Kontextvariable
konzipiert daher ist sie im Kategoriensystem der
Textdatenbank unter "Fallmerkmale" (30/2) enthalten nicht
aber als eigenständige Kategorie der subjektiven
Orientierungen und Handlungen. Das bedeutet, dass die
Verknüpfung von verschiedenen Kategorien mit dem Merkmal
"Region" bei der Datenbankabfrage nicht unbedingt explizite
Aussagen zur Region zu Tage fördert. Da also eine
entsprechende Kodierung von Aussagen im Interview fehlte, mussten
in einem ersten Schritt "Einstiegsmöglichkeiten" in die
Textdatenbank gesucht werden. [75]
In einer als explorativ zu charakterisierenden
Auswertungsphase wollten wir einen Überblick darüber
gewinnen, welchen Raum das Thema "Region" in den Interviews
einnimmt und in welchen Formen es auftritt. In einem ersten
Versuch erprobten wir alternativ zu der Verwendung des
Kategoriensystems die Funktion "Search Text", die bei der
Suche nach einzelnen Wörtern ("String Search") oder
Wortverbindungen ("Pattern Search") behilflich ist. Für
einen Einstieg in die Forschungsthematik ist dieses Suchsystem
jedoch nicht gut geeignet, weil es die Begrifflichkeit
voraussetzt, die von den Anforderungen einer
gegenstandsbezogenen Theorie her betrachtet erst im
interpretativen Diskurs unter Rückgriff auf
Einzelfallanalysen entsteht. Das bedeutet, dass sich der
subjektive Bezug zur Region nicht nur oder selten mit den
Begriffen "Heimat" oder "München" bzw. "Bremen"
ausgedrückt wird, sondern in vielfältigen sprachlichen
Varianten wie z.B. "ich bin hier verwurzelt" oder "groß
geworden", mit den umgebenden Menschen "verankert" etc. [76]
Aufgrund der Unergiebigkeit der Wortsuche wandten wir uns
wieder dem themenbezogenen Kategoriensystem zu und
versuchten theoretisch zu antizipieren, in welchen Kodes
thematisch relevante Äußerungen zu erwarten waren.
Dabei ging es uns nicht um eine vorschnelle Einengung auf eine
geringe Anzahl von Kategorien, sondern eher um eine breit
gestreute, thematische Kategorienauswahl anhand logischer
Vorüberlegungen, die aus dem Leitfaden und der Definition
der Kategorien resultierten. Für diese Kategorien erstellten
wir eine Frageliste zu regionenspezifischen
Problemstellungen, die zumindest theoretisch in den
vorgegebenen thematischen Rahmen passten. Wir vertrauten damit
implizit darauf, dass während des Interviews die gesuchte
Thematik mithilfe von Fragen des Interviewers angeregt oder auf
der Grundlage von Relevanzsetzungen der Befragten von diesen
selbst expliziert wurden. In der Anwendung der Liste ging es
dabei zunächst einmal darum, eine Auswahl von ergiebigen
Kategorien und Fällen vorzunehmen. [77]
Die Form einer derartigen Liste wird auszugsweise im folgenden
Beispiel dokumentiert.

Abb. 15: Beispiel für eine Frageliste [78]
Angelehnt an das Prinzip der selektiven Stichprobe in der
Grounded Theory (GLASER & STRAUSS 1967) begannen wir die
Auswertungsarbeit mit je vier Fällen aus den Regionen Bremen
und München. Fallweise erstellten wir im folgenden mit Hilfe
von NUD.IST Retrievals, das heißt, wir trugen die
Äußerungen eines Befragten aus den Interviews zu
diesen Kategorien zusammen. Diese als Reports in einem
üblichen Textverarbeitungsprogramm abgespeicherten und daher
zur Validierung auch der Auswertungsschritte leicht
zugänglichen Retrievals wurden dann anhand der leitenden
Forschungsfragen ausgewertet. Zentrale Gesichtspunkte hielten wir
fallspezifisch in eher skizzenhaften Einzelfall-Memos
fest. Aufgrund des noch wenig strukturierten Suchprozesses wurden
verschiedene über Einzelfallanalysen hinausgehende
weitere Zusatzinstrumente kreiert: Zitate-Dateien, in
denen wir besonders interessante Textsequenzen zur
Satz-für-Satz-Analyse zusammengestellt haben oder
Ideendateien, die Notizen zur Gesamtthematik, offene Fragen,
Ideen zur Gestaltung der Suche nach geeigneten Textfundstellen
und andere Anregungen für die weiteren Auswertungsschritte
sammelten. Sie dienen gemeinsam der zunehmenden "Sättigung"
von bisher entwickelten Begriffen und Kategorien. Die
Möglichkeit des Rückbezugs auf die Zitate im originalen
Wortlaut ist eine zentrale Bedingung für eine spätere
Ergebnisüberprüfung, die möglichst im Prozess der
diskursiven Validierung, d.h. im Teamdiskurs von zwei bis drei
Auswertern erfolgen sollte. Damit sind diese Dateien vom
Blickwinkel der Datenbanknutzung Zusatzinstrumente, um einen
erneuten Zugriff auf die Textdatenbank auf unterschiedlichen
Stufen des Erkenntnisfortschritts zu organisieren.

Abb. 16: Ausschnitthaftes Beispiel für eine Ideendatei
(am Beispiel der Friseurin Melissa F.) [79]
4.2.2 Untersuchung einer thematisch eingegrenzten
Fragestellung
Nach den explorativen Analysen geht es in der nächsten
Forschungsphase um die Untersuchung einer thematisch
eingegrenzten Fragestellung. [80]
Beispiel: Wahrnehmungen regionaler
Differenzen
Im nächsten Auswertungsschritt wird die Fragestellung
eingegrenzt und präzisiert. Diese Konkretisierung wurde
durch ein "thematisches Suchraster" unterstützt, das
die weiteren fallvergleichenden Auswertungen leitete und
strukturierte (vgl. folgende Abbildung).

Abb. 17: Beispiel für ein thematisches Suchraster
[81]
Bei den folgenden Auswertungen wurde das thematische
Suchraster auf Kategorien wie "Wohnen", "verworfene und
gescheiterte Optionen" und "berufliche Zukunftsperspektiven"
beschränkt, die sich als besonders ergiebig herausgestellt
hatten. [82]
Unter Berücksichtigung der
Strukturmerkmale Geschlecht, Beruf und Region wurden gezielt
weitere Fälle in die Analysen einbezogen. In Anlehnung
an das "Theoretical sampling" der Grounded Theory wurde für
weitere Fallvergleiche in Abhängigkeit vom Erkenntnisstand
gezielt nach möglichst ähnlichen oder unterschiedlichen
Fällen in der Stichprobe gesucht. Es zeigt sich hier, wie
wichtig es ist, mit den biographischen Verlaufsskizzen
zumindest eine grobe Zusammenfassung über die Gesamtgestalt
eines Falles zu haben, die einen leicht zugänglichen
Überblick gewährleistet11). Aus den Verlaufsskizzen
ließ sich beispielsweise ersehen, ob es in der Biographie
der Befragten zu einem Ortswechsel gekommen ist oder ob trotz
Erwerbslosigkeitsphasen und vergleichsweise geringerer Chancen
keine räumliche Mobilität festzustellen war.
Fallspezifische Zusammenfassungen und fallübergreifende
Notizen der erweiterten fallkontrastierenden Analyse wurden in
einem durch die Fragen des "themenbezogenen Suchrasters"
strukturierten Fallvergleichs-Memo festgehalten. Die
Retrievalfunktion der Textdatenbank, die
Datenverknüpfungen in den Reports und die Sammlung
idealtypischer Aussagen in den Zitate-Dateien
ermöglichten dabei eine wiederholte Analyse wichtiger
Textpassagen, bis die Begriffe und Konzepte empirisch
"gesättigt" waren. [83]
Der Gebrauch der Textdatenbank lässt sich für dieses
Auswertungsbeispiel, dessen Fragestellung nicht direkt mit dem
vorgegebenen Kategoriensystem abgedeckt war, folgendermaßen
zusammenfassen: Einfache, auf einzelne Kategorien und einzelne
Fälle bezogene thematische Abfragen dienten in einer ersten
Auswertungsphase der Präzisierung der Fragestellung
und der Identifizierung ergiebiger Fundstellen für
die Forschungsthematik (vgl. Abschnitt 4.2.1). [84]
In der zweiten Phase wurde auf die Vorarbeiten der stark
explorativen Auswertungsphase zurückgegriffen, indem die
Analysen in ein die weiteren Auswertungen strukturierendes
thematisches Suchraster gebündelt wurden. Dieses thematische
Suchraster und die biographischen Verlaufsskizzen bildeten
die Instrumente, um über die Retrievalfunktion der
Textdatenbank eine relativ große Fallzahl mit ergiebigen
Textpassagen in die Analysen einbeziehen zu können. [85]
Beispiel: individuelle Gestaltungs- und Umgangsformen mit
Diskontinuitätsphasen in der
Erwerbsbiographie
Wir wollen im folgenden zeigen, dass der Untersuchung einer
thematisch eingegrenzten Fragestellung nicht immer eine
explorative Phase der Datenbanknutzung vorangehen muss, sondern
dass Fall- und Kategorienauswahl auch theoretisch begründet
sein kann bzw. sich auf bereits geleistete empirische Vorarbeiten
stützen kann. [86]
Die Fragestellung der individuellen Gestaltungs- und
Umgangsformen mit Diskontinuitätsphasen in der
Erwerbsbiographie und den damit verbundenen verschiedenen
biographischen Motiven und Perspektiven ergibt sich aus der
umstrittenen These einer zunehmenden Individualisierung von
Lebensläufen und damit einhergehenden Tendenzen wachsender
Differenzierung, Pluralisierung und Destandardisierung (vgl.
SCHAEPER, KÜHN & WITZEL 2000). Der quantitative
Untersuchungsteil richtet seine Aufmerksamkeit auf die
Verschiedenartigkeit und Pluralität von
Berufsverläufen, auf die Dauer und Abfolge von
Zuständen wie Erwerbstätigkeit, Arbeitslosigkeit,
Bildung und Familienarbeit. Für die qualitative Analyse
stellt sich die Frage, wie die Akteure mit den Folgen einer
möglichen Auflösung normalbiographischer
Orientierungsmuster, Prekarisierung und Flexibilisierungen von
Erwerbsformen und -verläufen umgehen. Welche Orientierungen
und Handlungsstrategien entwickeln sie angesichts höherer
biographischer Gestaltungsmöglichkeiten und -zwänge?
Ist Diskontinuität z.B. Ausdruck eines "Floundering" in
undurchschaubaren, konjunkturabhängigen Strukturen des
Arbeitsmarktes und des Bildungssystems und nimmt sie damit
prekäre Züge an? Ist sie Resultat einer strategischen
Karriereplanung oder ergibt sie sich aus der Nutzung von
Handlungsspielräumen, die es ermöglichen, Fehleinstiege
in den Arbeitsmarkt zu korrigieren, im Bildungssystem erfahrene
negative Selektionen zu kompensieren oder Diskrepanzen zwischen
beruflicher Realität und beruflichen Ansprüchen zu
beheben? [87]
Für die Datenauswertung unter dem Gesichtspunkt, wie
Diskontinuitäten in der untersuchten Lebensphase vom Ende
der dualen Ausbildung bis ca. acht Jahre danach erfahren,
gedeutet oder auch gestaltet werden, wurden empirische
Vorarbeiten auf der quantitativen Ebene einbezogen. Mithilfe
der in der quantitativen Befragung unserer Studie untersuchten
unterschiedlichen Formen von Erwerbsbiographieverläufen
(vgl. SCHAEPER 1999) konnten unterschiedliche Befragtengruppen
gebildet werden: Fälle mit kontinuierlicher
Erwerbsbiographie, mit eher kurzen oder eher langen
Diskontinuitätsphasen, "Studium" und "Mutterschaft". Die
Fälle mit diskontinuierlichen Phasen im Lebenslauf
ließen sich außerdem noch nach Diskontinuitäten
im Rahmen eines Berufswechsels, eines Betriebswechsels oder einer
Fortbildung unterscheiden. Die Systematisierung der
Diskontinuitäten im Lebenslauf auf der quantitativen Ebene
sichert damit die qualitative Analyse der gesamten Spannweite von
Verarbeitungs- und Gestaltungsweisen innerhalb
diskontinuierlicher Verläufe. [88]
Als Brücke von den Fallgruppen zur Identifizierung der
Fälle mit Diskontinuitätsphasen im Lebenslauf in der
Datenbank dient die biographische Verlaufsskizze, in der
die erwerbsbiographischen Stationen chronologisch aufgelistet und
durchnumeriert sind (vgl. Abschnitt 3.2.1). Mit den Kodes wird
das zeitlich-biographische Kategoriensystems genutzt, um
thematisch relevante Textstellen zu spezifischen
erwerbsbiographischen Stationen zu finden. Bei der Suche nach
diesen Textstellen wird dann der Kode noch spezifiziert nach den
zur jeweiligen Station gehörigen Aspiration, Realisierung,
Bilanzierung und Information, die man sich einzeln oder aber
insgesamt anzeigen lassen kann. Das folgende Auswertungsbeispiel
verdeutlicht eine derartige Vorgehensweise.

Abb. 18: Beispiel für die Nutzbarmachung der
zeitlich-biographischen Kodierlogik für den
Auswertungsprozess [89]
Die fallspezifischen Auswertungen wurden zunächst in Form
von Einzelfall-Memos gebündelt. Sie stellten die
Grundlage für in einem separaten "Memo" festgehaltene
Fallvergleiche dar, mit deren Hilfe in unserem qualitativen
Material fünf Formen der Gestaltung und Verarbeitung von
Diskontinuität identifiziert werden konnten (Ergebnisse u.a.
zu diesem Untersuchungsaspekt vgl. SCHAEPER, KÜHN &
WITZEL 2000). In beiden Arbeitsschritten konnte jederzeit auf
Details im Originaltext mit dem Datenbankprogramm oder auf die
Retrievals zurückgegriffen werden, so dass es auch bei
diesen Auswertungen zu einem Wechselspiel von induktiven und
deduktiven Auswertungsschritten kam. [90]
3.1.1 Komplexe thematische Analysen mit dem
Ziel der Entwicklung einer Typologie
Die Fragestellung unterschiedlicher Formen der Antizipation
des Übergangs in die Elternschaft ist gegenüber der
vorangegangenen Forschungsthematik ungleich komplexer. Im Zentrum
der Auswertungen steht die Entwicklung individueller Planungs-
und Realisierungsprozesse der Familiengründung über
einen Beobachtungszeitraum von ca. acht Jahren. Wann beginnen
junge Erwachsene Partnerschaft und Familie zu planen? Sind die
Pläne kurz- oder mittelfristig? Kann man überhaupt von
Plänen sprechen oder handelt es sich vielfach nur um vage,
abstrakte Vorstellungen? Wann wollen sie einen solchen Schritt
realisieren? Welche Gründe gibt es für den Aufschub des
Kinderwunsches? [91]
Berücksichtigt man beispielsweise Befunde aus der Frauen-
und Familienforschung (z.B. GEISSLER & OECHSLE 1996,
SCHNEEWIND et al. 1996), dass Frauen mit beruflichen
Karriereambitionen den Wunsch nach eigenen Kindern häufig
aufschieben, wird deutlich, dass berufliche Orientierungen und
Erfahrungen Einfluss auf biographische Pläne nehmen
können. Daher muss die Planung der Familiengründung und
ihrer zeitlichen Realisierung im Zusammenhang mit der
Koordination der Gestaltung der Berufsbiographie betrachtet
werden. Welche Rolle spielen berufliche Ausbildung, Perspektiven
und beruflicher Status für Art und Zeitpunkt der
Familienplanung? [92]
Im folgenden werden wir darstellen, wie wir mit dieser
komplexen Forschungsaufgabe umgegangen sind und in verschiedenen
Phasen auf die Datenbank zurückgegriffen haben. Dafür
kommen wir auch noch einmal auf die Darstellung des explorativen
Rückgriffs auf die Datenbank in der ersten Auswertungsphase
zurück, um die Einbettung dieses ersten Schrittes in den
gesamten Auswertungsprozess zu verdeutlichen. [93]
Einen ersten Einstieg in das Datenmaterial ergibt sich
mittels eines themenbezogenen Retrievals auf Basis der zu
der Datenbankkategorie (7/7/3)
"Kinder-Familiengründung/Zukunft" zugeordneten Textstellen,
um zu ergründen, wie die Befragten ihre Vorstellungen,
Überlegungen und Planungen zur Familiengründung
beschreiben. Die sehr spezifische Fragestellung und die
unmittelbare Anwendbarkeit des Kodiersystems durch eine direkt
der Thematik zugeordneten Kategorie ermöglichte einen ersten
thematischen Überblick über eine bewältigbare
Materialfülle, wobei alle Befragten in die Analysen
einbezogen wurden. [94]
Das folgende Beispiel dokumentiert auszugsweise den Aufbau
eines horizontalen oder themenbezogenen Retrievals zum
Kode (7/7/3) "Kinder-Familiengründung/Zukunft", in dem
einige zentrale Äußerungen (im Original besteht das
Retrieval aus 593 Zeilen) einer Befragten über alle drei
Interviewwellen zusammengestellt sind.

Abb. 19: Beispiel für ein themenbezogenes, horizontales Retrieval (beispielhaft für den Kode 7/7/3, Fall: Frauke B., Bürokauffrau) [95]
Die knappen Aussagen enthalten bereits neben
dem Bezug des Heiratstermins auf das eigene Alter den
interessanten Aspekt, dass Frauke zwar im Mai 1990 die
Realisierung eines Kinderwunsches in drei Jahren plant, davon
aber deutlich abweicht. Sie wehrt im Folgeinterview einen
entsprechenden Wunsch ihres damaligen Freundes ab und schiebt
selbst noch im April 1995 diese Planung auf. Solche ersten
Auffälligkeiten werden als Fallnotizen wie bei den anderen
Auswertungsbeispielen in einem Einzelfalll-Memo
gespeichert.10)
Hinzu kommen erste Ideen für zentrale Themen, die
insbesondere aus Fallvergleichen erwachsen. [96]
Die Ausführungen zu Frauke machen zugleich deutlich, dass
es eine Reihe von Anschlussfragen gibt, die im vorliegenden
Textausschnitt nicht beantwortet werden: Etwa die nach den
Gründen für den Orientierungswechsel hin zu einem
Aufschub des Kinderwunsches auf unbestimmte Zeit. Es deuten sich
zum einen private Trennung von ihrem Freund aber
auch berufliche "keine Zeit"-Gründe an. Die
Äußerungen der Befragten zur Familiengründung
ergänzend müssen daher auf weitere thematische
Bezüge untersucht werden. [97]
Für die Beantwortung der komplexen Fragestellung von
Verknüpfung von Beruf und Familie reicht die Analyse der
Kategorie 7/7/3 "Kinder-Familiengründung/Zukunft" daher
nicht aus. Für die folgenden Analysen und die damit
einhergehende Nutzung der Datenbank wird theoretisches Vorwissen
bzw. werden spezifische Thesen und Fragen (eher deduktive
Vorgehensweise oder "axiales Kodieren" i.S. der Grounded Theory,
vgl. STRAUSS & CORBIN 1996 ) mit der bisherigen explorativen
Auswertungsphase (eher induktive Vorgehensweise)
verschränkt, indem systematisch etwa die Kategorien 4
"Berufliche Zukunftsperspektiven" und 8/4 "Geschlechtsspezifische
Äußerungen" durch logische Verknüpfungen der
Kodes (wir nennen sie "komplexe" Retrievals) mit in die
Datenanalyse einbezogen werden. [98]
Darüber hinaus ist ein Zugriff auf das
zeitlich-biographische Ordnungssystem der Textdatenbank
notwendig, um die Entwicklung beruflicher Karrierevorstellungen
in die Analyse integrieren zu können. Für die
Identifizierung der individuellen Lebenslaufstationen waren
wiederum die biographischen Verlaufsskizzen (vgl.
Abschnitt 3.2.1) von Nöten. [99]
Mit der Komplexität der Thematik und der entsprechenden
Suchprozesse in der Textdatenbank geht eine
Informationsfülle einher, die für eine detaillierte
Bearbeitung und den für die anschließend geplante
Typenbildung notwendigen Fallvergleich reduziert und verdichtet
werden musste. Hierzu erfolgte ein datenreduzierender und
deskriptiver Zwischenschritt: die Erstellung von wie wir
sie nennen "Compressed Retrievals". Sie bestehen aus
komprimierten Textteilen, die den Kodes zugeordnet sind, die
mithilfe von Paraphrasierungen oder Kernaussagen sowie kurzen und
individuell hervorstechenden Zitaten verdichtet wurden (vgl. Abb.
20).

Abb. 20: Ausschnitthaftes Beispiel für ein Compressed
Retrieval (am Beispiel der Bürokauffrau Frauke B.) [100]
Der Zwischenschritt der Compressed Retrievals dient der
Erstellung von Fallanalysen, in denen die Informationen
aus den Compressed Retrievals nochmals reduziert und zueinander
ins Verhältnis gebracht werden, um den berufsbiographischen
und familienbiographischen Verlauf überblicksartig
zusammenzufassen. Ein Rückbezug auf die Ergebnisse der
ersten Bearbeitungsphase oder die Originaltexte in der Datenbank
war dabei immer möglich. Dieser Rückkoppelungsschritt
erwies sich auch immer wieder als notwendig, weil mit
fortschreitender Auswertung sich neue Fragen ergaben, für
die der Informationsverlust der Datenreduktion und -komprimierung
zu groß war. [101]
Da derartige Fallbearbeitungen mit einem erheblichen
Auswertungsaufwand verbunden sind, sind wir zunächst
selektiv vorgegangen und haben insgesamt 30 Fallanalysen
erstellt. Die Auswahl der in diese Analysen einbezogenen
Fälle wurde zum einen auf der Basis der im ersten
Auswertungsschritt erstellten themenbezogenen Retrievals
getroffen, die für alle Fälle zur Verfügung
standen. Dabei wurde die bereits dort sichtbar werdende
Spannweite der Orientierungen ebenso berücksichtigt wie der
Umfang, den dieses Thema in den jeweiligen Interviews einnahm.
Zum anderen erfolgte die Auswahl unter Berücksichtigung von
sozialstrukturellen Faktoren wie Geschlecht, Ausbildungsberuf,
Region und Lebensalter. [102]
Die Fallanalysen bildeten die Grundlage für einen
Fallvergleich, aus dem die Typologie biographischer
Pläne zur Familiengründung abgeleitet wurde. Zur
Ausarbeitung der zentralen Begriffe und Dimensionen der Typologie
wurde ein Fallvergleichs-Memo angefertigt, in der
fallvergleichende Analysen enthalten sind. Leitend dafür war
die Fragestellung, wie sich in den ersten Jahren nach
Ausbildungs-Ende Entscheidungsprozesse zur Familiengründung
im Zusammenhang mit der Berufsbiographie entwickeln und welchen
Einfluss die Antizipation der Familiengründung auf den
Berufsverlauf hat. Als Ergebnis der im Projektteam
durchgeführten Fallvergleiche wurden sieben Typen
identifiziert (vgl. KÜHN 1999, SCHAEPER & KÜHN
2000). [103]
Betrachtet man die Rolle der Textdatenbank in diesen
Auswertungen, so lässt sich ihr zusammenfassend folgende
Bedeutung zuschreiben: die Beschränkung auf einen
themenbezogenen Kode gewährleistet zu Beginn, in schneller
Form einen Überblick über die Spannweite von
Orientierungen zu erlangen und deren Entwicklung im Verlauf der
Längsschnittstudie analysieren zu können. Um die
Interdependenzen von Plänen zur Familiengründung und
beruflichen Orientierungen zu berücksichtigen, ist der
Einbezug eines größeren Spektrums von themenbezogenen
Kodes notwendig. Das in der Datenbank zugängliche
umfangreiche Textmaterial muss als Voraussetzung für den
mehrdimensionalen und komplexen Fallvergleich mit einem
erheblichen Bearbeitungsaufwand verdichtet werden. Die
Möglichkeit von themenbezogenen und zeitlich-biographischen
Retrievals und der systematisierte Zugang zu einzelnen
Originaltextpassagen trotz bzw. wegen der Datenreduktion
erleichtert die einzelnen Auswertungsschritte und die Bearbeitung
relativ großer Fallzahlen. [104]
4.2.4 Zuordnung von Fällen zu einer bestehenden Typologie und Validierung einer Typologie
Im Unterschied zu den vorherigen Beispielen haben wir die
Textdatenbank auch zur Analyse einer relativ großen Zahl
von Interviews über drei Erhebungswellen hinweg und deren
Zuordnung zu einer bereits bestehenden Typologie verwendet. Die
Längsschnitt-Typologie der "berufsbiographischen
Gestaltungsmodi" (BGM) (WITZEL & KÜHN 1999, 2000)
beschreibt verschiedene Orientierungen und Handlungsstrategien
von Akteuren, die diese aufgrund ihrer bildungs- und
berufsbiographischen Erfahrungen und Handlungsfolgen über
einen Beobachtungszeitraum von acht Jahren hinweg entwickelten.
Die Typen geben eine Antwort auf die Frage, mit welchen
Orientierungs- und Handlungsmustern junge Erwachsene ihre
beruflichen Statuspassagen und Karriereschritte gestalten und
für deren Verlauf Verantwortung übernehmen. Anhand der
Dimensionen "Arbeitsinhalt", "Karriere", "Einkommen",
"Qualifikation" und "Betrieb" unterscheiden wir insgesamt sechs
Typen. [105]
Die Typologie wurde auf der Basis von Fallanalysen und
systematischen Fallkontrastierungen einer Teilstichprobe von etwa
50 Fällen (von insgesamt n=91 über alle drei
Interviewwellen) in unserem Projekt bereits zu einem Zeitpunkt
entwickelt und durch mehrfache Re-Analysen validiert, als wir noch
nicht auf das Datenbanksystem zurückgreifen konnten. Es
verblieb also das Problem, die restlichen 41 Fälle den Typen
zuzuordnen. Die Erweiterung der Datenbasis auf die
Gesamtstichprobe mit den zentralen Stichprobenmerkmalen
Ausbildungsberuf, Geschlecht, und Region ermöglichte eine
Maximierung der Fallkontrastierung und aufgrund der
systematischen Einbeziehung der verschiedenen strukturellen
Kontexte des Übergangs in den Beruf auch eine letzte
Validierungsstufe. [106]
Erstens konnten wir uns in der Auswertung der
themenbezogenen Kodes der Datenbank bedienen, die mit den
Typendimensionen identisch waren: "Arbeitsinhalt", "Betrieb",
"Karriere", "Einkommen" und "Qualifikation". Für diese
Kategorien wurde somit zunächst ein horizontales oder
themenbezogenes Retrieval pro Fall und über die drei
Wellen hinweg erstellt. Daraufhin wurde in einem
Einzelfall-Memo das Material verdichtet und zusammengefasst.
Die Zusammenfassung stellte die Grundlage für die
analytische Bestimmung des jeweiligen BGM-Typus dar, die
angesichts der Materialfülle trotz vorhandener Textdatenbank
mit einem erheblichen Arbeitsaufwand verbunden war. Die
endgültige Zuordnung der Fälle zu den Typen war
häufig erst nach aufwendigen Diskussionen im Team und z.T.
umfangreichen und häufigen Re-Analysen möglich, die
umgekehrt aber auch durch die Retrievalfunktion des
Datenverwaltungsprogramms erleichtert wurden. Wie in den
vorangegangenen Beispielen erläutert, erlaubte die
Systematik der Datenbank jederzeit, Validierungen einzelner
Auswertungsschritte durch Rückkehr zu Originaltextstellen
vorzunehmen. [107]
Zweitens: Um den spezifischen situativen Bezug
ähnlicher oder differierender Aussagen analysieren zu
können, konnten die themenbezogenen mit den
zeitlich-biographischen Kodes kombiniert werden. Damit wurden
die in Frage stehenden Umgangsweisen in den unterschiedlichen
Stationen des Lebenslaufs und damit über alle drei
Interviews des Längsschnitts dann gezielt herausgegriffen.
Es ging bei der Beurteilung der Orientierungen und Handlungen im
Rahmen der BGM-Analyse darum, einen roten Faden der
Biographiegestaltung über alle Stationen hinweg zu finden.
Ein roter Faden war aufgrund der handlungstheoretischen
Ausrichtung des Konzepts der BGM auch zwischen den einzelnen
Orientierungen und den thematisch dazugehörigen Handlungen
zu suchen. Konkret konnte man mithilfe der Textdatenbank und dem
dazugehörigen Verwaltungsprogramm zwischen den einzelnen
Stationen springen, um zu überprüfen, inwieweit z.B.
eine Weiterbildungsabsicht im Verlauf der weiteren Biographie zu
realisieren versucht wurde oder nicht. [108]
4.2.5 Zusammenfassung der verschiedenen
Nutzungsformen unserer Textdatenbank
Die folgende tabellarische Übersicht fasst den Einsatz
der Textdatenbank im Zusammenhang verschiedener
Forschungsvorhaben zusammen. Als vorläufige, heuristische
Analyse verschiedener exemplarischer Auswertungsstrategien gibt
sie einen Überblick über die Nutzungsmöglichkeiten
der Textdatenbank in verschiedenen Forschungsphasen mit den
Extrempolen "Einstieg in ein Forschungsgebiet" und "Dimensionale
Analyse mithilfe einer bereits bestehenden Typologie".

Abb. 21: Die Nutzung der Textdatenbank in verschiedenen
Auswertungsphasen in Abhängigkeit von der Art und Komplexität des Erkenntniszieles [109]
|
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Resümee: Der Einsatz der Datenbank im qualitativen Auswertungsprozess
|
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Zweifellos bietet eine Datenbank mit der inzwischen
komfortablen Textanalysen-Software eine große
Unterstützung bei der für die qualitative
Sozialforschung notwendigen Verwaltung und Strukturierung von
Textmaterialien. [110]
Der Zugriff auf thematisch geordnete Textsequenzen von
qualitativen Interviews, die nicht im Sinne einer
"Leitfadenbürokratie" (HOPF 1978) durchgeführt wurden,
also kein starres Ablaufschema der Fragen vorzuweisen haben, ist
insbesondere bei einer größeren Stichprobe,
längeren Interviews und komplexen Forschungsfragestellungen
nur sehr schwer mit dem althergebrachten Mittel des "Cut
and paste" zu bewältigen. Die Datenbank als eine Art
überdimensionaler Karteikasten erlaubt mit seinen Kategorien
oder Kodes die für eine Auswertung notwendige Reduktion der
Datenmenge durch die Möglichkeit eines beschränkten und
schnellen Zugriffs auf thematisch relevante Textstellen. Der
ständige Rückbezug auf Original-Textstellen ist nicht nur
aufgrund des induktiv-deduktiven Wechselspiels des
Auswertungsprozesses notwendig. Eine Datenbank mit den
vielfältigen Retrievalfunktionen des Datenbankprogramms
erleichtert auch die diskursive Validierung der Resultate auf
unterschiedlichen interpretativen Abstraktionsebenen, Re-Analyse
aufgrund thematisch unterschiedlicher Auswertungsschwerpunkte und
nicht zuletzt die Durchführung von Sekundäranalysen.
[111]
Bei den von uns als Gliederungssystem der Datenbank
entwickelten Kategorien oder Kodes handelt es sich um
vergleichsweise theoriearme und großflächige Begriffe.
Diese Kodes sind also nicht als "Kernkategorien" zu verstehen,
die im Sinne der Grounded Theory am Ende eines
Auswertungsprozesses stehen, sondern eher als thematische
"Container", die für jeden Auswertungsprozess Hilfestellung
und Material für die weiteren Analysen und damit verbundenen
theoretischen Begriffsbildungen bieten. [112]
Nach unseren Erfahrungen müssen bei der Anwendung der
Datenbank wie die Überblicksskizze über deren
Nutzungsformen (vgl. Abschnitt 4.2.5) zeigt je nach
Komplexität der Fragestellung und Aufgabenstellung in den
einzelnen Auswertungsphasen weitere Instrumente zur
Unterstützung der Suche nach ergiebigen Fundstellen sowie
der Wahrung des Überblicks über umfangreiche Textmengen
und Interpretationsresultate entwickelt werden. Um den
Kontextbezug von Textpassagen nicht zu verlieren, bedarf es des
Gegengewichtes einer zusammenfassenden Betrachtung der
Gesamtgestalt der Fälle. Für einige spezifische
Fragestellungen genügt dazu eine grobe Übersicht
über Verlaufsdaten, wie sie beispielsweise in Form der
biographischen Verlaufsskizze gegeben ist. Für komplexere
Forschungsvorhaben, wie beispielsweise die Erstellung oder
Anwendung einer Typologie, reicht diese jedoch nicht aus.
Zusätzlich zu den kategorienbezogenen Abfragen und
Auswertungen müssen auch in die Datenbank
einbindbare Verfahren treten, in denen das Textmaterial
verdichtet sowie kategorienübergreifend analysiert und
zusammengefasst wird. [113]
Die Erstellung unserer Datenbank war mit erheblichem
(insbesondere monatelangem Kodier-) Aufwand von vielen Personen
verbunden. Zur analytischen Bewältigung der wohl eher
seltenen Materialfülle von über 300 problemzentrierten,
biographischen Interviews gab es unseren Erfahrungen nach keine
Alternativen zu einer computergestützten Datenverwaltung.
Der große Kosten- und Zeitaufwand ist ja insgesamt noch
wesentlich größer, wenn man bedenkt, dass die
aufwendige Herstellung der Textgrundlage der Datenbank
die mühevollen Interviewtranskriptionen als Kosten-
und Zeitfaktor hinzutreten; gar nicht zu sprechen der Aufwand
für die Erhebung der ein bis anderthalb Stunden dauernden,
mit Fahrten zu unterschiedlichen Intervieworten und -regionen
verbundenen Interviews. Daher sollte in der Planung von
Forschungsprojekten geprüft werden, ob statt eigener
Erhebungen nicht vielmehr bereits vorhandene Datenbanken als
Chance für die Durchführung von Sekundäranalysen
betrachtet werden können. [114]
Unserer Meinung nach werden zeitaufwendig und z.T.
kostenintensiv gewonnenen qualitativen Daten noch zu wenig
für Sekundäranalysen genutzt, deren
Durchführung gerade durch die immer wieder verbesserten
Datenverwaltungsprogramme (für einen Überblick vgl.
z.B. WEITZMAN 2000, ALEXA & ZUELL 2000) erleichtert wird. Zum
Ende der Laufzeit des Sonderforschungsbereiches 186
"Statuspassagen und Risiken im Lebenslauf" können wir einen
Beitrag dazu leisten, dass solche Analysen getätigt werden,
wenn das computergestützte Datenbanksystem "QBIQ" zur
allgemeinen wissenschaftlichen Verfügung steht: Mit "QBIQ"
wird ein vom Sfb 186 entwickeltes Datenbanksystem bezeichnet, mit
dem nicht nur qualitative und quantitative Daten gemeinsam
verwaltet werden können, sondern das auch über die
wichtigsten Grundfunktionen gängiger Textanalysesysteme
verfügt (Kodierung des Datenmaterials, Erstellen
verschiedener Arten von Textretrieval etc.) (vgl. KLUGE &
OPITZ in diesem Band). Die in
diesem Aufsatz vorgestellte Textdatenbank wird in "QBIQ"
integriert werden. [115]
1) Befragt wurden Maschinenschlosser,
Kfz-Mechaniker, Friseurinnen, Bank-, Büro- und
Einzelhandelskaufleute, die 1989/90 in einer eher chancenarmen
(Bremen) oder chancenreichen Arbeitsmarktregion (München)
ihre Ausbildung abgeschlossen haben. In unsere Untersuchungen
werden einige der traditionell am stärksten besetzten
Ausbildungsberufe sowohl des Dienstleistungs- als auch des
gewerblichen Sektors einbezogen, die zugleich sowohl Berufe mit
eher günstigen und ungünstigen Arbeitsmarktchancen als
auch typische Frauen-, Männer- und Mischberufe
repräsentieren. <zurück>
2) Aufgrund der prinzipiellen
Werkzeugfunktion des Computers ist es deshalb auch nicht
nötig, sich gegen eine von ihm ausgehende Suggestion und
Denkeinschränkung zu wehren, wie es KLUTE (1996, S.163)
glaubt, tun zu müssen. Er scheint sich geradezu vom Computer
verfolgt zu sehen, wenn er als Gegenmittel nicht nur
Forschungstagebücher "aus Papier an verschiedenen Orten"
sondern auch Notizen über Bücher "liegenderweise in ca.
fünf Kilometern Abstand vom Computer" anfertigt. Man mag
ironisch die Frage anfügen, ob fünf Kilometer in Zeiten
des Internets wohl ausreichen?
<zurück>
3) Es stehen dem Forscher dabei
unterschiedliche EDV-Programme zur computergestützten
Analyse qualitativer Daten zur Verfügung, sog.
"QDA-Software" (QDA="Qualitative Data Analysis"), wie z.B.
ATLAS/TI, WINMAX, ETHNOGRAPH, NUD.IST. In unserem Projekt
haben wir auf NUD.IST zurückgegriffen, weil es sich
durch besonders vielseitige Möglichkeiten auszeichnet (vgl.
z.B. FLICK 1995, S.279, MILES & HUBERMAN 1994, S.316).
"NUD.IST" steht als Abkürzung für "Non-numerical
Unstructured Data Indexing Searching and Theorizing" und
gehört zu den führenden Auswertungsprogrammen in der
qualitativen Forschung.
<zurück>
4) Eine Textpassage kann auch
unterschiedlichen Kategorien zugeordnet werden. Gerade in
narrativen Sequenzen, prototypisch bei der
Eingangserzählung, d.h. nach der Einleitungsfrage des
Interviewers, werden häufig mehrere unterschiedliche Themen
angesprochen. Aber auch im weiteren Interviewverlauf werden
thematische Bezüge in der Regel nicht isoliert hergestellt,
sondern mit anderen "Themen" verknüpft, beispielsweise die
Darstellung von privaten und beruflichen Zukunftsvorstellungen.
<zurück>
5) Udo KUCKARTZ nennt die "vertikalen" auch
"themenbezogene" Retrievals. Wir haben hingegen in unserem
speziellen Anwendungsfall diesen Begriff verwandt, um die
zeitlich-biographischen von themenbezogenen Kodes zu
unterscheiden. <zurück>
6) Das der DABIE zugrundeliegende Kategoriensystem wurde in
unserem Projekt auf der Grundlage von eigenen Vorarbeiten
ausgearbeitet. Zur Auswertung von familienbiographischen
Fragestellungen hat Johanna MIERENDORFF (vgl. HEINZ et al. 1996),
gestützt vor allem auf den Leitfaden, familienthematische
Kategorien entwickelt. Thomas KÜHN (1996) hat in seiner
Diplomarbeit zur Beschreibung von berufbiographischen
Gestaltungsweisen eine kategoriale Analyse durchgeführt und
ein detailliertes Kategoriensystem zur Erfassung
berufsbiographischer Gestaltungsweisen ("KATZE BEGE") entwickelt.
Diese beiden familien- und berufsthematischen Systeme wurden
unter Berücksichtigung des zu erwartenden Kodieraufwands und
der Fokussierung auf Projektfragestellungen zu dem hier
vorgestellten Kategoriensystem integriert.
<zurück>
7) Zur genauen Kodierung der Interviews
spezifizierten wir die Definition der Kategorien und gaben
konkrete Anweisungen, was als "spezieller Inhalt" zu den
Kategorien gehört. Exemplarisch wird hier auf die
Konkretisierung der Kategorie "Bilanzierung" eingegangen:
Spezielle Inhalte Bedingungen der Organisation wie
Arbeitsteilung, Hierarchie, Arbeitszeit, Einkommen, Konkurrenz,
Arbeitsbelastungen. Ausbildungsqualität, z.B.
Lernmöglichkeiten, Handlungsspielräume,
Arbeitsplatzsicherheit. Berufliche Möglichkeiten wie
Verantwortungsbereich, Vielfältigkeit der Inhalte,
Differenzen von Ansprüchen und Realität,
Betriebsatmosphäre, Bedeutung von Arbeit in der
bilanzierten Phase. "Gute" und "schlechte" Seiten der
Arbeit. Was hat man aus stationenbezogenen Erfahrungen
(für die Zukunft) gelernt, welche Prinzipien leitet man
daraus ab? <zurück>
8) Durch die Zuordnung des gesamten
Interviews und somit aller Textzeilen zu einer
Fallmerkmal-Kategorie, lassen sich bei der Auswertung mit Hilfe
einer logischen "und"-Verknüpfung die thematisch relevanten
Textstellen per Retrieval anzeigen. Will man beispielsweise den
Bezug von Bremer Bankkaufleuten auf berufliche
Zukunftsperspektiven betrachten, so werden durch die logische
"und"-Verknüpfung der Kategorien 30/2/1 ("Bremen") und
30/3/1 ("Bankkaufmann/-frau") alle Textzeilen gesucht, die beiden
Kategorien zugeordnet wurden. Durch die Zuordnung aller
Textzeilen zu den Fallmerkmal-Kategorien, werden somit genau alle
Interviews von Bremer Bankkaufleuten gefunden. Durch eine
"und"-Verknüpfung der Kategorien 30/2/1, 30/3/1 und 4/3
("berufliche Zukunftsperspektiven") werden aus diesem
Textmaterial der Gruppe Bremer Bankkaufleute genau die
Äußerungen gefunden, die zur Untersuchung beruflicher
Zukunftsperspektiven relevant sind.
<zurück>
9) Zur allgemeinen Auswertungslogik vgl.
WITZEL (1996). <zurück>
10) STRAUSS und CORBIN (1996, S.169)
definieren Memos als "schriftliche Analyseprotokolle, die sich
auf das Ausarbeiten der Theorie beziehen."
<zurück>
11) Für viele Fälle lagen weitere
Ausarbeitungen wie "Falldarstellungen" und "biographische
Chronologien" (WITZEL 1996, S.60 ff) aus früheren
Projektphasen vor, die zur interpretativen Einbindung von zu
analysierenden Textsequenzen in den Gesamtzusammenhang oder die
Gestalt des jeweiligen Falles herangezogen werden konnten. <zurück>
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