1.    Ein narratives Interview mit Hülya

  2.   

  3.    Universität Hamburg, WS 85/86

  4.    Christa Hoffmann-Riem

  5.    Empirisches Seminar: Zur Situation türkischer Frauen und Mädchen

  6.   

  7.    Deckblatt

  8.   

  9.   1. Interview- Nr.: XVI

  10.   2. Erzählerin: Hülya

  11.   3. Türkin

  12.   4. Alter

  13.    - bei Interview: 31 Jahre

  14.    - bei Einreise: 17 Jahre

  15.   5. Beruf: Arbeiterin in der Metallbranche

  16.   

  17.   6. Interviewerinnen: Heike Kahlert, Christa Noack

  18.   7. Zeitpunkt des Interviews: 06. Februar 1986

  19.   8. Ort des Interviews: Wohnung der Erzählerin

  20.   9. Dauer des Interviews: 2 Stunden

  21.   10. Transkription erstellt von Heike Kahlert

  22.   

  23.   Kommentar

  24.   

  25.   Den Zugang zu Hülya erhielten wir durch eine Kommilitonin, die Kontakt zu einer

  26.   türkischen Lehrerin hat. Diese Lehrerin lud uns zu einem Treffen ausländischer

  27.   Frauen ein, die im Haus 3 in Altona zusammen kochen und essen wollten.

  28.   Bei diesem Treffen fühlten wir uns von Anfang an sehr wohl.

  29.   Die türkische Lehrerin, die selbst Interview-Erfahrung hat, stellte uns Hülya vor.

  30.   Wir erklärten ihr, was wir vorhätten. Darauf reagierte sie zunächst sehr

  31.   mißtrauisch, dann stimmte sie zu: wenn sie dadurch keine Probleme bekäme, in

  32.   die Türkei reisen zu dürfen, dann würde sie das Interview geben.

  33.   Wir tauschten Telefonnummern aus, da Hülya zu dieser Zeit sehr viel zu tun

  34.   hatte und keinen Termin vereinbaren konnte.

  35.   Ca. drei Wochen nach unserem Treffen rief sie an, um einen Termin zu

  36.   verabreden. Sie war sehr offen und herzlich und lud uns zu sich nach Hause ein.

  37.   Wenn deutsche Leute eine Türkin besuchen, so wolle sie auf jeden Fall türkisch

  38.   kochen.

  39.   Das Treffen verlief sehr schön und harmonisch. Die Freundlichkeit, mit der wir

  40.   aufgenommen wurden, beschämte uns.

  41.   Hülya hatte ein umfangreiches Essen zubereitet. Wir aßen gemeinsam in ihrem

  42.   Wohnzimmer und unterhielten uns über allgemeine Dinge.

  43.   Nach dem Essen erklärten wir nochmals, was wir vorhätten.

  44.   Hülya war damit einverstanden und fand es wichtig, uns ihre Probleme zu

  45.   erzählen.

  46.   Zu Beginn des Interviews fiel es ihr etwas schwer, den Einstieg zu finden, danach

  47.   erzählte sie sehr offen und flüssig.

  48.   Nach dem Interview unterhielten wir uns noch ein bißchen, leider war die Zeit zu

  49.   knapp, da wir auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen waren und Hülya sehr

  50.   weit außerhalb Hamburgs wohnt.

  51.   Sprachlich gab es keine Probleme. Hülya spricht sehr gut deutsch und hat einen

  52.   sehr großen Wortschatz. Gelernt hat sie die Sprache nur durch das Fernsehen,

  53.   ein Volkshochschulkurs hat ihr “nichts mehr gebracht”.

  54.   

  55.   Das Interview

  56.   

  57.   

  58.   I: Es wäre schön, wenn du uns etwas über dein Leben in der Türkei erzählen könntest und auch

  59.   über dein Leben, wie du hier lebst, und es wäre schön, wenn du dabei auch 'was über deine

  60.   Kindheit oder Jugend erzählen könntest, wie du in die Bundesrepublik gekommen bist.

  61.   Vielleicht kannst du dich ja noch an bestimmte Sachen aus deiner Kindheit erinnern.

  62.   (( Schweigen ))

  63.   I: /ehm/

  64.   H: (( Schweigen ))

  65.   Kannst du jetzt ausschalten? Ich weiß nich, /eh/ wie

  66.   I: (( schaltet Gerät aus. Hülya überlegt einen Moment, dann bittet sie uns, das Gerät wieder

  67.   einzuschalten.))

  68.   H: Ich bin in eine kleine Dorf geboren

  69.   I: hm

  70.   H: das mit tausend

  71.   Einwohner.. Ich hab´/ eh / noch vier Geschwister außer mir / ehm / wir sind fünf Geschwister.

  72.   Und ich bin die Jüngste. / Ehm / meine Großmutter auch bei uns gewohnt früher, ich kann mich

  73.   also nich so gut an sie erinnern, da war ich acht Jahre alt, als sie starb. Und paar Jahre später

  74.   sind wir in unsere Vorort gezogen, da hat mein Vater Arbeit gefunden bei einem / eh / reiche

  75.   Mann als... / eh /.. nich Sekretär aber so

  76.   I: hm

  77.   H: einem Mann für alles

  78.   I: /ehm/

  79.   H: sozusagen, da bin

  80.   ich dann auch zur Schule gegangen... und.. ja, meine älteste Bruder dann geheiratet hat, war

  81.   ich neun Jahre alt.. und dann... / ehm /... Anfang 64 auch meine Schwester geheiratet, dann

  82.   sind wir, war'n wir nur / eh / zu dritt zu Hause.

  83.   I: hm

  84.   H: Ich war grade elf Jahre alt, als mein Vater

  85.   schwer krank wurde, und da hat sich /eh/ unsere Leben /ehm/ sehr verändert. Meine Mutter

  86.   war noch sehr jung, aber sie war immer Hausfrau,

  87.   I: hm

  88.   H: und mein Vater hat ja nur /eh/ privat

  89.   gearbeitet, mal da

  90.   I: hm

  91.   H: und mal dort, und denn hat er auch keine Krankengeld bekommen,

  92.   auch keine Rente.. In dem Zeit haben wir auch keine Geld gehabt, meine Mutter mußte /eh/

  93.   von andere Leute Geld nehmen, um meine Vater gesund zu pflegen.

  94.   I: hm

  95.   H: / Ehm / na ja,

  96.   und da sind wir immer in Sommern zu meine Schwester gefahren, sie /eh/ die haben große

  97.   Landwirtschaft,

  98.   I: hm

  99.   H: ich hab un´ meine Mutter da bei meine Schwester

  100.   bißchen geholfen, und da hab ich auch angefangen, so bißchen zu arbeiten, so Geld /eh/ zu

  101.   verdienen, war ich vielleicht höchstens zwölf Jahre alt... Meine Vater konnte, obwohl er ziemlich

  102.   gesund war, nich wieder arbeiten, überhaupt nich so körperlich schwer Arbeit machen. Ich hab

  103.   mir immer die Leute vorgestellt, die in dem Dorf..so arme Leute, die alt geworden sind,

  104.   abhängig von Kindern und wenig zu essen und wenig zum Anziehen und überhaupt nich mal

  105.   zum Arzt gehen

  106.   I: hm

  107.   H: und so... Da hab ich /eh/ Anfang sechziger Jahre oder Mitte sechziger

  108.   Jahre Leute kennengelernt oder gesehen, die aus Deutschland kamen mit schönes Auto und

  109.   die haben alles gehabt.

  110.   I: (( leise lachend)) hm

  111.   H: Also, war ich so grade dreizehn vielleicht, da hab ich immer gedacht: ooh,

  112.   du fährst irgendwann mal auch nach Deutschland, aber ich wollte nich /eh/ große Autos fahren

  113.   oder /ehm/ Wohnung kaufen (oder) Grundstück. Meine /eh/ Traum war, /eh/ daß meine Eltern

  114.   später besser geht als den meisten

  115.   I: hm

  116.   H: ältere Leute und meine Bruder konnte /ehm/ er war

  117.   ganz gut in der Schule, konnte auch studieren können, aber /eh/ wir hab'n kein Geld gehabt

  118.   Meine Traum war, daß meine Bruder weiter studiert und finanziell helfen können meine Eltern. /

  119.   Ehm/ meine /eh/ für meine Mutter war es ganz schwer, abhängig von Kindern zu sein, sie hat

  120.   /eh/ praktisch keine eigene Portemonnaie gehabt

  121.   I: hm

  122.   H: auch keine eigene Haushalt mehr, als

  123.   meine Vater krank wurde.. und dann war ich vierzehn Jahre alt, als ich zu meinem Vater gesagt

  124.   hat: ich möchte auch nach Deutschland.. Er war /eh/ (( lachend)) dagegen, er hat immer

  125.   geschimpft: nein, du gehst nich nach Deutschland,

  126.   (( alle lachen))

  127.   H: du bleibst hier und irgendwann wirst du heiraten und / und deine Mann

  128.   I: ja ja

  129.   H: muß /eh/ für dich

  130.   sorgen, aber ich wollte nich, ich wollte mich irgendwie selbständig machen, ich wußte aber

  131.   nicht, wie, ne, aber ich hab mir auch nich Gedanken gemacht, was mich in Deutschland

  132.   erwartet oder so.

  133.   I: hm

  134.   H: Ich wollte einfach weg, das war.. Not /eh/, also praktisch hab ich keine

  135.   Taschengeld bekommen von meinem Bruder.. /ehm/ und überhaupt nichts. Ich hab immer..

  136.   meine.. Freundinnen beneidet, die Geld gehabt haben oder sich

  137.   I: hm hm

  138.   H: was leisten

  139.   konnten. Ich konnte mir überhaupt nichts leisten..( ) meiner Mutter ging´s immer schlechter,

  140.   und sie hat immer geweint und das war sehr schwer und.. obwohl ich so jung war, ich hab das

  141.   alles mitgekriegt, miterlebt... Meine Bruder.. konnte so.. na ja, bis.. Ende Gymnasium

  142.   I: hm

  143.   H: zu / zur Schule gehen und nachher konnt' er nich mehr wegen finanzielle Gründe... / Ehm / ich

  144.   war noch zu jung, das is´ bei uns auch so wie in Deutschland: man ist mit achtzehn volljährig,

  145.   und /eh/ ich konnte ja mit achtzehn nach Deutschland / eh / gehen / und dann habe ich meine

  146.   Vater gesagt /eh/ daß ich mich älter lassen... /eh/ werde,

  147.   I: hm

  148.   H: / das kann man machen /hm/

  149.   I: hm

  150.   H: ((lachend)) man kann

  151.   sich älter machen lassen, aber nich jünger machen,

  152.   I: ((lachen))

  153.   H: ((lachend)) ich hab gesagt, jetzt /eh/ möcht' ich zu Gericht, und denn möcht' ich das /ehm/ ich

  154.   achtzehn Jahre alt /eh/ werde, so gerichtlich /eh/

  155.   I: hm

  156.   H: das ist keine Betrug, also, das kann man

  157.   machen. Man nimmt zwei Zeugen mit und eine Attest vom Arzt und und dann, also, wenn man

  158.   heiratet, wenn ich gesagt hätte, ich würde heiraten auch mit dreizehn hat er mich

  159.   I: hm

  160.   H: /eh/ glatt

  161.   /eh/ achtzehn geschrieben,

  162.   I: (( lachen))

  163.   H: aber (( lacht)) meine Vater war so stolz, er wollte nicht zugeben,

  164.   I: hm

  165.   H: er konnte nicht sagen, ich möchte meine Tochter nach Deutschland schicken.. hat er

  166.   nicht gesagt, und der Arzt immer wieder gefragt: warum wollen Sie Ihre Tochter älter machen

  167.   lassen? Na ja, mein Vater wollte nicht sagen

  168.   I: (( lachend)) hm

  169.   H: und dann sagt der Arzt: ich kann /eh/

  170.   Gericht /eh/ betrügen, aber ich kann den liebe Gott nicht betrügen, sagte er, sie ist doch noch

  171.   fast ein Kind. Meine Vater hat sich sehr schwer getan, und hat er nachher doch erzählt, ne, daß

  172.   er so krank is', und daß er nich arbeiten kann, daß er mich nach Deutschland schicken wird,

  173.   und dann sagte er, ja, / daß ich noch fast ein Kind bin, daß er nich /eh/ Attest geben kann. Und

  174.   hat zwei Jahre gedauert /ehm/ .. Zwei Jahre hab'n wir bei uns versucht in meine Stadt und

  175.   dann nachher bei meine Schwester, wo sie wohnt.

  176.   I: Und wie alt warst du beim ersten Mal, bei dem ersten

  177.   H: hm, vierzehn

  178.   I: Versuch?

  179.   Vierzehn, ja

  180.   H: da war ich vierzehn.

  181.   (( alle lachen ))

  182.   H: Und dann, wir hab´n gedacht. in der Großstadt /eh/ klappt das nicht so gut, dann hab'n wir uns

  183.   noch eine andere Stadt gesucht, und da waren, da war ich über eine Jahre... als `n paar mal

  184.   zum Gericht gegangen und das doch nich geklappt, da erst einmal so drei, vier Jahre

  185.   vergangen und / drei Jahre Jahre. Ich war /eh/ so.. angemeldet / eh /

  186.   I: hm

  187.   H: beim Arbeitsamt,

  188.   daß ich nach Deutschland (gehen würde). Man kann nicht einfach /eh/

  189.   I: /ehm/

  190.   H: nach

  191.   Deutschland kommen, ich bin nich illegal gekommen, ich bin über dem Arbeitsamt nach

  192.   Deutschland gekommen, aber ich mußte warten: er hat gesagt, auch wenn ich gerufen werde,

  193.   darf ich nich nach Deutschland, weil ich noch zu jung bin.

  194.   I: hm

  195.   H: Mit achtzehn darf ich einen

  196.   Pass

  197.   I: hm

  198.   H: erhalten... Und.. na ja, ich hab zwei Jahre gewartet, ich /ehm/ doch ein, nur ein

  199.   Jahre.. älter..

  200.   I: hm

  201.   H: machen lassen

  202.   I: Hm ach so

  203.   H: und.. da bin, danach hab ich noch ein Jahre gewartet und dann irgendwann... dann so Brief

  204.   gekommen.. und da sagte jemand: Du gehst nach Deutschland. Heute ist Post gekommen, für

  205.   dich. Ich war mit meine Schwester auf dem Feld.

  206.   I: hm

  207.   H: Als wir abends zurückkamen, hat /eh/

  208.   ein junger Mann aus dem Kaffeehaus gerufen. Natürlich konnt' ich nich glauben, ne, und /eh/

  209.   ich hab mich nich gefreut, in dem Moment wußt´ ich nich

  210.   I: hm

  211.   H: was ich fühlte. Als wir mit

  212.   Traktor zu Hause waren mit meine Schwester, da weinte schon meine Mutter ganz laut,

  213.   I: hm

  214.   H: daß ich /eh/ hat Sie auch geschimpft, daß ich das wollte und .. so /eh/ daß ich zufrieden sein

  215.   muß und so, ne, und sie wollte nich, aber.. die hab´n eben keine andere Ausweg gehabt. Meine

  216.   Mutter hat mich bestimmt nich, /eh/ wenn sie..(( überlegend)) Möglichkeiten gehabt hätte, mich

  217.   nach Deutschland

  218.   I: hm

  219.   H: geschickt... Denn hab'n sie eine Termin gegeben.. es war.. 1972, da

  220.   mußt´ ich Arbeitsamt kommen, bin ich hingegangen... sie erst mal alles geprüft, ob ich

  221.   schreiben und

  222.   I: hm

  223.   H: lesen kann und dann auch noch /eh/.. Schulabschluß gefragt.. / Eh / ich

  224.   konnte alles zeigen, ich hab auch Schulabschluß

  225.   I: hm

  226.   H: und dann mußt' ich Zeitung lesen, hab ich

  227.   auch gelesen und (( lacht))... und dann hab ich angefangen mit /eh/ meine Pass /eh/ das kriegt

  228.   man nich so ohne Weiteres

  229.   I: hm

  230.   H: das dauert immer, ne. Man muß.. überall hinlaufen. Als der

  231.   Pass fertig war, hab'n wir noch mal Termin gekriegt an dem /eh/ das war Ende 72, Ende 72.. da

  232.   mußt´ ich /eh/ nach Istanbul. Und da... natürlich war sehr schwer, der Abschied von zu Hause...

  233.   da.. na ja, ich wußte aber noch nich, wie schwer und weil meine Bruder mich begleitet hat bis

  234.   Istanbul.. Und da.. in Istanbul ist sehr /eh/ riesige Gebäude, ob Arbeitsamt oder

  235.   I: hm

  236.   H: ich weiß

  237.   nich, oder Gesundheitsbehörde war, ich war ja noch vorher noch nich in so /eh/ große Stadt..

  238.   und wir sind /eh/ dann hingegangen: drei, vier Tage hat der Untersuchung, ganze

  239.   Untersuchung gedauert... In Istanbul waren wir nur Nummer,

  240.   I: hm

  241.   H: keine Persönlichkeit mehr, keine Name, man

  242.   hat uns Nummer gegeben immer durch Lautsprecher, riesige Halle, immer Nummern gerufen

  243.   I: hm

  244.   H: /eh/ gerufen worden, natürlich waren Männer und Frauen getrennt /eh/ getrennt, aber man

  245.   /eh/ mußte immer mehrere Leute in einen Raum 'reingehen zum Röntgen

  246.   I: hm

  247.   H: und das war

  248.   irgendwie ganz schlimm, daß die Leute immer, die Frauen aus dem Lande hab'n sich geschämt

  249.   I: hm

  250.   H: /so ganz nackt dazustehen, lauter Leute

  251.   I: hm

  252.   H: zusammen und viele Leute und dann, na ja,

  253.   Personal war auch /männliche Personal da, und da hab'n sie mal geschimpft, als die Frauen

  254.   ihre /Brust zugedeckt haben mit die Hände: “Warum schämen Sie sich denn, sind Sie

  255.   Schönheit oder `was? Lassen Sie los, oder", so irgendwie unmenschlich behandelt, schon in

  256.   Istanbul

  257.   I: hm

  258.   H: ne, Urin untersucht worden, Blutuntersuchung, wenn jemand bißchen zu hohes

  259.   Blutdruck hatte,

  260.   hat schon verloren, ne?

  261.    I: hm

  262.   H: Sie waren so traurig, weil sie.. ihre ganze.../eh/ Geld schon

  263.   ausgegeben hab'n bis Istanbul, ganze Pass und Reise kostet ja schon viel Geld, ne... Auch

  264.   Zähne

  265.   I: hm

  266.   H: geguckt worden, man müßte sich bücken, auch Knochen gezählt, Wirbelsäule

  267.   mußte grade sein, und darf /eh/ keine Zahnlücke haben, auch keine kaputte Zähne,

  268.   Blutsenkung muß in Ordnung sein, alles,

  269.   I: hm

  270.   H: auch wenn man vielleicht klein bißchen.. man darf keine Operationnarbe haben und muß man

  271.   Hände grade strecken, muß ganz ruhig sein, nich nervenkrank sein... Natürlich waren wir alle

  272.   kerngesund /ehm/ehm/ die Leute, die /durchgekommen sind.

  273.   I: hm

  274.   H: Viele mußten wieder zurück nach Hause, na ja, vielleicht hab'n sie Glück gehabt.

  275.   I: hm hm

  276.   H: (( lacht)) aber viele hab'n /eh/ geheult.

  277.   I: hm

  278.   H: Das war vielleicht einzige Ausweg oder Hoffnung

  279.   I: hm

  280.   H: für sie, weiß ich nich. Als /eh/ mir jemand gesagt hat, daß, als sie sich aufgeregt hat bei der

  281.   Untersuchung, daß ihre Blutsenkung oder Blutdruck zu hoch gewesen war, deshalb ist sie nich

  282.   /eh/ durchgekommen erst. /Ich /eh/ hab immer so viel Angst gehabt vor Spritzen, weil ich /

  283.   vorher nie beim

  284.   I: hm hm

  285.   H: Arzt gewesen bin, und da hat meine Bruder geschimpft: “Mußtest

  286.   du denn /eh/ so nervös sein oder aufgeregt? Was ist, wenn Du verlierst, und das Ganze ist

  287.   umsonst gewesen?" Ich hab gesagt, was soll ich machen, ich hab eben Angst vor´n Spritzen,

  288.   I: hm

  289.   H: weil es so riesige /ehm/ Nadel war, und dann auch noch so nich behutsam, und

  290.   irgendwie so alles, ganze Untersuchung

  291.   I: hm

  292.   H: war unmenschlich... Vier Tage hat der ganze

  293.   Untersuchung gedauert.. Zum Glück oder zum Pech bin ich doch durchgekommen.. Und...

  294.   nach dem Untersuchung.. kriegt man noch eine Termin, man muß wieder ganz früh da

  295.   I: hm

  296.   H: /eh/

  297.   hinkommen

  298.   und dann wird Arbeit geteilt, wer wo hingeht. Wir waren paar /eh/ also, ich würde sagen, junges

  299.   Mädchen gerufen worden, in eine Raum gegangen. Sie war aber Türkin, /sie hat eine Katalog

  300.   in der Hand gehabt, die Leute waren alle schön mit weiße Tücher, Kopftücher und weiße

  301.   I: hm

  302.   H: Kleider. Sie sagte: “Sie brauchen nicht arbeiten, nur den Knopf drücken. Sie sehen keine

  303.   Hähnchen”, das ist eine Geflügelschlachterei gewesen.

  304.   I: hm

  305.   H: "Das ist nur Band hier, und Sie

  306.   würden an den Hähnchen nichts sehen, Sie würden nur den Knopf drücken und den ganze

  307.   Arbeit geht allein." Also, ich halte nich viel vom Schlachten, aber ich hab gedacht, wenn ich das

  308.   nicht sehen muß und so sauber wie 'ne Krankenschwester und das geht ja schon, ne.. Aber

  309.   das war nich alles, das geht nich /eh/ unsere Willen, da kam, war /eh/ noch jemand da, und /er

  310.   /eh/ sprach andere Sprache als wir, wir mußten aufstehen, uns umdrehen, hat er von unten bis

  311.   oben geguckt und umgekehrt auch, na ja (( lachend)) er mußte /eh/ ansehen, richtig ansehen,

  312.   /eh/ auf was er bezahlt.

  313.   I: hm

  314.   H: ... den 5. Juli 72 bin ich nach Deutschland gekommen.

  315.   Wir sind abgeholt worden... vom Bahnhof.. erst in die Fabrik, da hab'n wir Essen gekriegt, jede

  316.   eine Hähnchenkeule,

  317.   (( alle lachen))

  318.   H: (( noch lachend)) und der Meister hat gesagt, wir sollten so viel essen /eh/..

  319.   I: Wie Ihr könnt?

  320.   H: Ja, wie wir.. also mit der, wir konnten kein Wort deutsch. Von uns jede hat keine Pfennig in der

  321.   Tasche gehabt!

  322.   I: hm

  323.   H: Und.. kein Mensch hat 'was gesagt, daß wir irgendwie paar Mark

  324.   hätten wir doch /eh/ nehmen können von der Bank, wechseln können, aber weder

  325.   Sprachkenntnisse

  326.   I: hm

  327.   H: noch Geld. Na ja, hat er uns erklärt, daß es /eh/ eine.. besondere Tag ist,

  328.   deshalb wir Hähnchenkeule kriegen, umsonst essen können,

  329.   I: hm

  330.   H: da durften und konnten wir so viel essen, /eh/

  331.   ((lacht)) wie wir konnten und nachher, da sagte nachher nichts mehr, ne und nich umsonst,

  332.   nachher mit Geld. So, aber.. wir waren noch von der Reise und von der Abschied

  333.   I: hm

  334.   H: noch

  335.   nich richtig da...ne. Man hat uns so, nachher nach dem Essen, mit /eh/ Omnibus in dem Heim

  336.   gebracht, wo wir in /in Zukunft wohnen sollten. Also ich weiß nicht, warum, wir waren alle

  337.   bestimmt nich dumm, aber

  338.   wir hab'n auch miteinander nich geredet. Wir hab'n uns erst /eh/ da gesehen,

  339.   I: hm

  340.   H: als wir

  341.   ankamen. Wir sind ganze Zeit, die ganze Reise zusammen gemacht, keine Wort haben wir

  342.   nich, auch mit Landsleute nich gesprochen. Da waren wir.. /eh/ ((überlegend)) fünf Mädchen

  343.   und dann eine Familie.. dabei, an dem gleiche Tag sieben Leute sind gekommen.

  344.   I: hm

  345.   H: Also, wir sollten gleich /ehm/ Geld kriegen eine.. Abschlag, daß wir uns irgend'was kaufen

  346.   können und so, aber... nach dem Abend, /eh/ als er uns in den Heim gebracht hat, hab'n wir

  347.   niemanden gesehen, vier Tage lang (( lacht laut))

  348.   I: (( lachen ))

  349.   H: worauf /eh/ ein, nachher fünfte Tag, Gott sei Dank, hat jede bißchen 'was /eh/ mitgebracht von

  350.   zu Hause: Nudeln oder Grütze oder so, ne, und.. ich fand das komisch! Auch andere Leute,

  351.   Landsleute, hab'n nich unsere Tür geklopft und ob wir 'was brauchen und so.. Na ja, wir waren

  352.   alle so traurig, wir aber auch nich mit uns so.. miteinander

  353.   I: hm ja

  354.   H: unterhalten... Und da hab'n wir

  355.   uns /eh/ Nudel gekocht und /eh/ eine hat Grütze gekocht, war nich genug Teller da, und ein hat

  356.   /eh/ von /eh/ Topf /eh/ Deckel genommen, und eine hat den Topf genommen. Wir waren

  357.   gerade beim Essen, hat geklopft und kam der großzügige Herr wieder, war nachher,

  358.   I: (( lachen))

  359.   H: (( lacht)) wie (( lacht)) wie sich 'rausgestellt hat, war Obermeister, hat, er hat uns jede fünfzig

  360.   Mark gegeben.

  361.   I: hm

  362.   H: Wir sollten uns... einkaufen und so... Ja, so hat dann auch angefangen mit

  363.   unsere.. also fünf Tage später hab'n wir angefangen.

  364.   I: hm

  365.   H: ( ) Wir sind, glaube ich, /eh/

  366.   mittwochs oder so

  367.   I: hm

  368.   H: angekommen, und am Anfang haben wir nur vier Tage in der Woche

  369.   gearbeitet, vier Tage, aber natürlich vielleicht achtzig Stunden, ne, innerhalb vier Tage... Das

  370.   hab'n wir nicht gezählt, wir wußten nicht, daß man in Deutschland vierzig Stunden in der

  371.   Woche arbeitet. /Eh/ wir haben so lang von sechs bis um neun, bis um zehn gearbeitet, abends

  372.   bis um acht. Dann waren wir auch abhängig, /eh/ wir sind immer abgeholt worden von /eh/

  373.   Betrieb im Bus und auch nie /eh/ zurückgefahren, auch wenn wir bis /hm/ so um achte

  374.   Feierabend gemacht haben, und mir, mußten wir bis um neun sogar da draußen sitzen,

  375.   I: hm

  376.   H: auf

  377.   den Bus warten.... Ja, wir hab'n auch keine Überstunden bezahlt gekriegt, auch gar

  378.   

  379.   

  380.   

  381.   

  382.   nichts, und... ich war /eh/, glaube ich, so eine Woche erst oder zwei Woche da.... Da mußte ich

  383.   /eh/.. abends nach dem Arbeit, wie die Leute nach Hause gegangen sind, die Firma- ganze

  384.   Firma putzen, mit /eh/ /drei andere Frauen, oder waren wir insgesamt drei, das weiß ich nicht

  385.   genau.

  386.   I: hm

  387.   H: Drei Frauen, die ganze Firma mußten wir scheuern und putzen, mit Schlauch, mit

  388.   kalt,

  389.   I: hm

  390.   H: eiskalte Wasser. Wir haben Gummistiefel angehabt,

  391.   I: hm

  392.   H: Gummischürze und

  393.   diese schöne /eh/ schneeweiße Kittel war immer blutig,

  394.   I: hm

  395.   H: auch ganze Dreck von Hähn-

  396.   chen, und dann mußte ich Müll/eh/tüten 'rausbringen.

  397.   I: hm

  398.   H: Da /hab ich mir immer gesagt..

  399.   was ist, wenn von deine Dorf oder von deinen Bekannten jemand dich hier sieht!

  400.   I: hm

  401.   H: Dann

  402.   würd'st du dich am liebsten aufhängen! Also, das

  403.   I: hm hm

  404.   H: Wir waren irgendwie zu stolz, um

  405.   ..sowas zu machen, zu Hause, ne.

  406.   I: hm

  407.   H: Na ja, hier /eh/ gab's danach eigentlich keine Stolz

  408.   mehr. Am Anfang hab'n sie uns den /eh/ Pass /eh/ genommen wegen.. Aufenthalts..erlaubnis

  409.   oder so. Ich weiß nich, wegen Arbeitserlaubnis... /Eh/ dann ist jemand krank geworden.. nach

  410.   paar Tage später ist /eh/ Wasser /eh/ in `ne Ohren gekriegt oder so.

  411.   I: hm

  412.   H: Ich mußte für sie einspringen.. Zum Putzen.

  413.   I: hm

  414.   H: Hab ich auch gemacht, aber weil ich

  415.   dachte, ich muß das nur /eh/ paar Tage machen,

  416.   I: hm

  417.   H: und dann, wie sie zurückkam, hab'n sie gesagt, daß ich besser bin, und daß ich bleiben muß.

  418.   Ich hab gesagt: nein /eh/, so mit Seifenwasser voll, große riesige Eisenwagen, da mußte ich

  419.   ganze /eh/ Kiste waschen mit Bürste und so. Ich hab gesagt: nein, er sagte: ja und, ja, außer

  420.   “ja" und "nein" konnt' ich kein Wort, oder er sagte, er hat lange versucht, immer gesagt: mußt,

  421.   du mußt machen. Putzen, wenn nicht, nach Türkei wollten sie mich schicken, ne, meine, ich

  422.   hab ja noch keine Pass gehabt.

  423.    I: hm

  424.    H: Und das hab'n sie auch mit andere

  425.   

  426.   

  427.   

  428.   

  429.   

  430.   Frauen gemacht, die sich geweigert haben, einfach zurück geschickt nach Hause.

  431.   I: hm

  432.   H: Das wollte ich auf keinen Fall.

  433.   I: hm

  434.   H: Also, ich wollte schon am Anfang aufgeben, weglaufen.

  435.   Ich hab gesagt: das ist mir egal, ob ich Geld hab´ oder nicht. Ich will hier nicht bleiben, aber ich

  436.   hab auch /eh/ keine Geld gehabt, als ich nach Deutschland kam, mußten wir von andere Leute

  437.   Geld nehmen. Erstens hab ich Schulden gehabt, das war Ehrensache,

  438.   I: hm hm

  439.   H: das mußt' ich

  440.   zurückzahlen,

  441.   I: hm

  442.   H: und zweitens hab ich immer gedacht, das glaubt mir keine Mensch, wenn ich

  443.   erzähle, was /ehm/ in Deutschland

  444.   I: hm

  445.   H: passiert

  446.   I: hm

  447.   H: ist, und sie werden glauben, daß ich

  448.   vielleicht irgend'was geklaut habe.

  449.   I: hm ja

  450.   H: Oder.. und deshalb, daß mich Polizei nach Hause

  451.   I: hm

  452.   H: geschickt

  453.   I: hm

  454.   H: hat und so. Ich sag nee

  455.   und: um wieder zurückzugehen, war ich auch zu stolz. Hier bleiben war auch

  456.   I: hm

  457.   H: /eh/

  458.   irgendwie Hölle, aber ich hab ganze Jahr da gearbeitet in der Firma, und.. ich hab´ ganze Jahre

  459.   lang geputzt. Zusätzlich. Ich- da hab ich dann immer so um zehn, um elf Feier(abend).. /eh/

  460.   gemacht und nächste Tag auch mit andere Leute zusammen wieder um sechs angefangen.

  461.   I: Das heißt, Du hast erst die normal Arbeit gemacht und dann hinterher geputzt?

  462.   H: Ja.

  463.   I: Und das

  464.   jeden Tag?

  465.   H: Das jeden Tag. Auch nicht extra bezahlt gekriegt.

  466.   I.: Und wie lange hast Du das

  467.   gemacht?

  468.   H: Ein Jahr lang. Ich hab ja- mit /eh/- ich hab ja Vertrag gehabt.

  469.   I: hm

  470.    H: Da war auch eine Dolmetscherin, sie war Lands-

  471.   männin... von mir, aber.. der Obermeister war mir lieber als sie. Sie war noch schlimmer als der

  472.   Arbeitgeber.

  473.    I: (( empört)) oh Oh

  474.   H: Also, ich hab das /eh, obwohl ich das nicht so viel verstanden hab, aber sie hat nie richtig

  475.   übersetzt, wenn wir uns beschwert haben und so.

  476.   I: hm

  477.   H: Ich sollte normalerweise für jeden Abend

  478.   zehn Mark zusätzlich kriegen.

  479.   I: hm

  480.   H: Ja, aber ich hab /eh/ den gesamte /eh/ Monatsgehalt nur vierhundert Mark gekriegt, also

  481.   praktisch /eh/ hundertfünfzig Mark war meine Gehalt,

  482.   I: hm

  483.   H: wenn ich das gekriegt

  484.   I: hm

  485.   H: hab für Putzen.

  486.   I: hm

  487.   H: .../Eh/ wenn wir einen Monat /eh/ fünfhundert Mark gekriegt /haben oder vierhundertfünfzig, da

  488.   hab'n wir uns gefreut.. Das war wie Geschenk, ne.

  489.   I: hm

  490.   H: Natürlich hab'n wir nicht gedacht,/wieviel Stunden daß wir arbeiten.

  491.   I: hm

  492.   H: Jeden Tag dreiunddreißig-, fünfunddreißig-, vierzigtausend, Hähnchen geschlachtet worden,

  493.   I: hm

  494.   H: das mußte bis zum Knochen fertig eingepackt sein, da zählte keine Stunde, Arbeit

  495.   mußte fertig sein.

  496.   I: hm hm

  497.   H: Und nächste Tag fängt es wieder von vorne an, ne. Alles mußte

  498.   /eh/ gesäubert werden, mußte alles /eh/

  499.   I: hm

  500.   H: eingepackt werden... Also.. da.. wir hab'n auch /eh/ und

  501.   das waren auch /eh/ Fließ- nich /eh/ Fließband, aber das war am Band so

  502.   I.: hm

  503.   H.: Eisen

  504.   I.: hm

  505.   H: Und... ich glaube, ich war erst zwei oder drei Woche /eh/ da.. Ich hab immer Pech gehabt,

  506.   eigentlich in (( fängt an zu lachen)) meinem Leben.

  507.   (( alle lachen))

  508.   H: Da hat jemand /eh/ Messer auf den Band /eh/ gelegt, /ehm/ auf die Kante

  509.   I: ja

  510.   H: (( lachend)) und nur so geradeaus gegangen, vor mir ist runtergefallen auf meinen Fuß.

  511.   (( alle lachen))

  512.   H: Das war ganz schmale Messer.

  513.   I: hm

  514.   H: Natürlich war der Schnitt ganz klein, aber der Schmerz war riesig groß, weil es bis zum

  515.   Knochen gegangen ist.

  516.   I: hm

  517.   H: Und das war auch so steckengeblieben... Und mit /ehm/ehm/

  518.   ich hab so´n starke Blutung gehabt auf dem Fuß

  519.   I: hm hm

  520.   H: und.. Na ja, man- wir hab'n auch

  521.   keine erste Hilfe und so, nichts gekriegt, ne. So lange warten, bis der Hausmeister kam. Wir

  522.   haben immer Hausmeister gesagt, aber war jemand da, der uns zum Arzt

  523.   I: hm

  524.   H: gefahren hat und

  525.   so um alles gekümmert.

  526.   I: hm

  527.   H: Und er ist gekommen, irgendwohin gebracht, aber ich weiß nicht, ob das Krankenhaus war

  528.   oder beim Arzt. Und die hab'n mich ausgelacht, weil der Schnitt so klein war, ne.

  529.   I: hm

  530.   H: Ich konnte ihnen nichts erzählen, ich weiß nich, was der erzählt hat,

  531.   I: hm

  532.   H: und- ja, und drei Tage-

  533.   ich hab auch keine Zettel und so,/daß Unfall war

  534.   I: hm hm

  535.   H: oder krank geschrieben und

  536.   so. Das wußten wir ja nich.

  537.   I: hm

  538.   H: Also, ich hab´ /eh/ praktisch nur /eh/ zu Hause gelebt, ich

  539.   hab mit /eh/ Arbeitswelt oder mit außen nichts zu tun gehabt zu Hause. Und, ja, ich war drei

  540.   Tage zu Hause, ich weiß nich, wer mir das gesagt hat, daß ich drei Tage zu Hause bleiben

  541.   kann. Und vierte Tag /eh/ so gehumpelt /eh/, so bin ich zur Arbeit gegangen. Ich konnte nich

  542.   I: hm

  543.   H: richtig laufen, ich hab noch ganz dicke Fuß gehabt.. Irgendwie hat der.. Mensch Mitleid gehabt

  544.   mit mir und wieder zurückgeschickt nach Hause, der Hausmeister

  545.   I: hm

  546.   H: hat mich wieder

  547.   nach Hause gefahren, und sieben Tage krank gemacht... Ich wußte nich,

  548.   I: hm

  549.   H: /ich war

  550.   einfach krank, ich wußte nich, daß man /eh/ krank /eh/ gemacht hat oder mit Krankenschein.

  551.   Wir hab´n nie Krankenschein gesehen.

  552.   I: hm

  553.   H: Und../auch wenn wir starke Magenkrämpfe hatten

  554.   oder meinetwegen Nierenkolik und so.. Wir mußten zur Arbeit erst mal und eine Antrag stellen,

  555.   daß wir /eh/ mußten wir schreiben, morgens

  556.   I: hm

  557.   H: gleich bei dem - in der Kantine, die

  558.   Kantinenfrau hat sich gekümmert.

  559.   I: (( lachen))

  560.   H: Und... nachher.. wenn er Zeit hat, der Hausmeister, dann

  561.   haben sie gesagt: "Komm - schnell, schnell ausziehen - zum Arzt!" Und da war einer, also, sehr

  562.   /eh/ ganz alte Mann, sollte unsere

  563.   I: hm

  564.   H: Betriebsarzt oder was weiß ich. Da sind wir

  565.   hingegangen, /wir konnten keine deutsch.. Und, ich weiß nicht, was er gefragt hat. Uns so..

  566.   irgend'was gegeben, wieder zur Arbeit. War mit die Schmerzen.... Und dann war auch /eh/ eine

  567.   Landsmännin von mir.. /eh/ sie war auch schwanger, ganz kleine Frau, ich wollte ihr helfen, mit

  568.   dem Wagen so, da mußten wir in /eh/ Kühl/eh/raum schieben.

  569.   I: hm

  570.   H: Und da hinter mir stand noch

  571.   eine Wagen, ich hab /eh/ ich wußte nicht, daß sie von hinten /eh/ schieben würde, hat sie so,

  572.   so doll /eh/

  573.   I: hm

  574.   H: /den Wagen nach vorne geschubst, und meine Hand war dazwischen

  575.   gekommen. Ich hab dem Vorarbeiter gezeigt, daß ich nich arbeiten kann, und da hat er gesagt:

  576.   "Macht nix, ne," und "nix schlimm”, aber kurz vor Feierabend war ganz dick und rot und blau

  577.   geworden meine Hand. Ich hab /eh/ ihm qezeigt, daß ich nich /eh/ arbeiten kann, aber ich hab

  578.   so gearbeitet ganzen Tag, ne, und abends haben sie mich dann zum Arzt gefahren. So `ne

  579.   Schiene gekrieqt,

  580.   I: hm

  581.   H: und auch Verband hab ich gekriegt. Das war da irgendwie gebrochen

  582.   oder so. Und ich hab gesagt, daß ich ihm gezeigt habe,

  583.   I: hm

  584.   H: er sagte:

  585.   I: hm

  586.   H: Nein, daß ich nicht gezeigt hab, daß er nicht gesehen hat. Ich hab´ gesagt, daß er mir gesagt

  587.   hat: macht nix, nix schlimm, ne, aber er sagte später, das hat er nich gesagt, er hat auch nich

  588.   gesehen.... Ich weiß nich, /eh/ ob das mit meiner Hand /eh/ war, irgendwann war ich dann auch

  589.   zu Hause, /eh/ krank, und.. Diese Firma hat /eh/ jedes Jahre zu viel Personal gebraucht, keine

  590.   Mensch da geblieben, nach einem Jahre Vertrag.

  591.   I: hm

  592.   H: Und in der Türkei hab'n sie

  593.    Gedanken gemacht, warum die Leute nicht bleiben.

  594.   I: hm

  595.   H: .. /Eh/ wo /eh, da hab'n sie jemanden

  596.   geschickt.

  597.   I: hm

  598.   H: Er sollte kontrollieren die Verhältnisse.

  599.   I: hm

  600.   H: ... Und der Hausmeister gekommen,

  601.   ganz früh, und sagte zu mir: “Arzt!” Also, da hab ich gedacht, er will mich zum Arzt bringen.

  602.   I: hm

  603.   H: /Eh/, fand ich gut, /eh/ ohne Weiteres zum Arzt zu bringen, ich hab gedacht, ((lacht)) keine

  604.   Beschwerden gehabt so weit, ne, keine große Schmerzen, daß ich irgendwie /eh/ zum Notarzt

  605.   I: hm

  606.   H: muß oder so. Und dann mußte ich in der Kantine sitzen, da

  607.   I: (( fällt in's Wort)) und Kaffee getrunken

  608.   H: ganzen Tag gesessen, ich

  609.   hab gewartet, ich hab gedacht, er bringt mich zum Arzt.

  610.   I: hm

  611.   H: Bis zum an /eh/ Abend, wie andere Leute Feierabend gemacht haben. Sie sind immer wieder

  612.   `runter gekommen, zum Pause, zum Frühstück, zum Mittag und Nachmittag, und da hab´n sie

  613.   mich gefragt, was ich da mache. Ich hab gesagt, ich warte den Hausmeister, er /eh/ fährt mich

  614.   wahrscheinlich zum Arzt. Ich hab´ nachher gehört, der gute Mann aus der Türkei gekommen,

  615.   und deshalb /eh/ wollten sie /eh/ mich nich zeigen, daß ich eventuell ihm 'was erzählen würde.

  616.   Deshalb hat er mich abgeholt von

  617.   I: hm

  618.   H: zu Hause.., aber... /eh/ der... Mann.. hat /eh/ gut /eh/

  619.   Hähnchen gegessen und bißchen Whisky oder Schnaps getrunken, ne

  620.   (( alle lachen))

  621.   H: und wieder nach Türkei

  622.   gefahren,

  623.   I: hm

  624.   H: mit gute Bericht.

  625.   I: hm

  626.   H: Und das war nicht nötig gewesen, daß ich da ganzen Tag sitzen mußte, ne?

  627.   I: hm

  628.   H: Hat er bestimmt nich geguckt

  629.   auf die Wohnheime und so, ne.

  630.   I: hm nee

  631.   H: Keine Interesse

  632.   gehabt, den hab'n sie... gut versorgt

  633.   I: (( kichern))

  634.   H: wieder nach Hause geschickt.. Ich hab´ dann also auch

  635.   keine.. Beamte gesehen aus der Türkei.... So /eh/ drei Woche vor meine Vertragablauf ist /eh/,

  636.   ich hab hier.. Hamburg.. nich so nahe Verwandte, aber von meine mütterlicher Seite Verwandte

  637.   gehabt, meine Eltern wollten nicht, daß ich ganz alleine in Deutschland

  638.   I: hm

  639.   H: lebe, und als sie /eh/

  640.   zu Hause /eh/ waren im Urlaub hat meine Mutter sie.. gebeten, mich.. hierher zu holen. Nach

  641.   Hamburg. Sie wohnten in Bergedorf. Sie haben mich besucht, da hab'n sie gesagt /eh/: “Wir

  642.   nehmen Dich einfach mit. Wir sprechen mit Deinen Arbeitgeber”, aber der hat auch nicht auf

  643.   einen Tag verzichtet. Seine Leute hat er nicht.. weggeschickt, lieber nach Türkei, aber nich

  644.   andere Firma ( )

  645.   I: hm

  646.   H: Und nach /eh/... war der Vertrag abgelaufen.. Also, Vertrag gemacht /eh/, wir haben ja fünf

  647.   Tage später angefangen.

  648.   I: hm

  649.   H: Die fünf Tage, die wir zu Hause waren, die mußten wir nacharbeiten.

  650.   I: (( empört lachend)) hm

  651.   H: Vertrag abgelaufen, wir haben ja selbst nicht erledigt, alles hat die Firma gemacht. Gleich auch

  652.   /eh war ich, also,

  653.   I: hm

  654.   H: ich hab auch mit Gewerkschaft nich gute Erfahrung gehabt.

  655.   I: hm

  656.   H: Hat keine Mensch gesagt, daß wir uns jetzt /eh/ selbst eine Arbeitserlaubnis

  657.   I: hm

  658.   H: eine

  659.   Aufenthaltserlaubnis besorgen

  660.   I: hm

  661.   H: müßten.

  662.   I: hm

  663.   H: Wollt Ihr (( zeigt auf die gefüllte Teekanne. Wir lehnen kopfschüttelnd ab.)) Aus Köln ist /eh/ von

  664.   eine /eh/ Freundin eine Heim /eh/.. ihr Bruder gekommen,

  665.   I: hm

  666.   H: um sie zu, abzuholen da. Und da

  667.   hat er gesagt: “Zeig' mal Deinen Pass!” Oder aus Berlin, weiß ich nich. Und da sagt er: "Was,

  668.   Du hast keine Aufenthaltserlaubnis? Wie soll ich denn mit - wie soll ich Dich denn mitnehmen?“

  669.   sagt er.

  670.   I: hm

  671.   H: “Was glaubst Du, wenn nachher Passkontrolle gibt, unterwegs, kann ja sein”,

  672.   sagt er, “daß Polizei uns /eh/ anhält und sagt sie: Pass hier! Und dann würden sie Dich nach

  673.   Hause schicken!" .. Wir guckten so, wir wußten ja nicht,

  674.   I: hm

  675.   H: was Aufenthalterlaubnis ist, da

  676.   sagt er: “Habt Ihr alle keine Aufenthalterlaubnis?" Wir sagten: "Was ist das denn?"

  677.   I: hm

  678.   H: Da sagt

  679.   er: “Was glaubst Du, wie Du hier /eh/ bleiben willst ohne Aufenthalterlaubnis? Keine Sekunde",

  680.   sagt er, "würden sie Dich nach Hause schicken!” Er hat uns gefragt, wo /erste /eh/ oder

  681.   naheliegende Auf/eh/

  682.   I: hm

  683.   H: Ausländerbehörde

  684.   I: hm

  685.   H: ist. Wußten wir auch nichts.

  686.   I: hm hm

  687.   H: Und.. na ja, er sagte, daß er das /finden würde, das war zwanzig vor zwölf, hat er uns alle in

  688.   seine Auto.. Wir waren /eh/ vier, vier oder fünf ja, fünf Mädchen, war'n eigentlich zu viel, aber

  689.   'reingesteckt

  690.   I: (( kichern))

  691.   H: hat er uns. Gerast mit seine Auto, zehn vor zwölf waren wir in ein (( lachend))

  692.   nähegelegene Stadt, das war in der Nähe, /eh/ nich in unserer Stadt, sondern anderer Stadt

  693.   I: hm

  694.   H: in der Nähe, klein, war /eh kleine Ort... Und der Beamte hat ((lachend)) so große Augen

  695.   I: (( lachen))

  696.   H: (( lachend)) gemacht, als er uns alle da gesehen hat, sechs, sieben Personen, ich weiß nich,

  697.   wir konnten nach ein Jahr trotzdem keine /eh/ deutsch, weil wir immer unter uns waren, und mit

  698.   deutsche Kollegen überhaupt keine Kontakt gehabt haben. Sie hab'n uns auch auch nich als

  699.   Mensch behandelt so.

  700.   I: hm

  701.   H: Nur so nebenbei hab'n wir.. nebeineinander gearbeitet,

  702.   I: hm

  703.   H: also nich miteinander... Und da hat d /eh/ Mann /eh/ gefragt, warum daß wir nicht früher

  704.   gekommen sind, doch schon fünf Tage abgelaufen

  705.   I: hm

  706.   H: ist! Und der /eh/ Bruder von meine

  707.   Freundin hat erklärt, wir hab'n gesagt, daß wir bis.. /eh/ Tag

  708.   davor gearbeitet haben. Er wollte das nicht glauben, warum die Firma nich angemeldet hat.

  709.   I: hm

  710.   H: Natürlich hat er uns nich geglaubt, und hat er angerufen, in der Firma, ob wir wirklich /eh/ bis

  711.   /eh/ zuletzt gearbeitet haben. Dann haben sie freundlicherweise zugegeben, aber hat er

  712.   geschimpft,

  713.   I: hm

  714.   H: der Beamte. Warum und wieso, daß man als Mensch das nich machen kann

  715.   und warum nich Aufenthalt- erlaubnis /eh/ gegeben hat und so. Na ja, hat jede /von uns drei

  716.   Monats Aufenthaltserlaubnis gekriegt, wir waren froh (( lachend)) und glücklich,

  717.   I: hm

  718.   H: daß /eh/

  719.   jemand für uns das dann gemacht hat. Dann wieder zurückgefahren, und das war zweite große

  720.   Abschied, eine Jahre lang in eine enge Raum, fünf Mädchen gewohnt wir, wie Schwestern,

  721.   I: hm

  722.   H: /eh/ wie Geschwister. Also, auch wenn wir gezankt hab'n und so,

  723.   I: hm

  724.   H: wir waren nie böse

  725.   aufeinander. Wir hab'n so zusammengehalten in der Not, ja? Und.. /eh/ wir hab'n auch keine

  726.   Küche gehabt, das war 'ne kleine, zwei kleine Zimmer, dann /eh/ fünf, ja, fünf Mädchen hab'n

  727.   wir gewohnt,

  728.   I: hm

  729.   H: auch da gekocht. Unten /eh/ hab'n wir Dusche gehabt

  730.   I: hm

  731.   H: für die ganze

  732.   Haus. Das sah /eh/ sah wie früher im KZ die Gas/eh/kammern, diese Dusche

  733.   I: hm hm hm hm hm

  734.   H: von oben /eh/

  735.   wir sind alle drei, vier /eh/ gleich 'reingegangen, weil das Wasser immer so schnell kalt wurde.

  736.   Wir konnten nich einzeln nach der

  737.   I: hm

  738.   H: Reihe duschen, wir sind immer so, alle Haare

  739.   shampooniert und dann unter der Wasser gestanden.

  740.   I: hm

  741.   H: Schnell geduscht,

  742.   I: hm

  743.   H: bevor das /eh/

  744.   Wasser kalt wurde. Das war eine /normalerweise keine /eh/ Wohnhaus, das war alte Schule,

  745.   die

  746.   I: oh

  747.   H: die Firma für /eh/ auslän-

  748.   dische Arbeit/nehmer gemietet hat,

  749.   I: hm

  750.   H: aber eigentlich war keine Wohnung.

  751.   I: hm

  752.   H: Auch keine Küche. Wir konnten auch keine Lebensmittel, weil die Geschäfte immer zu waren.

  753.   I: hm hm

  754.   H: Als wir von der Arbeit kamen, war /schon dunkel, alle zu. Und deshalb /eh/ hab'n wir,

  755.   /ich weiß nich, wer das gemacht hat, von eine Bäckerei Abonnement gemacht, zweimal in der

  756.   Woche jemand mit Auto Brot vorbeigebracht,

  757.   I: hm

  758.   H: weil wir nichts zu essen gehabt hab´n zu

  759.   Hause.

  760.   I: hm

  761.   H: ....Ich konnte zwar Brot nich essen, ((lacht)) weil ((lachend)) dieser Mann kam

  762.   zweimal in der Woche und eine Woche lang nur dasselbe Brot essen,

  763.   I: hm

  764.   H: das war dann

  765.   auch zu hart, und ich hab immer die Hälfte weggeschmissen.

  766.   I: hm

  767.   H: Aber in /eh/ eine kleine Ort, das war fast `n Dorf, war möglich, manchmal /eh/ not/falls Hintertür

  768.   zu klopfen und

  769.   I: hm

  770.   H: da hat sie aufgemacht, und dann hab'n wir 'was gekauft... Aber irgendwie hab

  771.   ich das, /eh/ obwohl die Arbeit so.. dreckig und.. schwer war und.. nich menschenwürdig war,

  772.   /eh/ nich so, war nich so schmerzlich,

  773.   I: hm

  774.   H: weil wir immer zusammen

  775.   I: hm

  776.   H: gehalten haben. Als die

  777.   erste Freundin /eh/ abgeholt wurde, da hab´n wir alle vier geheult wie kleine Kinder. Alle nach

  778.   der Reihe abgeholt worden, und da ist eine dageblieben.. Und hab´n meine Verwandte hat

  779.   mich abgeholt,

  780.   I: hm

  781.   H: und nach .. Bergedorf, erst 'mal nach Bergedorf gekommen.. Er war immer

  782.   traurig, daß /eh/ eine Freundin da ganz alleine geblieben ist.

  783.   I: hm

  784.   H: Er sagte: “Sie hat keine Familie und niemanden. Was wird sie da machen?”

  785.   I: hm

  786.   H: Aber sie wollte nich kommen, sie hat /eh/ in fremde Leute vielleicht keine Vertrauen gehabt.

  787.   I: hm

  788.   H: Ich war zehn Tage /eh/ bei meine Verwandte, die hab'n versucht, mich da /eh/ in Krankenhaus

  789.   an- für mich eine Arbeit zu finden. Wollten sie nich.

  790.   I: hm

  791.   H: /eh/.. / Wir hab'n paar Leute gefragt, und nachher hab ich /eh/ bei in Reinbek bei einer

  792.   Metallverarbeitungsfirma angefangen, ((nennt den Namen)), das ist auch eine

  793.   Metallverpackung.

  794.   I: hm

  795.   H: Da hab ich auch in Heim gewohnt. Am Anfang war´n wir drei, vier

  796.   Personen in einem Zimmer, das ist genauso lang wie die Firma: vierzehn Zimmer

  797.   nebeneinander

  798.   I: hm

  799.   H: und Küche zum Ende der /eh/ Gang, am Eingang eigentlich

  800.   I: hm

  801.   H: Küche,

  802.   aber wenn man hochgeht, denn ist das ganze Stück /eh/ wieder zurückzukommen.

  803.   I: hm

  804.   H: Auch Dusche und so, genau dasselbe, nur eine große Raum. Da hab'n wir auch geduscht und

  805.   nur zwei /eh/ Kocher gehabt für die ganze.. Leute da

  806.   I: hm

  807.   H: /unten gewohnt hab´n.... Da hab ich

  808.   auch /eh/ keine leichte Arbeit gehabt. Zwei Jahre ununterbrochen Wurst/dosen /eh/-deckel hab

  809.   ich gummiert, gestanzt. Immer mußte ich zwei, drei Maschinen bedienen.... Denn, nachher,

  810.   konnte ich das nich. Meine Arm wurde immer dick, ich habe auch so niedrige Blutdruck gehabt,

  811.   umgefallen bei der Arbeit, und denn Sehnen- oder /hm/ -entzündungen oder

  812.   I: hm

  813.   H: Nervenschmerzen

  814.   gehabt auf der linken

  815.   I: hm

  816.   H: Arm. Ich durfte nich arbeiten, immer Halbgips gekriegt. Ich war noch

  817.   neu, aber... Am Anfang /eh/, wie ich da war, hab'n sie viele Leute entlassen und.. Obwohl ich

  818.   Neue war, hab´n sie mich nich entlassen.... Ich hab /eh/.... da gearbeitet, und nun mußte ich

  819.   nachher meine /Abteilung wechseln,

  820.   I: hm

  821.   I: weil ich da /schwer arbeiten nich /eh/

  822.   

  823.   

  824.   ((Seite 1 der Cassette zu Ende.))

  825.   

  826.   

  827.   H: ( ) Ich sollte eigentlich ganz leichte Arbeit machen wegen

  828.   I: hm

  829.   H: meine Arm, aber.. da mußte

  830.   ich auch - das hat sich immer so /eh/ transportieren /eh/ genannt,

  831.   I: hm

  832.   H: mußte immer Karton

  833.   hochheben auf den Palette d'rauf.

  834.   I: hm

  835.   H: Das war mindestens siebenhundert, acht- hundert,

  836.   neunhundert voller Karton am Tag.

  837.   I: oh

  838.   H: .../Eh/ auch in den Heim war nich so schön.. Wir haben

  839.   unter den.. /eh/ Druckerei gewohnt, und /eh/ die hab'n auch drei Schicht gearbeitet, und ganze

  840.   Maschinen, laute und so, alles hab´n wir

  841.   I: hm hm

  842.   H: gehört, konnten wir auch nich so gut.. schlafen,

  843.   I: hm

  844.   H: wenn man mit drei Personen, vier Personen da in einen Raum wohnt, zwei Schicht, wenn ich

  845.   Frühschicht gehabt hat, und andere hat /eh/ Spätschicht gehabt, wir g'rade eingeschlafen

  846.   I: hm

  847.   H: gehabt, sie ist von Arbeit

  848.   I: hm

  849.   H: gekommen. Auch wenn man gleiche Schicht /eh/ arbeitet, na

  850.   ja, auch mit Geschwistern kann man sich nich so gut verstehen, mit fremde Leute

  851.   I: hm

  852.   H: is´ doch

  853.   'was anderes und große /eh/ Altersunterschied manchmal /ich war denn g'rade achtzehn Jahre

  854.   alt,

  855.   I: hm

  856.   H: und.. da war einige, die über vierzig waren oder schon fünfzig. Entweder hab´n sie..

  857.   lange gesessen

  858.   I: hm

  859.   H: oder zu früh zu Bett gegangen.

  860.   I: hm

  861.   H: Da sollt' ich auch Licht ausmachen,

  862.   I: hm

  863.   H: oder so lange sitzen, wenn sie Lust hatten, ne. Und.. ich war denn eben ganz anders. Sie

  864.   waren schon.. /eh/.. paar Jahre länqer hier in Deutschland, waren sie doch bißchen..

  865.   anders geworden.

  866.   I: hm

  867.   H: /Eh/.. Und das war für mich /eh/ harte Schlag und - obwohl das

  868.   Arbeit so schwer war bei der Geflügelschlachterei. Es von /eh/ menschlicher Seite her, von zu

  869.   Hause her,

  870.   I: hm

  871.   H: von daheim, /eh/.. diese Zusammenhaltung und die Liebe von /eh/... Kollegen

  872.   und von Freundinnen, das fehlte mir einfach. Also, ich ... sah alles so irgendwie .. ich bin

  873.   eigentlich.. /eh/ so... ich hand'le mehr mit Gefühl und

  874.   I: hm hm

  875.   H: Und ich kann auch einfach nich

  876.   vorbeigehen an den Menschen, und.. das.. hat mich sehr traurig gemacht, weil die Leute immer

  877.   so.. materielle Dinge wichtiger waren und wegen Kleinigkeiten immer geschimpft haben. Ich

  878.   hab nur geweint.

  879.   I: hm

  880.   H: Ich wollte niemanden

  881.   I: hm

  882.   H: verletzen. Ich war.. /eh/ ganz Gegenteil, /eh/ wie

  883.   ich heute

  884.   I: hm

  885.   H: bin. Ich bin heute noch sentimental, sensibel, und ich hand'le viel mit

  886.   Gefühlen. Ich kann nich vorbei gucken, wenn jemand mir gegenüber sitzt, /eh/.. auch nich - ich

  887.   mag auch keine oberflächlichen Menschen, mag ich auch nich gerne. Aber früher war ich

  888.   noch.. noch sensibler wie ich- was- ich hab von zu Hause nur /eh/.. Für uns war menschliche

  889.   I: hm

  890.   H: Dinge und Liebe und Geborgenheit wichtig, und hier waren nur Maschinen wichtig. Die

  891.   Menschen waren nicht wichtig.

  892.   I: hm

  893.   H: Und dann waren wir praktisch nur /eh/... Leute, die Arbeit

  894.   machten, anders /zählten wir nich,

  895.   I: hm

  896.   H: aber das machte mich so traurig, weil unsere Leute

  897.   auch so geworden waren,

  898.   I: hm

  899.   H: die schon

  900.   I: hm

  901.   H: paar Jahre hier waren, nur Geld, mehr nicht, ne. Sie

  902.   wollten nur Geld haben.. Und ich hab immer geweint, der Hausmeister hat gesagt, wenn ich so

  903.   weiter weine, und daß ich.. bald sterben werde. Ich war siebzig Kilo, als ich nach Deutschland

  904.   kam. Ich hab innerhalb paar Monat zwanzig Kilo /abgenommen.

  905.   I: oh

  906.   H: .. Also, ich hab.... nich /eh/ Diät gemacht oder so.

  907.   I: (( leise)) ist klar hm

  908.   H: Ich mußte jedes Mal, wenn ich Brief

  909.   gelesen hab, konnt´ ich manchmal meine Brief nich lesen, weil der von /eh/ so naß geworden

  910.   war von meinen Tränen und... Ich hab auch /eh/ niemanden hier in Deutschland. Meine

  911.   Verwandten, die sind auch nich so...

  912.   I: hm

  913.   H: Familienangehörige.

  914.   I: hm

  915.   H: ....Ja,.. nachher sind wir dann

  916.   auch umgezogen, wir waren, unter uns war nur zwei Griechen und eine Spanierin. Die zwei

  917.   Griechen hat /eh/ lieber bei uns /eh/ gewohnt, statt ihre Lands/eh/

  918.   I: hm hm

  919.   H: männin. Wir waren nur

  920.   Frauen. Männerbesuch war nich erlaubt,.. und auch keine Verwandte und so durfte nich

  921.   'reinkommen. /Eh/ Das /fande ich gut, jede konnte 'rausgehen, wann sie will und so, aber.. daß

  922.   wir unter uns waren, und

  923.   I: hm

  924.   H: es war

  925.   I: hm hm hm hm

  926.   H: ja enge Räume, und auch wenn Besuch gekommen wäre,

  927.    I: hm

  928.   H: wo sollten wir denn hin? Angenommen, eine

  929.   I: hm

  930.   H: Freundin hat Besuch gekriegt .. Familie

  931.   und so, dann wär' das nich so

  932.   I: hm

  933.   H: .. schön gewesen.. Wir sind umgezogen.. und.. in eine..

  934.   andere Gebäude, das war.. /eh/ besser als unten im Keller, aber.. viel enger... /Eh/ da sind wir..

  935.   Unten war die erste Etage, Griechen /eh/ gewohnt, und oben, da sind wir /eh/ unter uns

  936.   ((lachend)) wieder.. gewohnt, aber.. ich hab da.... vier Jahre.. ich war /eh/ vier Jahre in

  937.   Deutschland, 76.. in Urlaub /eh/... hab ich denn auch geheiratet.., ich wollte nich nach

  938.   Deutschland zurückkehren. Ich wollte.. zurückfahren... nach Türkei. /Ich hab mir nich

  939.   vorgestellt, daß ich /eh/ vierzehn Jahre aushalten würde hier. Und meine Mutter auch gesagt

  940.   /eh/, und sie hat immer gesagt, ich sollte zurückkommen, jedes Mal, also, ich konnte 72 kein

  941.   /eh/ 73 keine Urlaub machen.

  942.   I: hm

  943.   H: Erst /eh/.. März 74

  944.   I: hm

  945.   H: erste Urlaub hab ich gemacht.

  946.   I: hm

  947.   H: Und sie konnten mich nich wieder erkennen, weil ich so.. abgemagert war.

  948.   I: hm

  949.   H: Und... Sie hatte

  950.   immer so viel /eh/ geweint und.. das war sehr schwer für sie, weil ich Jüngste war.

  951.   I: hm

  952.   H: Ich war immer mit meine Mutter zusammen, und als ich nach Deutschland kam, war sie drei

  953.   Monat schwer krank. /Das konnte sie nich

  954.   I: hm

  955.   H: ab,

  956.   I: hm

  957.   H: weil eine Woche - eine Woche später

  958.   meine Bruder zum.. Bundeswehr gegangen

  959.   I: hm

  960.   H: ist, ne, zwei Kinder /eh/ gleiche /eh/ Zeit

  961.   I: hm

  962.   H: von zu Hause weg, ne, war sehr schwere Schlag für meine Mutter... Und /ja, 76 hab ich

  963.   geheiratet, /eh/ also, das war.. keine... Heirat mit großer Liebe, sondern ich hab auch

  964.   niemanden so weit geliebt oder so, zu Hause bin ich zu früh weggegangen, in Deutschland

  965.   I: hm

  966.   H: hat mich /eh/ hab ich mich nicht getraut, irgend jemanden zu.. kennenlernen.

  967.   I: hm

  968.   H: Ich war ja.. /eh/ wie in Gefängnis, praktisch, Arbeit und, und Wohnort /eh/ Wohnung ist in eine..

  969.   /eh/ Ort,

  970.   I: hm

  971.   H: gleicher Ort, war ich kaum 'raus aus dem Gitter.

  972.   I: hm

  973.   H: und das nur paar Schritte

  974.   gewesen,

  975.   I: hm

  976.   H: Wohnheim und Arbeitsplatz, ich bin nur zum Einkaufen so.. gegangen und.. mehr

  977.   nicht. Obwohl ich so jung war, mit Discos und mit /eh/ Kino oder so 'ne Kneipe und so.. Ja, zu

  978.   Haus, von zu Hause /eh/.. war es ja irgendwie... schon da, immer, daß eine alleine Frau nich in

  979.   'ne

  980.   I: hm

  981.   H: Kneipe

  982.   I: hm

  983.   H: geht, oder nich in 'ne Diskothek und so. Das waren wir nicht gewöhnt, also,

  984.   das hat mir nicht gefehlt... Ich hab /eh/ denn erzählt, daß ich wieder gerne nach Deutschland

  985.   kehren würde, erst 'mal.. /eh/ als ich geheiratet

  986.    hab.

  987.   I: hm

  988.   H: Ich wollte paar Sachen von Deutschland /eh/ mitnehmen.

  989.   I: hm

  990.   H: Ich hab gesagt, ich hab nichts, keine Geld, auch nichts gekauft. Ich sag, ich war ja immerhin

  991.   vier, fünf Jahre in Deutschland.. /Eh/ Wenn ich später `mal Kinder /hab und so, daß ich..

  992.   /wenigstens erzählen kann, daß ich in Deutschland war, und daß ich das und das gekauft hab

  993.   und so, Erinnerungen und bißchen elektrische Sachen und Haushaltssachen und so.... Ich hab

  994.   /eh/ das schon vor der Hochzeit besprochen,

  995.   I: hm

  996.   H: daß ich wieder /gerne nach Deutschland

  997.   I: hm

  998.   H: /eh/ kommen würde für eine Jahr. Ich wollte gerne zwei Jahre, aber meine Schwiegereltern

  999.   haben gesagt und auch meine Mutter /eh/, daß eine.. jung verheiratete, junge Frau nich so

  1000.   lange.. /eh/ getrennt leben soll. Aber als ich 76 /eh/ nach dem Urlaub wieder nach Deutschland

  1001.   zurückkam, .... da war ich /eh/ krank. Ich hab steife Nacken gehabt, da war ich drei Wochen zu

  1002.   Hause, hab ich g'rade angefangen zu arbeiten, dann hab ich mit Magen `was gehabt. Ich

  1003.   dachte, wäre Magen, und dann zum Arzt gegangen. Ohne /eh/ Untersuchung hat er mir.. /eh/

  1004.   Tablette gegeben, ich sollte bis Dienstag /eh/ Tablette nehmen, wenn nich besser wird, sollte

  1005.   ich geröntgt werden, aber.. ich mußte.. Sonntag nachts.. Mitternacht mußt´ ich in's

  1006.   Krankenhaus, Blinddarmentzündung.

  1007.   I: hm

  1008.   H: ... Ich hab eineinhalb Wochen nur /eh/ Tropfen

  1009.   gekriegt, weil das ja alles entzündet

  1010.   I: hm

  1011.   H: war... Und.. Das war, ja, Ende 76... Und nach dem

  1012.   Blinddarmoperation eineinhalb Woche später, mußt´ ich wieder anfangen, weil er gesagt hat,

  1013.   ich bin wieder arbeitsfähig, aber ich fühlte mich überhaupt

  1014.   I: hm

  1015.   H: nicht. Nach dem Operation hab ich

  1016.   immer auf der linke Seite Schmerzen gehabt. Ich bin immer wieder hingegangen, ich hab

  1017.   gesagt, ich hab große Schmerzen, ich kann nich mehr

  1018.   I: hm

  1019.   H: stehen. Er sagte.... daß es von /eh/

  1020.   Operation kommt, von der Narbe irgendwie, das strahlt.

  1021.   I: hm

  1022.   H: Hat er nich `mal angeguckt!..

  1023.   Und das is' /eh/ so, nach Weihnachten ist ganz /eh/ schlimm geworden: Ich konnte kaum noch

  1024.   stehen...

  1025.   Anfang 77, /eh/, erste oder zweite Arbeitstag war es, da konnt' ich /eh/ also überhaupt nich

  1026.   mehr, und war ich ganz blaß, und alle haben gesagt, was ich hab und so. Da hab ich /eh/ zum

  1027.   Meister gesagt, daß ich nach Hause gehe, eine Arbeitskollegin hat mir andere.. /eh/ Adresse

  1028.   gegeben, andere Name, von ihrer Hausärztin, bin ich hingegangen, und da hat sie geschimpft,

  1029.   wo ich so lange war, wo, wo ich lebe. Und ich hab erzählt, daß der Arzt /sich nicht angeguckt

  1030.   hat, nur gesagt, ( ) das kommt

  1031.   I: hm

  1032.   H: von der Blinddarmoperation, ich solle weiter arbeiten. Sie

  1033.   sagte: kein Zeit verlieren, keine Sekunde, Sie dürfen kein Sekunde verlieren, sagt sie. Das..

  1034.   konnte sie nich.. feststellen, was das war, sie sagt aber, das kann tödlich werden, sagt sie. Das

  1035.   war wie /ehm/ große Faust dick, also, hab /eh/.. denn /eh/ schnell meine Tasche genommen,

  1036.   auch unterwegs bißchen 'was /eh/ eingekauft für mich, ich hab ja mit Blinddarmoperation die

  1037.   erste Erfahrung gemacht in Krankenhaus, (( alle schmunzeln)) - ich hab nichts gehabt, keine

  1038.   Morgenmantel

  1039.   I: hm

  1040.   H: /und keine.. Schuhe und so, überhaupt nichts mitgehabt /eh/.. Ich hab zwar..

  1041.   /eh/ na ja, 'was zum Anziehen gehabt, aber 'was, nich, was man in Krankenhaus braucht. Und

  1042.   ich hab ganze Tasche voll /eh/ Handtücher und Nachthemd und alles /eh/ gekauft und nach

  1043.   Bergedorf gefahren, Bergedorfer Krankenhaus. Da hab'n sie mich so ober/eh/.. nich gründlich,

  1044.   /so ganz oberflächlich untersucht, und dann sagte sie.., daß vielleicht /eh/ eine Eierstock

  1045.   I: hm

  1046.   H: /eh/..Zyste

  1047.   I: hm

  1048.   H: sein kann. Und ob ich gerne Kinder haben will, sie sagte, "mit ein Eierstock

  1049.   können Sie hundert Kinder machen", und in dem Moment war mir meine Leben wichtiger, ich

  1050.   hab /eh/ unterschrieben, also das.. ist denn.. sie sagte, eventuell.. muß /eh/ Eierstock entfernt

  1051.   werden, und sie sagte, wenn ich starke Schmerzen habe, sollte ich Bescheid sagen, wollten sie

  1052.   mich noch in der Nacht operieren. Aber ich hab gesagt, ich kann es aushalten, nächste

  1053.   Morgen, denn.. bin ich /eh/ zum OP- Saal hab'n sie mich gefahren. In Bergedorf ist /eh/ OP-

  1054.   Saal ist ganz unten. /Unter der.. Erde

  1055.   I: hm

  1056.   H: wird man gefahren. Als ich aufwachte, war ich in

  1057.   eine /andere Abteilung, /eh/ nicht gynäkologische Abteilung, wo ich operiert worden bin,

  1058.   sondern in chirurgische Abteilung, weil es nich /eh/ Frauenkrankheit war.. Ich hab /eh/ vier

  1059.   Wochen lang gefragt, was da gemacht

  1060.   I: hm

  1061.   H: worden ist, bei jede Deutsche, auch wenn es

  1062.   Kleinigkeit ist,

  1063.   I: hm

  1064.   H: kommt immer eine Arzt.

  1065.   I: hm

  1066.   H: Derjenige, der operiert hat oder seine Assistent, erklärt ganz genau, aber bei mir hat keine

  1067.   Mensch /eh/ vorbeigeschaut. Ich hab´ immer wieder gefragt, was da gemacht worden ist und

  1068.   chirurgische Abteilung hab'n gesagt: "Wir hab'n Sie nicht operiert!", und in gynäkologische

  1069.   Abteilung haben gesagt /eh/: "Wir wissen nicht."... Ich war fünf Woche /eh/ in /eh/ Krankenhaus.

  1070.   Ich hab immer zu hohe Blutsenkung gehabt, deshalb wollten sie mich nich

  1071.   I: hm

  1072.   H: entlassen, da

  1073.   war irgend'was nich Ordnung, auch nach dem Operation nich, also, ich glaube, daß mit dem

  1074.   /eh/ Blinddarmoperation irgend'was nich /eh/

  1075.   I: hm

  1076.   H: in Ordnung gewesen,

  1077.   I: hm

  1078.   H: das hab'n sie nich,

  1079.   irgendwie nich richtig sauber gekriegt. Und zum Schluß hab ich eine Bericht /eh/ hat er mir eine

  1080.   Bericht gezeigt, es stand da: entzündlicher Darmtumor. Das hab'n sie rot durchgestrichen, er

  1081.   sagte: "Kein Tumor! Chronische Kanalentzündung! Dickdarmentzündung!" Das ist eine

  1082.   entzündliche /Geschwul oder

  1083.   I: hm

  1084.   H: /eh/ was man sagt. Er sagte: “Nicht bösartig!”, aber erst

  1085.   hab'n sie richtig geschrieben, mit der Maschine,

  1086.   I: hm

  1087.   H: Schreibmaschine und dann mit der

  1088.   Hand.. Tumor durchgestrichen. Das war /eh/ ganze Bericht, was meine Hausarzt gekriegt hat.

  1089.   Diese kleine Zettel, was sie von Krankenhaus bekommen hat. Das is' heute noch rätselhaft,

  1090.   was da wirklich gemacht worden ist.. Also... 77 /eh/ Februar bin ich entlassen worden, konnt'

  1091.   ich immer noch nicht stehen, ich konnte immer noch nich einkaufen gehen, ich konnte noch

  1092.   nichts richtig selbst /eh/ für mich /besorgen. Ich mußte alles selber machen. Obwohl ich mit

  1093.   meinen Landsleute zusammen /war,

  1094.   I: ja hm

  1095.   H: hat keine Mensch gesagt: "Du bist doch krank, laß'

  1096.   das!" Wir mußten alle nach der Reihe /eh/ Heim putzen.

  1097.   I: hm

  1098.   H: So krank hab ich denn /Heim

  1099.   geputzt, ich hab eingekauft, ich hab alles gemacht für mich! Aber.. ich war trotzdem nich

  1100.   gesund, ich hab immer Beschwerden gehabt, Blutsenkung war immer zu hoch, immer zum Arzt

  1101.   gegangen.. Anfang April oder Mitte März war meine Narbe immer dick. /Eh/.. wie Haselnuß

  1102.   groß.

  1103.   I: hm

  1104.   H: Erst 'mal sieben Stück 'rausgekommen, und dann hat sie immer direkt da an

  1105.   (der) /eh/ Narbe gespritzt und alles versucht. Ich konnte nich arbeiten, ich war krank

  1106.   geschrieben noch... Und.. /eh/ zum Schluß /eh/ ist nich- /am Anfang is' wieder zurückgegangen

  1107.   I: hm

  1108.   H: und zum Schluß nich mehr, war ganz rot geworden. Da hat sie mich /eh/ wieder den

  1109.   Krankenhaus geschickt, und der Chefarzt hat mich untersucht, und.. Ich sollte sofort in's

  1110.   Krankenhaus wieder, aber da haben sie keine freie Bett gehabt, und dann sollte ich wieder

  1111.   nach Hause gehen, da wollten sie mir Bescheid sagen, wenn sie eine freie Bett haben.. Ich

  1112.   wollte aber auf keinen Fall, das war irgendwie zu viel innerhalb drei Monat

  1113.   I: hm

  1114.   H: zwei

  1115.   Operationen, das dritte /eh/ noch /eh/ vor mir hab, ich sag´: lieber sterben aber nich mehr.

  1116.   I: hm

  1117.   H: Und... ich hab gesagt, als ich /eh/ zu Hause war, /eh/ der Portier hat gesagt /eh/: "Anruf für Sie,

  1118.   Sie müssen ins Krankenhaus!", und da hab ich gesagt/eh/, daß ich nich komme. Ich hab

  1119.   gesagt: "Ich komme nach Ostern. Jetzt möchte ich Ostern feiern!" Wir haben keine Ostern

  1120.   eigentlich,

  1121.   I: hm hm hm hm hm hm

  1122.   H: aber das war nur faule Ausrede. Ich wollte einfach nich.

  1123.   I: hm

  1124.   H: Ich hab gesagt, nach Ostern. Da ruf' ich noch 'mal an, aber in der Zeit ist /eh/ schon ganz blau

  1125.   geworden, mein Bauch. Konnte nich stehen, und da hab ich mich freiwillig gemeldet. Ich hab

  1126.   I: hm

  1127.   H: angerufen, und der Chefarzt hat gesagt: sie kriegt keine Termin, sie muß sofort kommen.

  1128.   I: hm

  1129.   H: Da hab ich wieder meine Tasche gepackt, mußt´ ich immer alles alleine machen (( lacht)),

  1130.   immer zu viel gekauft, weil ich alleine bin, und niemand vorbei kommt. Es kommt

  1131.   I: (( leise)) ja

  1132.   H: /zwar

  1133.   sehr viel Leute, Arbeitskollegen und Bekannte vorbei gekommen, aber /eh/ ich konnte

  1134.   niemanden meine Unterwäsche und meine Wäsche geben. Wenn man keine Familie hat, ist

  1135.   schlecht. Da muß man.. immer mit dreißig,

  1136.   I: hm

  1137.   H: vierzig Unterwäsche rechnen. Und da hab ich

  1138.   /eh/ na ja, mußt´ ich /eh/ April, Mitte April, noch 'mal operiert werden... Aber ich hab so viel

  1139.   geweint, ich hab irgendwie.. das Gefühl gehabt, daß ich nich wieder aufwache.

  1140.   I: hm

  1141.   H: Und da sagte eine Krankenschwester, daß das nich schlimm sei, daß es schon siebenmal

  1142.   operiert worden ist, ne, und daß sich wieder gibt und so.. Na ja, /eh/ Mitte April war die dritte

  1143.   Operation, 77.. Und das ist auch nicht richtig geklärt worden, aber die hab'n mir gesagt, das ist

  1144.   /eh/ Innennaht, was sie genäht

  1145.   I: hm

  1146.   H: haben.

  1147.   Das war /eh/ fremd für meinen Körper,

  1148.   I: ((leise)) ist abgestoßen

  1149.   H: ist abgestoßen.

  1150.   I: hm

  1151.   H: Aber irgendwie hab ich, vielleicht ist das für andere Leute geredet worden, von bösartig gehört,

  1152.   daß es rechtzeitig gemacht worden ist, und dann hab'n sie gesagt: "Nein,

  1153.   I: hm

  1154.   H: Gottes Will,

  1155.   denken Sie nicht! Das war nicht bösartig!", aber es /erste Operation nach dem Blind-

  1156.   darmoperation, /der Dickdarmoperation immer noch rätselhaft! Meine Hausärztin hat /eh/

  1157.   versucht, eine richtige Bericht zu bekommen,

  1158.   I: hm

  1159.   H: und sie sagte, sie klagt den Krankenhaus und

  1160.   so

  1161.   I: hm

  1162.   H: weiteres, aber... Ja, im Sommer 77, ich bin dann auch /eh/ Ende April oder Anfang Mai

  1163.   entlassen worden, da war ich drei Wochen.. im Krankenhaus oder vier Wochen, weiß ich nich

  1164.   mehr so genau, da wollt' ich unbedingt nach Hause.

  1165.   I: hm

  1166.   H: Ich hab /eh/

  1167.   I: hm

  1168.   H: Da war ich paar

  1169.   Woche zu Hause, hab ich mich nich richtig erholt, aber hab ich wieder angefangen zu arbeiten..

  1170.   /Eh/ im Sommer, Juli oder Juni, weiß ich nich, /eh/ da bin ich nach Hause gefahren, obwohl ich

  1171.   /eh/ `ne lange Reise nich machen durfte.

  1172.   I: hm

  1173.   H: Ich hab immer an.. meine.. Familie,

  1174.   meine.. Mann gedacht, was er von mir denkt, obwohl er einverstanden war mit ein oder zwei

  1175.   Jahre. Sie haben immer /eh/ geschrieben, ich solle sofort zurückkommen, das konnt' ich

  1176.   einfach nich. Gesundheitlich nich, überhaupt

  1177.   I: hm

  1178.   H: finanziell nicht und: sie haben ja keine

  1179.   Vorstellung von hier. Man kann nicht alles hinschmeißen und davonlaufen! Man muß die

  1180.   Papiere erledigen, Behörde - von Behörde zu Behörde laufen, zum Konsulat gehen und alles..

  1181.   Und.. na ja, ich wollte jedenfalls erst 'mal Urlaub machen, und ich hab zwar immer hinterher

  1182.   geschrieben, wie's mir geht und was es gemacht

  1183.   I: hm

  1184.   H: worden ist, aber ich hab das immer so

  1185.   bißchen verschönert

  1186.   I: hm

  1187.   H: sozusagen, daß meine Mutter mein Mann (bitte) nicht traurig sein soll.

  1188.   Ich hab gesagt, war nich

  1189.   schlimm, ich hab operiert, ich bin operiert worden und /mir geht´s wieder ausgezeichnet und so.

  1190.   Trotzdem hat sich meine Mutter große Sorgen gemacht, sie wäre beinah' wahnsinnig

  1191.   geworden, hat sie nur ununterbrochen geweint.

  1192.   I: hm

  1193.   H: Ich war zu Hause, aber direkt, nich direkt zu

  1194.   meinem Mann gefahren, weil ich nich wußte, wo er wohnt. /Eh/ er hat /eh/ er ist versetzt

  1195.   worden.

  1196.   I: hm

  1197.   H: Er hat bei der /Post gearbeitet. /Eh/ wir hab´n, als wir geheiratet hab´n, /in unsere

  1198.   Dorf geheiratet

  1199.   I: hm

  1200.   H: und zu seiner Arbeitsstelle (( lacht)). Da bin ich nich /eh/ mitgefahren,

  1201.   wußt´ ich nich. /Eh/ erst 'mal: erstens gesundheitlich konnt' ich das /eh/ nich alleine machen, die

  1202.   Reise.. Zu meine Mutter gefahren, und sie war bei meinem Bruder. Ich konnte, weil ich auch

  1203.   sehr krank geworden nach der lange Reise, und erst 'mal mußt´ ich bißchen da bleiben. Und

  1204.   dann mit meiner Mutter zusammen, die hab´n- wir haben Taxi genommen. /Es war drei, vier

  1205.   Stunde Weg, lange

  1206.   I: hm

  1207.   H: Weg, aber sie sagte: "Es kommt nicht in Frage, Du kannst nicht

  1208.   I: hm hm

  1209.   H: mit dem Bus fahren!" Als wir da waren, ja, die hab'n zwar gehört, daß ich schon da bin, aber

  1210.   /ehm/ meine Mann und seine Familie waren beleidigt, weil ich zuerst meine Eltern besucht

  1211.   habe. Und deshalb sind sie nicht gekommen, obwohl ich krank war.

  1212.   I: hm

  1213.   H: Ja.. Also, wir hab'n keinen Streit gehabt und so, aber ich hab.. gleich bei der.. wir.. Auch nach

  1214.   der Hochzeit waren wir nur /eh/ eine Woche zusammen. Er ist /eh/ meine Verwandte, /eh/ der

  1215.   Sohn von meinem Onkel, von meinem mütterlicher Seite.

  1216.   I: hm

  1217.   H: Nette Mensch, ist gute Mensch, aber.. Na ja, man hat eben andere

  1218.   I: hm

  1219.   H: Erwartungen von

  1220.   Verwandte und /eh/ andere von Ehemann

  1221.   I: hm

  1222.   H: und.. Er war.. /eh/ nich so, wie ich mir..

  1223.   vorgestellt hab... Ich hab /eh/ den Jahr auch /eh/ Auswahl gehabt, als ich /eh/.. Er hat sich

  1224.   überhaupt nich /eh/ Gedanken gemacht. Er hat mich auch nicht gefragt, was da gemacht

  1225.   worden ist und

  1226.   I: hm

  1227.   H: wie das war

  1228.   I: hm

  1229.   H: und überhaupt nichts. Ihm war wichtig, /eh/ seine Stolz,

  1230.   wann ich zurück-

  1231.   käme und warum, daß ich nicht zurück gekommen bin, als er geschrieben hat, nich sofort, und

  1232.   so nur Vorwürfe gemacht. Ich konnte nich 'mal zuhören, ich war so krank. So- mir /eh/ ging´s so

  1233.   elend, ich mußte trotzdem die junge Schwiegertochter spielen zu Hause für den Besuch und

  1234.   Gäste und so. Meine Mutter hat immer geweint, weil sie das so sehen mußte.. Aber, ich hab

  1235.   das /eh/ sofort /eh/ gewußt, daß mit uns.. nich läuft.

  1236.   I: hm

  1237.   H: Daß das nicht gutgehen

  1238.   würde, auch wenn ich für immer zurückkäme. Na ja, 77 so gekommen und 78... Also, mit dem

  1239.   Brief und so, da war schon bißchen Streit da.

  1240.   I: hm

  1241.   H: Nicht persönlich, aber nur schriftlich. Und 78

  1242.   denn, da bin ich /eh/ da wollt' ich nicht zu ihm, da wollt' ich zu- direkt zu meinen Eltern

  1243.   gefahren. Drei Woche da bin ich geblieben und meine Schwiegereltern dauernd gekommen,

  1244.   daß wir uns wieder versöhnen

  1245.   I: hm

  1246.   H: und so. Und meine Mutter wollte unbedingt, daß wir uns

  1247.   wieder versöhnen. Da bin ich hingegangen, bis zu.. meine.. Urlaubsende, und das war alles-

  1248.   meine Ehe. Und danach bin ich nich wieder

  1249.   I: hm hm hm

  1250.   H: zu meinem Mann gegangen. Ich hab gesagt: "Wir

  1251.   sind zu verschieden." Ich /lese Leben kleine Schrift, er liest groß.

  1252.   I: hm

  1253.   H: Das /eh/ für ihn war alles so

  1254.   oberflächlich und anders, ganz anders und.. wie Tag und

  1255.   I: hm hm hm

  1256.   H: Nacht waren wir verschieden.

  1257.   Natürlich, ältere Leute versteh'n das nich. Unsere Mütter, meine Mutter und meine

  1258.   Schwiegermutter

  1259.   I: hm

  1260.   H: hat ganz

  1261.   I: hm

  1262.   H: andere Erfahrung von Leben. Nur /eh/ eine

  1263.   Scheidungsgrund für sie, für meine Mutter oder für /eh/ türkische Frauen, nur wenn sie /eh/

  1264.   untreu ist,

  1265.   I: hm

  1266.   H: oder ganz schlimme Sachen passieren, oder wenn Schwiegereltern sie nicht

  1267.   haben will. Wenn eine Mann /eh/ untreu

  1268.   I: hm

  1269.   H: ist, das is' ja für ihn noch eine Ehre,

  1270.   I: hm hm hm

  1271.   H: weil er noch,

  1272.   also.. genug Frauen kriegen kann und so, aber für /eh/ /wenn das eine Frau tut, das ist eine

  1273.   Katastrophe. Entweder wird sie umgebracht, wenn das noch einigermaßen

  1274.   I: hm hm

  1275.   H: gute Menschenverstand

  1276.   hat, der Mann läßt sich scheiden, aber 'ne Frau.. Auch wenn der Mann /eh/ Schuld hat

  1277.   I: hm

  1278.   H: und trotzdem wird nich gefragt. Immer Frauen haben Schuld, wenn sich scheiden lassen...

  1279.   1980, da sind wir geschieden worden... Ja, ich, er war nicht in Deutschland, ich war immer

  1280.   alleine. Mir hat das nich ausgemacht, aber ich war nur traurig.. /ehm/ daß ich nur /eh/ jetzt

  1281.   geschiedene

  1282.   I: hm

  1283.   H: Frau da stehe, ne, und das ist dann auch nicht schön. Hätt' ich 'was von

  1284.   meine Ehe gehabt, wäre ich nicht so traurig gewesen.

  1285.   I: hm

  1286.   H: Nur umsonst geheiratet, nur /um verheiratet zu sein, um Hausfrau zu sein, nur meine /Mutter

  1287.   und meine Eltern, also praktisch war ich Opfer.

  1288.   I: hm

  1289.   H: Nicht gezwungen worden, aber von meine Mutter oder von meine Eltern. Immer, ich hab mich

  1290.   immer für andere Leute geopfert... Ja, 78... /eh/ da hab ich Kündigung gekriegt von meiner

  1291.   Firma,

  1292.   I: hm

  1293.   H: da stand d´rauf: /eh/ Grund: weil ich längere Zeit krank war. Einige Jahre davor war

  1294.   ich krank, 77, ganze 77,

  1295.   I: hm

  1296.   H: bis Mitte 77, von Ende 76 bis Mitte 77 war ich krank. Innerhalb

  1297.   halbes Jahr bin ich dreimal operiert worden. Ich war nich kleine Wehwehchen zu /Hause. Ich

  1298.   konnte ganze Arbeit perfekt machen,

  1299.   I: hm

  1300.   H: obwohl ich ungelernt bin. Von Männerarbeit bis zum

  1301.   Prüfung, Kontrolle, und da stand darauf, daß ich längere Zeit krank war, weil ich ein Jahre

  1302.   ununterbrochen gearbeitet hab, wie ich wieder gesund geschrieben bin.

  1303.   I: hm

  1304.   H: Na ja, hab ich

  1305.   den Weg gehen gelernt, wie man zu Arbeitsgericht geht, daß man, wie man Anwalt

  1306.   I: hm

  1307.   H: /eh/

  1308.   ich hab gesagt: "Ich muß das alles alleine machen. Ich muß meine Erfahrungen sammeln.” /Eh/

  1309.   übrigens /eh/, da hab ich auch Fernsehen gehabt. Ich hab auch mit Außen bißchen Kontakt

  1310.   gehabt, nicht? Aber

  1311.   I: hm

  1312.   H: von mir aus,

  1313.   I: hm

  1314.   H: ich hab immer so 'was gelesen, immer noch keine

  1315.   Kontakt mit deutsche Leute gehabt,

  1316.   I: hm

  1317.   H: auch 77 nich. 78 auch nich.

  1318.   I: (( leise)) Ist ja hart.

  1319.   H: Also praktisch /eh/ lerne ich /eh/ seit.. 79/80 deutsch, nicht von 72. Ich hab von 72

  1320.   I: hm

  1321.   H: bis

  1322.   80 nicht deutsch gesprochen. Ich hab nur vom Hören von Fernsehen,

  1323.   I: hm

  1324.   H: wenn ich eine Wort

  1325.   gehört hab, /eh/ und da hab ich immer die Leute gefragt, was das bedeutet,

  1326.   I: hm

  1327.   H: und hab ich mir

  1328.   aufgeschrieben und so. Ich hab nich richtig deutsch gelernt, nur vom Hören, vom Mund, vom

  1329.   Fernsehen.

  1330.   I: hm

  1331.   H: Deshalb halte ich ((lacht)) vom Fernsehen sehr viel, wegen deutsche Sprache.

  1332.   (( alle lachen))

  1333.   H: Na ja, ich hab jedenfalls Anwalt /eh/ gefunden, und.. ich war ja nich in der Gewerkschaft,

  1334.   I: hm

  1335.   H: weil ich so.. /eh/ nich so optimistisch war wie am Anfang. Ich hab gesagt, was hab'n sie mir

  1336.   schon /eh/ gemacht, als ich in Not war?

  1337.   I: hm

  1338.   H: Gar nichts! Ich sag, diese Beitrag, die ich /eh/ für

  1339.   /eh/ Gewerkschaft bezahlen soll, den /eh/ zahle ich lieber für arme Mensch, der bedankt sich

  1340.   noch. Für mich ungebeten, er wird vielleicht für mich beten.

  1341.   I: hm

  1342.   H: Aber in dem Moment braucht'

  1343.   ich aber (( lachend)) Gewerkschaft,

  1344.   (( alle lachen))

  1345.   H: weil ich /eh/ eh/ Anwaltkosten

  1346.   I: hm

  1347.   H: und so, wenn ich den

  1348.   Gericht verlier´, alles selbst bezahlen müßte. Man hat mir gesagt: "Wärst Du in der

  1349.   Gewerkschaft, dann hätt'st Du nicht /eh/ um die Anwalt und so alles nich /Gerichtkosten und so,

  1350.   nich kümmern brauchen." Aber ich hab /eh/ denn auch gehört, wenn man keine Geld hat, daß

  1351.   man Arm/zeugnis vom

  1352.   I: hm

  1353.   H: Rathaus nehmen kann, und das hab ich auch /eh/ das wollten sie

  1354.   erst nicht, schwer gemacht, ich hab denn auch geschafft. /Eh/ Am Gerichtstag, ja, also vor mir

  1355.   war eine /eh/ Griechin. Wir sind zusammen

  1356.   I: hm

  1357.   H: 'reingegangen, /ehm/ sie war acht Jahre bei

  1358.   der Firma,

  1359.   war sie mit dreitausend Mark einverstanden.. Für acht Jahre!

  1360.   I: Als Abfindung?

  1361.   H: Als Abfindung! Freiwillig hab'n sie nicht gegeben.

  1362.   I: hm

  1363.   H: Natürlich hab'n wir sie /eh/ angeklagt. Aber.. sie wollte nach Griechenland zurück.

  1364.   I: hm

  1365.   H: Sie

  1366.   wollte, daß man sie /eh/ kündigt. Sie war, hat immer zwei Wochen gearbeitet, sechs Wochen

  1367.   krank gemacht. Das war ihr willkommen, umsonst dreitausend Mark zu kriegen.

  1368.   I: hm

  1369.   H: Aber für mich

  1370.   war das anders. Ich wollte hier bleiben, ich wollte.. arbeiten.

  1371.   I: hm

  1372.   H: Aber so praktisch für mich /eh/ war keine Arbeit da. Normalerweise kriegt man /eh/ tausend,

  1373.   über tausend Mark für jedes Jahr. Netto /eh/ in der Metallbranche. Aber dreitausend Mark? Und

  1374.   der Anwalt hat mich überhaupt nich gefragt, er war auch einverstanden damit. Ich mußte so da

  1375.   stehen, und hat er mich nich gefragt, und da hab ich nachher gehört, daß ich zum nich richtiger

  1376.   Anwalt genommen hab.

  1377.   I: Das heißt, Du hast auch dreitausend gekriegt?

  1378.   H: Ja.

  1379.   I: hm

  1380.   H: Ich hab auch dreitausend gekriegt,

  1381.   weil sie für acht Jahre dreitausend Mark, mit dreitausend

  1382.   I: hm

  1383.   H: Mark einverstanden war. Ich

  1384.   war ja fünf Jahre da.

  1385.   I: hm

  1386.   H: Aber meine einzige Gewinn war, wenn man das Gewinn

  1387.   bezeichnen kann, ich durfte /eh/.. in Wohnheim weiter wohnen, so lange weiter wohnen, bis (es

  1388.   als) Wohnung verkauft oder vermietet wird. Ein Jahre hab ich /eh/ gewohnt, und nachher waren

  1389.   nich so viel Leute da und dann war sehr schön.

  1390.   I: hm

  1391.   H: Eigenes Zimmer für mich alleine für

  1392.   dreißig Mark war (( lachend)) billig,

  1393.   I: hm

  1394.   H: natürlich, ne. /Eh/ Dadurch /eh/ hab ich auch fast /eh/

  1395.   zwei tausend Mark gespart sozusagen.

  1396.   I: hm

  1397.   H: Nachher umgezogen, und da mußte ich /eh/.. für

  1398.   ganz kleines Zimmer, wo nur eine Couch und kleine Tisch 'reinpaßt, dreihundert Mark

  1399.   bezahlen. Wenn man so betrachtet,

  1400.   I: hm

  1401.   H: Also von der Wohnung hier war doch günstig. /Eh/ ich meine, dreitausend Mark Abfindung,

  1402.   nach /eh/ fünf Jahre ist das nichts,

  1403.   I: nee

  1404.   H: aber.... Ich war nicht so lange arbeitslos, ich war /eh/

  1405.   halbes Jahr, glaube ich, arbeitslos. Ich hab mich dann auch nicht so groß bemüht. Irgendwie

  1406.   fand ich das so komisch,

  1407.   I: hm

  1408.   H: Ich hab also nie gedacht, daß ich arbeitslos werde.

  1409.   I: hm

  1410.   H: Also... Und ich hab Urlaub gemacht. Auch nicht so viel Arbeitslosengeld gekriegt,/eh/ bißchen..

  1411.   /eh/ ich war /bißchen hier und dann nachher Urlaub gemacht. Weil ich /eh/ sechs Wochen in

  1412.   Urlaub war, hab ich auch nicht bezahlt gekriegt. Und, 79 hab ich /eh/ selbst /eh/ eine Arbeit

  1413.   genommen, die ich nie (( lachend)) gemocht habe. In der Gastronomie, in der Küche. Da wollt'

  1414.   ich nich noch /eh/ längere Zeit nich arbeitslos

  1415.   I: hm

  1416.   H: sein. Ich hab gesagt, wenn man will, kann

  1417.   man alles machen, und später, wenn ich 'was Besseres finde, denn würd' ich meine Arbeit

  1418.   wechseln. Fünf Monat konnt' ich das aushalten.

  1419.   I: hm

  1420.   H: Da hab ich immer so um fünf angefangen bis um eins, Wochenende bis um zwei. Mußte ich

  1421.   /eh/eine Stunde zu Fuß la