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Wissenschaftlicher Beirat

Udo Kelle

Udo Kelle studierte (nach einem kurzen Ausflug in die Medizin) in Hannover, Bielefeld und Bremen Soziologie und Psychologie. In Bremen erhielt er die klassisch quantitative (d.h. testtheoretisch, experimentell und statistisch ausgerichtete) Ausbildung in Forschungsmethoden und war einige Jahre als Tutor für Statistik tätig. Diese methodische Orientierung erschien ihm jedoch bald als nicht ausreichend für eine gegenstandsangemessene sozialwissenschaftliche Forschung. Bei Ansgar Weymann lernte er den symbolischen Interaktionismus und die Chicagoer Schule als die "alternative Klassik" sozialwissenschaftlicher Methoden kennen, und machte in einem (ursprünglich quantitativ angelegten) Evaluationsforschungsprojekt zur Auflösung einer Klinik für psychisch Langzeitkranke die Erfahrung, dass teilnehmende Beobachtungen weitaus validere Erkenntnisse über soziale Prozesse erbringen kann als technisch ausgefeilte Fragebogeninstrumente.

Der Sonderforschungsbereich 186 der Universität Bremen, an dem er zwischen 1989 und 1997 als wissenschaftlicher Mitarbeiter den Bereich Methodenentwicklung aufbaute, erwies sich für ihn als ein ideales Feld für die Verbindung der zwei verschiedenen (in vielen Punkten miteinander verfeindeten) methodologischen Traditionen, denn zahlreiche Teilprojekte verwendeten bei der Erforschung von Lebensläufen sowohl qualitative als auch quantitative Verfahren. In Zusammenarbeit mit Projekten zur Erforschung des Lebenslaufs von Sozialhilfeempfängern und von delinquenten Jugendlichen, der Analyse von Erwerbsbiographien von jungen Facharbeitern und älteren Frauen entwickelte er methodische Konzepte qualitativer Datenerhebung und -auswertung, aber auch Strategien zur Verknüpfung qualitativer und quantitativer Sozialforschung. Bei Auslandsaufenthalten, insbesondere als Visiting Research Fellow am Department of Sociology der Universität Surrey im Wintersemester 1996/97, wo er eng mit Nigel Fielding zusammenarbeitete, lernte er die pragmatische Art und Weise englischer und amerikanischer Kollegen im Umgang mit methodischen Grundsatzfragen schätzen. Er bemüht sich zur Zeit (mit wechselndem Erfolg) diesen Pragmatismus auch in die in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie stattfindenden aktuellen Diskussionen über den Stellenwert qualitativer Verfahren im Methodenkanon der Sozialwissenschaften einzubringen, an denen er sich intensiv beteiligt. Als einer der wenigen Methodiker mit qualitativem Interessenschwerpunkt, der in die (stark quantitativ ausgerichtete) Sektion "Methoden der empirischen Sozialforschung" aufgenommen wurde, bemüht er sich dort um die angemessene Repräsentation qualitativer Verfahren, und arbeitet gleichzeitig in der neu gegründeten Arbeitsgruppe "Qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung" mit.

Dabei gilt sein besonderes Interesse der methodologischen und wissenschaftstheoretischen Begründbarkeit qualitativer Forschungsmethoden: Seine Dissertation "Empirisch begründete Theoriebildung" (1994, 2. Auflage 1998) war die erste Monographie, die den Stellenwert qualitativer Sozialforschung im Kontext der analytischen Wissenschaftstheorie und des kritischen Rationalismus umfassend behandelte. In eine Reihe von deutschen und englischsprachigen Aufsätzen in Zeitschriften und Handbüchern befasst er sich mit verschiedenen Strategien der Auswertung qualitativer Daten, mit Validitätsfragen im Kontext qualitativer Forschung und mit der Verbindung qualitativer und quantitativer Forschungsmethoden. Weiterhin hat er sich an aktuellen Diskussionen über methodologische Aspekte von entscheidungstheoretischen Ansätzen mit einer Reihe von Beiträgen beteiligt. Seine jüngsten Publikationen umfassen eine Monographie über Typenbildung (zusammen mit Susann Kluge) und einen Beitrag zur Integration qualitativer und quantitativer Verfahren.

Udo Kelle organisierte 1993 die erste internationale Konferenz zum Computereinsatz in der qualitativen Sozialforschung. Aus diesem Symposium entstand ein international häufig zitiertes Handbuch für diesen Bereich. Heute ist er Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Zeitschrift "Sociological Research Methods", der Zeitschrift "Handlung-Kultur-Interpretation" und der Buchreihe des Sage Verlags "New Technologies for Social Research". Weiterhin gehört er dem International Advisory Board für mehrere Handbücher qualitativer Sozialforschung an (u.a. für die neu erscheinende Ausgabe des "Handbook of Qualitative Research" von Yvonna Lincoln und Egon Guba, und für das  im Jahre 2000 erscheinende Handbuch ethnographischer Methoden von Lyn Lofland, Sarah Delamont und Paul Atkinson).

Er unterrichtet zur Zeit (quantitative und qualitative) Forschungsmethoden am "Institut für Interdisziplinäre Gerontologie" an der Universität in Vechta. Seine inhaltlichen Forschungsinteressen gelten nach wie vor der Methodologie qualitativer Sozialforschung und entscheidungstheoretischen Ansätzen. Konkret arbeitet er zur Zeit an der Frage, wie Strukturen sozialen Handelns mit Hilfe unterschiedlicher Kausalitätskonzepte durch qualitative und quantitative Verfahren angemessen rekonstruiert werden können, und bezieht diese Überlegungen auf empirische Untersuchungen zur care giver burden von Menschen, die ihre hilfsbedürftigen Angehörigen pflegen.

Veröffentlichungen in FQS:

Kontakt:

Prof. Dr. Udo Kelle

Institut für Soziologie
Philipps-Universität Marburg
Ketzerbach 11
D-35032 Marburg

Tel.: +49 / 6421 / 282-4584 (direkt), - 282-4588 (Sekr.)

E-Mail: Kelle@staff.uni-marburg.de


Letzte Änderung: 27.01.2006

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(ISSN 1438-5627)

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