Suggestibilität, Gedächtnis und Zeit: Kindliche Zeugen vor Gericht und was wirklich geschah
DOI:
https://doi.org/10.17169/fqs-8.1.204Schlagworte:
Zeitzonen der Wahrhaftigkeit, Suggestibilität, kindliche Zeugen, Gedächtnis, Glaubhaftigkeit, sexueller Missbrauch, Zeit und DiskursAbstract
Infolge des in den vergangenen Jahrzehnten gestiegenen Bewusstseins hinsichtlich des sexuellen Missbrauchs von Kindern werden Kinder immer häufiger als Zeugen vor Gericht zugelassen. Zugleich bestehen allerdings weiterhin grundsätzliche Zweifel an der Zuverlässigkeit kindlicher Zeugenaussagen. Betrachtet man die Position kindlicher Zeugen im Kontext der rechtlichen Grundlagen und der relevanten Paradigmen der Entwicklungspsychologie, so scheint es, dass Kinder nach wie vor als unzulängliche, passive Zeugen positioniert sind. In diesem Zusammenhang lassen sich drei zentrale Tropen identifizieren: 1. Kinder werden als unzuverlässige Behälter ("unreliable containers") von Fakten positioniert. 2. Kinder haben sich als irritierbare Verteiler ("irritable dispensers") von Informationen erwiesen. 3. Kinder sind unbeständige Interaktionspartner ("volatile interactants"). In diesem Artikel werde ich untersuchen, welche Maßnahmen das englische Rechtssystem ergreift, um den vermeintlichen Defiziten kindlicher Zeugen entgegenzukommen, dabei aber zugleich sicherzustellen, dass die Genauigkeit und Zulässigkeit der von ihnen gelieferten Aussage gewährleistet bleibt. Meine Analyse bezieht sich vor allem auf die spezielle Praxis videoaufgezeichneter Zeugenaussagen. Mit Hilfe von Verhandlungsbeobachtungen und Transkripten von Interviews mit Polizeibeamten und Juristen werde ich den Weg des Videos von seiner Planung und Aufzeichnung durch die Polizei bis zu seiner Vorführung vor Gericht nachzeichnen. Die Analyse ist inspiriert von den Arbeiten von Isabelle STENGERS und Bruno LATOUR und bedient sich eines im weitesten Sinne diskursanalytischen Instrumentariums. Ich werde zeigen, dass die Kollision unterschiedlicher Zeitzonen der Wahrhaftigkeit ("time zones of veridicality") dazu führen kann, dass das Video selbst zu einem mehrdeutigen Akteur und im Kontext dessen sogar zu einem fantasierenden Zeugen wird. URN: urn:nbn:de:0114-fqs0701145Downloads
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2007-01-31
Zitationsvorschlag
Motzkau, J. F. (2007). Suggestibilität, Gedächtnis und Zeit: Kindliche Zeugen vor Gericht und was wirklich geschah. Forum Qualitative Sozialforschung Forum: Qualitative Social Research, 8(1). https://doi.org/10.17169/fqs-8.1.204
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Copyright (c) 2007 Johanna F. Motzkau
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